Russlands Militäreinsatz in Syrien

Seit über einem Jahr bombardiert eine Koalition der Freiwilligen unter Führung der USA IS-Ziele im Irak, später auch in Syrien. Über 7000 Schläge auf IS-Ziele wurden durchgeführt. Mit welchem Effekt? Man erkennt es leicht auf der Karte:

Erfolge der US-Operationen gegen den IS

Schwarz eingezeichnet sind die vom IS kontrollierten Territorien. Rot sind die Flächen, die IS im ersten Halbjahr 2015 verloren hat, grün sind die Flächen, die der IS im gleichen Zeitraum erobert hat.

Wir sehen die Fangarme des IS, die nach Bagdad greifen und wir sehen, dass diese abgehackt wurden. Wir sehen außerdem, dass die Kurden im Norden Syriens größere Gebiete erobert haben. Wir sehen auch, dass der IS in Richtung Damaskus vorrückt.

Insgesamt sehen wir, wie die USA den IS vom Osten und Norden her nach Südwest treiben. Sie zerstören den IS nicht, sie kontrollieren lediglich seine Stoßrichtung.

Nun hat sich Russland eingeschaltet. Seit zwei Wochen bombardiert ein Kontingent der russischen Luftwaffe den IS und andere „moderate Rebellen“. Die Hysterie in der westlichen Presse ist groß.

Betrachten wir das große Ganze. Der IS ist ein Werkzeug der USA, ein Rammbock, um bestehende Grenzen im Nahen Osten aufzulösen. Die „moderaten Rebellen“ sind aus der gleichen Werkzeugkiste und dienen dem genau gleichen Zweck. Man hat sie erfunden, um die Ausbildung und Versorgung von Terroristen im Nahen Osten öffentlich zu rechtfertigen, nachdem es nicht mehr verheimlicht werden konnte.

Der große Unterschied.

Der IS vereint viele komische Zufälle in sich. Geboren im komplett von der USA kontrollierten Irak, fördern seine Aktivitäten strategische US-Ziele. Der IS hat es auf die Länder abgesehen, die den USA ein Dorn im Auge sind: Irak, Syrien. Zufälligerweise hat der ultrabrutale, radikalislamistische IS nichts gegen Israel einzuwenden und bisher überhaupt nichts gegen Israel unternommen.

Israel dagegen nutzt die Gunst der Stunde, um seinen Feind Syrien mit Agenten zu überfluten und um direkt militärisch einzugreifen – gegen Syrien, nicht gegen den IS. Wie massiv Israel in Syrien mitmischt, merken Sie zum Beispiel daran, dass rechtzeitig vor dem Beginn des russischen Luftwaffeneinsatzes ein israelisch-russisches Koordinationszentrum eingerichtet wurde. Netanjahu ist zeitgleich dazu in Moskau gewesen, was den Ernst der Situation nur zusätzlich unterstreicht.

Dass ein solches Koordinationszentrum nötig ist, zeigt uns, dass Israel sehr aktiv auf syrischem Gebiet operiert. Und es zeigt uns ein weiteres mal, dass Atommächte aus strategischen Gründen nie in direkten Konflikt miteinander geraten dürften. Israel ist eine sehr ernstzunehmende Atommacht. Aus dem gleichen Grund wurde auch ein Koordinationszentrum zwischen USA und Russland eingerichtet. Drei Atommächte tummeln sich jetzt in Syrien.

Um zu verstehen, warum in Syrien das passiert, was da gerade passiert, muss man zurück schauen und den Fall Libyen studieren. Lassen wir die Gründe für den Zorn der USA auf Gaddafi außer Acht und halten einfach fest, dass beschlossen wurde, ihn zu entfernen. Mit einer friedlichen farbigen Revolution ließ sich Gaddafi nicht stürzen, also musste nachgeholfen werden. Zuerst mit Rebellen, die das Land in einen Bürgerkrieg stürzten, später mit einer Flugverbotszone, welche von der NATO für Bombardements genutzt wurde. Nachdem Libyens Militär entscheidend geschwächt und Libyens Infrastruktur massiv zerbombt wurde, war es den Rebellen endlich möglich, das Land ins Chaos zu stürzen. In dem das Land bis heute verweilt und aus dem das Land nicht herauszuholen ist, wenn die USA ihre Zustimmung dazu versagen.

In Syrien wiederholt sich das gleiche Spiel. Assad kam auf die schwarze Liste der USA. Eine farbige Revolution wurde initiiert, führte aber nicht zum Erfolg. Es tauchten Rebellen auf, die die nächste Eskalationsstufe (Bürgerkrieg) einleiteten. Immer noch kein Erfolg. Als nächstes kommt: die Flugverbotszone. Die genutzt wird, um die syrische Armee entscheidend zu schwächen. In der Folge stürzen die Rebellen das Land ins Chaos.

Die Flugverbotszone ist der Schlüssel. Wie die Financial Times berichtet (Artikel mit Zugriffsschranke, aber Google Cache bietet vollen Zugriff), wurde erst vor wenigen Wochen, nach monatelangen Verhandlungen, eine Flugverbotszone über Syrien vereinbart, „to end the Assad regime’s bombing of civilians in northern and southern Syria“, wie es heißt, oder im Klartext: um Assad endlich zu stürzen. Die Vereinbarung basiert auf jordanischen und türkischen Plänen. Die EU ist Teil der Koalition, die sich an diesem Plan beteiligt. Es wird ein europäischer Diplomat zitiert, der gesagt hat, dass die EU sich von der Flugverbotszone eine politische Lösung des Konflikts (= Assads Sturz) erhofft. Im Beitrag wird klar formuliert, dass Russlands Luftwaffenpräsenz in Syrien diesen Plan begraben hat. Hillary Clinton hat eine Flugverbotszone über Syrien noch am 2. Oktober propagiert, als Russland bereits Luftangriffe über Syrien flog.

Betrachten wir die Situation nun aus Russlands Perspektive.

Der IS ist noch damit beschäftigt, Syrien zu bekämpfen. Was tun die Kämpfer, wenn sie damit fertig sind? Sie suchen sich neue Ziele. Zu den neuen Zielen gehört auch der Kaukasus, Russlands südliche Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Der Kaukasus wird von den USA seit dem Afganistan-Krieg der 80er Jahre als Einfallstor für Islamisten genutzt. Viele von den Tschetschenienkriegen übrig gebliebenen Rebellen kämpfen heute in den Reihen des IS und anderer Terroristengruppen. Junge, radikal eingestellte Tschetschenen sind dazugekommen.

Das große Kriegsgebiet des Nahen Ostens gebiert Tausende kampferprobte Rebellen und Terroristen. Das sind Leute, die keine Angst vor dem Tod haben, die im Krieg ruhig und abgebrüht agieren. Das sind Leute, die keinen Platz in ihrer Heimat gefunden haben und deshalb zur Rebellion bereit sind. Das sind Leute, die gelernt haben, Probleme mit Krieg zu lösen. Weder hat Russland Lust, dass durchs Feuer gegangene tschetschenische Terroristen zurück nach Russland kommen, noch hat Russland Lust, dass das Chaos im Nahen Osten sich weiter verbreitet und noch mehr Terror gebiert.

Chaos und Staatenlosigkeit im Nahen Osten behindern auch die eurasischen Integrationsbemühungen von Russland und China. Wie können geplante Straßen, Schinennetze und Pipelines im und durch den Nahen Osten gebaut werden, wenn dort Chaos herrscht? Gar nicht. Infrastrukturprojekte setzen Stabilität und Sicherheit voraus.

Vergessen Sie Assad. Es geht nicht um Assad. Weder für den Westen, noch für Russland. Der Name des aktuellen syrischen Staatsoberhauptes ist völlig beliebig. Es geht um Syrien. Es geht darum, was mit Syrien geschehen wird. Es geht darum, ob der Staat Syrien zerstört wird oder ob er bestehen bleibt. Die USA arbeiten an der Zerstörung Syriens, Russland am Erhalt. Betrachten Sie auch die verschiedenen Terror- und Rebellengruppen in Syrien durch dieses Prisma und Sie werden verstehen, warum wer wen bekämpft.

Russland arbeitet schon lange an einer Koalition gegen den IS. Das Ziel ist eine echte Terroristenbekämpfung und der Erhalt der syrischen Staatlichkeit. Die angestrebte Koalition wurde gebildet. Russland, Iran, Irak und Syrien haben sich auf einen Plan verständigt.

Der Plan sieht so aus: Russland stellt seine Luftwaffe zur Verfügung, um dem IS (und allen anderen Banden, die an der Zersetzung des syrischen Staates arbeiten) einen empfindlichen Erstschlag zu verpassen. Kommandozentren, Waffenlager und andere Infrastrukturobjekte des IS und der Rebellen werden aus der Luft zerstört. Damit allein kann aber kein Krieg gewonnen werden. Hier kommen nun die anderen ins Spiel. Syrien wird auf seinem Gebiet eine Bodenoffensive starten, unterstützt von Iran, Hisbollah und den Kurden. Irak als geographisches Bindeglied zwischen Iran und Syrien öffnet Luftraum und Verkehrswege für die Koalitionspartner. Russland und Iran unterstützen auch mit Waffen und Munition. Wenn das Chaos beseitigt ist, wird die Macht in Syrien neu aufgeteilt. Assad wird vielleicht sogar gehen, aber nicht so, wie die USA es wollen, und nicht mit den Folgen, die die USA haben wollen.

Die sichtbaren russischen Vorbereitungen begannen im September. Sie waren betont sichtbar. Russische Schiffe mit unverdecktem Kriegsgerät an Bord sind durch den Bosporus gefahren und die Soldaten haben sich dabei fotographiert und die Fotos ins Netz gestellt. Was hat sich unsere Presse die Mäuler darüber zerrissen. Russische Detektiv-Blogger haben die Fotos gesammelt und SPON & Co haben eine schreiende Schlagzeile nach der nächsten daraus produziert. Es würde mich nicht wundern, wenn die russischen Internet-Detektive, die unsere Presse hochgejubelt hat, in Wirklichkeit Agenten russischer Geheimdienste waren. Hätte Russland die Waffenlieferungen geheim halten wollen, hätte es das getan. Der Westen sollte es sehen. Die richtigen Leute haben das Signal verstanden.

Es ist der westlichen Presse bei all dem übrigens nicht gelungen, einen juristischen Makel aufzudecken. Russland hat Rüstungsverträge mit Syrien. Die russischen Soldaten in Begleitung des Kriegsgerätes sind eine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht. Egal, an wen Russland militärisches Gerät ausliefert, ein Kontingent der Armee bewacht die Lieferung bis zur korrekten Übernahme. Alle Leistungen der russischen Armee in Syrien sind mit der Syrischen Regierung koordiniert und erfolgen nur in Absprache. Russland wurde von der syrischen Regierung um militärische Hilfe gebeten.

Nach geltendem internationalem Recht dürfen Staaten auf dem Gebiet anderer Staaten nur dann militärisch eingreifen, wenn sie darum gebeten wurden oder wenn es einen entsprechenden UN-Beschluss gibt.

Im Westen wird Panik geschürt ob eines möglichen russischen Bodentruppeneinsatzes. Lassen Sie sich davon nicht veralbern. Russische Bodentruppen in Syrien wären ein Traum für die USA. Eine solche Falle haben sie der Sowjetunion in Afghanistan gestellt und das würden die USA liebend gern wiederholen. Russland wird den Fehler aber nicht noch einmal machen. Für die Bodenunterstützung sind andere Koalitionspartner zuständig. Lassen Sie sich auch nicht russische Instruktoren als Bodentruppen verkaufen. Russland liefert komplexe Militärtechnik nach Syrien. Der Umgang damit ist nicht selbsterklärend, bei manchen Systemen muss ein halbes Dutzend Soldaten koordiniert miteinander handeln. Wartung und Reparatur müssen auch beigebracht werden. Daneben gibt es in Syrien russische Militäreinheiten mit speziellen Aufgaben, wie etwa die Wiederherstellung der Radiokommunikation der syrischen Armee. Die Rebellen haben nämlich die Radiokommunikation der syrischen Armee technisch unterdrückt. Fragen Sie bei der türkischen Armee nach, mit welchen Technologien man das bewerkstelligt. Russland kann auch gegen solche Störeinflüsse sichere Kommunikation aufbauen und tut das in Syrien. Nicht zuletzt werden russische Militärexperten in Syrien unterwegs sein, um die Wirkung der Luftschläge genau zu analysieren.

Ende September war alles vorbeiretet. Pünktlich zur 70. UN-Generalversammlung. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Putin hat vor aller Welt alle eingeladen, den IS ernsthaft zu bekämpfen. Das ist ein diplomatischer Schachzug. Was Putin in Russland bekannt gibt, auch wenn es an die ganze Welt gerichtet ist, muss nicht in der ganzen Welt gehört werden. Wenn Sie im Westen leben, werden Sie nichts von Putins konstruktiven Vorschlägen mitbekommen. Ihnen präsentiert man nur Hitler-Vergleiche und lenkt Sie mit debilen Psychoanalysen Putins vom Wesentlichen ab.

Eine UN-Generalversammlung ist schon ein ganz anderer Maßstab. Bei aller medialer Macht kann der Westen nicht vollständig unterdrücken, was hier gesagt wird (auch wenn die Bemühungen zur Auslassung, Verdrehung, Ablenkung und Lüge kolossal sind, schauen Sie sich etwa dieses Beispiel an). Und so findet Putins Einladung, gemeinsam den IS zu bekämpfen, in aller Welt Gehör. Wenn die US-Koalition der Einladung folgt, ist es gut für alle, außer für die US-Koalition. Wenn die USA der Einladung nicht folgen, entlarven sie sich in der breiten Öffentlichkeit. Eine Falle.

Der einzige Schutzschild der USA ist ihre Behauptung, dass Assad kleine Kinder bombardiert und man keiner Koalition beitreten könne, in der Assad mit vertreten ist. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt solcher Vorwürfe kann sich diese Haltung als Falle erweisen, wenn der IS tatsächlich besiegt wird und die Macht in Syrien neu verteilt wird. Eine internationale Krise wäre ohne US-Beteiligung (und sogar gegen deren Wirken) gelöst. Das wäre der Moment, in dem der Junge schreit: „Der König ist nackt!“.

Ein Teil der US-Eliten ist sich dessen bewusst. Derzeit kann man eigentlich nicht von den USA als einem Teilnehmer im Syrienkrieg sprechen. Die USA sind mit zwei Lagern vertreten: Die Radikalen und die Gemäßigten. Verwechseln Sie das nicht mit Republikanern und Demokraten. Verwechseln Sie das nicht mit Guten und Bösen. Es geht um die Eliten hinter der Politik, es geht um das ganz große Geld. In der Politik haben beide Lager in beiden US-Parteien ihre Marionetten. Hillary Clinton etwa vertritt als Demokratin das radikale Lager. McCain tut es aus den Reihen der Republikaner. Obama, Kerry und Biden sind Vertreter der Gemäßigten. Beide Lager sind moralisch auf dem gleichen Niveau. Sie unterscheiden sich nur darin, welche Mittel sie als zweckdienlicher ansehen. Die Radikalen wollen alles mit dem Knüppel lösen. Die Gemäßigten sind nicht etwa friedfertiger, sie glauben lediglich, dass andere Mittel (z. B. TTP und TTIP), zur Not sogar Kompromisse, in der aktuellen Situation risikoärmer oder günstiger sind.

Nehmen Sie beispielsweise Hillary Clinton, die an Obamas Seite gewirkt hat. Sie distanziert sich derzeit von allen Projekten Obamas: gegen TTP, gegen Obamacare (das große innenpolitische Vermächtnis von Obama), für eine Flugverbotszone in Syrien (damit für eine aggressive militärische Lösung auch gegen Russlands Widerstand). Ein anderes Beispiel: Condoleezza Rice (ehemalige Außenministerin) und Robert Gates (ehemaliger Verteidigungsminister) machen schon in der Überschrift die Richtung klar: „How America can counter Putin’s moves in Syria“. Bei den Radikalen ist Konfrontation gegen Russland angesagt. Das hat höhere Priorität, als gemeinsam den IS auszulöschen. Und dann noch Ashton Carter, derzeitiger Verteidigungsminister: „Russia will pay price for Syrian airstrikes„.

Der Ankündigung sind bereits Taten gefolgt. Die USA versorgen die Rebellen mit Munition, und die US-Partner versorgen die Rebellen mit stärkeren Waffen.

Vergleichen Sie das zum Beispiel mit der Rede von US-Außenminister John Kerry vom 30. September. Russland begann mit den Luftschlägen und Kerry hat praktisch das US-Einverständnis dazu verkündet. Ein paar Ausschnitte:

We also need to exert pressure in support of peace, perhaps one of the most important components of our responsibility in places such as Libya, for instance, where instability feeds the kind of chaos and fear in which extremist organizations thrive – and we see that now with the presence of ISIL in Libya.

Hui, die USA übernehmen die Verantwortung für das Chaos in Libyen.

Now, I’d like to add a few thoughts about Syria, specifically, ISIL and Russia. The United States supports any genuine effort to fight ISIL and al-Qaida-affiliated groups, especially al-Nusrah. If Russia’s recent actions and those now ongoing reflect a genuine commitment to defeat that organization, then we are prepared to welcome those efforts and to find a way to de-conflict our operations and thereby multiply the military pressure on ISIL and affiliated groups.

Herzlich willkommen, russischer Militäreinsatz!

But we must not and will not be confused in our fight against ISIL with support for Assad. Moreover, we have also made clear that we would have grave concerns should Russia strike areas where ISIL and al-Qaida-affiliated targets are not operating. Strikes of that kind would question Russia’s real intentions fighting ISIL or protecting the Assad regime.

Zur UN-Generalversammlung war die Frage um Assads Zukunft noch nicht geklärt. Achten Sie auf diplomatische „Kleinigkeiten“: Die USA wären „sehr besorgt“, wenn Russland die falschen Terroristen beschießt. Ohne Ankündigung von Konsequenzen, was in so einem Fall passieren würde. Die Botschaft an Russland: Wenn ihr macht, was ihr wollt, können und werden wir nichts dagegen machen, außer herumjammern. Die Botschaft ans heimische Publikum: Wir halten die Russen schon im Zaum, damit sie keinen Unfug treiben.

Wie schon gesagt, ist Assads Persönlichkeit völlig nebensächlich. In der EU stimmt man die Zombies schon darauf ein, dass Assad auch „übergangsweise“ – und auf unbestimmte Zeit – bleiben könne, wenn es denn sein soll, um gemeinsam den IS zu bekämpfen. Weiter mit Kerry:

Now, we have informed Russia that we are prepared to hold these de-confliction talks as early as possible – this week.

As President Obama said on Monday, “The United States is prepared to work with any nation, including Russia and Iran, to resolve the conflict. But we must recognize that there cannot be, after so much bloodshed, so much carnage, a simple return to the pre-war status quo.”

So in conclusion, I call on all concerned governments – including Russia, including Syria – to support a UN initiative to broker a political transition.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Obama erst vor einem Jahr die drei großen Seuchen benannte? Ebola, IS und Russland. Plötzlich ist Russland willkommener Partner in einer großen US-russischen Streitfrage. Die Gemäßigten in den USA haben erkannt, dass die Keule sie nicht weiter bringt.

Wir konstatieren eine tiefe Spaltung der US-Eliten. So sieht der Untergang eines Imperiums aus. Große Eroberungen sind nicht mehr möglich. Die Elitten ringen um den verbliebenen und weiter schwindenden Besitz. Politisch hat man die Wahl zwischen schlecht und schlecht, so dass sich kein Konsens einstellen mag.

Zurück nach Syrien und hinein ins Kampfgetümmel. Nach der Ankündigung bei der UN-Vollversammlung schritt Russland zur Tat. Seit knapp zwei Wochen werden IS und andere „moderate“ Rebellen bombardiert. Alle Rebellen, die offiziell moderat sind, werden damit vor die Wahl gestellt: zur von Russland angeführten Koalition wechseln (faktisch: sich der syrischen Armee anschließen) oder… sterben. Dadurch wird an den Fronten Klarheit geschaffen.

Bei dieser Strategie ist das psychologische Moment wichtiger als der Kampf selbst. Syriens Oppositionelle vor Ort sind Opposition geworden, weil ihnen von US-Eliten versichert wurde, dass sie nach einer Übergangsphase und Assads Sturz zur neuen Macht im Lande gehören würden. Das ist die ganz normale menschliche Eigenschaft, sich im Wind zu drehen. Man lehnt sich an den stärkeren an. Man unterwirft sich dem aktuell stärksten Spieler, egal wer es ist. Und bei Gelegenheit versucht man die Hierarchieleiter aufzusteigen. So eine Gelegenheit bot sich den Syrern. Wenn sich der Wind dreht, drehen sich die Oppositionellen auch wieder.

Russland Einsatz drehte den Wind um. Aber wie oben schon verlinkt, pusten die USA bereits aus der Gegenrichtung und intensivieren die Waffenlieferungen an die Rebellen. Das macht die Entscheidung wieder schwer. Wohin soll man sich drehen, wenn der Wind aus allen Richtungen bläst? Wenn dieser Zustand weiter anhält, wird er den Krieg enorm verlängern. Ob er anhält oder nicht, hängt davon ab, welches Lager in den USA die Überhand nimmt. Obama hat am 2. Oktober angekündigt, dass die USA keinen Stellvertreterkrieg beginnen werden. Zehn Tage später berichten US-Medien (siehe oben), wie die USA einen Stellvertreterkrieg in Syrien beginnen. Es ist nicht das erste mal, dass das Radikale Lager Obama symbolisch eins auswischt, indem es das Gegenteil dessen geschehen lässt, was Obama verkündet.

Was gibt es über den russischen Einsatz noch interessantes zu berichten? Durchaus einiges. Zum Beispiel die Tatsache, dass Russland die Gelegenheit selbstverständlich nutzt, um verschiedene Waffensysteme im realen Krieg zu testen und zu vergleichen. Das passiert systematisch. Die eingesetzten Flugzeuge setzen sich beispielsweise aus neueren Su-30 und Su-34 und den alten Su-24 und Su-25 zusammen. Spannend: die neuen Flugzeuge tragen selbstnavigierende Raketen. Die Treffen ihr Ziel genau, sind aber extrem teuer. 100.000 $ pro Rakete sind keine Besonderheit. Die alten Flugzeuge bestückt man mit einfachen, günstigen Bomben. Die können nichts anderes als passiv zu fallen. Problem: Ob und welches Ziel getroffen wird, ist schwer vom Zufall abhängig. Russische Problemlösung: Man modernisiert die Flugzeuge mit einer speziellen Software, die unter Berücksichtigung der aktuellen Witterungsverhältnisse und gestützt auf GLONASS-Koordination (russisches GPS) das Flugzeug so positioniert, dass die abgeworfene Bombe unter der Einwirkung der Schwerkraft eine punktgenaue Landung vollführt. Das System ist seit einigen Jahren im Einsatz und findet den besten Zuspruch bei den Luftstreitkräften. Vorteil: billige Bomben können mit der Genauigkeit von selbstnavigierenden Raketen abgeworfen werden. Nachteil: Das Flugzeug kann nicht von überall her feuern, sondern nur aus bestimmter Position. Das bedeutet, dass das Flugzeug verwundbar ist, weil es unter Umständen in eine Zone reinfliegen mus, die der Feind mit Luftabwehrsystemen kontrolliert. In Syrien stellt sich dieses Problem (noch) nicht, weil die Rebellen mit ihren portablen Luftabwehrsystemen nicht so hoch schießen können, wie die russichen Flugzeuge fliegen.

Interessant ist auch, dass Russland nicht nur Kampfflugzeuge, sondern auch effektive S-300 Flugabwehrsysteme nach Syrien gebracht hat. Ein zartes Signal an die US-Koalition, dass sich ihre Luftwaffe besonnen verhalten sollte. Und eine klare Absage an die geplante Flugverbotszone. Russland hat das internationale Recht auf seiner Seite: Es verteidigt auf Syriens Bitte den syrischen Luftraum. Die US-Koalition dringt dagegen ohne Syriens Bitte und ohne UN-Beschluss täglich in den syrischen Luftraum ein und bombadiert ohne irgendwelche Absprache mit Syrien irgendwelche Ziele. Juristisch gesehen hat Russland die Erlaubnis, US-Kampfflugzeuge über syrischem Luftraum abzuschießen. Die Gefahr, dass es in der Praxis so weit kommt, ist aber sehr gering.

Interessant ist eine weitere russische Botschaft: Russland hat den IS vom Kaspischen Meer aus mit Kalibr-Raketen beschossen (Video). Wenn Sie auf der Karte schauen, stellen Sie fest, dass die Raketen eine Entfernung von etwa 1500-2000 km überbrückt haben und dabei Iran und Irak überflogen haben. Das ist eine Ansage in vielerlei Hinsicht. Vor allem auch an die USA. Russland kann allein vom kaspischen Meer den gesamten Nahen Osten mit selbstnavigierenden Raketen erreichen, ohne dass der Westen unmittelbar etwas dagegen tun kann. Putin hat das kommentiert:

Es ist eine Sache, auf Expertenlevel zu wissen, dass Russland solche Waffen wohl besitzt. Es ist eine andere Sache, sich zu vergewissern, dass Russland gewillt ist, diese Waffen einzusetzen, wenn es den nationalen Interessen unseres Staates und des russischen Volkes entspricht.

Eine Warnung an das Lager der Radikalen in den USA. Eine Einladung zumindest an die nicht voll entschlossenen, ihre Position zu überdenken. Ein Versuch, das Gleichgewicht der Radikalen und Gemäßigten zu stören und das Kräfteverhältnis in Richtung der moderaten US-Eliten zu kippen.

In Syrien wird entschieden, ob der Nahe Osten tiefer im Chaos versinkt oder ob es eine Wende hin zur Stabilität geben wird. Das ist der Grund des aktuellen Krieges. Der Anlass der russischen Beteiligung sind die Pläne des Westens, eine Flugverbotszone über Syrien einzuführen und Assad wegzubomben wie Gaddafi in Libyen. Die Entscheidung ist damit vertagt. Für wie lange sie vertagt ist, hängt davon ab, ob sich im Westen die Moderaten oder die Radikalen durchsetzen können.

 

Nachtrag, 25.11.2015: Im Text war ein Fehler: Die Syrien unterstützenden Bodentruppen kommen natürlich nicht von der Hamas (wie ursprünglich geschrieben), sondern von der Hisbollah. Der Fehler ist korrigiert. Danke an den aufmerksamen Leser für den Hinweis!

Veröffentlicht in Analysen Getagged mit: , , , , , , ,
6 Kommentare zu “Russlands Militäreinsatz in Syrien
  1. Migrationsproblem sagt:

    Migration ist hauptsächlich ein Problem für Migranten, denn Menschen flüchten ja nicht aus Lust und Tollerei, sondern weil sie sich dazu gezwungen sehen. Es bleibt daher nur zu wünschen, dass sich die Situation in ihrer Heimat baldmöglichst (Dank dem Einsatz der Russischen Armee) zum Besseren wendet und ein Wiederaufbau beginnen kann. Die meisten Syrer wünschen die Rückkehr in eine friedliche Heimat.

  2. Russophilus sagt:

    Wie man es mittlerweile gewöhnt ist von Analitik: Ein gut recherchierter, gut durchdachter und gut geschriebener Artikel.

    Dankeschön, Analitik.

  3. Thomas Roth sagt:

    Analitik, toller Artikel. Lange nicht so was Gutes zu lesen bekommen. Danke!

  4. Paul Stercken sagt:

    Alles schön und richtig. Nur erscheinen mir die ganzen Betrachtungen ähnlich gelagert, wie bei der Begutachtung einer Nebenrolle, wenn auch in dieser Folge herausragend vielgesichtig dargestellt, in der soundsovielten Folge in einer Serienoper. Sicher kann man darüber hin- und herwenden, es ändert nichts.
    Hier hilft nur ein unerwarteter Schlag von innen. Es wäre endlich an der Zeit, z.B. von der Patriot-Abwehranlage FRIENDLY FIRE zu geben.

  5. ped43z sagt:

    Mit Freude stelle ich fest, dass es ein stetiges Wachstum politisch engagierter und kompetenter Blogs gibt. Dazu ist dieser hier auf jeden Fall zu zählen. Eine Klasse-Artikel!
    Wobei er – verständlicherweise – nicht alle Aspekte des Syrien-Konflikts anreißen konnte (Rolle der Golf-Diktaturen und der Türkei, der EU einschl. ihrer Sanktionspolitik und die grundlegende Krise des Finanzkapitalismus und seiner in den Menschen verankerten Ideologie). Das entwertet den Aufsatz aber in keiner Weise, dankeschön!

    VG Ped
    http://peds-ansichten.de

  6. Hans Kolpak sagt:

    Wir brauchen nicht zu untersuchen, ob Menschen in Syrien und syrische Eliten aufrecht und wahrheitsliebend sind. Wir wissen seit dem Tag, als der erste Büffel starb und der erste Indianer starb, weil europäische Abenteurer amerikanischen Boden betraten und sinnlos um sich knallten, dass da irgendwas nicht stimmt. Jetzt knallen sie fast überall. Bis auf eine Hand voll „Schurkenstaaten“ haben die USA ihre Sammlung komplett. Und es werden immer weniger, oder? Die US-Strategen werden noch den Tag verfluchen, an dem sie begannen, ihre blutigen Hände gegen Syrien auszutrecken!

    Hier zitiere ich die ausführliche Begründung, warum der Staat BRD führt einen Angriffskrieg gegen den Staat Syrien führt!
    http://www.dzig.de/Der-Staat-BRD-fuehrt-einen-Angriffskrieg-gegen-den-Staat-Syrien

    Hans Kolpak
    Goldige Zeiten

2 Pings/Trackbacks für "Russlands Militäreinsatz in Syrien"
  1. […] Beispiele sind der Saker (eher nicht die Kommentare dort) am 11.10., Wladimir Kosin am 13.10., Analitik am 13.10. und das ausführliche Interview Putins vom 12.10.. Selbst das von den meisten […]