Der kleine Junge mit dem Schild

Erinnern Sie sich an den kleinen ertrunkenen Jungen, der am Strand extra für ein Foto zurechtgelegt wurde? Das Foto machte im September 2015 die große Runde und diente dazu, Europäern den über sie einbrechenden Flüchtlingsstrom schmackhaft zu machen.

„Heiliges Opfer“ nennt sich das. Ein Tod wird stilisiert, emotional aufgeladen und – ganz wichtig – als Begründung für ein bestimmtes Vorgehen verwendet. Nach dem Motto „da musste jemand sterben – was braucht ihr denn noch mehr zur Begründung des Vorgehens?!“

Der ertrunkene Junge wurde stilisiert (gestelltes, dramatisches Foto), sein Tod maximal emotional aufgeladen, und sein Tod diente als Begründung der „Refugees Welcome“ Kultur, die in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 entfacht wurde, um den völlig unkontrollierten Zustrom von mehreren Millionen Flüchtlingen und Migranten zu legitimieren. Das Heilige Opfer dient nicht zuletzt dazu, sachliche Kritik am Vorgehen abzuschmettern. „Da sterben Kinder, Karl! Verstehst du das?! Da sterben Kinder! Sieht dir diesen armen, unschuldigen, toten Jungen nur an!“

Täglich sterben zehntausende Kinder. Jedes tote Kind hat seine eigene tragische Geschichte und allzu viele dieser tragischen Geschichten lassen sich zurück verfolgen zum unverantwortlichen Handeln unserer Politiker und unserer Gesellschaft. Niemanden juckt es. Es juckt nur, wenn eine Medienkampagne einen Einzelfall an die Oberfläche zerrt. Ein Einzelfall berührt, tausende Fälle sind nur Statistik, die uns emotional kalt lässt. So ist unsere Psyche gestrickt. Die Herrschenden nutzen das gnadenlos aus. Und wir… lassen uns dirigieren. Weil unsere Psyche nun mal so funktioniert. Ja, man kann sich dagegen abhärten durch Meditation und Selbstreflexion, aber das ist mühsam, anstrengend, mitunter sehr schmerzhaft. Kurzum, zu wenige machen das.

Spiegel Online, die CIA-Pressestelle, präsentiert uns ein aktuelles Heiliges Opfer. Der „kleine Junge mit dem Schild„. Er ist „zum Symbol der Krise geworden“. Ja ja, alles nach dem Methodenbuch des hybriden Krieges, selbst die Slogans wiederholen sich wörtlich. Ein totes Kind, ein gestelltes, dramatisches Foto, emotionale Aufladung bis zum Anschlag (die Welle schwappt von Südamerika bis nach Deutschland rüber). Und – ganz wichtig – die Richtung, in die all die Emotion kanalisiert werden sollen. „Symbol der Krise“. Genau darum geht es. Der Krise ein Symbol zu verleihen, das emotional schmerzt, um die Massen gegen die vermeintlichen Ursachen der Krise aufzubringen. Venezuela ist ein Dorn im Vorhof der USA und nach dem Tod von Chavez ist der Dorn reif, um gezogen zu werden. In Venezuela wird derzeit eine farbige Revolution durchgeführt. Maduro soll weg.

Das gleiche Spiel gab es in der Ukraine. Auch dort gab es Heilige Opfer. Erst die „Das-sind-doch-Kinder!“, die keine Kinder waren und nur verprügelt wurden. Als das nicht reichte, drehte man eine Stufe höher und es gab die „Himmlische Hundertschaft“ – mit echten Toten. Diese medial stilisierten Toten haben die Endphase des Putsches legitimiert. Dank ihnen erzeugte man eine Stimmungslage, in der die Ermordung von Janukowitsch völlig legitim erschien, was ihn zur Flucht veranlasste. Die Stilisierung („Himmlische Hundertschaft“), die Emotionalisierung, die festgelegte Stoßrichtung für die durch Emotionen freigesetzte Energien. Auch hier alles nach dem Methodenbuch.

Das gleiche Spiel finden Sie bei vielen anderen Ereignissen. Wenn Sie wissen, wonach Sie schauen müssen, springt es so auffällig ins Auge, dass es weh tut. Es tut weh zu sehen, wie sehr wir eine Schafherde sind. Und mit welch einfachen Mitteln und Methoden wir teilweise gelenkt werden.

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Sportgroßereignisse im Visier des hybriden Krieges

„Zika-Virus: Wissenschaftler fordern Verlegung von Olympischen Spielen in Rio“. Herrliche Schlagzeile.

Im Methodenbuch des hybriden Krieges der USA steht offensichtlich drin, dass Sportgroßereignisse in unliebsamen Staaten zu verhindern sind. Wenn sie sich nicht verhindern lassen, müssen die Sportevents maximal verunglimpft werden.

Die ausführenden Organe arbeiten die Methode am Fließband ab. Die Verunglimpfung funktioniert bereits sehr gut, wie man an der Berichterstattung zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gesehen hat.

Die WM 2018 in Russland wird schon weit im Vorfeld angegriffen. Maximalziel ist es, Korruption nachzuweisen und die Austragung in Russland zu verhindern. Verunglimpfung ist keine Herausforderung mehr. Die USA wollen sich steigern.

An Brasilien wird getestet, wie das große Kunststück gelingen könnte, einem Land eines der größten Sportevents komplett zu entreißen. Brasilien ist BRICS-Mitglied und arbeitet auf eine multipolare Weltordnung hin. Das ist mehr als genug, um dieses Land zum Feind der USA zu machen. Brasilien hat sich geweigert, das riesige Ölfeld, das vor kurzem in seinen Gewässern entdeckt wurde, US-Ölgiganten zur Nutzung zu übergeben und die Förderrechte stattdessen seinem staatlichen Ölkonzern überlassen. Der freie Markt duldet solche Freiheiten nicht. Wenn Sie über den Ozean schauen, können Sie dort das gesamte Repertoire des hybriden Krieges bewundern, sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung. Dilma Rousseff hat die erste große Schlacht verloren. Ihr Stellvertreter, der nun für ein halbes Jahr ihren Posten übernimmt, hat schon dargelegt, mit welchen Reformen er das Land im Eiltempo in den Abgrund stürzen wird. Ob er auch der Forderung der besorgten Wissenschaftler nachkommt und die Olympischen Spiele im eigenen Land absagt?

Bereits vor Wochen war irgendwo ein lapidarer Einwurf zu lesen, dass der Zika-Virus sich mit freundlicher Unterstützung der US-Biolabore ausbreitet. Eine Verschwörungstheorie. Eine von den besseren. Ein Fall, wo die Theorie zunehmend begründet erscheint. Der Virus kommt zur rechten Zeit im rechten Land und er wird genau passend medial ausgeschlachtet, was jetzt im Versuch kulminiert, Brasilien im Rahmen des hybriden Krieges die Olympischen Spiele zu entreißen. Federführend an der Initiative der Wissenschaftler sind auch die USA. Die WHO teilt die Bedenken nicht.

Das ist nicht der erste Virus, der zur rechten Zeit am rechten Ort erscheint, um den USA zur Hilfe zu kommen. Erinnern Sie sich noch an Ebola? Im Januar 2014 wurde in den USA eine medizinische Studie angemeldet. Ziel: Einen Impfstoff gegen Ebola an gesunden menschlichen Probanden testen. An der Studie beteiligt: Das US-Verteidigungsministerium. Beginn der Studie: Januar 2014. Welch Glück, dass genau zu diesem Zeitpunkt in Westafrika, wo die USA mehrere Biolabore betreiben, Ebola ausbricht und sich bis März zu einer Epidemie auswächst. Diese Studie ist nicht etwa eine Reaktion auf die Epidemie. Der Impfstoff wurde entwickelt und zur Testung angemeldet, als es noch gar keine Epidemie gab.

Das Zika-Virus ist ein von der Rockefeller Foundation patentierter Virus. Vertrieben wird er von zwei Unternehmen, einem aus den USA und einem aus Großbritanien. Man kann den Zika-Virus für ein paar hundert Euro online kaufen.

Wenn sich Zufälle nach einem bestimmten Muster häufen, sind es keine Zufälle mehr. Das Zika-Virus wurde in Brasilien natürlich nicht speziell gegen die Durchführung der Olympischen Spiele eingesetzt. Das Einsatzgebiet ist viel breiter. Man kann die Öffentlichkeit in Hysterie versetzen, der Regierung Mängel im Gesundheitssystem vorwerfen, die Tourismusbranche angreifen und so weiter und so fort. Im Grundprinzip geht es den USA darum, das feindliche Land mit verschiedenen Mitteln zu destabilisieren, um das entstehende Chaos gezielt zu nutzen. Indem man das Land generell schwächt (die „wir halten alle klein„-Strategie). Indem man Leute an die Spitze bringt, die im Sinne der USA regieren werden. Genau das sehen wir gerade in Brasilien. Das Einbringen des Virus und die mediale Ausschlachtung der Folgen ist nur eine Methode von vielen, um Brasilien zu destabilisieren.

Nebenbei wird versucht, Russland möglichst weitgehend von der Teilnahme an den Olympischen Spielen auszuschließen. Das wird mit Doping begründet. Das ist ziemlich witzig, denn nach Dutzenden Dopingskandälen aus aller Welt wissen auch die letzten Hinterwäldler, dass im Spitzensport grundsätzlich systematisch gedopt wird. Aber – welch wundersamer Zufall – es gerät nur der Erzfeind der USA ins besondere Visier von Medien, Anti-Doping-Agenturen und zuständigen Kommitees. Im Fall von Russland soll also nicht nur die WM im eigenen Land verloren gehen, sondern Russland soll grundsätzlich aus dem internationalen Spitzensport isoliert werden.

Die EM in Frankreich könnte auch für Überraschungen sorgen. Die Franzosen stellen sich in den letzten Jahren zu sehr in den Weg der USA und wurden dafür auch schon bestraft. Nein, dass Hollande die umstrittene Arbeitsmarktreform gerade im Vorfeld der EM durchbringen will, ist den USA nicht anzulasten. Aber die vorhandenen Spannungen können sie nutzen, um die Situation mehr oder weniger stark zu eskalieren. An Möglichkeiten mangelt es nicht. Und am Willen wohl auch nicht. Jedenfalls sehe ich nicht, warum die USA der EU eine sorgenfreie Fußball-EM wünschen sollten in der heutigen politischen Großwetterlage. Die EM ist ein Ereignis, bei dem Freundschaften gepflegt werden können, an dem sich die Politik profilieren kann und während dem die Menschen ihre Sorgen vergessen können. Das ist nicht gut. Damit ist die EM leider auch eine Zielscheibe für den hybriden Krieg.

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Nachtrag, 31.05.2016:

Die USA warnen ihre Bürger vor Terroranschlägen in Europa während der EM. Die Anspannung wird erhöht.

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Russlands Eliten stehen hinter Putin

Der Westen schaut genau hin, was in Russland vor sich geht. Nein, nicht die westlichen Medien, die schreiben ihre Hetze ohne hinzuschauen. Aber die Entscheider im Westen, die die Hetze bestellen, bestellen sich auch ein realistisches Bild der Lage, um entscheiden zu können, mit welchen Mitteln sie besonders effektiv gegen Russland Krieg führen können. Seit Gorbatschow besteht die Strategie darin, Russlands Eliten zu nutzen, um Russland von innen heraus zu zerstören. Anderthalb Jahrzehnte war das von großem Erfolg gekrönt. Dann kam eine ähnlich lange Zeitspanne, in der diese Strategie nicht mehr so gut wirkte. Und inzwischen fragt sich der Westen ernsthaft, ob die Strategie überhaupt noch irgendwas bewirkt.

Das russische Volk steht voll hinter seinem Präsidenten. Auch die Regierungspartei hat breite Unterstützung. Aber das Volk ist nur das Volk, man kann es auch ignorieren, wenn man die Eliten für sich eingenommen hat. Wie sieht es mit den heutigen russischen Eliten aus? Das fragen sich westliche Strategen und das Hamilton Colledge aus den USA hat eine Umfrage in den Reihen der russischen Eliten durchgeführt, um eine Antwort zu finden. Die Ergebnisse sind sehr interessant.

Putin und die regierende Partei „Einiges Russland“ werden von russischen Eliten als derzeit alternativlos eingeschätzt. Derzeit bedeutet: noch für ein Jahrzehnt. Auf die Frage, welcher Partei man zugehört oder von welcher Partei man sich am besten repräsentiert fühlt, ist „Einiges Russland“ absolut alternativlos, sagen die russischen Eliten (Tabelle auf Seite 5).

Das aktuelle politische System in Russland findet über die Jahre immer mehr Akzeptanz (nunmehr über 40%). Das westliche Demokratiesystem ist auf der Wunschliste ziemlich abgeschlagen mit weniger als einem Fünftel.

Ganz spannend: 80% der russischen Eliten nehmen die USA als Bedrohung wahr. So viele wie noch nie seit 1993. Und 88% unterstellen den USA feindliche Absichten. Ebenfalls ein Maximum seit 1993. In der Grafik auf Seite 12 ist sehr schön zu sehen, wie sich die Wahrnehmung der USA seit Anfang der 90er veränderte. Von „überwiegend freundlich bis neutral“ hin zu „eher feindlich und sehr feindlich“. Die russischen Eliten sind den USA Mitte der 80er voll auf den Leim gegangen und haben die Sowjetunion zerstört, um im „Klub der Goldenen Milliarde“ aufgenommen zu werden. Inzwischen sind kaum mehr Illusionen übrig geblieben.

Die größten Kopfzerbrechen bereiten russischen Eliten aber nicht die USA, sondern Russlands innere Probleme. Mit großem Abstand. Russland fokussiert sich auf sich selbst. Das zeigt sich auch an der gesunkenen Bereitschaft, Koalitionen einzugehen. Weder China, noch EU und schon gar nicht die USA bekommen eine breite Unterstützung als potentielle Koalitionspartner. „Niemand von ihnen“ ist die häufigste Antwort. Hierzu muss man anmerken, dass nicht nach Ländern wie Weissrussland und Kasachstan gefragt wurde. Es ist sehr gut möglich, dass die Antworten hierzu anders ausfallen würden. In den letzten Jahren jedenfalls vernimmt man in Russland immer stärker die Meinung, dass die zerschlagenen sowjetischen Völker stärker zueinander finden sollten, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen.

Sehr spannend ist die Frage nach der Projektion nationaler Interessen über die eigenen Staatsgrenzen hinweg. In den 90ern bejahten das noch etwa 80% der Eliten, in den 2000ern sank der Wert kontunierlich (unter Putin!), mit dem Tiefpunkt 2012 mit unter 50% Bejahung. In der aktuellen Umfrage stimmen wieder über 80% der Eliten zu, dass Russland auch über seine Grenzen hinaus seine Interessen verfolgen sollte. Sehr vernünftig. Die Eliten sind entsprechend voll auf Kurs, wenn es um die Konflikte in Ukraine und Syrien geht. Spannend (für Leser aus dem Westen), dass weder die russischen Eliten noch das einfache Volk die Unterstützung von Assad als wichtigen Grund für den Militäreinsatz in Syrien ansehen.

Etwa alle vier Jahre führen die USA so eine Umfrage der Eliten in Russland durch. Seit 1993 sind es jetzt sieben Umfragen in der russischen Elite. „This series is the only longitudinal Russian elite survey data available in the world and as such, it constitutes a unique resource for the scholarly and policy communities.“ (S. 23, Hervorhebung von mir.)

Die USA messen Russlands Puls. Diese Umfragen werden auf den Tischen von Politikern und Strategen landen und diese werden sich überlegen, welches Vorgehen gegen Russland erfolgversprechend erscheint angesichts der dortigen Situation. Spielen Sie dieses Spiel einmal mit. Sie sind Stratege am National War College und sollen im Rahmen der Herzland-Theorie eine Russland-Strategie für die kommenden zehn Jahre ausarbeiten. Ihr jährliches Budget ist eine Milliarde Dollar. Wie würden Sie das Geld ausgeben? Welchen Einfluss hat die Stimmungslage der russischen Eliten auf Ihre Entscheidung? Während Sie diesen Artikel lesen, arbeiten viele Spezialisten in verschiedenen Bildungseinrichtungen und Behörden an solchen Aufgabenstellungen. „Stellen Sie drei Szenarien auf, rechnen Sie diese durch und geben Sie eine begründete Empfehlung für eines der Szenarien ab“.

PS: Ersetzen Sie „Russland“ durch „EU“ und Sie erhalten ein weiteres spannendes Spiel für verregnete Wochenenden.

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Wem nützt die Märtyrerin Sawtschenko?

Die ukrainische Nationalistin und Soldatin Sawtschenko, die für den Tod russischer Journalisten im Donbass mitverantwortlich war und dafür in Russland verurteilt wurde, ist zurück in der Ukraine. Eingetauscht gegen zwei russische Offiziere.

Ganz großes Kino. Die Sache ist, dass Sawtschenko im heißen Jahr 2014 (heute würde sich die Geschichte schon ganz anders abspielen) von der Ukraine zur symbolischen Heldenfigur aufgebaut wurde. Die EU hat das mit großem medialem und diplomatischem Tamtam mitbefördert. Man verlieh Sawtschenko hastig diplomatische Titel, um ihr Diplomatenimmunität zu geben und anschließend Druck auf Russland auszuüben, sie frei zu lassen.

Jetzt feiert die Ukraine und feiert der Westen. Bidder, oberster SPON-Desinformator in Sachen Russland, prophezeiht Sawtschenko eine politische Karriere. Mega überraschend sei der Tausch stattgefunden. Poroschenko und Timoschenko und überhaupt die ganze Welt profitieren. Und es war selbstredend der diplomatische Druck des Westens, der Russland einknicken ließ.

Was für eine Grütze.

Zunächst mal ist hier gar nichts überraschend. yurasumi hat bereits vor zweieinhalb Monaten die Zeichen gedeutet und den Tausch prognostiziert (übrigens nicht als einziger). Und die Zeichen waren folgende. Sawtschenko wurde hysterisch zur Märtyrerin stilisiert, was Kiew in die Pflicht brachte, für ihre Rückführung zu kämpfen. Die schlaue Julia Timoschenko hat Sawtschenko bei sich in der Partei untergebracht und hat damit die besten Aussichten, die Heldin für sich auszuschlachten. Sawtschenko ist eine minderintelligente Soldatin, die in der Politik gewiss keinen eigenen Willen haben kann, noch irgendwas aufbauen könnte. Eigentlich gehört sie in die Klapse – das ist sogar Bidder nicht entgangen. In der Politik kann und wird sie nur Unheil anrichten. Genau dafür braucht Timoschenko sie, denn Timoschenko ist derzeit in der Opposition und ihr Erzfeind Poroschenko ist Präsident. Und Poroschenko kann aus den gleichen Gründen Sawtschenko so gar nicht gebrauchen in der Ukraine. Er hat auch alles getan, um den Tausch zu verhindern (Ermordung eines Anwalts inklusive), allerdings ohne Erfolg.

Und Russland? Russland hat vom Tausch doppelten Vorteil. Zwei gefangene Offiziere werden heimgeholt. Und mit Sawtschenkos Rückführung platziert man eine politische Bombe in Kiew. Russland wäre schön blöd, den Tausch nicht zu machen. Überdies hat Russland die juristische Tür für Sawtschenkos erneute Verurteilung (falls sie so lange überleben wird) offen gehalten. Sie wurde nur wegen eines ihrer Verbrechen angeklagt und verurteilt. Die Akten für weitere nicht minder schwere Verbrechen sind brechend voll und warten im Archiv auf ihren Einsatz.

Hier sehen Sie Sawtschenkos Empfang. Die Frau ist emotional, hitzig und labert nur dummes Zeug. Poroschenko ist zum Empfang geeilt, um sich wenigstens ein paar Tage lang einen taktischen Vorteil aus der für ihn strategisch sehr unschönen Situation zu ziehen. Er präsentiert sich als Retter – herzlichen Glückwunsch. Dann wird Timoschenko ihr Täubchen übernehmen. Sie kann die Heldin als Bombe nutzen, um die ohnehin sehr fragile politische Situation in Kiew zu explodieren und Poroschenko aus dem Weg zu räumen. Wenn die Einschätzung stimmt, dass Poroschenko bei den USA in Ungnade gefallen ist, dann hat er keine Rückendeckung und die Gefahr für ihn ist sehr real. Aber selbst wenn er nicht stürzt, wird ihm eine psychisch kranke Märtyrerin an den Fäden von Timoschenko garantiert nur Kopfzerbrechen bereiten.

Für Russland könnte Timoschenko durchaus die bessere Alternative sein im Vergleich zu Poroschenko.

Wie wird sich die „politische Karriere“ von Sawtschenko entwickeln? Timoschenko wird sie im Parlament bellen lassen, wenn sie es für richtig hält. Das ist das positive Karriere-Szenario für Sawtschenko. Das weniger positive Szenario ist ein baldiger Tod durch die Hand eines „Putin-Agenten“. Das ist das bestmögliche Szenario für Poroschenko.

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In der Kürze liegt die Würze (3) – Effektives Management

Die kapitalistische Methode zur Effizienzsteigerung, gemessen an kapitalistischen Parametern (Profit):

Damit die Kühe mehr Milch geben und dabei weniger fressen, muss man sie mehr melken und ihnen weniger zu fressen geben.

Geklaut von hier.

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Parteisystem in Russland

„Einiges Russland“, die Regierungspartei in Russland, hat in diesem Jahr erstmals Primaries abgehalten. Das heißt die Wahlkampfkandidaten für die im Herbst anstehende Parlamentswahl werden in diesem Jahr nicht parteiintern festgelegt, sondern vom Volk gewählt. Eine Vorwahl zur Wahl sozusagen. Interessanterweise durften auch Parteilose antreten. Und wenn sie gewählt werden, treten sie als Parteilose für „Einiges Russland“ bei der Wahl an.

Im Westen sind wir vertraut mit dem Zweiparteiensystem. Zwei große Parteien wechseln sich mit dem Regieren ab. Das erlaubt politische Kurskorrekturen und die Konkurrenz zwingt beide Parteien dazu, es sich nicht allzu bequem zu machen. Das funktioniert im Prinzip ordentlich, solange das System nicht verknöchert. Je länger das System wirkt, desto mehr neigt es zum Verknöchern und desto schwieriger wird es, dem entgegen zu wirken. In den USA ist das Zweiparteiensystem auf die Spitze getrieben. In Deutschland hatten wir es bis vor kurzem in einer milderen Version; inzwischen zerfällt es, weil die SPD vor unseren Augen zerbröselt. Wir haben jetzt ein System mit einer starken Partei und mehreren für sich genommen bedeutungslosen Parteien, die alle im besten Fall darum buhlen, Koalitionspartner der großen Partei zu werden, im schlechteren Fall zur Opposition verdammt sind. Kurskorrekturen bewirkt man in so einem System durch die Wahl des Koalitionspartners.

Russland hat vor einem Jahrzehnt den Versuch unternommen, ein Zweiparteiensystem zu errichten, ist damit aber gescheitert. „Gerechtes Russland“ als angedachte zweite große Partei hat Ressourcen und Freiraum bekommen und hat es auch geschafft, regionale Eliten aufzusaugen. Aber sie hat sich nicht mit Taten empfohlen. Darüber hinaus ergaben sich für den Kreml Probleme mit der Machtdurchsetzung nach unten. Äußere Einmischung in Russlands innere Angelegenheiten gab diesem Versuch den endgültigen Todesstoß.

Das Problem, welches durch die Etablierung eines Zweiparteiensystems gelöst werden sollte, blieb bestehen. „Einiges Russland“ hatte keine ernsthafte Konkurrenz, was vielen Parteifunktionären zu viel Raum für Entspannung bot. Die erste Reaktion darauf war die Gründung der „Gesamtrussischen Nationalen Front“, einem Zusammenschluss verschiedenster gesellschaftlicher Organisationen, die explizit die Arbeit der Regierung überwachen sollen, insbesondere die Tätigkeit in den Regionen, wo sich die regionalen Machthaber gern unkorrektes Verhalten erlauben, denn „Moskau ist weit weg“ – soll heißen, diejenigen, die kontrollieren sollen, sind zu weit weg, um kontrollieren zu können. Also hat sich Moskau mit der „Nationalen Front“ einen direkten Draht in die Regionen geschaffen. Dieses Projekt ist gelungen, so viel kann man schon sagen, aber es löst immer noch nicht das Problem der fehlenden Konkurrenz für „Einiges Russland“.

In einer Fragerunde hat Putin vor kurzem anschaulich erklärt, wie das russische Parteisystem derzeit funktioniert. „Einiges Russland“ ist das große politische Schiff. Es ist nicht alternativlos, wie jüngste Regionalwahlen gezeigt haben, aber es bleibt die große Partei im Zentrum. Die anderen Parteien wirken mit ihren Agenden auf „Einiges Russland“ ein und sorgen so für Kurskorrekturen. Die Kritik der Opposition zwingt die Regierungspartei zu Reaktionen. In Russland ist der Austausch von Regierung und Opposition viel konstruktiver als in Deutschland.

Damit das Flaggschiff der russischen Parteilandschaft nicht weiter verknöchert, gibt es in diesem Jahr erstmals die Primaries. Es soll ausgemistet werden. Es soll verjüngt werden. Für alle, die willig sind, sich politisch zu engagieren, wird ein politischer Aufzug eingerichtet. Selbst für Parteilose. Treten Sie ein, fahren Sie hoch. Die „Nationale Front“ dient, nebenbei bemerkt, auch dem Ziel, soziale und politische Aufzüge systematisch zu etablieren, damit talentierte Leute gute Aufstiegschancen bekommen. Der Kreml sucht nach guten Leuten. Systematisch. Parteikader, die sich nicht empfohlen haben, sollen ersetzt werden. Weiterhin soll eine politische Reserve entstehen, aus der man schöpfen kann, wenn irgendwo fähige Leute gebraucht werden. Zum Beispiel wenn sich mal wieder ein Gouverneur im fernen Sibirien durch Korruption bemerkbar macht, statt durch sinnvolle Entwicklungsarbeit. Moskau würde solche Leute nur zu gern absägen, aber das macht nur Sinn, wenn man einen besseren Ersatz anzubieten hat. Die Primaries von „Einiges Russland“ sollen landesweit willige, engagierte und fähige Leute herauskristallisieren, auf die man sofort oder bei Notwendigkeit zurückgreifen kann.

Wie gut das gelingen wird, wird sich zeigen. In zwei Tagen werden die Ergebnisse der Primaries veröffentlicht. Danach gibt es einen Monat Zeit, die Ergebnisse anzufechten. Eine absichtlich lang gewählte Zeitspanne, um genug Zeit für Reklamation und Aufklärung zu bieten. Russland meint es ernst. Moskau arbeitet hart daran, ein effektives, sauberes politisches System einzurichten. Bürger und Eliten werden nicht nur den Worten nach zur aktiven Mitarbeit ermuntert, sondern man stellt ihnen auch systematisch Strukturen zur Verfügung, in denen sie aktiv werden können.

Und sie sind aktiv. Es ist eine Wonne, diesem Treiben zuzuschauen.

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USA – Irak – IS: Spuren verwischen

Übersetzung des Artikels „USA – Irak – IS: Spuren verwischen“:

Der Islamische Staat (IS) ist von der „internationalen Gemeinschaft“ bereits zum Tode verurteilt und wird höchstwahrscheinlich von der Weltkarte verschwinden, nicht jedoch aus der Politik. Die USA werfen gute Werkzeuge nicht weg.

23.03.2016

Die Politik ist ein zu schmutziges Geschäft, um es wie ein Ritterturnier zu beurteilen. Das gilt grundsätzlich. Im politischen Alltag darf man keine Fehler machen und muss die Fehler des Gegners schamlos und schonungslos nutzen. Daneben gibt es noch die „schmutzige“ Politik. Sie greift zu jedem Mittel, ihr ist überhaupt nichts heilig und ihren Vertretern ist völlig egal, wie groß die Lügen sind und wie viele Millionen Menschen sterben müssen, damit die gesetzten politischen Ziele erreicht werden.

Diese Geschichte begann vor langer Zeit. Der Mann auf dem Foto [Osama bin Laden] war ein großer Freund der Familie, aus der zwei US-Präsidenten hervorgegangen sind. George Bush Senior begann den ersten Irak-Krieg. Die Arbeit seines Sohnes machte den zweiten Irak-Krieg unausweichlich für die US-Armee. Osama bin Laden war ein arabischer Milliardär, der alles hatte: Geld, hohe Stellung in der Gesellschaft, Anerkennung. Aber er hatte einen Partner, vielleicht einen Patron, den ehemaligen CIA-Direktor (George Bush Senior), der ihm irgendwann gesagt hat: „Freund, das muss getan werden, weil…“. Was er später sagte, spielt keine Rolle. Wichtig ist, was Bin Laden dann tat.

Überhaupt ist die ganze offizielle Geschichte über Bin Laden ein schöner Mythos, um Anhänger anzuziehen. Natürlich glaube ich daran, dass er als einer der ersten damit begann, Mudschaheddin aus aller Welt zu versammeln und zu finanzieren, damit sie in Afghanistan kämpfen. Aber ich glaube nicht daran, dass die USA daran unbeteiligt waren (Osama war genau deshalb so bequem, weil er Washington niemals Probleme bereitete, sondern Washingtons Probleme löste). Später, als die UdSSR zerstört war und die Dienste seiner [Bin Ladens] Kämpfer im Land nicht mehr nötig waren, wurde er in die Reserve geschickt. Aber nicht zu lange, denn so ein gutes Werkzeug darf man nicht rosten lassen…

Anti-US-Krieg der Dschihadisten

Sudan wurde vom Bürgerkrieg zerrissen. Zum Jahr 1991 versetzte das Militär des Südsudan einige empfindliche Schläge gegen die „Islamisten“ des Nordens und setzte die Offensive fort. Bin Laden wurde wieder für die Entfachung eines echten „Dschihad“ gebraucht, der ein vereinigtes Sudan unmöglich machen sollte. Wir wollen die Details dieses Krieges nicht aufrollen, aber am Ende bekamen die USA das, was sie wollten: Der ölreiche Süden des Landes wurde unabhänhig und von westlichen Konzernen kontrollierbar, und die Mudschaheddin Bin Ladens hatten ihre „Mitschuld“ daran. Im Juni 2010 haben die USA verkündet, dass sie die Entstehung eines neuen Staates akzeptieren würden, wenn es ein Referendum mit positivem Ergebnis geben würde, das es ein halbes Jahr später dann auch gab…

Übrigens, die Waffen für die südsudanesischen „Aufständischen“ lieferten „Washington-Agenten“ aus Kiew. Erinnern Sie sich an den „Panzer-Skandal“ unter Viktor Juschtschenko? Er hat heimlich ukranische Waffen an zwei Länder verkauft: Georgien und Südsudan.

Von Sudan aus schaffte es Bin Laden, die Ungläubigen überall dort zu bekämpfen, wo es Washington notwendig war: Bosnien, Nordkaukasus in Russland, Kosovo. Und natürlich hatte er nie Kontakt zu den USA und war ihr Feind Nummer 1, und damit niemand daran zweifelte, hat er sogar eine entsprechende Fatwa ausgestellt. Damit kein Rechtgläubiger etwas falsches denkt. Denken ist schlecht für sie. Man muss anerkennen, dass Washington analog antwortete, aber mit Sonderbarkeiten. Washington hasste Bin Laden auf den Fernsehbildschirmen und versuchte dabei nicht, den Kopf von Al Qaida seiner Hauptwaffe zu berauben – Geld (und wie wir wissen, können die USA das, wenn sie wollen).

Aber der Terrorist Nummer 1 blieb nicht bis zum Ende des Krieges in Sudan. „Onkel Sam“ musste eine Neuordnung in Afghanistan schaffen, das nach mehreren Jahren Bürgerkrieg plötzlich Frieden mit den Nachbarn schloss und unter die Kontrolle örtlicher Nationalisten, der Taliban, ging. Das musste man irgendwie lösen.

In alter Freundschaft nahmen die Taliban ihren „Bruder“ auf, noch nicht ahnend, dass Osama ihnen den Vernichtungskrieg brachte. Unschwer zu erkennen, wie seit der Ankunft von Bin Laden in Kabul die Taliban in die Krise rutschten. Er verfeindete sie mit Russland, indem er sie in den zweiten Tschetschenien-Krieg reinzog, und er verfeindete sie mit den USA, indem er formal die Verantwortung für die von US-Geheimdiensten organisierten Terroranschläge des 11. September 2001 auf sich nahm.

Danach war das Taliban-Regime dem Tode geweiht und die USA stellten die volle Kontrolle über Afghanistan her. Mit der Zeit musste man allerdings Osama bin Laden opfern. Nicht physisch. Vermutlich hat er die letzten Jahre irgendwo in einem Kurort verbracht und alle Zeugen seines Mordes wurden schlicht eliminiert. Das Wichtigste ist, dass sein Image als Glaubenskämpfer geblieben ist, den Al Qaida nutzte, um alle „anti-US“ islamistischen Gruppen zu vereinigen.

Und wieder nach Irak

Das Eindringen der USA in den Irak im Jahr 2003 kam gerade recht. Die Dschihadisten in Afghanistan hatten nichts zu tun und jemand musste den neuen Nahen Osten nach den Plänen von Oberst Petraeus bauen [Namensverwechslung, der Autor meint Ralph Peters].

Zum Entfachen eines Krieges braucht man zwei Dinge: Geld und noch mal Geld. Natürlich auch Soldaten, die für dieses Geld ihre Arbeit verrichten werden. Für einen langen Krieg braucht man außerdem eine Idee, die es ermöglicht, die notwendigen Soldaten einfacher und vor allem billiger anzuheuern.

Der Islamische Staat (in Russland verbotene Organisation) ist eigentlich: Ideologie von Al Qaida, Soldaten von der Baath-Partei und Geld von schmutzigen Politikern, die beschlossen haben, mit Hilfe dieses explosiven Cocktails ihre Nahost-Politik umzusetzen. Die Amerikaner haben sich selbst und das irakische Volk nicht umsonst so lange mit einem Bürgerkrieg gequält. Sie haben eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit und des Hasses gegen sich geschaffen und das geschickt auf andere umgeleitet. Die Mitglieder von Saddams Baath-Partei sind in dem Land, in dem sie Jahrzehnte geherrscht haben, zu Ausgestoßenen geworden. Sie wurden erzogen als Herrscher und Krieger und dann erniedrigt auf das Niveau von Bettlern. Von 2004 an folgten sie dem Weg, der ihnen von US-Politikern vorgezeichnet wurde. Dieser Weg konnte sie nicht an der islamistischen Bewegung Al Quaida, und später am IS, vorbei führen.

2006 wurde nach dem Urteil eines irakisches Gerichts unter dem Vorsitz von Ra’uf Raschid Abd ar-Rahman der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein hingerichtet. Das zeigte den ehemaligen Baath-Funktionären, dass eine Aussöhnung unmöglich ist. Ein Bürgerkrieg wurde unvermeidlich. Die Mission der USA war damit erfüllt und sie verließen eilig das Land (Ende 2011), in dem sich der Bürgerkrieg entfachte. Während nebenan für ihr Geld und unter dem tosenden Applaus der „internationalen Gemeinschaft“ sich ein anderer Konflikt entzündete. Die syrischen „Oppositionellen“ veranstalteten „friedliche“ Demonstrationen und unter diesem Deckmantel begannen speziell geschulte Kräfte auf Polizei und Militär zu schießen (erinnert das vielleicht jemanden an etwas?).

Wie wir aus der neueren Geschichte wissen, ist das der direkte Weg zum Bürgerkrieg. Damit der Herr ganz in weiß bleibt und sein Image als Kämpfer für alles Gute und gegen alles Böse nicht beschädigt, für das Verrichten der Drecksarbeit also, benutzte man „gemäßigte“ Islamisten aus dem Präsidentenpalast Ankaras und „nicht gemäßigte“ aus dem Gefolge Osama bin Ladens. Sobald die Soldaten der ehemaligen irakischen Armee von Saddam Hussein sich diesen „nicht gemäßigten“ anschlossen, explodierte dieser gefährliche Cocktail. Die Baathisten probten den ersten Aufstand im Januar 2014, aber damals erlitten sie eine Niederlage und flüchteten nach Syrien, wo sie Geld und viele Tausende ausgebildete Soldaten bekamen. Die vernichtende Niederlage der irakischen Streitkräfte im Juni 2014 und die darauf folgenden Verkündigung des Kalifats, das wir heute IS nennen, hatten einige Besonderheiten an sich, die uns verstehen lassen, was geschehen war.

Am 16. Juni 2014 nahmen IS-Kämpfer den Richter Ra’uf Raschid Abd ar-Rahman fest, der, wie wir uns erinnern, dem Gericht gegen Hussein vorstand. Bereits am 18. Juni wurde er nach dem Urteil eines Scharia-Gerichts enthauptet, weil er den „Märtyrer“ Saddam Hussein zum Tode verurteilte. Die ehemaligen Baathisten haben sich nicht nur gerächt, sondern sich auch schön in die IS-Bewegung eingeflochten, indem sie ihren toten Anführer ideologisch hochstellten und viele führende Positionen [im IS] übernahmen.

So entwirrt sich ein weiterer Knoten der neuen irakischen Geschichte. Die Hinrichtung von Saddam Hussein war die direkte Ursache für die Entstehung des IS. Wenn die USA Frieden im Irak gewollt hätten, hätten sie auf die Einbeziehung der ehemaligen Anhänger des Diktators in die politische Landschaft des neuen Irak bestanden. Stattdessen haben sie den bürgerlichen und den religiösen Konflikt befeuert. Nach der Hinrichtung von Hussein war die Entstehung des IS, wie wir am Ergebnis sehen, nur eine Frage der Zeit und eines „weisen“ Tipps.

Die Invasion des Irak, und wenn man genauer sein will, die von den Geheimdiensten organisierten Terroranschläge auf eigenem Terrotorium, führten zu einer Kettenreaktion, die viele schlafende Konflikte im Nahen Osten eskalierte. Heute versinken Irak, Syrien, Türkei, Libyen, Jemen im Chaos des Krieges. Ägypten, Tunesien, Algerien haben einen Bürgerkrieg schon hinter sich oder er schwelt dort noch immer. Am Horizont zeichnet sich Kurdistan ab, der erstmals im fernen Jahr 2006 auf der Karte von „Oberst Petraeus“ [gemeint ist wieder Peters] auftauchte.

Dank Russland wird der Krieg in Syrien und vielleicht auch im Irak beendet oder in eine andere Richtung gelenkt. Der Islamische Staat ist durch die „internationale Gemeinschaft“ bereits zum Tode verurteilt und wird vermutlich von der Landkarte verschwinden, nicht jedoch aus der Politik. Ein gutes Werkzeug wirft man nicht weg. Washington benutzt Islamisten erfolgreich seit dem Ende der 70er. Sie haben überall das getan, was den USA nützte und ich bin sicher, dass sich mit der Zerschlagung des IS nichts ändern wird. Die heutigen Anführer werden umgebracht, wie seinerzeit Bin Laden „umgebracht“ wurde, aber das internationale Netzwerk von Anwerbern und Ausbildern von Tausenden von neuen Terroristen wird nicht vernichtet. Ein Teil von ihnen bleibt schmutziges Werkzeug in den Händen von US-Politikern, einen anderen Teil wird man vom Terrorismus rein waschen und in die Eliten integrieren. Diesen Versuch sehen wir schon heute in Syrien. Wer weiss, vielleicht werden sie in fünf bis zehn Jahren geachtete Abgeordnete irgendeines IS-Parlaments, in einem neuen Land, dessen Entstehung die USA begrüßen werden, wie es bereits mit dem albanischen Kosovo, der europäischen Eiterbeule, passiert ist.

Autor: Georgij Nisowoj

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Über Deportationen

Unter dem Vorwand des ESC wird politisiert und emotionalisiert. Gegen Russland. Das Thema Deportationen wird hochgenommen, böser Stalin, übel übel usw.

Eine Deportation ist zweifelsohne eine Tragödie für die Betroffenen. Aber wie das Thema in unseren Medien aufbereitet wird, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass es nicht um Information geht, sondern um einseitige Diffamierung, um das Schüren von Emotionen, um das Schüren von Feindschaft.

Verleihen wir der Sache ein wenig Sachlichkeit.

Die Sowjetunion hat verschiedene Bevölkerungsgruppen im Laufe des Zweiten Weltkrieges deportiert. Die derzeit besungenen Krimtataren etwa. Oder Deutsche, von denen es in der Sowjetunion sehr viele gab. Warum macht man sowas? Weil Stalin so ultraböse ist, suggerieren unsere Medien. Diese Erklärung ist Scheiße für Zombiegehirne. In Wirklichkeit geht es darum, Personen und Bevölkerungsgruppen, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit für verräterische Handlungen anzunehmen ist, im Falle eines Krieges von der Front zu entfernen.

Zunächst ein Gedankenspiel.

In Deutschland gibt es mehrere Millionen ethnische Türken. Ob sie die deutsche oder die türkische Staatsangehörigkeit haben, ist zweitrangig. Stellen wir uns vor, es kommt zum Krieg zwischen Deutschland und Türkei. Deutschland mobilisiert sein Volk für den Krieg, die Türkei das ihre. Die Situation ist für alle Türken in Deutschland eine Zerreißprobe. Sie sollen gegen das Land kämpfen, das ihre historische Heimat ist. Sie sollen gegen Menschen kämpfen, mit denen sie sprichwörtlich und kulturell verwandt sind.

Im allerbesten Fall steht ein deutscher Türke ideologisch voll auf deutscher Linie und kämpft mit vollem Einsatz für Deutschland. Wenn es nicht bestmöglich läuft, kämpft er mit, aber nur so halb, nicht mit der gewünschten Intensität und Inbrunst. Das ist schon schlimm genug, denn nicht nur ist er selbst ineffektiv, er zersetzt auch die Kampfmoral und die Geschlossenheit seiner Kameraden. Wenn es noch etwas schlechter läuft, wechselt der deutsche Türke im Kriegsverlauf die Seite. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr viel höher als bei einem Deutschen. Beispielhaft sei nur ein Grund dafür genannt: Der Türke kann die türkische Kriegspropaganda sprachlich – und vor allem auch kulturell – verstehen und nachvollziehen. Und Kriegspropaganda betreiben im Krieg immer alle Seiten. So wie man einen Deutschen im Krieg gegen die Türkei einlullen kann, kann man das nicht mit einem Türken. Selbst ein zu Beginn deutschlandtreuer Türke kann jederzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den Reihen ausbrechen. Und wenn es noch schlimmer läuft, ist der deutsche Türke von Beginn an auf türkischer Seite. Im schlimmsten Fall gibt er sich dabei als deutschlandtreu aus und arbeitet als Spion oder Saboteur für die Türkei. An der Front sind das alles Horrorszenarien, vom allerersten Fall abgesehen.

Alle bösen Szenarien sind auch für einen einheimischen Deutschen möglich, allerdings mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit. Wenn der Krieg losgeht, haben Sie nicht die Ressourcen, um Einzelfälle aufwendig zu prüfen. Ist dieser Türke deutschlandtreu? Und dieser? Ist er es noch immer nach einem Jahr Krieg? So viel Überwachung, wie zur Beantwortung dieser kriegswichtigen Fragen nötig wäre, können Sie sich gar nicht leisten. Deswegen schicken Sie an die Frontlinie gegen die Türkei selbstverständlich keine deutsche Türken hin. Sie bringen die Türken von der Front weg, wo diese keinen Schaden anrichten können. Natürlich alle, da Sie nicht prüfen können, welche als Verräter und Saboteure in Frage kommen. Wenn Sie gut im Organisieren sind, geben Sie den deportierten Leuten eine Arbeit, die schlecht für Sabotageakte geeignet ist, so dass Ihre Türken trotz allem noch für den deutschen Sieg dienlich sind.

So einfach ist das. Und jetzt vom Gedankenspiel zurück zur Realität.

Die Krimtataren sind Abkömmlinge des Osmanischen Reichs. Russen und Türken umkämpfen die Krim seit Jahrhunderten. Bis heute. Im Zweiten Weltkrieg hat die Türkei ihre Armee an der Grenze zur Sowjetunion zusammengezogen und war zum Angriff bereit. Das hat viele sowjetische Einheiten an dieser Front gebunden. Zum Krieg ist es an dieser Front nicht gekommen, aber die Vorbereitungen waren beiderseits getroffen. Die Krimtataren wurden deportiert aus den oben veranschaulichten Gründen. Aus den gleichen Gründen wurden nach dem deutschen Überfall alle Deutschen in der Sowjetunion deportiert. Weg von der Front und ins Hinterland.

Eine Deportation hat mehr oder minder tragische Folgen für die Betroffenen. Eine erzwungene Umsiedlung ist für sich genommen schon höchst unangenehm und mit vielen Problemen verbunden, die eine Umsiedlung grundsätzlich mit sich bringt. Die Einschränkung von Rechten, Zwangsarbeit, Repressionen usw. können erschweren hinzukommen, müssen aber nicht. Wie hat es damit ausgesehen im Falle etwa der Krimtataren? Lassen Sie sich von Ihren sachlichen, neutralen, tiefgründig recherchierenden Qualitätsmedien aufklären. Propagandamedien hingegen haben gar nicht das Ziel, darüber aufzuklären. Sie berichten diffus, emotional, mit wenigen Andeutungen. Deportation, Krim, Ukraine, Leid, Stalin, böse, Russland, Putin, Diktatur. Der Kreis der Assoziationen ist vorbestimmt. Zum ESC nennt man Ihnen den ersten Teil der Assoziationskette: Deportation, Krim, Ukraine, Leid, Stalin. Den Rest erledigt Ihr in den letzten Jahrzehnten und besonders in den letzten beiden Jahren wohltrainiertes Gehirn von alleine: Krim, Stalin, Putin, Russland, böse.

Das ist ein Automatismus, eingeübt durch Gehirnwäsche, der Sie sich kaum entziehen können. Jeden Tag können Sie beim Blick in die Zeitungen und Onlinemedien sehen, wie solche Automatismen in Ihrem Gehirn eingeübt werden. Das ist kein Zufall. Das ist von oben verordnet und genau so eingefordert.

Na gut, mit dem bösen Stalin ist ohnehin alles klar. Aber wenn Deportationen im Kriegsfall einen klaren Zweck haben, wie haben andere Länder das gehandhabt? Wir im Westen haben dieses Prinzip erfunden! Noch bevor Stalin überhaupt geboren wurde. Und wir im Westen haben dieses Prinzip auch als erste umgesetzt. Und seitdem immer wieder, im großen Maßstab.

Die USA etwa haben im Zweiten Weltkrieg über 100.000 Japaner und US-Bürger japanischer Abstammung in Internierungslager gesteckt. Warum? Weil die USA sich im Krieg gegen Japan befanden. Ja ja, wir verurteilen das natürlich. Schweigend. Wir machen das Thema nie in den Medien auf, reiten nicht täglich darauf herum in der Berichterstattung über die USA. Sowas meint Russland, wenn es von doppelten Standards spricht. Genau solche Dinge.

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Im Krieg ist alles politisch

Im Krieg ist alles politisch. Auch Sport und Kunst. Was den Sport angeht, wird hier im Blog beispielhaft die groß angelegte Anti-FIFA-Kampagne begleitet, bei der es darum geht, Russland die WM 2018 zu entreißen. Das ist nicht die einzige Front gegen Russland im Sport, aber hier geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Veranschaulichung.

Jetzt haben wir einen anschaulichen Fall aus dem Kunstbereich. Die Ukraine gewinnt den Eurovision Song Contest (ESC). Der Publikumsfavorit aus Russland wurde von der Jury so schlecht bewertet, dass ihm nur Platz drei in der Gesamtwertung blieb.

„Es ist auch ein politischer Sieg“, schreibt SPON gleich im Anreißer. Und später im Text: „Ja, die Entscheidung für Jamala ist eine politische.“ und „Doch in so aufgeheizten Zeiten in Europa kann der ESC unmöglich unpolitisch sein“. Es wird gar nicht verhohlen, dass wir Kunst für politische Zwecke instrumentalisieren.

Schaut man sich die Zuschauerabstimmung an, kann man auf den Gedanken kommen, dass auch beim Publikum politische Hintergedanken mit im Spiel waren: 361 Punkte für Russland, 323 für die Ukraine. Polen mit 222 Punkten auf Platz drei ist bereits abgeschlagen. Haben die Teilnehmer aus Russland und Ukraine alle anderen künstlerisch so überragt? Oder hat auch das Volk mitbekommen, dass es im Krieg ist, und seine Stimme dazu abgegeben?

Wir sind im Krieg. Auch Sie sind im Krieg. Der Krieg ist überall. Niemand wird ihm entkommen.

PS: Dass man im Krieg zwischen US-Hegemonie und Multipolarität die Hauptfront symbolisch zwischen Russland und Ukraine zieht, ist sehr geschickt gemacht vom Westen. Der ESC ist unsere Veranstaltung und wir können mit ihr entsprechend inszenieren, was wir wollen. Auch in Kunst verpackte politische Verblödung.

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Nachtrag, 16.05.2016:

Die Ukraine hat bereits um Geld für die Durchführung des ESC 2017 „gebeten“. In Anführungsstrichen, weil es in Wirklichkeit Erpressung ist, gegen die sich die EU momentan nicht wehren kann. Das Gas für die Ukraine bezahlt die EU inzwischen zu 100%. Den ESC in Kiew wird sie auch bezahlen. Zu Recht natürlich. Die EU hat den Sieg der Ukraine bestellt, sie darf daher die Austragung des nächsten ESC finanzieren.

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Revolutionsprofis

Eine kurze Reportage von 2011:

Kurz, aber sehr gehaltvoll. Welche Informationen liefert uns der Film?

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