Stratfor bereitet auf Verschlechterung der Lage vor

Ich erlaube mir erneut etwas Stratfor-Trolling. In einem aktuellen Artikel stimmt Philip Bobbitt die USA auf schlechte Zeiten ein. Das steht nicht direkt so da, aber man muss nur oberflächlich zwischen den Zeilen lesen, um es zu sehen.

Bobbitt erklärt uns, wie man die Strategien der USA auf ihre Qualität zu bewerten habe. Dabei sei es überhaupt nicht entscheidend, ob es mit der zuletzt angewandten Strategie besser oder schlechter wurde. Entscheidend ist, ob es den USA mit einer alternativen Strategie noch besser oder noch schlechter ginge.

Wenn also in ein paar Jahren alles viel schlechter sein wird als heute, darf man daraus keinesfalls den Rückschluss ziehen, dass die heute gewählte Strategie für die nächsten fünf Jahre schlecht ist. Nein nein, es kann gut sein, dass bei der Anwendung jeder anderen alternativen Strategie es in fünf Jahren noch sehr viel schlimmer wäre. Und damit wäre die heute gewählte Strategie, bei der alles schlimmer wird, doch gut, weil sie von allen schlechten die am wenigsten schlechte ist.

Er hat schon Recht. Aber die bloße Tatsache, dass ein US-Geheimdienst diese Gedanken so ausführlich durchkaut, ist bezeichnend. Die Öffentlichkeit wird auf den Niedergang der USA vorbereitet. Die Öffentlichkeit soll lernen, den Niedergang zu akzeptieren. Wenn man ihn nämlich nicht akzeptiert und die großen Strategen der USA in Zweifel zieht und ihre Arbeit behindert wird, könnte alles noch viel viel schlimmer kommen! Die Angst vor etwas noch schlimmeren soll die Menschen disziplinieren, das Schlimme zu ertragen.

Bobbitt führt ein konkretes Beispiel an, indem er CIA Direktor John Brennan zitiert:

There has been a full-court effort to try to keep this country safe. Iraq, Iran, Syria, Yemen, Libya, others, these are some of the most complex and complicated issues that I’ve seen in 35 years working on national security issues. So there are no easy solutions. I think the president has tried to make sure that we’re able to push the envelope when we can to protect this country. But we have to recognize that sometimes our engagement and direct involvement will stimulate and spur additional threats to our national security interests.

Man habe alles getan, um die USA sicher zu machen. Es sei verdammt schwer, Irak, Iran, Syrien, Yemen, Libyen und andere in den Griff zu bekommen. Man habe sich Möglichkeiten eröffnet, bei Bedarf durchzugreifen. Aber man müsse erkennen, dass diese ganze Arbeit manchmal auch dazu führe, dass neue Gefahren für die USA entstünden.

Aus dem Diplomatensprech in die Alltagssprache übersetzt heißt das: Unsere Sicherheit hängt davon ab, dass wir das Erdöl kontrollieren. Deswegen haben wir im gesamten Nahen Osten stabile Staatsstrukturen zerstört und dort einen riesigen Haufen Terroristen gezüchtet, die wir annähernd kontrollieren können. Der kleine Nachteil ist, dass der ein oder andere dieser Terroristen unserer Kontrolle entgleiten könnte und dann womöglich irgendwas bei uns im Lande in die Luft jagt.

Die USA sind in letzter Zeit erstaunlich offen mit solchen Bekenntnissen. Obama hat vor nicht allzu langer Zeit eingeräumt, dass der Aufstieg des IS indirekt mit dem Vorgehen der USA im Nahen Osten zu tun habe. Aus dem Munde eines US-Präsidenten ist das eine Offenbarungs-Bombe. Im Westen hat sie natürlich nicht gezündet, denn die artige Presse zog es vor, nicht weiter nachzuhacken, was Obama denn genau gemeint hatte.

An anderer Stelle wurde es dann deutlicher. Öffentlich gewordene US-Geheimdienstdokumente zeigen unverblümt, wie der Aufstieg des IS im Jahr 2012 als wünschenswerte und in absehbarer Zeit umsetzbare Option beschrieben wurde. Für imformierte Leute war das keine Enthüllung, sondern eine offizielle Bestätigung bekannter Fakten. Schauen Sie zum Beispiel hier, hier oder hier rein.

Nachtrag, 05.07.2015:

Noch etwas feines gefunden: McCain posiert mit IS-Kämpfern vor der Kamera.

Senator McCain inmitten von IS-Kämpfern in Syrien.

Nachtrag Ende.

Die direkte Beteiligung der USA an der Gründung des Islamischen Staates wird ziemlich intensiv von US-Offiziellen in der Öffentlichkeit erklärt. Obama macht mit, der CIA-Direktor macht mit, Stratfor macht mit. Das sind nur diejenigen, die ich mitbekommen habe, daneben gibt es sicher noch mehr. Alles diplomatisch so verpackt, dass die direkte Schuld an den USA vorbei geht und allenfalls, wie es Obama erklärt hat, eine indirekte Mitschuld verbleibt. Und mitten hinein in diese Bemühungen die Veröffentlichung von Geheimdienstmaterial, der am zielgerichteten Aufbau von Terrornetzwerken durch die USA wenig Zweifel lässt. Stratfor erklärt uns, dass das schon ok sei für die US-Bürger, weil die Alternative noch schlimmer wäre.

So erzieht man sich Zombies.

Zum Schluss noch ein Schmankerl:

To be an argument, we would have to know what damage our external enemies would have done to us and to our allies if we had not appropriated large sums for defense and intelligence, if we had not prevented the proliferation of weapons of mass destruction in Iraq and Libya, and if we had not stopped the ethnic massacres in Europe.

Die Jungs bei Stratfor sind einfach ein Phänomen.

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5 Kommentare zu “Stratfor bereitet auf Verschlechterung der Lage vor
  1. Es mag schon sein, daß die USA im Niedergang sind. Mich wundert nur immer, daß das offenbar viele Leute, dich eingeschlossen, zu freuen scheint. Dabei ist eines offensichtlich. Wenn die USA sich entscheiden sollten, Europa ebenso sich selbst zu überlassen, wie den Nahen Osten, dann werden hier sehr viele Leute sehr dumme Gesichter machen.

    • analitik sagt:

      “Mich wundert nur immer, daß das offenbar viele Leute, dich eingeschlossen, zu freuen scheint.”

      Wo haben Sie das denn herausgelesen?

      Wenn die USA implodieren, explodieren wir mit. Es besteht überhaupt kein Grund für simple Freude, ganz im Gegenteil. Wir werden extrem leiden, im schlimmsten Fall im Rahmen eines dritten Weltkrieges.

  2. adjec sagt:

    Ich bin Österreicher und bei Gott niemadem hörig. Die Einmischungen gewisser AMI SCHARFMACHER in Europa ist locker verschmerzbar. Europa mit dem Nahen Osten zu vergleichen ist wie Äpfel und Birnen …

    Diese Stratfor Typen sind schon cooooool & crazy.
    Meinung vieler AMIS.