US-Strategie nach der Ukraine

Rückblick auf Stratfors Artikel „From Estonia to Azerbaijan: American Strategy After Ukraine“ vom 25. März 2014, der hier im Blog bereits zitiert wurde.

Schon die Überschrift ist es wert, sich näher damit zu befassen. Es geht um „Strategie“. Im Volksmnd wird häufig nicht unterschieden zwischen Strategie und Taktik. An dieser Stelle ist es erforderlich, den Unterschied zwischen beidem deutlich zu machen, weil Stratfor wirklich Strategie meint und nicht Taktik. Überhaupt beschäftigt sich Stratfor viel mit Strategie, was diese Quelle auch so interessant macht.

Strategie meint einen langfristigen Plan. Strategie legt Ziele fest, die in ferner Zukunft erreicht werden sollen. Strategie bestimmt Zustande, die zeitlich überdauernd angesteuert werden sollen.

Taktik meint den kurzfristigen Plan. Taktik legt fest, wie die aktuellen Merkmale der Situation (Freund, Feind, man selbst, die Umwelt) bestmöglich genutzt werden können, um das kurzfristige Ziel zu erreichen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Strategie und Taktik ist der zeitliche Horizont. Strategie und Taktik interagieren eng miteinander und können phasenweise sogar entgegengesetzt wirken. Beispiel: Eine offensive Kriegsstrategie führt dazu, dass Sie den Anteil offensiver Waffensysteme überdurchschnittlich hoch halten, dass Sie den Gegner auf denjenigen Gebieten in den Kampf verwickeln, wo ein Angreifer im Vorteil ist, dass Sie die Initiative ergreifen und sie zu behalten versuchen, usw. Ihre Taktiken werden sich an diese Strategie anpassen, aber das schließt keinesfalls aus, dass Sie auch mal einen Rückzug antreten oder an bestimmten Positionen oder zu bestimmten Zeitpunkten eine defensive Taktik wählen. Ihre Strategie beraubt Sie nicht der taktischen Flexibilität, gibt aber doch deutlich die Richtung vor, an die Sie sich halten. Ein taktisch bedingtes Abweichen von Ihrer Richtung, ein Umweg, ein Rückschritt, sind alle nur vorübergehend und der aktuellen Situation geschuldet. Gemäß Ihrer Strategie werden Sie alles dafür tun, zurück auf ihre Stammroute zu gelangen.

In der Politik müssen Sie Jahrzehnte auf einmal erfassen, um strategisches Handeln in voller Pracht zu erkennen. Wenn man die Strategie kennt, erkennt man sie auch im tagespolitischen Geschehen.

Der zwite wichtige Hinweis aus der Überschrift ist „von Estland bis Aserbaidschan“. Im Artikel wird das auch bebildert:

Von Estland bis Aserbaidschan. Die neue US-Eindämmungspolitik. Quelle.

Die Bildüberschrift klärt uns auf, worum es dabei geht: Eindämmung. Das war seit Ende der 1940er die offizielle US-Strategie gegenüber der Sowjetunion. 80 Jahre später ist das noch genauso aktuell. Das ist der große zeitliche Horizont von Strategie. Und mag die USA aus taktischen Gründen zwei Jahrzehnte lang den Eindruck von Freundschaft vermittelt haben (90er und 00er), sie haben dabei nicht vergessen, die NATO bis an Russlands Grenzen zu erweitern, ihren Eindämmungs-Ring enger um Russland zu ziehen, eine brutale Deindustrialisierung in Russland durchzuführen und Russland mit NGOs vollzustopfen, die man nutzt, um die russische Politik zu behindern und das Land von innen heraus zu destabilisieren (ein Beispiel). Die Wurzeln dieser Strategie sind noch deutlich älter als 80 Jahre. Die USA kamen aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Position, von der aus man Strategien solchen Maßstabs anwenden kann.

Steigen wir nach diesen Vorüberlegungen ein in den Text und wir erfahren gleich im ersten Absatz erhellendes:

As I discussed last week, the fundamental problem that Ukraine poses for Russia, beyond a long-term geographical threat, is a crisis in internal legitimacy. Russian President Vladimir Putin has spent his time in power rebuilding the authority of the Russian state within Russia and the authority of Russia within the former Soviet Union. The events in Ukraine undermine the second strategy and potentially the first. If Putin cannot maintain at least Ukrainian neutrality, then the world’s perception of him as a master strategist is shattered, and the legitimacy and authority he has built for the Russian state is, at best, shaken.

Die Ukraine-Krise nahm damals erst richtig Fahrt auf und war noch weit entfernt von ihrem Höhepunkt. Erst wenige Tage zuvor stimmte die Krim-Bevölkerung für den Anschluss an Russland und wurde die Krim in die Russische Föderation aufgenommen.

Friedman nennt uns die US-Ziele der Ukraine-Krise:

  • langfristige geographische Bedrohung Russlands (NATO in der Ukraine ist für Russland fast unmöglich zu verteidigen)
  • interne Legitimität von Putin untegraben

Die langfristige militärische Bedrohung Russlands war das bestmögliche Ergebnis der US-inszenierten Krise. Dass US-Strategen darauf gehofft, aber nicht wirklich daran geglaubt haben, sehen Sie an Friedmans Karte. Er hat die Ukraine nicht in den Eindämmungs-Ring der USA eingeschlossen, sah sie langfristig also nicht stark genug im Einflussbereich der USA. Die taktische Situation sah zu diesem Zeitpunkt so aus, dass die USA die ukrainische Politik voll kontrollierten und schon längst damit begannen, alle politischen Elemente, die in Zukunft der US-Linie gefährlich werden könnten, zu säubern. Friedman, der Stratege, ließ sich von derlei massiven taktischen Vorteilen aber nicht blenden.

Als realistisches Ziel der Ukraine-Krise hat er die Untergrabung von Putins Legitimität angesehen. Minimales Ziel war der Legitimitätsverlust in der ehemaligen Sowjetunion, angestrebt wurde aber auch Putins Legitimitätsverlust in Russland selbst. In den Augen der Welt sollte Putin das Ansehen als Meisterstratege verlieren.

Inzwischen wissen wir, dass die USA alle diese Ziele verfehlt haben. Mehr noch, das genaue Gegenteil ist eingetroffen. Putins Legitimität in Russland ist seit Ausbruch der Krise so hoch wie nie. Russlands Bindungen mit anderen ehemaligen Sowjetstaaten haben sich verbessert. Und Putins Ruf als Meisterstratege ist ebenfalls auf einem Hochpunkt, mit weiterem Potential nach oben. Für die USA ist aber alles noch viel schlimmer gekommen, denn im Zuge der Ukraine-Krise sind sie dabei, Alt-Europa zu verlieren (auf der Karte sind das die Staaten westlich des eingezeichneten Rings), sie müssen zusehen, wie Russland und China eine enge strategische Allianz eingegangen sind und inzwischen müssen sie zusehen, wie Russland ihren Einfluss im Nahen Osten reduziert.

Das Manöver „Ukraine-Krise“ ist für die USA zu einer Katastrophe ausgeartet und inzwischen rudern sie auch zurück und gehen in die Defensive. Russlands Militäreinsatz in Syrien ist willkommen und dieser Tage hat John Kerry sogar die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland ins Gespräch gebracht. Sie können gerade live beobachten, wie die USA mit ihrer agressiv-offensiven Strategie aus taktischen Gründen eine defensive Haltung einnehmen. Sie brauchen eine Verschnaufpause, müssen sich neu sortieren. Ihre Strategie ist damit natürlich nicht abgeschafft. Noch nicht.

Zurück zu Friedmans Text:

The United States has been developing, almost by default, a strategy not of disengagement but of indirect engagement. Between 1989 and 2008, the U.S. strategy has been the use of U.S. troops as the default for dealing with foreign issues. From Panama to Somalia, Kosovo, Afghanistan and Iraq, the United States followed a policy of direct and early involvement of U.S. military forces. However, this was not the U.S. strategy from 1914 to 1989. Then, the strategy was to provide political support to allies, followed by economic and military aid, followed by advisers and limited forces, and in some cases pre-positioned forces. The United States kept its main force in reserve for circumstances in which (as in 1917 and 1942 and, to a lesser degree, in Korea and Vietnam) allies could not contain the potential hegemon. Main force was the last resort.

Rückblickend stellt er fest, dass die USA von 1914 bis 1989 (also 1., 2. Weltkrieg und Kalter Krieg) ihre Verbündeten mit Maßnahmen in folgender Reihenfolge unterstützte:

  1. politisch,
  2. wirtschaftlich,
  3. Waffenlieferungen,
  4. Militärberater und begrenzten Armeekontingente,
  5. Fronttruppen in begrenzter Anzahl,
  6. Haupttruppen

Ihre militärischen Hauptkräfte haben die USA immer aufgehoben, um sie nur im Notfall gegen den stärksten Akteuer („potential hegemon“) einzusetzen.

Das ist die imperiale „Balance of Power“ Strategie. Unterstütze die Schwächeren gegen die Stärkeren, lass sie gegeneinander kämpfen und sich gegenseitig schwächen und mische dich so wenig wie möglich mit eigenen Ressourcen ein. Lass die Trottel sich gegenseitig zerfleischen. Und dominiere sie dann.

In der Zeit von 1989 bis 2008 sind die USA von dieser bewährten, ressourcenschonenden Strategie abgerückt. Als einzig verbliebene Weltmacht glaubten sie, die Welt direkt und mit Gewalt beherrschen zu können. Der Einsatz von Haupttruppen rückte vom letzten Platz der Maßnahmenliste auf den ersten.

Friedman kritisiert diesen Wandel stillschweigend, indem er die notwendige Rückkehr zur alten Strategie verkündet:

(…) a somewhat analogous balance of power strategy is likely to emerge after the events in Ukraine. Similar to the containment policy of 1945-1989, again in principle if not in detail, it would combine economy of force and finance and limit the development of Russia as a hegemonic power while exposing the United States to limited and controlled risk.

Analog zum Kalten Krieg soll Russland mit begrenzten US-Ressourcen eingedämmt werden. Haben Sie die Rimland-Theorie noch im Kopf? Nichts anderes beschreibt Friedman hier. Und erinnern Sie sich auch noch an das „strategische Heartland“ aus dem gleichen Artikel? Das ist das Tor zur russischen Festung, das Gebiet zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Und damit geht es bei Friedman auch weiter. Er nennt das Gebiet in Anlehnung an einen Polen „Intermarium„.

So in etwa sollte das Intermarium aussehen.

Friedmans Karte von weiter oben ist das dem Intermarium ähnliche Gebilde, das sich inzwischen herausschält und Realität wird.

Welche Kräfte treiben die Bildung der neuen Allianz an? Zunächst mal sei da die Unmöglichkeit der USA, sich militärisch in der Ukraine einzumischen. Zu groß das Risiko, den Krieg zu verlieren, zu schwach die Allianzen der USA mit angrenzenden Staaten. Direkter formuliert: Noch sind zu wenige Idioten da, die sich für die US-Interessen in der Ukraine aufopfern.

If the United States chooses to confront Russia with a military component, it must be on a stable perimeter and on as broad a front as possible to extend Russian resources and decrease the probability of Russian attack at any one point out of fear of retaliation elsewhere.

„Wenn die USA beschließen, Russland militärisch zu konfrontieren“ – beachten Sie, wer das beschließen wird und dass es keinesfalls ausgeschlossen ist – dann brauchen die USA einen großen Umkreis mit einer möglichst breiten Front, um die russischen Kräfte auseinander zu ziehen und um jeden russischen Angriff an einem Frontabschnitt an anderen Frontabschnitten erwidern zu können. Das ist militärische Eindämmung.

Sehen Sie, ich schätze Friedman für seine Ehrlichkeit. Die „private CIA“, wie Stratfor genannt wird und sich gerne nennen lässt, schreibt in alle Welt heraus, dass die USA Russland militärisch angreifen würden, aber nicht mit den eigenen Kräften, sondern mit den Kräften der russischen Nachbarn, deren russlandfeindliche Einstellung man sich erst durch entsprechende Allianzen versichern muss.

Die NATO sei übrigens kein geeignetes Instrument dafür. Deren Mitglieder erleben Russland nicht mehr geschlossen als militärische Bedrohung. Viele NATO-Mitglieder seien militärisch zu schwach, um noch einen bedeutenden Beitrag leisten zu können. Und nicht zuletzt benötige die NATO Einstimmigkeit, um in den Krieg zu ziehen. Und diese Einstimmigkeit hinsichtlich Russland gibt es nicht mehr. Das heißt:

Therefore, any American strategy must bypass NATO or at the very least create new structures to organize the region.

Die US-Strategie muss die NATO umgehen oder mindestens neue Strukturen in der Region schaffen.

Tja. Das war es mit der NATO. Aber wir sind auf dem strategischen Schlachtfeld, hier benötigen Veränderungen lange Zeiträume. Die NATO kann nicht und wird nicht in kurzer Zeit abgeschafft werden. Aber denken Sie in 20 Jahren noch mal daran und schauen dann, was aus der NATO geworden sein wird. Formal wird sie dann wohl noch existieren, aber effektiv wird sie bereits ein Schatten ihrer selbst sein.

Weinen wir dem fallenden Stern nicht hinterher, sondern widmen uns der neuen, aufstrebenden, noch namenlosen Allianz. Deren Stützpfeiler sollen nach Friedman Polen, Rumänien und Aserbaidschan sein.

Hierzu mein Kommentar: Mit Polen ist es den USA sehr gut gelungen. Polen ist dasjenige Land aus Osteuropa, dem der EU-Beitritt am besten getan hat (und eins der wenigen, dem es überhaupt gut getan hat…). Die EU hat auch massiv dafür gezahlt, dass Polens Wirtschaft aufgebaut und an EU-Standards herangeführt wird. Zur gleichen Zeit haben die USA Polens Politik fest in ihre Hand genommen. Die EU hat das irgendwie voll verpennt, dass sie mit großem finanziellen Aufwand einen US-Vasall aufgebaut hat, der inzwischen für US-Interessen die EU angreift.

Zu Polen hat Friedman noch etwas zu sagen, was mich auch erst wieder an diesen Artikel vom letzten Jahr hat zurückdenken lassen:

Poland borders the Baltics and is the leading figure in the Visegrad battlegroup, an organization within the European Union.

Schon mal etwas von der Visegrad-Gruppe gehört? Ihr gehören Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn an. Gegründet wurde sie bereits 1991. Die Bedeutung dieses Bündnisses ist sicher stark untergeordnet und von lokaler Bedeutung. Noch.

Aus dem oben verlinkten Wikipedia-Artikel:

Trotz Mitgliedschaft in der NATO ist die kollektive Sicherheit weiterhin eines der Kernanliegen der Gruppe. Das, historisch begründet, teils angespannte Verhältnis zu Russland stellt heute nur noch eines der Aufgabenfelder dar. Mittlerweile rücken auch Probleme wie der Terrorismus und die Regelung des Grenzverkehrs ins Blickfeld. Bei ihrem Treffen am 12. Mai 2011 in Levoča wurden die Möglichkeiten zur Aufstellung einer gemeinsamen EU-Battlegroup bis zum Jahr 2016 erörtert. Die Einheit soll etwa Bataillonsstärke haben und unter der militärischen Führung Polens stehen[7][8].

Wo Militärkräfte vereinigt werden, wird es ernst. Die Flüchtlingskrise bietet eine schöne Gelegenheit, diese Entwicklung zu beschleunigen. Die Visegard-Gruppe stellt schon jetzt eine eigene Truppe zusammen, um die Südgrenze der EU gegen Flüchtlinge zu sichern. Übrigens demonstrativ ohne Rücksprche mit der EU. Das habe man nicht nötig.

Ein zartes Pflänzchen. Die Flüchtlingskrise ist der erste wachstumsfördernde Regenguss darauf. Die USA werden dieses Pflänzchen weiter hegen und pflegen, denn die Visegard-Gruppe stellt schon die Hälfte der von Friedman herbeigesehnten neuen Militärallianz.

Ein kurzer Blick in die englische Wiki fördert mehr interessante Details zutage. Es waren die Polen, die die Bildung der Kampfgruppe initiierten. Bereits 2011 wurde die Ukraine zur Teilnahme der Visegrad-Battlegroup eingeladen. Und 2014 hat die Gruppe einen „joint military body“ innerhalb der EU gegründet, explizit begründet mit der Ukraine-Krise und der angeblichen russischen Bedrohung. Hier habe ich über diesen neuen, über 4000 Mann starken Verband, bereits berichtet.

Ich möchte keinesfalls behaupten, dass die Ukraine-Krise und die Flüchtlingskrise organisiert wurden, um der Visegrad-Kampfgruppe auf die Beine zu helfen. Wohl aber ist erkennbar, wie jede Krise (egal wer und wofür sie organisiert hat) gezielt genutzt wird, um die Entwickung der Visegrad-Kampfgruppe voranzutreiben. Die Visegrad-Gruppe kann man sich für die Zukunft vormerken, denn sie ist von strategischem Interesse für die USA.

Weiter mit Friedman und seiner Geopolitik-Lehrstunde:

In Western hands, Moldova threatens Odessa, Ukraine’s major port also used by Russia on the Black Sea. In Russian hands, Moldova threatens Bucharest.

So einfach ist das. Rumänien ist der zweite von Friedman auserkorene Stützpfeiler der neuen Militärallianz. Wenn Rumänien Moldawien kontrolliert, ist das eine Bedrohung für Russland. Wenn Russland Moldawien kontrolliert, ist das eine Bedrohung für Bukarest und damit eine Unterwanderung des US-Stützpfeilers in der Region. Spätestens jetzt wissen Sie, warum es so ein Gezerre um dieses arme kleine Land gibt und warum es nicht aufhören wird. Den USA geht es um ihre Hegemonie, Russland um die nationale Sicherheit. Solange die USA noch stark sind und Russland noch lebt, werden beide von dem jeweiligen Ziel nicht abrücken.

Aserbaidschan schließlich, das dritte Standbein der neuen Allianz, ist laut Friedman in vielerlei Hinsicht bedeutend. Erstens kann Aserbaidschan den Fluss von Jihadisten begrenzen, falls es im Süden Russlands zu einer Destabilisierung kommt. Zum Verständnis: Falls die Terroristen in Tschetschenien sich wieder vermehren, sorgt Aserbaidschan dafür, dass sie in Russland bleiben und dort ihr Unwesen treiben und nicht etwa nach Süden in den Nahen Osten auswandern. Dort haben die USA schon genug eigene Terroristen. Was Friedman nicht erwähnt (auch seiner Ehrlichkeit sind gewisse Grenzen gesetzt), ist, dass Aserbaidschan nicht nur den Terroristenstrom von Nord nach Süd aufhalten, sondern auch den Strom von Süd nach Nord ermöglichen könnte. Zweitens kann Aserbaidschan als Nachbar Georgien unterstützen. Das ist wichtig, weil Georgiens Häfen im Schwarzen Meer benötigt werden. Drittens kann Aserbaidschan als Bindeglied zwischen Iran und der EU hinsichtlich Gaslieferungen fungieren. Die russischen Gaslieferungen an die EU zu ersetzen, ist ein strategisches Ziel der USA, das sie mit aller Härte verfolgen.

Und dann ist da noch der Karabach-Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien:

Previously, this was not a pressing issue for the United States. Now it is.

Wie wahr, wie wahr. Der Stratege Friedman sagte es 2014 und ein Jahr später folgten die Taten der USA.

These countries, diverse as they are, share a desire not to be dominated by the Russians. That commonality is a basis for forging them into a functional military alliance.

„Diese Länder, so unterschiedlich sie sind, teilen den Wunsch, nicht von Russland dominiert zu werden. Diese Gemeinsamkeit ist die Basis, um diese Länder zu einer funktionierenden Militärallianz zu vereinen.“

Es lohnt sich, hier inne zu halten und die Gedanken ein wenig schweifen zu lassen. Diese für die USA strategisch wichtige Allianz steht und fällt damit, dass diese Länder sich von Russlands Dominanz bedroht sehen. Das bedeutet in direkter Schlussfolgerung, dass – völlig unabhängig davon, ob Russland diese Länder dominieren will oder nicht – diese Länder der festen Überzeugung sein müssen, dass Russland eine Bedrohung für sie ist. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit anti-russischer Propaganda, die man in diesen Ländern massiv verbreiten und aufrechterhalten muss. Was passiert, wenn man diesen Propaganda-Strom unterbricht, hat Friedman weiter oben geschildert: Manche NATO-Mitglieder lassen sich nicht mehr gegen Russland aufbringen, nachdem eine Zeitlang das Gefühl der direkten Bedrohung verschwunden war.

All of these countries need modern military equipment, particularly air defense, anti-tank and mobile infantry. In each case, the willingness of the United States to supply these weapons, for cash or credit as the situation requires, will strengthen pro-U.S. political forces in each country and create a wall behind which Western investment can take place. And it is an organization that others can join, which unlike NATO does not allow each member the right to veto.

Nachdem man diese Länder überzeugt hat, dass Russland der Feind ist, der nur darauf wartet, sie zu verschlingen, wollen sie Waffen haben, um sich zu verteidigen. Und die USA sind bereit, ihnen alles notwendige zu liefern. Das wird den US-Einfluss in diesen Ländern weiter stärken und eine Mauer aufbauen, hinter der der Westen in Ruhe seinen Geschäften nachgehen kann. Und das Sahnehäubchen für die USA: Die neue Organisation wird im Gegensatz zur NATO kein Vetorecht einzelner Mitglieder haben. Fantastisch. Ich darf ergänzen, dass die neue Organisation ein Abstimmungssystem bekommt, bei welchem die Mehrheit der Stimmanteile eine Entscheidung besiegelt und bei dem die Stimmanteile sich nach investiertem Geld / Waffenstärke / Truppenstärke / Sonstiges zusammensetzen, aber in jedem Fall so, dass die USA allein oder mit wenigen ganz treuen Vasallen die erforderliche Mehrheit erreichen.

Greif zu, USA! Lass dich beschützen, Europa!

Friedman beschreibt ganz offen ein Puppenspiel, bei dem Menschen sich Propaganda ins Gehirn scheißen lassen müssen, ihre Steuern für US-Waffen ausgeben müssen und ihre Leben im Krieg für US-Interessen opfern müssen, wenn die USA es beschließen. Und das alles nur… weil diese Menschen das Pech haben, in der Nähe (nicht einmal in direkter Nachbarschaft) eines Staates geboren worden zu sein, den die USA als Hauptbedrohung ihrer imperialer Ansprüche wahrnehmen.

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8 Kommentare zu “US-Strategie nach der Ukraine
  1. Thomas Roth sagt:

    Analitik, Ihre Analyse ist wieder hervorragend getroffen. Ein Mensch, der den Unterschied von Strategie und Taktik kennt und in seinen Texten umsetzt.
    Hochspannend wäre, Ihre Sicht auf die Entwicklung rund um das Seidenstrassenprojekt zu erfahren und – vielleicht in einem Absatz – wo und wie Sie die Zukunft von USEU sehen. Ich danke…

    • Analitik sagt:

      Danke Ihnen.
      Das Seidenstraßenprojekt ist ein großes Thema.
      Hier können Sie schauen, wie alt es bereits ist und wie man Deutschland davon abgehalten hat, viel früher Teil davon zu werden: http://www.solidaritaet.com/neuesol/2006/43/russland.htm
      Aktuell entwickelt sich das Projekt gut, soweit ich weiss. Die USA unternehmen alles, um das zu ändern. Dafür das Chaos im Nahen Osten und die massiven Bemühungen, die Lage in den Stan-Staaten zu destabilisieren (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Afghanistan). Ich bin optimistisch, dass die USA mit ihren Versuchen in Asien scheitern. Ich bin nicht ganz so optimistisch, was Deutschlands Integration in das Projekt angeht. Für Deutschland wäre es gut, aber wie Sie sehen, bauen die USA eine Mauer aus Vasallen zwischen Deutschland und Russland.

      Die Zukunft von US-EU ist nicht so rosig. Die Alt-EU ist für die USA zum Problem geworden, weil sie sich nicht selbst zu Ende ruinieren will im Interesse der USA. Die Wahrscheinlichkeit ist leider sehr hoch, dass die USA nachhelfen werden. Die Neu-EU dagegen wird beste Beziehungen zu den USA pflegen, solange sie (also die Neu-EU) wirtschaftlich stabil genug ist, um den eigenen politischen Zusammenbruch zu unterdrücken.

  2. biersauer sagt:

    dass tatsächlich einer dieser ängstlichen Staaten, aus Angst die Flinte los geht, ist reaL und deswegen ist Russland auch in dauernder Sorge. Bei AHs überfall auf Russland war es so.
    Dieser historische Hergang war bereits Teil dieser Strategie der USA und Russland hat sich seither dagegen gewappnet.

  3. Thomas Roth sagt:

    Danke für die prompte Reaktion.

  4. Hans Kolpak sagt:

    Der dritte Weltkrieg ist abgeblasen: China wittert Morgenluft, oder? Die Wahrheit hinter der Wahrheit ist: Die USA sind eine Marionette. Das offenbart sich nämlich seit September 2015 daran, wie Russland und China ins Rampenlicht rücken. Und sie werden Europa ins Boot holen, wobei Deutschland die führende Rolle zufällt.

    Die City of London streckt nämlich schon seit Jahren die Fühler aus, weil die Neue Seidenstraße überaus attraktiv ist, während die USA verfallen und zerfallen. Und in Brüssel und Straßburg werden auch die Bürgersteige hochgeklappt. Es gibt kein einheitliches Maß für die Menschheit, sondern nur Einzelwege für jede Region.

    Das EXTREM durch den „Weltpolizisten“ und der feste Wille, eine elitäre „Neue Weltordnung“ zu schaffen, offenbart jedem einzeln Menschen den großen Irrtum und heilt die Menschheit davon.

    Hans Kolpak
    Goldige Zeiten

  5. FdH sagt:

    Linke Globalisten und US-Versteher unter sich. Hingehen und Mitdiskutieren!

    Gewalt, Militanz und emanzipatorische Praxis – Machen die Richtigen alles falsch?
    Am 19. Oktober, Conne Island, Leipzig 19 Uhr
    Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann und Peter Nowak diskutieren auf dem Podium

    „Welche Formen der effizienten linksradikalen Intervention kann es angesichts einer Radikalisierung des Kapitalismus und der Aufrüstung des Sicherheitsstaates geben? Können Militanz oder Gewalt zur revolutionären Transformation bzw. Negation des Bestehenden beitragen? Welche Unterschiede finden sich global in anderen Kontexten? Wie wirken militante oder gewaltsame Aktionen? Inwieweit kann Militanz sich von Gewalt emanzipieren und zu einer befreiten Gesellschaft hinwirken? Wie kann kollektiv darüber gesprochen werden, ohne sich in Entsolidarisierung einerseits und avantgardistischen Positionen andererseits zu verfangen?“

    Veranstalter: Linxxnet e.v.

  6. raw sagt:

    Ich fand das eine Video von der o.g. Stratfor Gruppe, was sicherlich viele hier kennen so schockierend in der Hinsicht, wie offen, draist die mittlerweile sind und alles einfach so ausplaudern. Wenn den Imperialisten ihre Macht zu Kopf steigt…

  7. CGB sagt:

    @Analitik: Feine Seite, eben erst gefunden. Vielen Dank!
    Hinsichtlich ihrer Bemerkung zu „Neu-EU“ diese ist gehorsam auf Linie. Dazu auch Häring heute exzellent:
    http://norberthaering.de/de/27-german/news/482-kommission#weiterlesen