Sprachlich institutionalisierte Asozialität

Unter vielen anderen Anglizismen in der deutschen Sprache gibt es „clever“. Man sagt im deutschen, dass jemand etwas clever gemacht hat, wenn er die Regeln bricht oder sich zumindest in einer dunkelgrauen Zone bewegt, dabei aber formal nicht anfechtbar ist. Wenn Arjen Robben leicht an der Schulter berührt wird und daraufhin hoch und flach in die Luft springt, als ob er von einem Auto angefahren worden wäre, dann ist das nicht asozial – nein, das ist clever. Und das gilt es nicht mit einer gelben Karte zu bestrafen – nein, das gilt es mit einem Elfmeter zu belohnen. Und der Verteidiger, der Robben an der Schulter berührt hat, war nicht unschuldig, sondern ungeschickt.

Cleverness als formal nicht anfechtbare Asozialität. Man beachte, dass Cleverness absolut positiv ist. Der Arme verteidiger muss im Interview sich selbst für sein Ungeschick geißeln und Robben für dessen Cleverness loben. Während Robben nicht mehr tun muss, als auf die Berührung zu verweisen, um gerichtsfest zu beweisen, dass er nichts verwerfliches getan hat. Verkehrte Welt. Man beachte, dass die formale Unanfechtbarkeit integraler Bestandteil von Cleverness ist. Wenn Robben die gleiche Schwalbe macht, ohne dass er vom Finger des Verteidigers berührt wurde, ist er schon nicht mehr clever, sondern dreist. Die Asozialität der Cleverness muss im Kleid der formalen Korrektheit daherkommen.

Man könnte auch den deutschen Begriff „listig“ verwenden können, es wäre viel zutreffender, denn List hat etwas gemeines in sich. List ist unfair. Wenn man List einsetzt, hat man allen Grund, sich zu schämen. List ist der korrekte Begriff, aber in einer Kultur, die Asozialität fördern und gutheißen will, ist List nicht der passende Begriff. Deswegen ist ein Arjen Robben nicht listig, wenn er eine Schwalbe macht, sondern clever.

Das gewählte Beispiel Fußball ist wirklich nur ein Beispiel. Das Prinzip ist tatsächlich universell in der angelsächsischen Kultur. Wer sich einen trickreichen Steuerberater leistet, um formal-juristisch legal die Steuern nicht zahlen zu müssen, ist nicht ein Asozialer, sondern clever. Wer sogar so viel Geld hat, dass er die Bundesregierung davon überzeugt, Steuergesetze von privaten Anwaltskanzleien schreiben zu lassen und sich dann von diesen Kanzleien auf den Leib zugeschnittene Steuerlöcher schreiben lässt, ist kein Verbrecher am Staate, sondern clever. Wer Wahlversprechen macht, die er nicht zu erfüllen gedenkt, ist kein Lügner und Betrüger, sondern clever – er will ja möglichst viele Stimmen sammeln und alle lügen übertreiben ein wenig dafür und es gibt kein Gesetz, das zur Einhaltung der Wahlversprechen verpflichtet, nicht wahr? Und so ist es überall, die angelsächsische Gesellschaft ist durchzogen von dieser Vorstellungswelt.

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