Trumps Rede vor der UN-Generalversammlung

Ein paar Punkte in Trumps Rede vor der UN-Generalversammlung verdienen die Aufmerksamkeit.

Zunächst mal bekräftigt Trump auch vor der UN seine Ansage, dass die USA ihre Werte nicht mehr exportieren werden, sondern lediglich als leuchtendes Beispiel dienen wollen. Und:

All responsible leaders have an obligation to serve their own citizens, and the nationstate remains the best vehicle for elevating the human condition.

Er sieht die Nationalstaaten als das beste Instrument, um die „conditio humana“ anzuheben. Nicht weniger als die menschliche Natur sieht Trump am besten in den Händen von Nationalstaaten aufgehoben. Warum ist dieses, vielen Lesern möglicherweise unscheinbar erscheinende Zitat, äußerst wichtig? Weil es sich mit der größtmöglichen Entschlossenheit gegen die staatszersetzenden globalistischen Pläne ausspricht. Dieser Satz ist eine Absage an private Schiedsgerichte, die über nationalem Recht stehen. Dieser Satz ist eine Absage an die Herrschaft der Großkonzerne.

Weiterhin lässt sich Trump die Gelegenheit nicht entgehen, die US-Vasallen (mal wieder) zu vergraulen:

The United States will forever be a great friend to the world, and especially to its allies. But we can no longer be taken advantage of, or enter into a one-sided deal where the United States gets nothing in return.

Unterstützung gibt es nur noch gegen Bezahlung. Nicht, dass es sie vorher umsonst gegeben hätte. Trumps regelmäßige Erinnerung an die Bezahlung von Hilfe bedeutet, dass der Preis der Hilfe deutlich gestiegen ist. Gleichzeitig wird die Hilfe in der Realität verweigert. Nordkoreanische Raketen beispielsweise, die über Japan hinwegfliegen, hat die USA nicht abgeschossen. Der Schutzherr ist seiner Schutzpflicht nicht nachgekommen. Mehr zahlen für nichts, das ist Trumps Forderung. Als erfahrener Geschäftsmann ist er sich der Absurdität seiner Forderung natürlich voll bewusst. Er ist sich der Folgen natürlich voll bewusst – so kann man seine Kunden nur vergraulen. Trotzdem tut er die absurden Dinge, die er tut. Nicht aus Blödheit, wie manche immer noch glauben könnten, sondern weil Trump genau das bewirken will, was seine absurden Taten bewirken.

Trump verteufelt den Iran und stellt bezüglich des Iran-Deals von Obama fest:

The Iran Deal was one of the worst and most one-sided transactions the United States has ever entered into. Frankly, that deal is an embarrassment to the United States, and I don’t think you’ve heard the last of it — believe me.

Das sei der schlimmste Deal, den die USA je abgeschlossen hätten und das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, das solle man ihm glauben. Solche Aussagen von Trump werden oft so interpretiert, dass er einen Krieg gegen den Iran anzetteln werde. Alles wird schlecht, die Welt wird untergehen usw. Die Realität könnte nicht weiter entfernt sein von solchen Ängsten. Trump kann aus dem Deal aussteigen, weil er ihn so furchtbar findet. Und dann? Der Deal verbietet Iran die Entwicklung von Atomwaffen. Wenn Trump diesen Deal aufkündigt, ermöglicht er was? Genau, eine Legitimierung für Iran, Atomwaffen zu entwickeln. Was Trump da macht und was vordergründig nach Todfeindschaft aussehen mag, spielt Iran in Wirklichkeit sehr gut in die Hände. Ganz nebenbei würde Trump die Seriösität der USA als Vertragspartner massiv untergraben, was voll und ganz im Einklang mit den Zielen seiner Präsidentschaft steht.

Dann dieser Kunstgriff:

Last month, I announced a new strategy for victory in the fight against this evil in Afghanistan. From now on, our security interests will dictate the length and scope of military operations, not arbitrary benchmarks and timetables set up by politicians.

Trump habe zuletzt eine neue Strategie für einen Sieg in Afghanistan vorgestellt. Von nun an werden die US-Sicherheitsinteressen die Dauer und das Ausmaß der Militäroperationen bestimmen und nicht zufällige Maßstäbe und Zeitpläne von Politikern.

Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. Trump zeigt, wie er den Rückzug aus Afghanistan legitimieren will. Der Militäreinsatz dort sei einzig von den US-Sicherheitsinteressen abhängig und wenn diese befriedigt seien, könne man siegreich abziehen. Jetzt muss er nur noch verkünden, dass von Afghanistan keine Gefahr für die USA ausgeht und kann die USA zum Sieger des verlorenen Krieges erklären und von dort abziehen. Herrlich.

we also thank the Secretary General for recognizing that the United Nations must reform if it is to be an effective partner in confronting threats to sovereignty, security, and prosperity.

Die UN muss reformiert werden. Jaaa. Und hier ein Wink mit dem Zaunpfahl, was unter anderem reformiert werden müsste:

The United States is one out of 193 countries in the United Nations, and yet we pay 22 percent of the entire budget and more. (…) The United States bears an unfair cost burden

Die USA bezahlen zu viel! Sehr gut. Andere Staaten sind sicherlich nur zu gerne bereit, einen höheren Teil der Kosten zu tragen. Solche Kostenumverteilungen gehen selbstverständlich einher mit Machtumverteilungen. Die USA können nicht die Kosten abwälzen und den gleichen Einfluss in der UN weiter behalten – das ist jedem klar. Trump ist bereit, die Kosten „fairer“ zu verteilen, d.h. den US-Einfluss in der UN zu reduzieren.

Kommen wir zu dem Zitat, welches von dieser Rede in Erinnerung bleiben wird. Hier mit etwas Kontext:

No one has shown more contempt for other nations and for the wellbeing of their own people than the depraved regime in North Korea. It is responsible for the starvation deaths of millions of North Koreans, and for the imprisonment, torture, killing, and oppression of countless more. (….)

The United States has great strength and patience, but if it is forced to defend itself or its allies, we will have no choice but to totally destroy North Korea.

Hervorhebung von mir. „Wir werden keine Wahl haben, als Nordkorea komplett zu zerstören“. Das ist besonders bemerkenswert, da Trump zuvor noch klarstellt, dass es in Nordkorea das böse böse Regime gibt und die armen armen Menschen, die vom Regime sprichwörtlich ausgehungert, gefoltert und umgebracht werden. Trump teilt die Bevölkerung Nordkoreas in Opfer und Täter, wobei die Opfer ganz klar in der Überzahl sind. Und dann kündigt er an, bei Bedarf Nordkorea komplett zu zerstören – also überwigend Opfer umzubringen und ihnen den letzten Rest von Lebensgrundlage zu entziehen.

Es geht um die moralische Logik, die Trump der Welt – im Namen der USA – vor einem der größten Gremien der Welt präsentiert. Und die Logik sieht nicht nur vor, dass die USA einen Staat komplett zu zerstören bereit sind, sondern dass die USA selbst dann dazu bereit sind, wenn dieser Staat überwigend aus leidender, unschuldiger, unterdrückter Bevölkerung besteht.

Was macht Trump damit? Er fügt den USA einen gigantischen Image-Schaden zu. Wer mit den USA bereits verfeindet ist, ist mit Recht bestätigt, wer mit den USA befreundet ist, hat einen Grund mehr, es nicht mehr zu sein. Verstehen Sie? Trump isoliert die USA. Das ist sein Job. Dafür wurde er zum US-Präsidenten gemacht.

Was macht Trump damit noch? Er legitimiert alle nur denkbaren Raketen- und Atomwaffentests Nordkoreas. Wenn Ihrem Land die völlige Auslöschung angedroht wird, wie will man Sie davon überzeugen, dass Sie nicht jede nur denkbare Abwehrmaßnahme ergreifen? Richtig, gar nicht. Erneut sehen wir das Muster, dass die größten verbalen Ausfälle Trumps genau denen nützen, gegen die sie gerichtet sind. Kim Jong-un hat auf Trumps Drohung bereits reagiert und durch die Blume noch mehr und noch beeindruckendere Waffentests versprochen. Und womit macht er das? Mit Recht. Weil Trump es ihm möglich macht. Trump provoziert die nächste Eskalationsstufe Nordkoreas, welche die USA noch ein Stück mehr entblößen wird, und Trump sorgt dafür, dass Nordkorea für diese kommende Eskalation allenfalls symbolisch wird bestraft werden können.

Zufall? Mitnichten. Trump weiss genau, wie man es „richtig“ macht:

The socialist dictatorship of Nicolas Maduro has inflicted terrible pain and suffering on the good people of that country. (…) This situation is completely unacceptable and we cannot stand by and watch.

As a responsible neighbor and friend, we and all others have a goal. That goal is to help them regain their freedom, recover their country, and restore their democracy.

Ähnliche Situationsbeschreibung für Venezuela: böses böses Regime, schwer unter dem Regime leidende Bevölkerung. Und? Die Auslöschung Venezuelas steht nicht zur Debatte. Stattdessen sollen Freiheit, Demokratie und alles Gute dieser Welt der leidenden Bevölkerung Venezuelas geschenkt werden. Wir wissen natürlich, was damit gemeint ist – die Menschen in Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien und anderen Ländern wissen gar nicht, wohin mit all dem Dank für all die Freiheit und Demokratie. Aber achten Sie auf die offizielle moralische Logik: die USA retten die Leidenden vor den Unterdrückern. Die Zerstörung von Staaten weiß Trump in der virtuellen Realität durchaus als Befreiung der Unterdrückten darzubieten. Er weiß genau, wie man virtuelle Realität spinnt, die lösgelöst von der Realität ist; das zeigen auch viele anderen Passagen seiner Rede. Im Fall von Nordkorea hat er das aber unterlassen und die Maske der virtuellen Realität vom Antlitz der USA abgerissen.

Was haben wir gesehen? Trump poltert besonders stark gegen Iran und Nordkorea, spielt ihnen aber in Wirklichkeit zu. Die eurasischen Schauplätze schenkt er also her – genau das bewirkt sein „dummes“ Verhalten. Venezuela will er dagegen mit Demokratie bescheren. Offenbar gibt es bezüglich Südamerika keinen Deal mit Putin – dort wird ernsthaft gekämpft. Das macht Sinn. Den eigenen Hinterhof wollen die USA nicht verschenken und kämpfen noch darum. Der Rest ist bereits abgeschrieben. Zum abgeschriebenen Rest gehören die treuen Vasallen in ganz Eurasien, die Trump mit jeder nur denkbaren Gelegenheit vergrault.

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