Das strategische Problem der europäischen Ausrichtung der Türkei

jim_garrison hat über die Türkei geschrieben:

1. Die türkische Geschichte der letzten Jahrzehnte ist interessant, weil sie die Hierarchie des Wichtigen veranschaulicht. Die Türkei wird nicht nach Europa gelassen und das setzt eine Identitätskrise in Gang, der Kemalismus bekommt Probleme. Die Militärs können noch alles, aber sie können das wichtigste nicht mehr – erkennen, was als nächstes zu tun ist. Die Niederlage auf dem Feld der Sinnhaftigkeit führt zur Niederlage auf dem Feld der Politik und die Militärs werden ausgespielt von Muslimen und Populisten. Die Niederlage auf dem Feld der Politik führt zu Säuberungen im Militär, und am Ende zur Niederlage [der Kemalisten] im rein militärischen Konflikt. In diesem Sinne erinnert das sehr an die Degradation der Ideen und ihrer Träger in einem anderen Land etwas früher.

2. Das Geschehene [der Putsch und seine Folgen] zeigt den Schwachpunkt vieler vor kurzem abgegebener Prognosen über türkisches Wachstum und die Verwandlung der Türkei in eine regionale Supermacht. Das war eine lineare Extrapolierung und das wirkt nicht bei Umbrüchen. Selbst wenn es gelingt, den Kemalismus erfolgreich zu demontieren, wie wird sich das Land entwickeln, das den Weg der Demodernisierung gewählt hat? Der Weg der Modernisierung wurde doch nicht ohne Grund gewählt, sondern weil er die Entwicklung gewährleistete. Einen anderen Weg gibt es nicht. Welchen Grund gibt es zu der Annahme, dass Islam und Neoosmanismus die Entwicklung des Landes gewährleisten und nicht zu dessen Fall führen? Wir kennen Länder, in denen die Institute der Moderne demontiert werden, aber der Erfolg sich einfach nicht einstellen will.

Dabei ist die problemfreie Demontage des Kemalismus nicht garantiert. Es gibt Massenverhaftungen und Kündigungen bei Militärs, Richtern, Staatsanwälten, also im verwestlichten Rückgrat des Staates. Wie fühlen sich die anderen verwestlichten Teile der Gesellschaft? Es gibt sie nicht nur in den Sicherheitsdiensten, sondern auch in der Rüstungsindustrie, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in der Bildung. Wir sehen, dass die gescheiterten Putschisten es als möglich ansehen, nach Griechenland zu fliehen, also zum existentiellen Feind. Das bedeutet, dass ein gewisser grober Rahmen gebrochen ist. Auch das haben wir in historischen Beispielen gesehen, und wir sehen das auch heute.

Was jim_garrison damit sagt ist:

  1. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Türkei eine westliche Ausrichtung verpasst. Das Militär wurde als Wächter dieser Ausrichtung gesetzt. Die Tükei bekam eine westliche Schrift, änderte ihre Kultur nach westlicher Art, machte sich westlich. Das Versprechen des Westens war: Werdet wie wir und ihr werdet in unsere elitäre Gemeinschaft aufgenommen. Dieser Möhre läuft die Türkei seit fast einem Jahrhundert hinterher. Sie streckt sich und reckt sich, kriegt die Möhre aber nicht zu fressen. Wenn so eine Situation jahrzehntelang andauert, bekommt selbst der dümmste Esel irgendwann eine Sinnkrise und fragt sich, ob diese Möhre wirklich sein Glück ist. Immer mehr Neuronen im Kopf des Esels sagen: Hey, da liegt eine Kartoffel, nehmen wir die; vergessen wir die Möhre. Die verfügbare Alternative zum Westmodell ist der Islam.
  2. Die Wende wird schmerzhaft sein und türkische Ambitionen dämpfen.
  3. Der Wechsel zum Islam birgt die Gefahr, die Errungenschaften der Modernisierung (Wirtschaft, Lebensstandard usw.) zu negieren.
  4. Die Türkei ist nicht das einzige Land mit solchen Problemen. Die Sowjetunion ist an so einer Sinnkrise zusammengebrochen. Andere Länder stecken aktuell in solchen Sinnkrisen drin. (Er meint uns.)

Der dritte Punkt ist interessant und streitbar. Grob gesagt kann die Türkei mit ihrer Wende zum Islam zwei Wege beschreiten. Den Weg Saudi-Arabiens, der in die Rückständigkeit führt. Oder den Weg Irans, der sich unter dem ideologischen Schirm des Islam erfolgreich zu entwickeln vermag. Welchen dieser Wege wird Erdogan wählen? Welchen dieser Wege kann er überhaupt wählen? Hat er die Eliten und Ressourcen, um Irans Beispiel zu folgen?

Ich habe mich Ende Juni darauf festgelegt, dass Erdogan die große Wende von West nach Ost macht. Da gab es schon überdeutliche Zeichen dafür. Der Prozess nimmt seitdem rasant Fahrt auf. Erdogan säubert nicht nur Militär und Justiz, er säubert auch Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Schulen. Er säubert alle Teile der Gesellschaft vom westlichen Einfluss. Er nutzt die Gunst der Stunde. Der Putsch legitimiert hartes Vorgehen und Erdogan hält die aufgebaute Spannung aufrecht. Die verwestlichten Eliten können im Moment aufgrund der situativen Dynamik keinen Widerstand aufbauen. Und je nachdem, wie effektiv die Säuberungen sein werden, werden die Westeliten am Ende so ausgeblutet sein, dass sie zu keinem Widerstand fähig sein werden, auch nachdem die heiße Phase der Säuberungen vorbei sein wird. Erdogan setzt darauf, dass es so sein wird.

Erdogan geht in harte Konfrontation mit dem Westen, um die Beziehungen zu brechen und den Rückweg abzuschneiden. Und auch, um die Wende zum Islam und nach Osten zu legitimieren, damit das Volk diese Wende annimmt. Beispiele dafür, wie sich das äußert:

  • Türkei beschuldigt USA, den Putsch organisiert zu haben, nennt sogar namentlich den verantwortlichen US-Generall, nennt die aufgewendete Summe von 2 Milliarden Dollar und nennt die Kanäle, über die das Geld in die Türkei gelangt ist. Das ist schon sehr ernst.
  • Auch sonst führt Erdogan einen diplomatischen Frontalangriff auf den Westen. Alles Terroristenunterstützer und Putsch-Organisatoren. Konkrete Beschuldigungen werden an USA, Deutschland, Frankreich, Belgien, die EU gerichtet.
  • Merkel wird in türkischer Presse mit Hitler verglichen, inklusive Fotomontagen. Erdogan tut wirklich alles dafür, die Beziehungen zum Westen zu vergiften. die Botschaft an die eigenen Leute: Schaut her, mit denen können und wollen wir nichts zu tun haben.
  • Türkischer Außenminister sagt, dass Russland die meiste Unterstützung bei der Bewältigung des Putsches geleistet hat. Er unterscheidet in einem Satz zwischen Bekundungen und Unterstützung. Das ist interessant angesichts von Gerüchten, dass Russland Erdogan eine rechtzeitige Warnung vor dem Putsch hat zukommen lassen.
  • Erdogan nennt Putin „mein Freund Wladimir“ und kündigt an, beim Treffen in Moskau am 9. August werde eine neue Seite in der Geschichte der Beziehungen von Türkei und Russland aufgeschlagen.

Deutlicher geht es nicht. Wem Erdogan die Tür vor der Nase zuknallt und zum wem er stattdessen hinläuft, ist also klar.

Und der Westen lässt sich die Türkei einfach aus der Hand nehmen und spielt Erdogans Spiel mit. Reagiert auf Provokationen mit Gegenprovokationen, droht, reißt die Brücken ein.

  • Nicht ganz unbedeutende Vertreter der deutschen Politik vergleichen Erdogan mit Hitler. Herrlich, dieses diplomatische Niveau.
  • Deutsche Presse ruft dazu auf, Demokraten in der Türkei zu stärken.
  • Österreich verlangt lautstark den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. Österreich droht sogar mit einem Veto. Das ist so lächerlich, dass es ernst zu nehmen ist. Jemand hat Österreich angeordnet, gegen die Türkei zu eskalieren.

Sehr freundlich vom Westen, Erdogan bei seiner Wende zu helfen. Wie man es richtig macht, hat Putin vorgemacht. Von der denkbar größten Provokation, einem Militärangriff auf russisches Militär, hat sich Putin nicht provozieren lassen. Er war deutlich und hart, sowohl verbal als auch den Taten nach. Aber er hat vom ersten Tag an die Tür offen gelassen. Offen gelassen nicht für die Erniedrigung der Türkei, sondern für konstruktive, respektvolle Zusammenarbeit. Stärke und Güte in einem, auch gegenüber dem Feind. Der kulturelle Kodex des Westens kennt so etwas nicht.

Aus systemischer Perspektive gibt es keinen Rückweg für die Türkei. Der Westen hat die Türkei nicht aufgenommen, als sie dazu bereit war. Der Westen wird die Türkei jetzt erst recht nicht bei sich aufnehmen. Die türkischen Westeliten haben keine Argumente, um die Situation zu kippen. Das ist das, was jim_garrison beschreibt. Im Prozess der Wende kann es noch hin- und hergehen, wie bei einer Schlacht. Aber das Ende ist vorbestimmt.

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16 Kommentare zu “Das strategische Problem der europäischen Ausrichtung der Türkei
  1. Tja ANALITIK, ich denke, daß die Chancen der Türken vs. Kurden in Richtung ihnen entsprechender Mentalität, Kultur etc. zu leben, nun mehr nicht schlecht sind!
    MfG
    RRD

  2. Andreas sagt:

    Da möchte ich mal darauf aufmerksam machen, mit welcher Nachricht uns heute morgen der MDR Hörfunk als wichtigste Topmeldung über mehrere Stunden beglückte: Gernot Erler, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, begrüßt die Wiederannäherung der Türkei und Russlands. Beide Länder sind wichtige Partner (? ;-)) der EU bei der Lösung diverser internationaler Probleme (Syrien…).
    Die Meldung findet sich bei SPON, soweit ich gesehen habe, überhaupt nicht ;-). Da musste ich an den Beitrag über Merkel denken…. Von der NATO oder dem Westen war nicht die Rede

  3. Ein Sheeple sagt:

    Bei den Aktionen die Erdogan gemacht hat vermisse ich die Incirlik Abriegelung. Das war ebenfalls ein deutliches Signal. Aber ansonsten Full ACK. Dem ist nichts hinzuzufügen.

  4. Johanniskraut sagt:

    Fraglich ist, wie Erdogan sich bezüglich Syrien verhalten wird. DWN meldet, dass er Assad weg haben will und sich mit Russland in der Syrienfrage einigen will. Mal sehen wer sich da durchsetzen wird.

    Die Kurden bereuen es jetzt schon, dass sie sich mit den Amies eingelassen haben und nicht die russische Seite gewählt haben 🙂
    Die Russen würden den Kurden, hätten sie sich für sie entschieden und den Amies eine Absage erteilt, jetzt beistehen.

    Aber so stehen die Kurden alleine da. Einen kurdischen Staat sehe ich nicht. Weder in der Türkei noch in Syrien. Höchstens eine neue, diesmal kurdische Bedrohung, die auch wieder niedergekämpft werden muss. Wie immer unterstützt von den Amies.

  5. Hans aus Olb sagt:

    Zitat: „Fraglich ist, wie Erdogan sich bezüglich Syrien verhalten wird.“

    Bereits morgen treffen in Moskau türkische Geheimdienstler und Militärs ein, um betreffend Syrien zu beraten.

    Erdogan hat sich meiner Meinung nach entschieden. Die Türkei wird ihre bisherige Syrienpolitik nicht fortsetzen können, ohne wieder auf Distanz zu Russland gehen zu müssen.

    Die Kurdenfrage ist für Russland allerdings eines der heikelsten Themen. Der Versuch wird wohl so aussehen, dass den Kurden innerhalb Syriens weitgehende Autonomie eingeräumt werden soll. Allerdings bringt es die Lage der Siedlungsgebiete mit sich, das Syrien auf die dortigen Ressourcen nicht einmal teilweise verzichten kann… Das wird schon ein Spagat.

    • Matthias sagt:

      Ich sehe es auch so, dass der wirkliche Test für die Ernsthaftigkeit der Wende der türkischen Regierung ist, ob sie weiter Terroristen in Syrien unterstützen wird.

      Es gibt Anzeichen, dass sich die Haltung sich ändert: für die Terroristen wichtige Grenzübergänge, die nach dem Putschversuch geschlossen wurden, sind weiter geschlossen. Und die türkische Regierung hat sehr deutlich wahrnehmbar darauf verzichtet, in das westliche Gejammer über die „Belagerung Aleppos“ einzustimmen. Andererseites lese ich (von mir nicht nachprüfbare) Aussagen von Insidern, dass die Türkei weiter Islamisten in Syrien unterstützt.

      Aus strategischer Perspektive stellt es sich für mich so dar: die Türkei hat keine Wahl. Denn ich nehme als sicher an, dass die Einstellung der Unterstützung von Islamisten eine harte Bedingung von Russland ist (eine, über die nicht verhandelt werden kann). Man wird das von russischer Seite wie üblich gesichtswahrend gestalten und nicht laut darüber reden, aber erwarten, dass Erdogan in diesem Bereich genau so hart durchgreift wie gegen Putschunterstützer. Und ich denke, Erdogan wird spuren. Denn diese Kröte zu schlucken ist das kleinere Übel. Das großosmanische Reich ist eh abgesagt. Und dass der Krieg in Syrien noch von den Terroristen gewonnen wird, ist auch unwahrscheinlich, da schlägt man sich besser gleich auf die richtige Seite.
      Dazu kommt, und jetzt kommen die Kurden ins Spiel, ein unabhängiger kurdischer Staat auf syrischem Boden wäre die existentielle Bedrohung für die Türkei. Russland dagegen hat die Möglichkeit, mäßigend auf die syrischen Kurden einzuwirken und eine Lösung zu finden, mit der alle Seiten leben können (siehe wie von meinem Vorredner skizziert). Sich in dieser Sache gut mit Russland zu stellen, ist also von höchster Wichtigkeit für die langfristige Sicherheit und Stabilität der Türkei (während die USA darauf hinarbeiten, die Kurden zu benutzen, um ein Drohpotential gegenüber der Türkei aufrechtzuerhalten). Da gegenüber dieser Bedrohung viele andere Dinge zweitrangig sind, wird es der türkischen Regierung auch möglich sein, die Abkehr vom Syrienkrieg intern zu „verkaufen“.

      • Analitik sagt:

        „Andererseites lese ich (von mir nicht nachprüfbare) Aussagen von Insidern, dass die Türkei weiter Islamisten in Syrien unterstützt.“

        Man kann das nicht von heute auf morgen komplett einstellen. Unter den Islamisten tummeln sich tausende türkische Offiziere aus Militär und Geheimdiensten herum. Ein Mindestmaß an Unterstützung wird noch mindestens so lange bestehen, wie diese Leute nicht abgezogen sind.

        Weiterhin werden von der Türkei kontrollierte Truppen in Syrien umorientiert werden. Die Unterstützung wird weiter fließen, die Informanten vor Ort werden melden, dass weiter x Lastwagen täglich nach Syrien fahren, dann täglich y Kämpfer aus Syrien in grenznahe türkische Krankenhäuser eingeliefert werden usw. Aber die gleichen Kämpfer, die man unter IS-Flagge gegen Assad kämpfen ließ, werden dann möglicherweise gemeinsam mit Assad gegen US-geführte kurdische Einheiten vorgehen. Für die Türkei gibt es keinen Grund, alle ihre Truppen und Kommandeure aus Syrien abzuziehen. Neue Aufgaben halte ich aber für sehr wahrscheinlich.

    • Matthias sagt:

      Noch etwas aus der Gerüchteküche (Farsnews betrachte ich nicht als zuverlässige Quelle): der Durchbruch der Islamisten südlich von Aleppo zu dem zuvor eingeschlossenen „Rebellen“-Gebiet Ostaleppo soll angeblich auch dazu dienen, türkische Geheimdienstoffiziere aus diesem Gebiet zu evakuieren.

      Dass die SAA und die russische Luftwaffe die Etablierung dieses Korridors zumindest zeitweise zugelassen haben, könnte man als ein Entgegenkommen für die Türkei sehen, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, dass türkische Geheimdienstoffiziere in Ost-Aleppo festgenommen wernden.

      Siehe http://en.farsnews.com/newstext.aspx?nn=13950518000993

      • sw sagt:

        Es mag sein das türkische Offiziere im Aleppo-Kessel sind. Es mag auch sein das die Takfiri deshalb ihre Offensive gestartet haben. Das aber die SAA und russische Luftwaffen den Korridor offenlassen damit diese entkommen können halte ich für ausgesprochenen Unsinn.
        Der Grund ist sehr viel naheliegender – je mehr Takfiri´s aus dem Kessel fliehen desto einfacher ist a.)die Unterscheidung der Takfiris von der noch in diesem Teil Aleppos befindlichen Zivilisten und b.) die letztendliche Eliminierung. Dazu kommt, der Korridor ist völlig frei von Zivilisten, jeder Mensch der sich darin bewegt ist bewiesenermaßen ein Feind und kann leichter getötet werden. Und – je mehr Takfiris dort ausgelöscht werden desto weniger sind in Restsyrien zu bekämpfen.

    • Hans aus Olb sagt:

      Lt. Sputnik von heute verlautbarte Ankara in Moskau: „Wir wollen, dass Syrien als einheitlicher, säkularer Staat und im Rahmen der geltenden Grenzen beibehalten wird.“
      und
      „Unter anderem wollen wir, dass die geltende politische Leitung des Landes an dem Verhandlungsprozess beteiligt ist.“

      man beachte: *geltende politische Leitung*

      Mein lieber Scholli…. das geht ja fixer und klarer als ich hoffte.

      • Ein Sheeple sagt:

        DAS wäre in der Tat splendid News! Damit wäre mein Theorie vollständig bestätigt das durch den Türkischen Pivot der geplante Einmarsch der Türkei komplett abgesagt ist.

        Yay! Jetzt muss die SAA nur endlich mal den Kessel dicht bekommen und halten können damit die Kopfabschneider fertig haben und man sich endgültig an die Entsatzung Dei al Zors machen kann.

  6. Topal sagt:

    Thierry Meyssan denkt darüber nach, ob der Putsch und die anschließende Entfernung jeglicher Opposition mit den USA abgesprochen war um nächstes Jahr auf dem Sondergipfel der Nato die Türkei rauszulösen. Dann könnte sie ungestört von Nato-Regeln ihre Funktion als Drehscheibe des Islamischen Terrorismus erfüllen – weiterhin, und weiterhin auf Rechnung der USA…

    http://www.voltairenet.org/article192997.html

    • Hans aus Olb sagt:

      @Topal

      Das ist ein interessanter Gedanke, wie fast alle Artikel von Terry Meyssan interessant sind.

      Ich denke aber, hier liegt er falsch in der Deutung der Putschgründe/des Ablaufs. Und er deutet es ja auch an, sich nicht sicher zu sein.

      Das die USA die Situation trotz allem in der ein oder anderen Weise für sich zu nutzen gedenken, ist eine andere Sache. Demzufolge könnte der Sondergipfel 2017 schon Überraschungen enthalten. Allerdings der (offizielle) Rauswurf der Türkei aus der NATO dürfte darunter nicht fallen. Das wäre ein fatales Zeichen in alle Richtungen, das wird nicht aufgewogen durch eine *Drehscheibe* für den internationalen Terrorismus. Diese Drehscheiben sind anderswo billiger zu haben.
      Etwas anders ist die Situation, würde die Türkei erklären, sie trete aus der NATO aus. Ein wenig käme es hier auf die Randbedingungen an. Aber auch hier wäre der politsche Schaden immens, egal, was im Geheimen dahintersteht.

      Für meine Begriffe war Erdogan zeitig genug klar, dass gegen ihn ein Putsch ablaufen würde. Und es war ihm auch klar, von wo dieser ausgehen würde. Seine Verweigerung, deutschen Parlamentariern den Besuch von Incerlik zu gestatten, sehe ich (jetzt) klar in diesem Zusammenhang.

      Desweiteren wären bestimmte Vorgehensweisen nach dem Putsch, z. B. die militärische Infrastruktur der USA/NATO zeitweise zu lähmen (Incerlik, Izmir), nicht notwendig gewesen bei einer bestehenden Absprache zwischen Washington und Erdogan.

      • Analitik sagt:

        „das wird nicht aufgewogen durch eine *Drehscheibe* für den internationalen Terrorismus.“

        Vor allen Dingen gibt es auch gar nichts aufzuwiegen. Die NATO-Mitgliedschaft der Türkei hat ihrer Rolle als Terrorismusdrehscheibe nicht im geringsten geschadet, ganz im Gegenteil.

        Da die USA ihre eigenen Terroristen in der Türkei jetzt wüten lassen werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei echt was gegen Terror unternimmt, sogar größer geworden. Die Interessenlage hat sich geändert.

      • Matthias sagt:

        Ich lese Terry Meyssan regelmäßig, und beziehe daraus auch immer wieder interessante Denkanregungen. Allerdings, dass die NATO einfach auf die Türkei verzichten könnte, halte ich für eine grandiose Fehleinschätzung. Und dass die NATO von sich aus versuchen würde, die Türkei auszuschließen, halte ich geradezu für absurd.
        Die Mitgliedschaft in der NATO und die Stationierung von NATO- (d.h. USA-)Truppen in der Türkei, insbesondere Incirlik, ist beim türkischen Wahlvolk nicht besonders beliebt. Es kann so gerade noch von der Regierung dem Volk verkauft werden, dass das der Preis dafür ist, dass man in ein „System kollektiver Sicherheit“ eingebunden ist, und so weiter blabla, also dass man dafür auch eine Gegenleistung erhält. Wenn jetzt aber die Türkei nicht mehr NATO-Mitglied wäre, würde dieses Argument wegfallen und sehr wahrscheinlich müüsste auch ein Truppenstationierungsabkommen, das bisher im Kontext der NATO stand, neu verhandelt werden. In der jetzigen Situation, in der eine Mehrheit im türkischen Establishment und in der türkischen Bevölkerung die USA für den Putsch verantwortlich macht, ein neues Truppenstationierungsabkommen abzuschließen, wäre für die türkische Regierung wohl sehr gewagt. Und die USA/NATO können auf Incirlik nur schwer verzichten. Incirlik ist eine der Achillesfersen der globalen Kriegsmaschinerie der USA. Taktische Atomwaffen dort zu lagern ist vom operativen Standpunkt her wenig bedeutend, aber Incirlik als Zwischenstation für den Nachschub und als Operationsbasis der Kriege in Afghanistan, Syrien, Irak zu haben ist von höchster Bedeutung. Die Türkei aus der NATO zu verabschieden würde ein großes politisches Risiko für die Nutzung dieses Stützpunktes bedeuten. Daher gehe ich davon aus, dass ein Ausschluss der Türkei aus der NATO keineswegs Absicht der USA ist.

    • Matthias sagt:

      Noch eine Anmerkung zu Meyssans Artikel: Seiner Meinung nach stehen die Kemalisten hinter dem versuchten Militärputsch. Wie er darauf kommt, ist mir ziemlich rätselhaft. Absolut zuverlässige Aussagen zu treffen ist zwar schwierig. Allerdings, dass die Kemalisten es nicht waren, das war eine der ersten Essenzen, die ich schon nach einem Tag nach dem Putsch aus dem Gewirr an Stimmen aus der und über die Türkei herausgefiltert habe. Auch die Nachwirkungen zeigen: im Moment lässt man die Kemalisten in Ruhe. Erste Auswertungen, welche Leute und Organisationen die Säuberungswelle tatsächlich trifft, deuten in die Richtung, dass es tatsächlich hauptsächlich Gülen-nahe Medien und Organisationen trifft (plus, die, die es immer trifft, die Kurden, die aber mit dem Putsch sicher nichts zu tun haben). Dieses Verhalten der türkischen Regierung wäre höchst unlogisch, wenn der Putsch tatsächlich aus der kemalistischen Ecke kommen würde. Also auch da frage ich mich, wo Meyssan in den letzten Wochen seine Ohren hatte.