Deutschlands Bedingungen an Russland

Merkel sagte am 3. Juni:

Ich bin dafür, dass Russland Schritt für Schritt auch enger an den europäischen Wirtschaftsraum heranrückt, dass wir am Schluss eine gemeinsame Wirtschaftszone von Wladiwostok bis Lissabon haben.

Das war meine Interpretation des Zitats:

Lesen Sie aufmerksam mit. Da sollen nicht etwa der europäische und der russische Wirtschaftsraum näher zusammenrücken. Nein, Russland soll an Europa heranrücken. Die Beziehung soll nicht gegenseitig sein. Europa bleibt unverändert, nur Russland soll sich bewegen – auf Europa zu. Aus dem diplomatischen übersetzt heißt das: Wenn Russland sich unter Europa unterordnet, gliedern wir Russland in den europäischen Wirtschaftsraum ein. Es gibt das deutsche Herrenvolk und das russische Dienervolk.

Von Merkel gibt es nur solche vagen Äußerungen, die man schon aufmerksam studieren muss, um die Stoßrichtung zu erkennen. Aber Merkel ist nur die Spitze, unter ihr stehen Diplomaten des nächsten Ranges, Leute wie Steinmeier, und unter ihnen stehen weitere Diplomaten und unter ihnen noch weitere. Auf russischer Seite ist das genauso. Putin und Lawrow wuppen die Außenpolitik nicht alleine. Hinter ihnen stehen sehr viele weitere Diplomaten, die von der breiten Öffentlichkeit genauso wenig wahrgenommen werden wie ihre ausländischen Kollegen.

Auf allen Ebenen tauschen sich die Diplomaten aus, teilweise öffentlich, teilweise hinter verschlossenen Türen. Dem Austausch dienen unter anderem verschiedene Organisationen, Think Tanks, Summits usw. In Deutschland ist das beispielsweise und unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zu ihren Zielen gehört:

Unter Beteiligung von hochrangigen Entscheidern aus Politik und Wirtschaft organisiert und moderiert die DGAP in zahlreichen Fachkonferenzen, Gesprächskreisen sowie Studien- und Projektgruppen die Diskussion in der außenpolitischen Community.

In Russland gibt es den „Russian International Affairs Council“ (RIAC), das Pendant zur Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Die Ziele sind im Prinzip gleich.

Schauen wir uns einen konkreten Austausch der deutschen und russischen „außenpolitischen Community“ beispielhaft an. Auf deutscher Seite spricht Stefan Meister von der DGAP. Ein „Russland-Experte“, und als „Programmleiter Osteuropa, Russland und Zentralasien, Robert Bosch-Zentrum für Mittel- und Osteuropa, Russland und Zentralasien“ hat er einiges an Verantwortung, was die Beziehungen zu Russland angeht. Er hat im RIAC eine Analyse zu den Beziehungen von EU und Russland vorgelegt, mit dem Titel „Russland und EU in der Geiselhaft fehlenden Vertrauens“.

Meister kommuniziert dort den deutsch-europäischen Standpunkt zu den Beziehungen zwischen Russland und EU. Die Lektüre hat schon ganz anderes Niveau als der tägliche Medienscheiß, in dem alles auf die Assoziation „Russland = böse“ zuläuft. Im direkten Austausch mit den russischen Kollegen lässt sich Meister nicht so weit herab. Bei ihm hat Russland Interessen, die EU auch. Russland hat ein anderes politisches System als die EU. Russland versteht die EU nicht, die EU versteht Russland nicht. Er arbeitet heraus, was Russland von der EU will und was die EU von Russland will. Und die EU will folgendes von Russland:

Der Dialog über Meinungsverschiedenheiten führt nicht nur zu Enttäuschung; ihm fehlt ein allgemeiner Konsens, der notwendig ist, um eine gemeinsame Position zu Fakten, Prinzipien, Regeln und Grenzen des Erlaubten aufzustellen. Ein solcher Dialog birgt in sich die Gefahr der Legitimierung des in Russland so populären Diskurses über den eigenen Weg, russische Werte, der Nichtanwendbarkeit einheitlicher Schablonen zu den innerrussischen Prozessen, russische Spezifika. Genau das muss vermieden werden.

Über alles, was Russlands russische Identität angeht, sollten wir also gar nicht reden. Gut, das kann man unterschiedlich deuten. Wir müssen nicht darüber reden, um die empfindlichen EU-Gemüter nicht zu reizen. Vielleicht aber müssen wir nicht darüber reden, weil das alles nicht in Frage kommt. Beides trifft zu. Ein Diskurs über den russischen Weg darf gar nicht erst legitimiert werden, weil es den russischen Weg nicht geben soll. Meister schreibt mehrmals von der notwendigen Transformation der russischen Gesellschaft.

Die Illusionen darüber, dass eine enge Zusammenarbeit mit der russischen Elite zu einer politischen und sozialen Transformation Russlands führen könnte, wurden nach der Rückkehr von Wladimir Putin in das Amt des Präsidenten im Jahr 2012 zerstreut. So lange alle Teilnehmer des Prozesses nach dem Paradigma „Russland ist Putin“ handeln, so lange die russische Regierung die Führungsrolle im Aufbau der Kontakte auf gesellschaftlicher Ebene zugesprochen wird, so wie es bis vor kurzem im Rahmen des Petersburger Dialogs der Fall war, so lange wird die EU-Politik kein Vertrauen in der russischen Gesellschaft genießen. Man muss die russische Gesellschaft nicht weniger ernst nehmen als die russische Elite.

In jedem Absatz der Diplomaten-Botschaft steckt sehr viel Information drin. In diesem Abschnitt lesen wir zunächst heraus, dass die EU eine politische und soziale Transformation Russlands erwartet hat. Mittels der Einflussnahme auf die russische Elite. Sehen Sie, hier gibt es kein Geschwafel von demokratischen Werten, Volkswille usw. Hier gibt es klare Worte. Die EU wollte Russland verändern, mittels der russischen Elite und ungeachtet des russischen Volkes. Weiter lesen wir, dass die EU, die jetzt die Hoffnung in die russischen Eliten verloren hat (die Illusionen sind zerstreut), nun die Führungsrolle der russischen Regierung in der russischen Gesellschaft bemängelt. Sie lesen ganz richtig. Wenn die russische Regierung die Führungsrolle in Russland übernimmt, findet die EU das doof. Die EU muss einfach sehr neidisch sein, denn wofür sonst ist eine Regierung denn da? Richtig, sie ist da, um zu führen. Aber im EU-Verständnis ist eine gute russische Regierung eine, die keine Führungsrolle in Russland hat. Nach der Desillusionierung kündigt Meister an, dass die EU die russische Gesellschaft ernst nehmen werde. Er meint damit keinen Respekt. Er meint damit, dass die EU ihre Strategie ändern wird. Statt des Versuches, die russische Gesellschaft über gekaufte russische Eliten zu transformieren, wird die EU sich nun unmittelbar mit der russischen Gesellschaft befassen. NGOs, Menschenrechtler, Naturschützer – das übliche Programm.

Solche Botschaften sendet Deutschland an Russland über offizielle diplomatische Kanäle. Ja, die EU mildert den Ton und versucht die Beziehungen zu Russland wieder herzustellen. Aber die EU strebt keine gleichrangige partnerschaftliche Beziehung an. Sie kommuniziert unzweideutig, dass sie Russland immer noch und weiterhin als Junior Partner behandeln will. Die Forderung ist, dass Russland keinen eigenen Weg geht. Russland soll sich in das westliche System eingliedern, soll sich „transformieren“ (übersetzt: verbiegen und prostituieren), um als kleiner Vasall im westlichen System aufgenommen zu werden.

Wie viel Deutschland steckt in Stefan Meister? Er war im European Council on Foreign Relations tätig. Dahin schaffen es nur gute Freunde der USA. Dieser Artikel über das ECFR ist sehr empfehlenswert. Was Meisters Botschaft an Russland angeht, fällt auf, dass sie pessimistisch ausfällt. Sowohl was das Erreichte angeht, als auch was die zukünftigen Aussichten betrifft. Die von Meister formulierten, von mir oben übersetzten Forderungen, sind radikal und nicht hinnehmbar. Meister treibt damit einen Keil zwischen Deutschland und Russland.

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In der Kürze liegt die Würze (4) – Erziehung von Massen

Das Show-Geschäft in den USA hat eine lange Geschichte und ist heute das wichtigste Erziehungsinstrument für die graue Masse der US-Bevölkerung. Die passenden Filme trichtern den Minderwertigkeitskomplex ein – alle erfolgreichen Helden sind keine Menschen, sondern Mutanten oder sonstwie Nicht-Menschen. Gebildet wird folgende Denkweise: „Du kannst nichts, außer ein Hahn beißt dich und du wirst ein Hahn-Mensch, und dann… aber bis dahin sei still und warte; der Superheld wird kommen und dich retten“.

Gleichzeitig und parallel wird folgende Denkweise gebildet: „Wir sind immer die Nummer 1, verdammt noch mal, wir sind keine Loser, wir versohlen jedem den Arsch und retten immer den eigenen“. Damit der einfache US-Bürger fröhlich mit dem US-Fähnchen winkt, sich keine Sorgen macht und sich des „erfolgreichen“ Lebens im „erfolgreichen“ Land erfreut.

Geklaut von hier (fast wörtlich zitiert). Streitbar. Aber interessant.

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Brexit – Spiel nach Plan oder außer Kontrolle?

Letztes Jahr hat Cameron selbst den Brexit zum großen Thema gemacht, um die EU zu erpressen. Soweit ich mich erinnere, ist ihm das auch gelungen. Großbritanien hat Zugeständnisse bekommen. Damit kam die Zeit, das Thema Brexit wieder einzustampfen, was Cameron dann auch tat.

Aber das Thema nimmt dennoch Fahrt auf. Zuletzt hat Cameron schon davor gewarnt, dass der Brexit Grßbritanien arm machen würde. In der Folge müsste man die Renten kürzen, das Gesundheitssystem beschneiden und allerlei andere furchtbare Dinge machen, um das „schwarze Loch“ in den Kassen Großbritaniens zu stopfen. Jeder Laie weiss, dass Schwarze Löcher unersättlich sind. Man kann so viele Rentner und Kinder reinwerfen, wie man will, es wird sich dadurch nicht schließen. Nur die EU hat so viel Kohle, dass sie sogar das britische Schwarze Loch bisher so erfolgreich gestopft hat, dass seine Existenz der Öffentlichkeit verborgen blieb.

Jedenfalls fährt Cameron zunehmend schweres Geschütz auf. Die Prognosen sehen die Brexit-Befürwörter bereits vorne. Die Preisfrage ist: Sehen wir noch das übliche politische Spiel, bei dem die Emotionen angeblich hochkochen, die Situation aber in Wirklichkeit unter Kontrolle ist? Oder hat sich das Thema verselbständigt? Hat Cameron nur den vierten von fünf Gängen eingeschaltet, was einfach laut daherkommt, oder bricht ihm die Karre gerade bei voller Fahrt auseinander?

An welchen Markern können wir das erkennen?

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Ihr Land soll Sie überhaupt nicht interessieren

Naja, und der Kampf wird von Russland offenbar auch auf diesem Schlachtfeld aufgenommen

Dieser Kommentar ist noch keine zwei Wochen alt.

Eine Woche, bevor das IOC über die Sperre Russlands bei den Olympischen Spielen entscheidet, kam der neue Russland-Doping-Enthüllungsfilm von Hajo Seppelt raus. Feines Timing. In Russland nimmt man die Machart genüsslich auseinander. Seppelt leistet tatkräftige Unterstützung. Zum einen, indem er seine Dokus so produziert, wie er es tut (Bilder von russischen Athleten unterlegt er mit der Titelmelodie einer Knast-Serie…), zum anderen, indem er sich bei einem Interview mit einer russischen Journalistin zu inadäquatem Verhalten und zu ehrlichen Aussagen hat hinreißen lassen.

Hier kann man Seppelt in Aktion bewundern:

Der Job von Journalisten in einem Interview ist es, den Gesprächspartner zu Offenbarungen zu provozieren. Der Job von Politikern in einem Interview ist es, sich nicht zu offenbaren und gegen die Spitzfindigkeiten der Journalisten immun zu sein und immer nur die vorbereiteten Slogans von sich geben, egal wie die Fragen gestellt sind.

Die „Rossija“-Journalistin Olga hat ihren Job gemacht. Seppelt ist aber kein Politiker und ungeübt darin, im Dialog Ruhe zu bewahren und einstudierte Phrasen abzusondern. Von harmlosen Fragen lässt sich Seppelt derart in Rage bringen, dass er auf einer emotionalen Welle die politische Korrektheit vergisst und offen seine Meinung geigt. Der Wortwechsel:

Olga: Könnten Sie uns wenigstens einmal das [Beweis-]Material zeigen, von dem im Film die Rede ist?

Hajo: Nein, ich habe es nicht hier. [Das Interview fand in einem Hotel statt, wo Seppelt ein Zimmer für die Interviews angemietet bekam.] Verzeihung, was Sie hier sagen, verwundert mich ein wenig.

Olga: Wurden Sie jemals bezahlt für das Material in Ihren Filmen?

Hajo: Niemals. Nie im Leben. Ich bin kein Agent, ich bin ein Journalist. Ich rufe einfach die Leute auf, selbst über das Doping in Russland zu recherchieren. Ich hoffe, das hilft, etwas zu finden, was Herrn Mutko [russischer Sportminister] nicht gefällt.

(…)

Olga: Sie verweisen immer darauf, dass Sie irgendwelches Beweismaterial haben, es aber nicht zeigen werden …

Hajo: Nein, das habe ich nicht gesagt.

Olga: Warten Sie, in Ihrem Film wird doch gesagt, …

Hajo: Olga, Olga, lassen Sie uns noch mal …

Olga: Eine Sekunde, nur damit wir es verstehen, es ist sehr wichtig für uns, das müssen Sie verstehen, wir fahren vielleicht nicht zu den Olympischen Spielen.

Hajo: Nicht Sie. Sie haben nichts zu tun mit den Sportlern. Sind Sie etwa ein Freund der Sportler?

Olga: Ich versuche ein Freund meines Landes zu sein.

Hajo: Warum? Sie sollen kein Freund Ihres Landes sein.

Olga: Warum?

Hajo: Weil Sie ein Journalist sind. Sie müssen unabhängig sein. Sie verstehen Ihre Aufgabe als Journalist nicht. Ihr Land soll Sie überhaupt nicht interessieren.

(…)

Hajo: Olga, das macht keinen Sinn. Sie verstehen nicht, dass Sie nicht stolz auf Ihr Land sein sollten. Das Interview ist beendet.

[Seppelt schmeißt das Team raus, verlangt die Löschung des Interviews.]

Olga: Warum sind Sie so aggressiv?

Hajo: Weil Sie dumm sind!

Olga: Wir sind dumm?

Hajo: Ja, ihr seid dumm. Ihr seid russische Journalisten, die stolz auf ihr Land sind. Seid ihr dumm? Ihr sollt nicht stolz sein, ihr sollt konsequent sein. Verschwindet. Ich diskutiere keine dummen Fragen. Ihr seid in Korruption versunken, das ist das Problem.

Olga: Können Sie uns einfach Ihre Aufzeichnungen zeigen, damit wir das verstehen?

Hajo: Ich habe sie nicht hier, sind Sie dumm?

(…)

Hajo: Wenn Sie die Rolle eines Journalisten nicht verstehen, schauen Sie in den Spiegel, was Sie für einen Blödsinn erzählen. Sie sind stolz auf Russland. Unsere Athleten. Das sind nicht eure Athleten.

Im Treppenhaus wird Seppelt handgreiflich, schreit herum. Dann verfolgt er das russische Team noch eine halbe Stunde durch die Stadt und versucht die Polizei zu holen. Er hat sich das Mikrofon des Teams geschnappt (bzw. dessen Lärmschutzhülle) und gibt es auf mehrfache Nachfragen nicht her.

Was für Geschenke! Schade nur, dass die Polizei nicht ähnlich blöd war und sich nicht hat bitten lassen.

Fassen wir das Wesentliche zusammen. Seppelt ist verwundert, dass russische Journalisten die angeblich vorhandenen Belege für die wilden Anschuldigungen gegen den russischen Sport sehen wollen. Unfassbar, nicht wahr? Diese unprofessionellen, „dummen“ Russen wollen doch tatsächlich die Belege sehen, statt blind an deren Existenz zu glauben. Ich nehme an, diesen fiesen Trick aus der untersten Schublade der schmutzigen journalistischen Methoden hat die ARD kommen sehen und Seppelt deshalb in ein Hotel zum Interview geschickt, wo er den russischen Hinterhalt mit der kreativsten aller denkbaren Möglichkeiten kontert: Das Material ist nicht im Hotel! Haben Sie „Hot Shots“ gesehen, die Action-Parodie? Da gibt es eine Szene, wo der Held einen Gefangenen aus dem Gefängnis befreien will. Der Gefangene sagt sinngemäß: „Das geht nicht. Sie haben mir die Schnürsenkel zusammengebunden.“ Auf diesem Niveau bewegt sich Seppelt mit seiner Verteidigung.

Was man im Westen stattdessen von russischen Journalisten erwartet:

Sie sollen kein Freund Ihres Landes sein. Ihr Land soll Sie überhaupt nicht interessieren. Sie verstehen nicht, dass Sie nicht stolz auf Ihr Land sein sollten.

Das ist genau der Geist, mit dem westliche Journalismus-Schulen nach dem Zerfall der Sowjetunion russische Journalisten ausgebildet haben. Das ist der Geist, in dem tausende westliche NGOs alle Russen gelehrt haben, nicht nur im Journalismus, sondern in allen Lebensbereichen. Seit 25 Jahren wird den Russen von ihren „Freunden“ aus dem Westen systematisch Selbsthass beigebracht. Sich nicht für das eigene Land zu interessieren, nur Schlechtes darin sehen und suchen – so sieht der westliche Herr gern den Russen. Und natürlich dürden die Russen niemals den Westen hinterfragen. Unterwürfig sollen sie sein, kritisch nur gegen das eigene Land.

Seppelt offenbart viel mehr als Seppelts Gedanken. Er offenbart exemplarisch die koloniale Denkweise des Westens. In dieser Denkweise gibt es Völker, die mehr wert sind als andere Völker. Es gibt Völker, die bestimmen und Völker, die stumm gehorchen.

Deutschland sieht sich in der Hierarchie der Völker über Russland. Diese Grundhaltung wird aus Gründen der politischen Korrektheit nicht offen ausgesprochen, aber sie ist ungesprochen da. Man erkennt sie, wenn man zwischen den Zeilen liest. Für Seppelt, den einfachen Journalisten, ist das weiter oben im Text geschehen. Die gleiche Denkweise zieht sich durch die deutsche Gesellschaft bis ganz nach oben. Merkel sagte neulich:

Ich bin dafür, dass Russland Schritt für Schritt auch enger an den europäischen Wirtschaftsraum heranrückt, dass wir am Schluss eine gemeinsame Wirtschaftszone von Wladiwostok bis Lissabon haben.

Lesen Sie aufmerksam mit. Da sollen nicht etwa der europäische und der russische Wirtschaftsraum näher zusammenrücken. Nein, Russland soll an Europa heranrücken. Die Beziehung soll nicht gegenseitig sein. Europa bleibt unverändert, nur Russland soll sich bewegen – auf Europa zu. Aus dem diplomatischen übersetzt heißt das: Wenn Russland sich unter Europa unterordnet, gliedern wir Russland in den europäischen Wirtschaftsraum ein. Es gibt das deutsche Herrenvolk und das russische Dienervolk.

„Nach oben buckeln, nach unten treten“ – das ist ein Wesensmerkmal deutscher Kultur und auch der deutschen Außenpolitik. Tief im Arsch der USA herumkriechen und sich gleichzeitig toll aufplustern gegen andere Länder. Ein Miteinander auf Augenhöhe scheint im kulturellen Verständnis Deutschlands zu nachgeordnet zu sein, um sich gesamtgesellschaftlich bemerkbar zu machen.

Deutschland wird mit dieser Denkweise voll auf die Schnauze fallen. Nein, nach oben buckeln ist schon in Ordnung, das bringt Streicheleinheiten ein. Aber das Treten nach unten ist gefährlich. Grundsätzlich. Und ganz besonders, wenn man gegen Russland tritt. Das zeugt nicht nur von einer generell fragwürdigen Ideologie, sondern auch von großer Dummheit.

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Warum haben wir keine Inflation?

Wenn die Notenbanken Geld drucken und es in Umlauf bringen und gleichzeitig die Wirtschaft nicht wächst, dann kommt es zur Inflation. Das gehört zu den einfachen Gesetzmäßigkeiten der Volkswirtschaft, die man auch als Laie nachvollziehen kann.

In den letzten Jahren geschehen allerdings sonderbare Dinge. Seit 2008 haben die USA inzwischen Billionen Dollar frisches Geld gedruckt (eine Billion sind 1000 Milliarden), aber haben Sie etwas von einer Inflation in den USA mitbekommen?

Die EU hat im März 2015 den Gelddrucker eingeschaltet und wirft monatlich 60 Milliarden Euro raus. 14 Monate geht das schon so, das sind bereits 840 Milliarden Euro! Bis September werden es knapp über eine Billion Euro werden. Unvorstellbar große Geldsummen, aber wo bleibt die Inflation? Wir haben keine, die den üblichen Rahmen sprengt.

Wie kommt das? Warum wirkt ein grundlegendes Gesetz der Wirtschaft nicht mehr? In dem oben verlinkten Papier wird Inflation genau einmal erwähnt, als es heißt, dass man die Wirkung der hemmungslosen Gelddruckerei auf die Inflation schwer abschätzen kann. Das war es schon? So viele Buchstaben und bunte Grafiken in dem Papier, aber eine absolut naheliegende und wichtige Fragestellung wird gar nicht angefasst?

Frage an alle: Warum haben wir keine Inflation, obwohl Geld wie verrückt geschaffen wird?

Eigene Gedanken dazu:

Das Geld geht nicht direkt in die Wirtschaft oder an die Verbraucher, sondern an die Banken. Die ausbleibende Inflation muss etwas mit der Vermittlerrolle der Banken zu tun haben.

  • Hypothese 1: Die Banken dürfen das Geld nicht an die Realwirtschaft weitergeben. Ein Deal verbietet es. Fragt sich dann, wozu das Geld gedruckt wird. Entweder, um die faulen Papiere der Banken abzudecken oder um weiteres Wachstum der Banken zu ermöglichen.
  • Hypothese 2: Die Banken wollen das Geld nicht an die Realwirtschaft abgeben. Das Geld wird gedruckt, um das strauchelnde Bankensystem zu retten und möglicherweise mit dem echten Wunsch (seitens der Politik), dass die Hilfe bis auf die Realwirtschaft durchgreift. Die Banken verwenden das Geld, um die faulen Papiere zu decken und können es daher nicht an die Realwirtschaft weitergeben. Den Rest des Geldes investieren die Banken lieber in neue faule Papiere, weil das kurzfristig mehr Gewinne verspricht, als eine Investition in die Realwirtschaft.

Meinungen? Andere Erklärungen?

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Wo sind sie denn?

Im russischen Internet gibt es in den letzten Monaten viele hochinteressante Artikel und ganze Artikelserien über die zivile Nutzung von Atomenergie. Hochspannend! Zu einigen Themen habe ich die Wikipedia konsultiert. Was ein „Fast-neutron reactor“ ist, weiss die deutsche Wikipedia gar nicht. Der Brutreaktor ist aber gelistet. Russland arbeitet erfolgreich an Brutreaktoren, die gleichzeitig auch schnelle Neutronen-Reaktoren sind.

Es gibt ein „Generation IV International Forum„, einen Forschungsverbund, der Kernkraftwerke der vierten Generation entwickeln will. Der deutsche Wiki-Artikel ist echt spannend. Da heißt es, dass es sechs Reaktortypen gibt, denen das Forum Erfolgsaussichten bescheinigt. Die Kurzbeschreibung der sechs Reaktortypen enthält jeweils Angaben über die Entwicklerteams. Insgesamt tauchen auf (in alphabetischer Reihenfolge): China, Euratom, Frankreich, Japan, Kanada, Korea, Schweiz, Südafrika, USA.

Wo bleiben denn die Russen? Von den im Artikel erwähnten schnellen natriumgekühlten Reaktoren, betreibt Russland bereits zwei Stück kommerziell. Die Autoren des Artikels haben das auch gewusst:

Einige SFR sind schon weltweit kommerziell in Einsatz gewesen (bsp. Phénix 1973–2010, BN-Reaktor 1980-heute), sodass bei dieser Baureihe am meisten Erfahrung gesammelt wurde. Die zwei wichtigsten SFR Projekte der Generation-IV sind der französische Advanced Sodium Technological Reactor for Industrial Demonstration (ASTRID)[8] und der Power Reactor Innovative Small Module PRISM[9] von Hitachi und General Electric.

„BN-Reaktor 1980-heute“ – damit sind die beiden russischen BN-600 und BN-800 gemeint. Nachdem die Franzosen den Betrieb ihres Phenix-Reaktors eingestellt haben, ist Russland das einzige Land weltweit, das schnelle natriumgekühlte Reaktoren kommerziell betreibt. Und natürlich weiterentwickelt. Der BN-800 ist erst vor ein paar Monaten ans Netz gegangen. Der BN-1200 kommt in den nächsten Jahren mit zahlreichen Verbesserungen dazu. Wikipedia will die russischen Weiterentwicklungen aber nicht zu den wichtigsten Projekten auf diesem Gebiet dazuzählen, obwohl sie objektiv am weitesten fortgeschritten sind. Die freie deutsche Enzyklopädie hat sicher gute Gründe dafür.

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Sawtschenko ist Kreml-Agentin!

Der ukrainische Abgeordnete Wadim Rabinowitsch enthüllt im Interview:

Ich habe mir die Pressekonferenz mit Sawtschenko angeschaut und möchte behaupten, dass sie ein nationaler Leader ist. Sie muss jetzt nicht nur von allen berücksichtigt werden, sie entwickelt sich gerade zu einer Art Margaret Thatcher der ukrainischen Politik. (…) Ich denke, sie gehört zu den ersntzunehmendsten Präsidentschaftskandidaten, sie kann alle Patrioten vereinen. (…) Ich sehe nicht, wer sich mit ihr auf diesem Gebiet messen kann. (…) Ich denke, Sawtschenko ist ein Faktor, gegen den man nichts mehr unternehmen kann, und ich bin der Meinung, dass Putin uns [damit] einen Umsturz in der Ukraine zugeschustert hat.

Hervorhebungen von mir.

Frage des Journalisten: „Sawtschenko ist erstaunlich vorbereitet. Woher kommt dieses hohe Maß an Vorbereitung?“

Rabinowitsch:

Ich kann diese Frage nicht beantworten. Sie war zwei Jahre lang im Hungerstreik, aber sie ist in erstaunlicher physischer Verfassung heimgekehrt – sie hat nicht abgenommen. Das Niveau ihrer rhetorischer Kompetenz und wie schnell sie auf die Fragen antwortete – das war außergewöhnlich. Und ich verstehe nicht, wie das aus dem nichts kommen konnte.

Hervorhebungen von mir.

Die Ukrainer haben schnell herausbekommen, dass Sawtschenko ein Putin-Torpedo ist. Aber lassen Sie sich nicht so einfach blenden von diesem Rabinowitsch, der selbst ein Putin-Agent ist! Schauen Sie nur, wie er Sawtschenko auf eine Stufe mit Margaret Thatcher stellt und sie als Präsidentschaftskandidatin puscht! Er versucht eindeutig, dem Putin-Torpedo noch mehr Schubkraft zu verleihen und die Zielfixierung zu verstärken. Sawtschenko ist eine Thatcher und sie soll nicht irgendwo einschlagen, sondern direkt beim Präsidenten.

Es gibt in der Ukraine keine bedeutende Person in der Politik, die noch nicht beschuldigt wurde, Kreml-Agent zu sein. Sawtschenko konnte natürlich keine Ausnahme bleiben. Jetzt hat die Ukraine einen weiteren Kreml-Agenten, der sich an die Spitze anderer Kreml-Agenten stellen wird, um Kreml-Agent Poroschenko aus dem Amt zu jagen. Der Kreml-Agent Rabinowitsch deckt die Identität des anderen Kreml-Agenten auf, um sich selbst zu schützen, und vergisst dabei nicht, den anderen Kreml-Agenten schon verbal zum Präsidenten zu machen. Er stellt auch klar, dass man dagegen nichts unternehmen kann, es ist quasi Schicksal. Neurolinguistische Programmierung ist das! Die Assoziation „Sawtschenko – Präsident – man kann dagegen nichts unternehmen“ wird schon jetzt in die Köpfe der Ukrainer gehämmert. Der Kreml bereitet sich offensichtlich darauf vor, den verbrauchten Kreml-Agenten an der Spitze der Ukraine durch einen neuen, noch viel russophoberen Kreml-Agenten auszutauschen. Und damit die Ukrainer nicht geschockt sind, wenn die Ukraine zur ukrainischen Region der Russischen Föderation erklärt wird, wird ihnen seit zwei Jahren unmissverständlich klar gemacht, dass sie ohnehin längst vom Kreml regiert werden.

Jetzt fragen Sie sich, warum der Kreml noch russophobere Gestalten an die Spitze der Ukraine bringt. Das ist ganz einfach zu erklären. Ganz offensichtlich hat der Kreml nichts anderes im Sinn, als die Ukraine zu zerstören und das altehrwürdige ukrainische Volk, dessen Verdienste damit beginnen, Europa von den Neandertalern gesäubert zu haben, in die Steinzeit zurück zu befördern. Der Kreml zerstört die ukrainische Wirtschaft. Der Kreml gibt sich aber nicht damit zufrieden, die Ukraine zu zerstören, nein, er will danach das ukrainische Steinzeitvolk regieren, und deswegen – deswegen! – lässt er alle Zerstörungsmaßnahmen in der Ukraine von russophoben Gestalten durchführen, damit am Ende die Assoziation „Abstieg in die Steinzeit – Russophobie“ so fest in den Köpfen der Ukrainer verankert ist, dass jegliche Russophobie zu Panikattacken führen wird und die Ukrainer sich kompensatorisch in Russophilie flüchten.

Die legendäre Hinterlist des Kreml wird gerade als Stoff in den Lehrbüchern für Polittechnologien verankert und wird dort noch für Jahrhunderte als Paradebeispiel herhalten.

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Der kleine Junge mit dem Schild

Erinnern Sie sich an den kleinen ertrunkenen Jungen, der am Strand extra für ein Foto zurechtgelegt wurde? Das Foto machte im September 2015 die große Runde und diente dazu, Europäern den über sie einbrechenden Flüchtlingsstrom schmackhaft zu machen.

„Heiliges Opfer“ nennt sich das. Ein Tod wird stilisiert, emotional aufgeladen und – ganz wichtig – als Begründung für ein bestimmtes Vorgehen verwendet. Nach dem Motto „da musste jemand sterben – was braucht ihr denn noch mehr zur Begründung des Vorgehens?!“

Der ertrunkene Junge wurde stilisiert (gestelltes, dramatisches Foto), sein Tod maximal emotional aufgeladen, und sein Tod diente als Begründung der „Refugees Welcome“ Kultur, die in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 entfacht wurde, um den völlig unkontrollierten Zustrom von mehreren Millionen Flüchtlingen und Migranten zu legitimieren. Das Heilige Opfer dient nicht zuletzt dazu, sachliche Kritik am Vorgehen abzuschmettern. „Da sterben Kinder, Karl! Verstehst du das?! Da sterben Kinder! Sieht dir diesen armen, unschuldigen, toten Jungen nur an!“

Täglich sterben zehntausende Kinder. Jedes tote Kind hat seine eigene tragische Geschichte und allzu viele dieser tragischen Geschichten lassen sich zurück verfolgen zum unverantwortlichen Handeln unserer Politiker und unserer Gesellschaft. Niemanden juckt es. Es juckt nur, wenn eine Medienkampagne einen Einzelfall an die Oberfläche zerrt. Ein Einzelfall berührt, tausende Fälle sind nur Statistik, die uns emotional kalt lässt. So ist unsere Psyche gestrickt. Die Herrschenden nutzen das gnadenlos aus. Und wir… lassen uns dirigieren. Weil unsere Psyche nun mal so funktioniert. Ja, man kann sich dagegen abhärten durch Meditation und Selbstreflexion, aber das ist mühsam, anstrengend, mitunter sehr schmerzhaft. Kurzum, zu wenige machen das.

Spiegel Online, die CIA-Pressestelle, präsentiert uns ein aktuelles Heiliges Opfer. Der „kleine Junge mit dem Schild„. Er ist „zum Symbol der Krise geworden“. Ja ja, alles nach dem Methodenbuch des hybriden Krieges, selbst die Slogans wiederholen sich wörtlich. Ein totes Kind, ein gestelltes, dramatisches Foto, emotionale Aufladung bis zum Anschlag (die Welle schwappt von Südamerika bis nach Deutschland rüber). Und – ganz wichtig – die Richtung, in die all die Emotion kanalisiert werden sollen. „Symbol der Krise“. Genau darum geht es. Der Krise ein Symbol zu verleihen, das emotional schmerzt, um die Massen gegen die vermeintlichen Ursachen der Krise aufzubringen. Venezuela ist ein Dorn im Vorhof der USA und nach dem Tod von Chavez ist der Dorn reif, um gezogen zu werden. In Venezuela wird derzeit eine farbige Revolution durchgeführt. Maduro soll weg.

Das gleiche Spiel gab es in der Ukraine. Auch dort gab es Heilige Opfer. Erst die „Das-sind-doch-Kinder!“, die keine Kinder waren und nur verprügelt wurden. Als das nicht reichte, drehte man eine Stufe höher und es gab die „Himmlische Hundertschaft“ – mit echten Toten. Diese medial stilisierten Toten haben die Endphase des Putsches legitimiert. Dank ihnen erzeugte man eine Stimmungslage, in der die Ermordung von Janukowitsch völlig legitim erschien, was ihn zur Flucht veranlasste. Die Stilisierung („Himmlische Hundertschaft“), die Emotionalisierung, die festgelegte Stoßrichtung für die durch Emotionen freigesetzte Energien. Auch hier alles nach dem Methodenbuch.

Das gleiche Spiel finden Sie bei vielen anderen Ereignissen. Wenn Sie wissen, wonach Sie schauen müssen, springt es so auffällig ins Auge, dass es weh tut. Es tut weh zu sehen, wie sehr wir eine Schafherde sind. Und mit welch einfachen Mitteln und Methoden wir teilweise gelenkt werden.

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Sportgroßereignisse im Visier des hybriden Krieges

„Zika-Virus: Wissenschaftler fordern Verlegung von Olympischen Spielen in Rio“. Herrliche Schlagzeile.

Im Methodenbuch des hybriden Krieges der USA steht offensichtlich drin, dass Sportgroßereignisse in unliebsamen Staaten zu verhindern sind. Wenn sie sich nicht verhindern lassen, müssen die Sportevents maximal verunglimpft werden.

Die ausführenden Organe arbeiten die Methode am Fließband ab. Die Verunglimpfung funktioniert bereits sehr gut, wie man an der Berichterstattung zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gesehen hat.

Die WM 2018 in Russland wird schon weit im Vorfeld angegriffen. Maximalziel ist es, Korruption nachzuweisen und die Austragung in Russland zu verhindern. Verunglimpfung ist keine Herausforderung mehr. Die USA wollen sich steigern.

An Brasilien wird getestet, wie das große Kunststück gelingen könnte, einem Land eines der größten Sportevents komplett zu entreißen. Brasilien ist BRICS-Mitglied und arbeitet auf eine multipolare Weltordnung hin. Das ist mehr als genug, um dieses Land zum Feind der USA zu machen. Brasilien hat sich geweigert, das riesige Ölfeld, das vor kurzem in seinen Gewässern entdeckt wurde, US-Ölgiganten zur Nutzung zu übergeben und die Förderrechte stattdessen seinem staatlichen Ölkonzern überlassen. Der freie Markt duldet solche Freiheiten nicht. Wenn Sie über den Ozean schauen, können Sie dort das gesamte Repertoire des hybriden Krieges bewundern, sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung. Dilma Rousseff hat die erste große Schlacht verloren. Ihr Stellvertreter, der nun für ein halbes Jahr ihren Posten übernimmt, hat schon dargelegt, mit welchen Reformen er das Land im Eiltempo in den Abgrund stürzen wird. Ob er auch der Forderung der besorgten Wissenschaftler nachkommt und die Olympischen Spiele im eigenen Land absagt?

Bereits vor Wochen war irgendwo ein lapidarer Einwurf zu lesen, dass der Zika-Virus sich mit freundlicher Unterstützung der US-Biolabore ausbreitet. Eine Verschwörungstheorie. Eine von den besseren. Ein Fall, wo die Theorie zunehmend begründet erscheint. Der Virus kommt zur rechten Zeit im rechten Land und er wird genau passend medial ausgeschlachtet, was jetzt im Versuch kulminiert, Brasilien im Rahmen des hybriden Krieges die Olympischen Spiele zu entreißen. Federführend an der Initiative der Wissenschaftler sind auch die USA. Die WHO teilt die Bedenken nicht.

Das ist nicht der erste Virus, der zur rechten Zeit am rechten Ort erscheint, um den USA zur Hilfe zu kommen. Erinnern Sie sich noch an Ebola? Im Januar 2014 wurde in den USA eine medizinische Studie angemeldet. Ziel: Einen Impfstoff gegen Ebola an gesunden menschlichen Probanden testen. An der Studie beteiligt: Das US-Verteidigungsministerium. Beginn der Studie: Januar 2014. Welch Glück, dass genau zu diesem Zeitpunkt in Westafrika, wo die USA mehrere Biolabore betreiben, Ebola ausbricht und sich bis März zu einer Epidemie auswächst. Diese Studie ist nicht etwa eine Reaktion auf die Epidemie. Der Impfstoff wurde entwickelt und zur Testung angemeldet, als es noch gar keine Epidemie gab.

Das Zika-Virus ist ein von der Rockefeller Foundation patentierter Virus. Vertrieben wird er von zwei Unternehmen, einem aus den USA und einem aus Großbritanien. Man kann den Zika-Virus für ein paar hundert Euro online kaufen.

Wenn sich Zufälle nach einem bestimmten Muster häufen, sind es keine Zufälle mehr. Das Zika-Virus wurde in Brasilien natürlich nicht speziell gegen die Durchführung der Olympischen Spiele eingesetzt. Das Einsatzgebiet ist viel breiter. Man kann die Öffentlichkeit in Hysterie versetzen, der Regierung Mängel im Gesundheitssystem vorwerfen, die Tourismusbranche angreifen und so weiter und so fort. Im Grundprinzip geht es den USA darum, das feindliche Land mit verschiedenen Mitteln zu destabilisieren, um das entstehende Chaos gezielt zu nutzen. Indem man das Land generell schwächt (die „wir halten alle klein„-Strategie). Indem man Leute an die Spitze bringt, die im Sinne der USA regieren werden. Genau das sehen wir gerade in Brasilien. Das Einbringen des Virus und die mediale Ausschlachtung der Folgen ist nur eine Methode von vielen, um Brasilien zu destabilisieren.

Nebenbei wird versucht, Russland möglichst weitgehend von der Teilnahme an den Olympischen Spielen auszuschließen. Das wird mit Doping begründet. Das ist ziemlich witzig, denn nach Dutzenden Dopingskandälen aus aller Welt wissen auch die letzten Hinterwäldler, dass im Spitzensport grundsätzlich systematisch gedopt wird. Aber – welch wundersamer Zufall – es gerät nur der Erzfeind der USA ins besondere Visier von Medien, Anti-Doping-Agenturen und zuständigen Kommitees. Im Fall von Russland soll also nicht nur die WM im eigenen Land verloren gehen, sondern Russland soll grundsätzlich aus dem internationalen Spitzensport isoliert werden.

Die EM in Frankreich könnte auch für Überraschungen sorgen. Die Franzosen stellen sich in den letzten Jahren zu sehr in den Weg der USA und wurden dafür auch schon bestraft. Nein, dass Hollande die umstrittene Arbeitsmarktreform gerade im Vorfeld der EM durchbringen will, ist den USA nicht anzulasten. Aber die vorhandenen Spannungen können sie nutzen, um die Situation mehr oder weniger stark zu eskalieren. An Möglichkeiten mangelt es nicht. Und am Willen wohl auch nicht. Jedenfalls sehe ich nicht, warum die USA der EU eine sorgenfreie Fußball-EM wünschen sollten in der heutigen politischen Großwetterlage. Die EM ist ein Ereignis, bei dem Freundschaften gepflegt werden können, an dem sich die Politik profilieren kann und während dem die Menschen ihre Sorgen vergessen können. Das ist nicht gut. Damit ist die EM leider auch eine Zielscheibe für den hybriden Krieg.

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Nachtrag, 31.05.2016:

Die USA warnen ihre Bürger vor Terroranschlägen in Europa während der EM. Die Anspannung wird erhöht.

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Russlands Eliten stehen hinter Putin

Der Westen schaut genau hin, was in Russland vor sich geht. Nein, nicht die westlichen Medien, die schreiben ihre Hetze ohne hinzuschauen. Aber die Entscheider im Westen, die die Hetze bestellen, bestellen sich auch ein realistisches Bild der Lage, um entscheiden zu können, mit welchen Mitteln sie besonders effektiv gegen Russland Krieg führen können. Seit Gorbatschow besteht die Strategie darin, Russlands Eliten zu nutzen, um Russland von innen heraus zu zerstören. Anderthalb Jahrzehnte war das von großem Erfolg gekrönt. Dann kam eine ähnlich lange Zeitspanne, in der diese Strategie nicht mehr so gut wirkte. Und inzwischen fragt sich der Westen ernsthaft, ob die Strategie überhaupt noch irgendwas bewirkt.

Das russische Volk steht voll hinter seinem Präsidenten. Auch die Regierungspartei hat breite Unterstützung. Aber das Volk ist nur das Volk, man kann es auch ignorieren, wenn man die Eliten für sich eingenommen hat. Wie sieht es mit den heutigen russischen Eliten aus? Das fragen sich westliche Strategen und das Hamilton Colledge aus den USA hat eine Umfrage in den Reihen der russischen Eliten durchgeführt, um eine Antwort zu finden. Die Ergebnisse sind sehr interessant.

Putin und die regierende Partei „Einiges Russland“ werden von russischen Eliten als derzeit alternativlos eingeschätzt. Derzeit bedeutet: noch für ein Jahrzehnt. Auf die Frage, welcher Partei man zugehört oder von welcher Partei man sich am besten repräsentiert fühlt, ist „Einiges Russland“ absolut alternativlos, sagen die russischen Eliten (Tabelle auf Seite 5).

Das aktuelle politische System in Russland findet über die Jahre immer mehr Akzeptanz (nunmehr über 40%). Das westliche Demokratiesystem ist auf der Wunschliste ziemlich abgeschlagen mit weniger als einem Fünftel.

Ganz spannend: 80% der russischen Eliten nehmen die USA als Bedrohung wahr. So viele wie noch nie seit 1993. Und 88% unterstellen den USA feindliche Absichten. Ebenfalls ein Maximum seit 1993. In der Grafik auf Seite 12 ist sehr schön zu sehen, wie sich die Wahrnehmung der USA seit Anfang der 90er veränderte. Von „überwiegend freundlich bis neutral“ hin zu „eher feindlich und sehr feindlich“. Die russischen Eliten sind den USA Mitte der 80er voll auf den Leim gegangen und haben die Sowjetunion zerstört, um im „Klub der Goldenen Milliarde“ aufgenommen zu werden. Inzwischen sind kaum mehr Illusionen übrig geblieben.

Die größten Kopfzerbrechen bereiten russischen Eliten aber nicht die USA, sondern Russlands innere Probleme. Mit großem Abstand. Russland fokussiert sich auf sich selbst. Das zeigt sich auch an der gesunkenen Bereitschaft, Koalitionen einzugehen. Weder China, noch EU und schon gar nicht die USA bekommen eine breite Unterstützung als potentielle Koalitionspartner. „Niemand von ihnen“ ist die häufigste Antwort. Hierzu muss man anmerken, dass nicht nach Ländern wie Weissrussland und Kasachstan gefragt wurde. Es ist sehr gut möglich, dass die Antworten hierzu anders ausfallen würden. In den letzten Jahren jedenfalls vernimmt man in Russland immer stärker die Meinung, dass die zerschlagenen sowjetischen Völker stärker zueinander finden sollten, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen.

Sehr spannend ist die Frage nach der Projektion nationaler Interessen über die eigenen Staatsgrenzen hinweg. In den 90ern bejahten das noch etwa 80% der Eliten, in den 2000ern sank der Wert kontunierlich (unter Putin!), mit dem Tiefpunkt 2012 mit unter 50% Bejahung. In der aktuellen Umfrage stimmen wieder über 80% der Eliten zu, dass Russland auch über seine Grenzen hinaus seine Interessen verfolgen sollte. Sehr vernünftig. Die Eliten sind entsprechend voll auf Kurs, wenn es um die Konflikte in Ukraine und Syrien geht. Spannend (für Leser aus dem Westen), dass weder die russischen Eliten noch das einfache Volk die Unterstützung von Assad als wichtigen Grund für den Militäreinsatz in Syrien ansehen.

Etwa alle vier Jahre führen die USA so eine Umfrage der Eliten in Russland durch. Seit 1993 sind es jetzt sieben Umfragen in der russischen Elite. „This series is the only longitudinal Russian elite survey data available in the world and as such, it constitutes a unique resource for the scholarly and policy communities.“ (S. 23, Hervorhebung von mir.)

Die USA messen Russlands Puls. Diese Umfragen werden auf den Tischen von Politikern und Strategen landen und diese werden sich überlegen, welches Vorgehen gegen Russland erfolgversprechend erscheint angesichts der dortigen Situation. Spielen Sie dieses Spiel einmal mit. Sie sind Stratege am National War College und sollen im Rahmen der Herzland-Theorie eine Russland-Strategie für die kommenden zehn Jahre ausarbeiten. Ihr jährliches Budget ist eine Milliarde Dollar. Wie würden Sie das Geld ausgeben? Welchen Einfluss hat die Stimmungslage der russischen Eliten auf Ihre Entscheidung? Während Sie diesen Artikel lesen, arbeiten viele Spezialisten in verschiedenen Bildungseinrichtungen und Behörden an solchen Aufgabenstellungen. „Stellen Sie drei Szenarien auf, rechnen Sie diese durch und geben Sie eine begründete Empfehlung für eines der Szenarien ab“.

PS: Ersetzen Sie „Russland“ durch „EU“ und Sie erhalten ein weiteres spannendes Spiel für verregnete Wochenenden.

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