Hybrider Krieg an einem konkreten Beispiel

Seit der Münchner Sicherheitskonferenz rollt eine neue PR-Kampagne durch Deutschland. Russland habe den „hybriden Krieg“ erfunden und bekämpfe damit die freie westliche Welt.

Was ist eigentlich „hybrider Krieg“? Ein Beispiel.

In Russland steht seit einigen Monaten eine Stadt im Brennpunkt des öffentlichen Interesses: Ekaterinburg. Ekaterinburg ist ein sehr wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Russland. In Ekaterinburg sitzt nicht nur ein mächtiger Stadtrat, sondern auch der Gouverneur der Region. Ekaterinburg hat eine eigene US-Botschaft. Eine sehr aktive und mit dem Stadtrat eng vernetzte Botschaft. Ekaterinburg ist ein innerrussischer Stützpunkt der USA, um von innen heraus das Land zu destabilisieren. Wie macht man sowas?

Ein wenig bekannter Unternehmer verkauft derzeit in der Nähe von Ekaterinburg Grundstücke für den Häuserbau. Beworben werden die Grundstücke mit der ruhigen Wald-und-Wiesen-Lage und mit günstigen Preisen. Aber: in unmittelbarer Nähe ist 2013 der Ausbau des Schienennetzes beschlossen worden. Und der Bau einer neuen Bundesstraße ist ebenfalls schon beschlossen worden. Die zum Verkauf angebotenen Grundstücke liegen zufällig genau dort, wo die Straße verlaufen wird. Die Informationen darüber kann man sich aus offiziellen Regierungsdokumenten beziehen. Auf die kritischen Nachfragen der Journalisten gerät der Verkäufer massiv ins schlittern. Er kann nur sehr wenige Dokumente vorweisen und die sind auch noch vom sehr frühen Planungsstadium – also alles unverbindlich. Der vom Verkäufer versprochene Anschluss an das Gas- und Stromnetz etwa ist ein reines Versprechen, das durch nichts gedeckt ist. Es gibt ein Planungsdokument zum Bau der Leitungen und mit diesem Planungsdokument geht der Verkäufer hausieren, aber weder sind diese Pläne mit den Netzbetreibern abgesprochen, noch sind sie anschließend von der Verwaltung genehmigt.

Dort, wo die Grundstücke verkauft werden, ist keine neue Siedlung genehmigt, sondern verbindlich der Bau einer Straße beschlossen. Das heißt die Grundstücksbesitzer werden im Zweifelsfall umgesiedelt. Verkauft wird trotzdem. Es wird auch kräftig dafür geworben. Zum Beispiel auf der Seite des altehrwürdigen lokalen sozialen Netzwerks e1.ru. Dieses Portal hat eine enorme Reichweite in der Region. In den Foren dieses sozialen Netzwerks wurden seit der Gründung viele kritische Informationen aus allen Blickwinkeln geteilt, so dass die Plattform hohes Ansehen und Vertrauen bei den Bürgern genießt.

Die oben dargestellten Informationen über die Gefahren des Kaufs besagter Grundstücke gelangten auch nach e1.ru. Wenig später verschwinden vom Portal alle kritischen Informationen über die neue Siedlung. Die Werbung aber bleibt. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass die Chefmoderatorin der e1-Foren persönlich für die Löschung der Beiträge verantwortlich ist.

Der Besitzer des Portals ist seit kurzem „Hearst Shkulev Digital. Ural“. Auf Nachfrage teilt der Leiter der Justizabteilung mit, dass es der Gesellschaft aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten egal ist, ob Werbung wahrheitsgetreu ist oder nicht. Er verteidigt sich auch ein wenig damit, dass man in den Foren jedem Gelegenheit gibt, sich mitzuteilen. Wie erklärt er dann, dass die Beiträge, die auf die Probleme mit diesen Grundstücken hinwiesen, gelöscht wurden? Das werde man gar nicht erklären, war die Antwort.

Seitdem „Hearst Shkulev Digital. Ural“ e1.ru übernommen hat, atmet das Portal einen neoliberalen Geist. (Neoliberal in Russland = Position der US-Regierung.) Eine Recherche über die Wurzeln der Hearst Shkulev fördert zutage, dass der US-Medienkonzern HearstCorporation (1887 gegründet, 17500 Mitarbeiter) über eine Kette von Tochterfirmen Besitzer der Hearst Shkulev ist.

Wer des russischen mächtig ist, kann sich im verlinkten Beitrag und zusätzlich hier im Detail darüber informieren, wie viele russische regionale Medien in US-Hand sind. Hunderte Print- und Online-Medien sowie hunderte populäre Foren. Und die Suche hat gerade erst begonnen.

Zurück zur Wohnsiedlung. Das Portal e1.ru schaltet Werbung für die Grundstücke. Schon jetzt ist absehbar, dass die Käufer hinters Licht geführt werden. Sie werden Kredite aufnehmen und bald feststellen, dass ihr Traum zum Alptraum wird, weil der versprochene Gasanschluss nicht da ist, die „ruhige“ Lage sich genau zwischen einer Bundesstraße und einer Eisenbahnlinie befindet und das Grundstück womöglich überhaupt nicht bebaut werden darf, weil es genau auf der Strecke eben dieser Straße oder Eisenbahn liegt.

Wer verhindert gerade aktiv, dass die Menschen in der Region auf diese Probleme hingewiesen werden? e1.ru.

Und wer wird die Probleme der jetzt betrogenen Menschen maximal ausschlachten und die Regierung verantwortlich dafür machen, dass sie den Menschen deren Wohnträume zerstört? Sie ahnen es schon. e1.ru und andere US-kontrollierte Medien.

US-gelenkte Medien in Russland sind in letzter Zeit schon dadurch aufgefallen, dass sie genau dann Skandale gegen die föderalen Politiker anheizen, wenn diese Politiker versuchen, die Netzwerke der USA mit ihren russischen Verbündeten zu stören.

Über Medienkonzerne wie die HearstCorporation nehmen die USA russische Medien bis tief auf regionaler Ebene in Besitz. Am eben beschriebenen Beispiel mit den Grundstücken sieht man, wie mit tatkräftiger US-Unterstützung innenpolitische Bomben platziert und gepflegt werden. Wenn die Bombe platzt, wird die Wirkung der Explosion mit Hilfe eines inzwischen sehr breiten Mediennetzwerks maximal erhöht.

So sieht er aus, der hybride Krieg. Russland lernt gerade, sich in diesem Krieg zu behaupten. Dabei findet Russland gerade zu einer neuen Art des Journalismus: einem echten Journalismus 2.0. Online-Medien rufen die Leser auf, sich aktiv an den Recherchen zu beteiligen. Der Leser-Input wird überprüft und verarbeitet. Die Resonanz ist gewaltig und die Erfolge sind beachtenswert.

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Ein Kommentar zu “Hybrider Krieg an einem konkreten Beispiel
  1. pasparos sagt:

    Kurze Anmerkung: Die USA unterhalten in Ekaterinburg keine Botschaft sondern ein Generalkonsulat. Und das ist an sich nichts Außergewöhnliches – genauso könnte man beispielsweise auch Frankfurt, Hamburg oder München als innerdeutschen Stützpunkt Russlands bezeichnen.