Die Kontinuität der Geopolitik

Sir Halford Mackinder gilt als Begründer der Wissenschaft von Geopolitik. 1904 hielt er den vielbeachteten Vortrag „The Geographical Pivot of History“ in der Royal Geographical Society in Großbritanien. Dabei stellte er seine Heartland-Theorie vor. Europa, Asien und Afrika werden darin als die große Weltinsel betrachtet. Sie vereint die meiste Bevölkerung und den Großteil natürlicher Ressourcen. Das Herzland der Weltinsel umfasst Osteuropa und Nordasien und deckt sich stark mit dem Gebiet der Sowjetunion. Das Herzland wird umschlossen vom „inneren Halbmond“. Darauf liegen unter anderem Deutschland, Türkei, Indien, China. Der Rest gehört zum „äußeren Halbmond“, dazu zählen Großbritanien, Japan, Afrika, Australien, Nord- und Südamerika.

Aufteilung der Welt gemäß der Heartland-Theorie.

Mackinder unterschied stark zwischen Seemächten und Landmächten. Seemächte zeichnen sich dadurch aus, dass sie gern küstennah agieren und ungern tief ins Landesinnere vordringen, wo die Flotte keinen Schutz mehr bietet. Im Grunde muss eine Seemacht auch nicht tief ins Landesinnere, um ihre Kolonien zu kontrollieren. Es reicht, die Seehandelsrouten zu kontrollieren, die für den Warentransport unabdingbar sind, weil Seetransport viel billiger ist als Landtransport.

Mackinder sah jedoch ein Problem mit dem Herzland. Es hat keinen günstigen Seezugang für die Flotten der Seemächte. Auf den ersten Blick sieht das nach einem Nachteil für das Herzland aus, denn es kann sich keine Seehandelsrouten erschließen. Mackinder sah jedoch voraus, dass Zugverbindungen einen kostengünstigen Warentransport unabhängig von Wasserwegen ermöglichen würden. Er warnte davor, dass die rohstoff- und bevölkerungsreiche Weltinsel ein engmaschiges Schienennetz aufbauen würde und sich damit der Kontrolle der Seemächte entziehen würde.

Die uneingeschränkte Seemacht Nr. 1 war zur damaligen Zeit Großbritanien. Das Herzland wurde vom Russischen Reich gehalten. Zwischen Großbritanien und Russland tobte seit fast einem Jahrhundert das „Große Spiel“ („The Great Game„). In diesem Kontext ist Mackinders Einteilung in Seemächte und Landmächte zu verstehen. Er sah Großbritanien, das praktisch alle Weltmeere kontrollierte, aber keinen Zugriff auf Russland hatte. Im Herzland sah Mackinder die Festung der Landmacht Russland und er hatte Sorge davor, dass Russland es sich bequem in der Festung macht und von dort die Kontrolle über die gesamte Weltinsel übernimmt.

1919 erweiterte Mackinder seine Theorie um den Fakt, dass das Herzland nur vom Westen aus bequem erreichbar ist.

Die Geographie Eurasiens.

Vom Süden her behindern Gebirge den Zugang. Außerdem sind die Meere sehr weit entfernt. Vom Osten her müsste man erst tausende Kilometer Wildnis durchqueren, bevor man Russlands große Bevölkerungs- und Industriezentren erreicht. Im Westen dagegen ist ein breites geographisches Tor zur Festung vorhanden. Dieses Scheunentor bietet dem Herzland potentiell Zugang zu wichtigen Seehandelsrouten. Es ist aber auch ein Einfallstor für militärische Invasionen aus Europa ins Herzland. Mackinder ernannte Osteuropa zum „strategischen Herzland“. Sein Merksatz:

Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland.
Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.

Die Veranschaulichung mit der Festung ist durchaus passend. Eine Festung nützt ihrem Herrn nichts, wenn er das riesige Zugangstor nicht zumachen kann und die Feinde ungehindert reinspazieren können. Im übrigen bleibt die Herzland-Theorie bestehen. Vom Herzland aus kann man die Weltinsel kontrollieren. Und wenn man die Weltinsel mit ihrer Bevölkerung und ihren Rohstoffen kontrolliert, bleibt für den Rest nur die Rolle der Peripherie.

1943 brachte Mackinder noch einen dritten Aufsatz zu seiner Theorie. Er warnte davor, dass die militärische Lufthoheit die Grundsätze der Heartland-Theorie nicht aushebeln könne.

Zu diesem Zeitpunkt war Großbritanien jedoch vom imperialen Thron des Welthegemons runtergestoßen. Die USA waren dabei, diesen Platz zu besetzen. Sie haben Mackinders Theorie studiert und ihre Schlüsse daraus gezogen. Die 1940 veröffentlichte Rimland-Theorie von Professor John Spykman geht davon aus, dass das Herzland selbst nicht so entscheidend ist, der innere Halbmond dagegen, den Spykman „Rimland“ nennt, von primärer strategischer Bedeutung ist.

Aufteilung der Welt gemäß der Rimland-Theorie.

Mackinder und Spykman sind sich einig darin, wie man die Welt in strategische Zonen einzuteilen hat. Sie unterscheiden sich in der Ansicht, welchen Teil man kontrollieren muss, um die Welt zu beherrschen. Mackinder sagt, es ist das Herzland selbst, das kontrolliert werden muss. Dazu sei die Kontrolle von Osteuropa unabdingbar. Spykman sagt, dass man das Herzland selbst in Ruhe lassen kann. Die Kontrolle des Rimland ist genug, um das Herzland einzudämmen.

Kleiner Exkurs: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges drängte Churchill die USA dazu, die Sowjetunion anzugreifen, unter Verwendung von Atombomben und unter Einsatz aller westlicher Armeen, Deutschlands Truppen eingeschlossen. Die USA haben abgelehnt. Das Verhalten beider Staaten und ihrer Anführer spiegelt die jeweilige geopolitische Lehre wieder. Die Briten, die auf das Herzland selbst zielten und die Gelegenheit zu seiner Eroberung nutzen wollten, waren bereit und willig, alle moralischen Grenzen für dieses Ziel zu überschreiten. Für die USA war das aber kein primäres Ziel und der Einsatz war ihnen zu hoch. Alle moralischen Grenzen haben die USA später überschritten, als es um ihr Ziel Nr. 1 ging, das Rimland.

Damit haben wir das erste Beispiel, wie eine geopolitische Strategie das Verhalten von Staaten bestimmt. Das erste von vielen. Legen Sie diese Strategie als Schablone über verschiedenes taktisches Verhalten und sie werden feststellen, dass sehr viele große Ereignisse der immer gleichen Strategie folgen.

Schauen Sie sich zum Beispiel die Lage der US-Militärbasen an:

Militärbasen der USA.

Die ausländischen Militärbasen der USA konzentrieren sich – welch Zufall – auf das Rimland. Die aufgeführten 730 Basen sind übrigens längst nicht alle. Falls Sie sich in das Thema reinknien wollen, schauen Sie auch hier vorbei. Die genaue Zahl ist aber nicht so wichtig in diesem Beitrag.

Ein weiteres Beispiel sind die Militärallianzen, die die USA unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen haben. 1949 die NATO: Eindämmung des Herzlandes vom Westen her. 1951 die Japan Security Treaty: Eindämmung des Herzlandes vom Osten her. 1954 die Southeast Asia Treaty Organisation: Eindämmung des Herzlandes vom Südosten her. 1955 die Middle East Treaty Organization: Eindämmung des Herzlandes vom Südwesten her.

Ein anderes Beispiel: die NATO-Osterweiterung.

NATO-Erweiterung.

Haben Sie das „strategische Herzland“ von Mackinder noch im Kopf? Das Tor zur russischen Festung ist von der NATO lückenlos besetzt worden. Estland, Lettland, Litauien, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien wurden 1999 und 2004 aufgenommen und spannen die NATO in direkter Linie zwischen Ostsee und Schwarzem Meer auf. George Friedman von Stratfor hat mal geschrieben, dass diese neuen NATO-Mitglieder es aus strategischen Gründen wert sind, in einer eigenen Struktur, unter Umgehung der alten NATO-Mitglieder, integriert zu werden. Sie sind der neue eiserne Vorhang und sollen nicht nur Russland eindämmen, sondern auch eine strategische deutsch-russische Partnerschaft unterbinden. Vor einer solchen Partnerschaft hatte schon Mackinder gewarnt. Auch nach einem Jahrhundert hat sich nichts geändert: Die Seemächte unterbinden eine deutsch-russische Partnerschaft. Divide and Conquer, teile und herrsche. Wenn die Deutschen mal wieder mit Schaum vor dem Mund über Russland und Putin herziehen… wissen Sie vielleicht, wem Sie es zu verdanken haben und wer davon profitiert.

Obama handelt übrigens auch ganz im Geist von Mackinder und Spykman. Der Kern seiner nicht-militärischen Außenpolitik sind zwei Abkommen: TTIP und TTP.

Das Trans-Pacific Partnership (TPP) soll die USA, Japan, Vietnam, Australien, Malaysia, Philippinen und einige andere in einer Freihandelszone vereinen. Unter Ausschluss Chinas.

Das Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) soll eine Freihandelszone zwischen USA und Europa schaffen. Unter Ausschluss Russlands.

Es ist der Versuch, das Herzland wirtschaftlich zu isolieren, indem die relevante Peripherie des Herzlandes mit Freihandelsverträgen an die USA gekettet wird.

Und auf der Gegenseite? Auf der Gegenseite haben sich Russland und China verbündet, übrigens stark unterstützt von der aggressiven US-Politik, um das zu tun, wovor Mackinder solche Angst hatte: die Infrastruktur Eurasiens so stark ausbauen, dass der Binnenhandel in Eurasien floriert und man von Seehandelswegen unabhängig wird. Wenn Sie noch nichts von Chinas „New Silk Road“ Projekt gehört haben („Neue Seidenstraße“), sollten Sie das unbedingt nachholen.

Mackinder hatte sich verschätzt mit der Zeit, die das Herzland für den Aufbau der großen Infrastruktur benötigen würde. Davon abgesehen hat er den Nerv der Geopolitik aber sehr gut getroffen. Es tobt genau der Kampf, den er vorhergesagt hat. Und die Teilnehmer tun ziemlich genau das, was er vorhergesagt hat. Und sie tun das nicht zufällig. Sie haben Mackinder studiert und seine Theorie bewusst weiterentwickelt. Wie stark sie sich bis heute an die aufgestellte geopolitische Strategie halten, können Sie selbst beobachten.

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2 Kommentare zu “Die Kontinuität der Geopolitik
  1. Thomas Roth sagt:

    Großartig! Warum stosse ich jetzt erst darauf…

  2. ped43z sagt:

    Ein Klasse-Artikel!
    Als ich mich intensiv mit Brzezinskis „The Great Chessboard“ befasste, kam ich (im Prinzip unvermeidlich) auch zu Mackinder. Und weil es wirklich gut passt, wage ich mal einen Link zu setzen:

    http://peds-ansichten.de/2015/09/brzezinskis-welt-ein-psychogramm/

    Viele Grüße
    ped43z

1 Pings/Trackbacks für "Die Kontinuität der Geopolitik"
  1. […] Hinsicht nur die Hinwendung zu den Seidenstraßen bedeuten. Das macht Erdogan zum Hurensohn, der auf der falschen Seite steht. Der Krieg gegen ihn ist eröffnet, kaum dass er die Wende verkündet. Den diplomatischen […]

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