Teile und Herrsche

Im Juni 2006 veröffentlicht Ralph Peters den Artikel „Blood borders“ im Armed Forces Journal. Er schlägt vor, die Grenzen im Nahen Osten völlig neu zu gestalten.

As for those who refuse to „think the unthinkable,“ declaring that boundaries must not change and that’s that, it pays to remember that boundaries have never stopped changing through the centuries. Borders have never been static, and many frontiers, from Congo through Kosovo to the Caucasus, are changing even now (…).

Neue Grenzen seien ganz normal. Man soll sich nicht gegen diesen Gedanken wehren.

But given time — and the inevitable attendant bloodshed — new and natural borders will emerge.

Um neue Grenzen zu etablieren, braucht man Zeit und… Blutvergießen.

Meanwhile, our men and women in uniform will continue to fight for security from terrorism, for the prospect of democracy and for access to oil supplies in a region that is destined to fight itself.

„Währenddessen werden unsere Männer und Frauen in Uniform weiter gegen Terrorismus, für Demokratie und für den Zugang zu Öl kämpfen, in einer Region, die dazu bestimmt ist, gegen sich selbst zu kämpfen.“

Die Region, von der die Rede ist, ist der Nahe Osten. Peters verkündet die Bestimmung dieser Region: interne Kriege.

Der Autos skizziert neue Grenzen in einem Gebiet von Syrien bis Pakistan. Unter anderem soll der Irak in drei Teile aufgespalten werden: einen Sunniten-Staat im Westen, einen Schiiten-Staat im Süden und Kurdistan im Norden. Peters‘ konkreter Vorher-Nachher-Vergleich:


Vorher.


Nachher.

Peters‘ Nahost-Karte wird in US- und NATO-Militärschulen verwendet. Die Kadetten sollen im Rahmen von Hausaufgaben Wege finden, wie man die neuen Grenzen am besten implementieren kann. Die Karte wurde sogar in einer NATO-Akademie in Rom ausgehängt, wo sich die türkischen Offiziere (die Türkei ist NATO-Mitglied) sehr daran störten.

Ralph Peters ist ehemaliger Militärgeheimdienstler, Militäranalytiker und Schriftsteller. Und was er von sich gegeben hat, war nicht die Fantasie eines Eigenbrötlers, sondern spiegelte exakt die offizielle US-Politik wieder.

Zeitgleich zu Peters‘ Veröffentlichung verkündete Condoleezza Rice das Projekt „New Middle East“, dessen „Geburtswehen“ sie damals schon ausmachte. Es wurde ein „konstruktives Chaos“ angekündigt, das die Voraussetzungen für die Neugestaltung der gesamten Region schaffen würde. Was man darunter zu verstehen hat, können Sie live miterleben.

2013, als die Lage in Syrien besonders schlecht war, hoben die USA ihre Pläne von der Neuteilung des Nahen Ostens wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Kein geringeres Medium als die New York Times wurde dafür eingespannt. Vergleichen Sie diese Karte in der NYT mit der von 2006. Peters‘ Karte ist eine erste Vision, die NYT-Karte stellt einen konkreten Umsetzungsplan dar, der den tatsächlichen Verhältnissen angepasst ist. Erstens bleiben die Türkei und der Iran unangetastet. Zweitens verschwindet Syrien als eigenständiger Staat komplett von der Karte, wovon die irakischen Sunniten profitieren sollen. Drittens gesteht man den Kurden sehr viel weniger Raum zu. An der Aufspaltung Saudi-Arabiens wird festgehalten, sie soll den aktuellen Plänen zufolge sogar noch stärker ausfallen als von Peters vorgeschlagen. Anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung dieser Karte bekam Saudi-Arabien übrigens seinen Krieg, der gerade andauert und die territoriale Integrität Saudi-Arabiens tatsächlich stark gefährdet. Auch das können Sie live erleben.

Nun geht es weiter. US-General Raymond Odierno bringt die Idee von der Teilung Iraks in die breite Öffentlichkeit. Odierno war übrigens Berater von Rice in militärischen Angelegenheiten, als die „Geburtswehen“ des „Neuen Nahen Ostens“ einsetzten. Jetzt geht es darum, die Öffentlichkeit für die nächsten Schritte vorzubereiten. Irak ist der Ausgangspunkt der neuen Grenzziehung. Das Chaos hier ist offenbar groß genug, um den Skalpell endlich anzusetzen. Auffallend ist, dass die Kurden nicht mehr erwähnt werden. Sie zeigen sich nicht gefügig genug und kooperieren im Kampf gegen den IS mit Syrien.

Stratfor schlägt zeitgleich vor, den Irak endlich aufzuteilen. Achten Sie auf die zeitliche Synchronität verschiedener wichtiger Regierungssprachrohre. Nichts ist dem Zufall überlassen.

Der „Neue Nahe Osten“ wird übrigens viel größer verstanden als es im letzten Jahrhundert noch üblich war. Ganz Nordafrika, Afghanistan und Pakistan sind nach dem neuen Verständnis mit dabei. In der EU spüren wir schon die Auswirkungen. Nachdem wir gemeinsam mit unseren Herren und Partnern Nordafrika destabilisiert haben, sind die Flüchtlingsströme so groß geworden, dass sie nun auch Zentral- und Nordeuropa erreichen. Es gibt Bemühungen, die südlichen Sowjetstaaten in diesen Verbund einer Chaos-Zone reinzuziehen (siehe z.B. hier, hier).

Teile und Herrsche. Die Grenzen ziehen die USA nicht von ungefähr entlang von religiösen und ethnischen Gruppen. Es hat die USA viel Aufwand gekostet, die verschiedenen, friedlich nebeneinander lebenden muslimischen Glaubensrichtungen und Ethnien gegeneinander zu hetzen. Dieser Zustand soll mit Grenzen zementiert werden, damit fortan neue Konflikte entlang dieser Grenzen besonders leicht anzufachen sind. Man spalte das Einflussgebiet in kleine Stücke und unterstütze wechselweise oder auch gleichzeitig die Kleingruppen, damit sie sich gegenseitig bekriegen und niemand so stark wird, dass er einen klaren Sieg davonträgt. So bleibt das gesamte Gebiet schwach und man kann es in aller Ruhe aussaugen.

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