Elektromaidan (3)

„Zu beschließen, dass Armenien zum hundertjährigen Genozid der Armenier in der Türkei Selbstmord begeht, entbehrt nicht der Eleganz.“

Die Schlacht zum Wochenende: die USA veröffentlichen ihren Bericht darüber, wie schrecklich schlecht alles in Armenien ist und wie korrupt und verbrecherisch die Regierung. Die armenische Presse und die Facebookarmee greifen das auf und es befeuert die laufenden Proteste.

Armeniens Präsident kündigt an, die Strompreise einzufrieren und die notwendigen Mehrpreise aus dem Staatsbudget zu begleichen. Einerseits zeigt er damit Schwäche und Erpressbarkeit, was seine Zukunft besiegelt, andererseits…

  1. Nimmt er dem Protest den Wind aus den Segeln. Das Kernproblem, um das herum der Protest organisiert wird, entfällt komplett. Damit entfällt der Anlass, überhaupt weiter zu protestieren. Wie schon geschrieben, beeilen sich die Protestler, vom Anlass wegzukommen und zu viel grundlegenderen Anschuldigungen über zu gehen. Es braucht ein paar Tage, um den Mob auf neue Parolen umzupolen, der Präsident stört mit seiner Nachgiebigkeit diesen Prozess.
  2. Am Wochenende spalten sich die Protestler. Die radikaleren versammeln sich auf dem Bagramjan-Prospekt und sperren die Straße mit Müllcontainern. Die gemäßigteren demonstrieren auf dem Friedensplatz. Das Entscheidende ist nun, dass die Gemäßigten den Radikalen vorwerfen, die Situation unnötig aufzuheißen und sie auffordern, den Protest zu beenden. Und die Polizei steht bei all dem außen vor und unternimmt erst mal nichts, um beispielsweise die Straßensperren zu beseitigen. Es sieht sehr danach aus, dass der armenische Sicherheitsdienst bei den Gemäßigten involviert ist. Zu sehr passt das Handeln aller Beteiligten in dieses Bild. Das geht bis runter in die Blogosphäre, wo Überzeugungsarbeit gegen den Maidan daran anknüpft, dass der Präsident den Demonstranten entgegengekommen ist.

Natürlich gab es am Wochenende tausende Demonstranten. Natürlich versuchen die US-Elemente im Protest die Schrauben anzuziehen. Sie wollen Juristen hinzuziehen, um ihren Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. Immer wieder gibt es die Forderung, sich von der Regierung zu befreien. Es wird Infrastruktur aufgebaut (Erste-Hilfe-Anlaufstellen, Essensausgaben). Aber es gelingt nicht, die großen Massen rund um die Provokateure zu versammeln. Und alles sieht danach aus, dass einer der Gründe dafür ist, dass Regierungsagenten sich ebenfalls als Organisatoren des Mobs einmischen und den Protest behutsam runterfahren.

Nach dem Wochenende sind nur ein paar hundert Demonstranten übrig. Ideale Gelegenheit für die Polizei, sich die Jungs zu merken. Zum Dienstag hin hat sich der Protest fast vollständig erschöpft.


Die Barrikaden stehen noch, aber der große Mob ist weg.

Beide Seiten haben ihre Taktiken ausprobiert. Die Regierung hat die erste Schlacht gewonnen und dafür nicht wenig bezahlen müssen. Wenn die Regierung klug war, hat sie sich die Drahtzieher des Maidans gemerkt und wird bei der nächsten Schlacht auch die Eier haben, diese Schlüsselpositionen konsequent zu entschärfen, wenn es ernst wird. Fortsetzung folgt bestimmt.

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Ein Kommentar zu “Elektromaidan (3)
  1. raw sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Ja, scheinbar hat der armenische Präsident wirklich was aus der Ukraine gelernt 😉