Atomwaffen haben die Regeln des Krieges verändert

Carl von Clausewitz ist weltweit einer der bedeutendsten Militärtheoretiker. In seinem Werk „Vom Kriege“ schreibt er:

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.

Gewalt ist das Mittel des Krieges. Den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen ist der Zweck.

Zum Krieg schreibt er weiterhin:

Äußerste Anwendung der Gewalt

Nun könnten menschenfreundliche Seelen sich leicht denken, es gebe ein künstliches Entwaffnen oder Niederwerfen des Gegners, ohne zuviel Wunden zu verursachen, und das sei die wahre Tendenz der Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muß man doch diesen Irrtum zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten. Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. Dadurch gibt er dem anderen das Gesetz, und so steigern sich beide bis zum äußersten, ohne daß es andere Schranken gäbe als die der innewohnenden Gegengewichte.

Beide Kriegsparteien reizen ihr Gewaltpotential bis zum äußersten aus, um den Krieg zu gewinnen. Das ist eine dem Krieg innewohnende Eigendynamik.

Das Gesetz wirkte so lange gut, wie es noch keine Atomwaffen gab. Seitdem sich USA und UDSSR mit reichlich Atombomben versorgt haben (das war Ende der 50er der Fall), war klar, dass ein Krieg „bis zum äußersten“ nach den früher geltenden Kriegsgesetzen keine Option ist, weil dabei beide Kriegsparteien völlig zerstört werden. Einen Krieg führt man nicht um der Selbstzerstörung willen, sondern um nach dem Sieg den Feind zu dominieren. Im Szenario eines atomaren Krieges zwischen den beiden Supermächten entfällt die Möglichkeit, nach dem Krieg irgendwen dominieren zu können.

Mit Atomwaffen als Mittel des Krieges kann im Konflikt der Supermächte der Zweck des Krieges nicht mehr erreicht werden.

Nach dieser Erkenntnis gab es Versuche, das Szenario eines teilatomaren Krieges zu entwickeln. Atomwaffen sollten demnach nur gegen die Fronttruppen des Feindes eingesetzt werden.

Aber selbst das Szenario eines konventionellen Krieges der beiden Supermächte (also ganz ohne Atomwaffen) musste in der Folge abgelehnt werden, denn:

Selbst ein konventioneller Krieg trägt das Risiko, dass eine der Seiten früher oder später Atomwaffen einsetzt. Das hat eine Antwort mit Atomwaffen zur Folge, die Situation schaukelt sich auf und wir sind am inakzeptablen Zustand der gegenseitigen Auslöschung angelangt.

So schrecklich Atombomben sind, gerade ihre Schrecklichkeit war der Garant dafür, dass die beiden Supermächte des 20. Jahrhunderts keinen heißen Krieg gegeneinander geführt haben. Sie haben einen direkten Kontakt ihrer Truppen tunlichst vermieden. Stellvertreter mussten herhalten.

Die Feindschaft der beiden Supermächte hat niemand abgeschafft. Es gilt weiterhin das Ziel, den Gegner zu entwaffnen, niederzuwerfen und ihm seinen Willen aufzuzwingen. Wie soll man das machen, wenn klassischer Krieg keine Option ist?

Kalter Krieg. Propaganda-Krieg. Ideologischer Krieg. Wirtschaftskrieg. Hybrider Krieg. Letzterer Begriff kommt gerade in Mode. Was er beschreibt, ist nicht neu. Wir stecken mitten drin, seit mehr als einem halben Jahrhundert.

Es gibt keinen vergleichbaren Fall in der Geschichte. Wir wissen nicht, ob und wie ein solcher hybrider Krieg gewonnen werden kann und was dann passiert. Der erste Vertreter dieser Art ist noch nicht zu Ende gekämpft. Der Zerfall der Sowjetunion war noch nicht sein Ende.

Von russischer Seite ist dieser Artikel die Quelle meiner Analyse.
Von US-Seite empfehle ich wärmstens den Artikel von William R. Polk. Er war in der Kuba-Krise Mitglied des Kennedy-Stabs und hat an vorderster diplomatischer Front dazu beigetragen, die Krise zu regeln. Er weiss, wovon er spricht.

Die Kriegsgesetze Clausewitz’ behalten für andere Akteure ihre Gültigkeit. Nur der direkte Kampf der Supermächte gegeneinander entzieht sich dieser Regel und verlangt nach einem gesonderten Vorgehen.

Grund für Entspannung gibt es übrigens nicht. Ein atomarer Weltkrieg ist keinesfalls ausgeschlossen, auch wenn er den Teilnehmern mehr schaden als nützen wird. In den USA gibt es viele einflussreiche Leute, die an einen erfolgreichen nuklearen Erstschlag gegen Russland glauben und diese Idee propagieren. Russland wiederum gibt auf verschiedenen Wegen regelmäßig zu verstehen, dass es auf einen nuklearen Erstschlag der USA vorbereitet ist. Wie William Polk betont, wird die Situation dadurch gefährlicher, dass sich die Idee eines Atomkrieges derzeit langsam in die Köpfe einschleicht. So besteht die Möglichkeit, dass wir uns Schritt für Schritt an die Ängste vor einem solchen Krieg gewöhnen und ihn tatsächlich zulassen.

Wir in Deutschland werden im Fall eines Atomkrieges direktes Ziel von Russland sein, weil die USA hier zehntausende Soldaten und Atomraketen stationiert haben.

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  1. […] virtuellen politischen Realität, dürfen die direkten Kriegszusammenstöße von Russland und USA auf keinen Fall zum Thema werden, weil das nach den Spielregeln der Politik eine nicht kontrollierbare […]

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