Wie wahrscheinlich ist ein dritter Weltkrieg?

Lassen wir berechtigte Ängste gleich beiseite. Jenseits der Emotionalität ist die Frage nach der Wahrscheinlichkeit des dritten Weltkriegs nämlich äußerst spannend.

Weltkriege sind eine moderne Erscheinung. Es gibt sie erst seit der Zeit, da die Welt so weit globalisiert war, dass eine Krise in einem zentralen Knotenpunkt der Welt automatisch die gesamte Welt mit hineingezogen hat. Diese Bedingung ist heute natürlich stärker denn je ausgeprägt. Aber das allein ist nicht genug, um einen Weltkrieg auszulösen.

Die nächste notwendige Bedingung ist eine Kräfteverschiebung zwischen den großen globalen Akteuren. Wenn die aktuelle Hierarchie der globalen Spitzenakteure nicht mehr dem echten Kräfteverhältnis entspricht, wächst die Spannung. Die Kräfte wollen neu verteilt werden, aber kaum jemand rutscht freiwillig und kampflos auf der Hierarchieleiter nach unten, auch wenn die reale Kraft nicht mehr für den beanspruchten Platz ausreicht.

Die zweite notwendige Bedingung ist heute auch erfüllt. Die USA sind formal die Nummer eins der Welt, aber faktisch haben sie nicht die Kraft, diese Rolle auszufüllen. Anspruch und Realität driften auseinander. Menschen sind auch nur Tiere. Sie lassen sich nicht lange von jemandem dominieren, der nicht die Kraft dazu hat.

Wenn die großen Tiere einen ernsthaften Machtkampf austragen, bei dem der alternde Pascha vom Thron gestoßen wird, ist das in der heutigen globalisierten Welt unvermeidlich ein Weltkrieg. So scheint es jedenfalls.

Alles ist angerichtet, jetzt braucht es nur noch einen Auslöser. Die Geschichte zeigt uns, dass Auslöser schneller gefunden sind, als es uns lieb sein kann. Ein Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus. Eine kleine False-Flag-Operation der Deutschen löste den Zweiten Weltkrieg aus. Wenn die Nerven zum Zerreißen gespannt sind, reicht ein kleiner Funkte, um die Situation zur Explosion zu bringen.

Leider ist auch diese Bedingung in der heutigen Situation erfüllt. Es funkt sogar gewaltig. Die Terroranschläge in Paris wurden als Krieg eingestuft. Krieg gegen ein NATO-Mitglied ist ein Grund, den Bündnisfall auszurufen. In unseren Medien wird das offen beschworen. Der Terroranschlag gegen das russische Passagierflugzeug wurde von Russland als Krieg eingestuft. Wenn Frankreich und Russland herausfinden, welcher Staat hinter den jeweiligen Anschlägen steckt, ist die Versuchung eines Vergeltungskrieges groß.

Und jetzt der Abschuss eines russischen Militärflugzeugs durch die Türkei. Weil das russische Flugzeug 10 bis 15 Sekunden über türkischem Luftraum war – glaubt man den türkischen Angaben der Flugroute. Ein NATO-Mitglied schießt einen russischen Kampfjet runter. Braucht es noch mehr Anlässe?

Die Situation ist wirklich kritisch. Der dritte Weltkrieg wäre tatsächlich unabwendbar, wenn… wenn es keine Atomwaffen gäbe. Besonders wichtig ist dabei, dass es nicht nur Atomwaffen gibt, sondern dass mindestens zwei der großen Tiere so viel davon haben, dass sie selbst im Sterben noch den größten Feind physisch zerstören können. Ich habe hier ausführlich darüber geschrieben. Das Ziel eines Machtkampfes, egal wie brutal es geführt wird, ist es, am Ende den Sieg zu erringen. Die Arsenale von Russland und USA machen es unmöglich, dieses Ziel zu erreichen. Ein Machtkampf zwischen den großen Tieren mittels eines militärischen Krieges wird damit sinnlos, wobei man sinnlos und unmöglich keinesfalls verwechseln sollte.

Die Atomwaffen verbieten einen militärischen Krieg zwischen den Großen, solange die Entscheider strikt rational denken und sich nicht von Emotionen leiten lassen. Atomwaffen verbieten damit auch einen Weltkrieg. Der zwingende Machtkampf, die Neuverteilung der Kräfte, kann dadurch aber nicht abgeschafft werden. Welche Möglichkeiten bleiben in der Doktrin „Dritter Weltkrieg sinnlos“ übrig? Zum einen Kriege mit nichtmilitärischen Mitteln – Wirtschaftsrkrieg, Informationskrieg, hybrider Krieg. Hatten wir seit Beginn des Atomwaffenzeitalters reichlich und können wir auch jetzt alles live beobachten. Zum anderen bleiben Stellvertreterkriege als Möglichkeit. Können wir auch live beobachten. Die moderaten Terroristen in Syrien, am prominentesten durch den IS vertreten, vertreten die US-Koalition. Der Staat Syrien vertritt die Russland-Koalition.

Der Angriff der Türkei gegen Russland kann sehr wohl im Rahmen der „Dritter Weltkrieg sinnlos“-Doktrin beantwortet werden. Angefangen über die Unterstützung der Kurden, über das Austrocknen des großen russischen Touristenstroms in die Türkei bis hin zu radikalen wirtschaftlichen Maßnahmen, wie etwa dem Abdrehen des Gashahns (die Türkei bezieht über die Hälfte ihre Gases von Gasprom).

Die Welt steht vor einer echten Zerreißprobe, wie es sie in der Geschichte der Menschheit höchstens seit 50 Jahren gibt. Ich will nicht sagen, dass es das erste mal ist. Die Kuba-Krise ist das bekannteste, aber nicht einmal das einzige Beispiel dafür, dass Atommächte am Rande des Krieges standen. Bisher ist es gut gegangen. Jetzt müssen wir wieder das Experiment über uns ergehen lassen, bei dem geklärt wird, ob unter den neuen, durch Atomwaffen geschaffenen Bedingungen, ein Weltkrieg möglich ist oder nicht. Ein spannendes Experiment. Ein furchtbares Experiment. Der Ausgang ist keinesfalls sicher.

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9 Kommentare zu “Wie wahrscheinlich ist ein dritter Weltkrieg?
  1. Johanniskraut sagt:

    Du hast ja recht, aber brrrr, das ist trotzdem ein scheiß-gruselliger Artikel! Gar nicht schön! Und ich muss sogar noch was ergänzen (brrrr):

    Im Rahmen von „know your enemie“ ist mir beim Beobachten der internationelen Geld-und-Macht-Elite (GME) ein entscheidendes Merkmal aufgefallen: Egal, was auch immer die tuen und auch egal was dann letztlich dabei raus kommt: „Die hören einfach nicht auf!“ -> Ist für mein dafürhalten so etwas, wie ein fester Karakterzug der GME – was den Ausgang des von Dir als „Experiment“ beschriebenen Umbruch und die damit verbundene Abdankung, des ehemaligen Welthegemons usa auf eine nicht-alles-zerstörende Weise nochmals unwahrscheinlicher macht. Brrrr!

  2. Thomas Roth sagt:

    Würden wir im Donbass oder im Nahen Osten oder in Libyen wohnen.. wie würden wir es dann sehen? Wenn über Koalitionen und Bündnisse 143 Staaten (übrigens mehr als im I. oder II.WK) in Kampfhandlungen verstrickt sind? Wenn Millionen Flüchtlinge durch die Welt irren? Das kommt uns doch auch bekannt vor? Und nur weil in Berlin die Gebäude noch stehen haben wir keinen Weltkrieg? Milliardenschäden durch Sanktionen oder durch Wehrmachtsstiefel, wo ist der Unterschied? So menschenverachtend wie heute in der internationalen Politik agiert wird? Selbst München `38 könnte sich ganz schnell wiederholen, wenn der Westen die Türkei „verkauft“…

  3. Anfrager sagt:

    Sehr geehrte Verfassungschützer,

    in Erwägung der zu erwartenden Konflikte möchte ich Sie auf einige Fakten aufmerksam machen und um Ihre Einschätzung bitten.

    1. Politische Repräsentation im demokratischen Verfassungsstaat beruht auf Staatsbürgerschaft und Wahlrecht.
    D.h. Abgeordnete aller hoheitlichen Ebenen sind von Staatsbürgern des Hoheitsgebietes gewählt und diesen politisch, grundgesetzlich, ethisch verpflichtet und rechenschaftspflichtig. Diese Verpflichtung besteht nicht Ausländern gegenüber.

    2. Konkurrenz und Auswahl (Selektion) bestimmen das Leben aller Menschen in der deutschen Gesellschaft. Ein Gegeneinander-Auspielen bzw. „in Stellung bringen“ von einheimischen Bürgern einerseits und Flüchtlingen, Migranten,… andererseits, ist im Rahmen der herrschenden Normen und auch mit sozial- und rechtswissenschaftlichen Diskursen unvermeidbar. Die Tiefenpsychologie der Eliten wird stereotypisch von oben nach unten durch- und umgesetzt. Im Gegensatz dazu: Die Theorie einer „gut eingerichteten“ Gemeinschaft bzw. Gesellschaft basiert jedoch auf Kooperation, Anerkennung, Beteiligung, Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe. Friedens- und Konfliktforscher (z.B. J. Galtung) bestätigen das.

    3. Wichtige Begriffe sind nicht allgemein verständlich, nachvollziehbar definiert. So z.B. „Staatswohl“
    Juristisch wird absichtsvoll vermieden um welches Wohl es sich handeln soll. Das Wohl des Staates und seiner Institutionen und Behörden kann nicht vom Wohlergehen und dem Sicherheitsgefühl seiner Bürger abgetrennt werden. Das Wohl des Staates sollte nicht auf die Existenz von parallelen, hermetischen Befehlsketten und Subsystemen oder auf Intransparenz und letztendlich Immunität besonderer Gruppen (z.b. in Sicherheitsbehörden und elitistischen Netzwerken) abstellen. Und was, wenn doch?

    Das sind nur drei der unbearbeiteten und sich ausweitenden Konfliktfelder, die nicht verstandenen „offenen Wunden“ der modernen Existenz. Von Fortschritt, Modernität oder zeitgemäßem Umgang kann nicht die Rede sein, eher von dunklen Seiten der Aufklärung. D.h. blinde Unterstützung einer „Willkommenskultur“ und bedingungslos offener Grenzen, im Sinne eines nicht verstandenen Fortschrittsglaubens, wird diese Konflikte verschärfen und politische Handlungsoptionen verringern.

    Über eine Einschätzung von Ihnen würde ich mich sehr freuen.

    Mit freundlichen Grüßen

    • Analitik und Anfrager: Sehr schön dargelegt.

      Thomas Roth: Guter Punkt! Das frage ich mich auch; befindet sich die Welt nicht längst im Krieg? Ist der Begriff Weltkrieg bei uns vielleicht missverstanden – durch unsere Geschichte? Sind wir dadurch blind geworden für Kriege, die außerhalb unserer eigenen Häuser ausgetragen werden?

      Sehr lohnenswert, diese Seite zu lesen – Danke schön an alle Mitwirkenden!

      Letztlich bleibt die Hoffnung, dass wir einsehen, dass wir selbst das Ruder mit in der Hand haben – und mitbestimmen, inwieweit wir (als Gemeinschaft von Menschen) Kriegstreiber oder Friedensstifter sein wollen. Wunschdenken – oder doch nicht? 😀

  4. kity sagt:

    Man darf nicht vergessen, dass die Leute, die die Entscheidungen treffen, so steinreich sind, dass sie auch jede noch so große Wirtschafts- und Finanzkrise relativ unbeschadet überstehen. Diese Leute haben also etwas zu verlieren.

    M.E. findet hier ein Pokerspiel statt. Hier wird geblufft, angetäuscht, getrickst, provoziert… aber, wenn es hart auf hart kommt, werden sich diese superreichen Familiendynastien sehr wohl überlegen, ob sie und ihre Kinder und Kindeskinder in einer von Atombomben völlig verseuchten Welt leben wollen.

  5. Mr. Gr sagt:

    Es gibt noch einen Faktor: wirtschaftlicher bzw. Sozialer Rückschritt. Der gini ibdex steigt, die Finanzmärkte sind unruhig. Sobald der materielle Wohlstand weniger, wenn auch nicht Existenzbedrohend wird, steigt das Risiko für Populisten.

  6. Steffen sagt:

    Man wirft den kleinen Mann gern seine Verschwörungstheorien vor und legt dar warum diese absurd sind. Mindestens genauso absurd ist es, tatsächlich zu glauben einen Einblick in die Weltpolitik zu haben. Während wir, die so gern darüber philosophieren, gar nichts wissen, wissen die jeweilig Regierenden ein bisschen was, aber mit Sicherheit niemals genug um, Verstand vorausgesetzt, jederzeit rational handeln zu können.

    • Analitik sagt:

      „Während wir, die so gern darüber philosophieren, gar nichts wissen, wissen die jeweilig Regierenden ein bisschen was, (…)“

      a) Selbstentwertung
      b) Projektion von sich auf andere
      c) logischer Widerspruch (wir wissen nichts, aber wir wissen, wie viel die Regierenden wissen)

      Alles unnötig.

      PS: Wie sich die höchsten Eliten über die gleichen offenen Quellen informieren, die auch Ihnen offenstehen, habe ich erst heute Nacht hier berichtet: http://analitik.de/2016/07/21/den-eliten-ueber-die-schulter-schauen/

      • Steffen sagt:

        Behalte gern dein Glauben das Du wissend bist, oder ließ noch mal in Goethe’s Werken nach, z.B. Faust.

1 Pings/Trackbacks für "Wie wahrscheinlich ist ein dritter Weltkrieg?"
  1. […] Krieg ist eine ernste Sache. Darüber sollte mensch gründlich nachdenken und jede Leichtfertigkeit und jedes Wunschdenken vermeiden. Der russische Blogger Analitik etwa, gibt dafür ein Beispiel. […]