Revolution in der Matrix!

Eine kleine Revolution in Moskau! Spon verkündete diese frohe Botschaft. Ist Putin endlich gestürzt? Fast! Bei den Kommunalwahlen in Moskau hat die Opposition „in Putins Wahlkreis abgeräumt“. Die Opposition hat 266 Kandidaten in die Bezirksversammlungen gebracht! Wenn das keine kleine Revolution ist…

Die BBC hat auch über diese Wahl berichtet. Das größte und wichtigste Propagandamedium der Briten ist der Kremlpropaganda unverdächtig. Freilich agiert die BBC in der Regel subtiler und vorsichtiger, insbesondere wenn sie für das russische Publikum über Russland schreibt (als die Stimmen noch nicht ausgezählt waren, feierte die BBC die vorzeitigen Jubelschreie der Opposition mit, aber der Sieg entpuppte sich als virtuell und so musste zurückgerudert werden). Das ist mehr als genug, um uns einige Erheiterung zu bescheren.

Worin also besteht die Revolution? Die Opposition hat 999 Kandidaten aufgestellt und 266 davon sind durchgekommen.

Schlussfolgerung von Spon: Das Misstrauen der Moskauer Elite gegenüber Kreml und Putin ist gewachsen! Woran misst man Wachstum? Üblicherweise an vorangegangenen Werten. Die werden bei Spon nicht erwähnt. Schade eigentlich. Bei der letzten Wahl in Moskau hatte die Opposition noch 390 Kandidaten durchbekommen. Die 266 aus der aktuellen Wahl lassen wir als negatives Wachstum durchgehen. Die regierende Partei „Einiges Russland“ hat etwa 20 % mehr Kandidaten als bei der letzten Wahl und stellt nun etwa 77 % der Kandidaten. Wenn die CDU in Deutschland irgendwo 77 % einsammeln würde, würde das von unseren Qualitätsmedien auch als Signal großen Misstrauens bewertet werden, zweifellos. Was sollte es auch anderes sein?

Spon meldet eine Wahlbeteiligung von 14 %. Wir überschlagen grob: etwa 18 % für die Opposition (die Gesamtzahl von 1502 Mandaten erfahren wir bei Spon nicht), von 14 % der Wahlberechtigten macht… sagenhafte ca. 2,7 % der Wahlberechtigten. Weniger als 3 % der Moskauer sind so unzufrieden mit Putin, dem Kreml und der regierenden Partei, dass sie sich aufgerafft haben, zur Wahl zu gehen und die Opposition zu wählen. Revolutionär! Und das lustigste daran ist:

Die Moskauer Stadtmacht versuchte die Abstimmung zu ignorieren. Sie tat so, als gebe es die Wahl gar nicht: Das Stadtjubiläum wurde am Wahltag begangen, es gab kaum Wahlwerbung in den Staatsmedien und auf den Straßen. Diese Strategie ging nicht auf, denn dadurch blieben Staatsbedienstete den Urnen fern.

Die Regierung macht demonstrativ keinen Wahlkampf, die Stammwähler der Regierung bleiben zu Hause, die Opposition gibt alles und… schneidet schlechter ab als bei der letzten Wahl. Revolutionär!

Einer der Oppositionsführer sieht den Beginn einer politischen Veränderung in Russland. Wahrhaftig, in Russland fallen immer weniger Menschen auf die Gülle der vom westen bezahlten Opposition herein. Hier im Westen kann man diese Veränderung noch als Sieg der Opposition verkaufen. Ist ja nur das Gegenteil dessen, was tatsächlich passiert, das geht noch als Qualitätsjournalismus durch.

Dann geht es im Spon-Artikel noch um die Aufstellung des Kandidaten für die bald anstehende Bürgermeisterwahl. Gudkow, der große Held der Opposition, will sich natürlich aufstellen lassen. Es gibt nur ein kleines Problem: Jeder Bürgermeisterkandidat muss in 110 Bezirken mindestens einen Unterstützer auftreiben. Die Logik dieser Regel ist klar, es sollen keine Hampelmänner kandidieren, die nicht mal ein Mindestmaß an Unterstützung an der Basis haben.

Die [Hürde] wird Gudkow nun spielend nehmen können.

Aha. Die BBC weiss in ihrem Artikel zu berichten, dass keine einzige Oppositionspartei Kandidaten in so vielen Bezirken hat. Gut, die könnten sich verbünden und sich gegenseitig Unterschriften schenken. Aber wie weit ist es mit der Freundschaft der Oppositionellen her? Spon weiss es:

Das ist eine Chance für die zerstrittene Bewegung, auch wenn Alexander Nawalny, der bei der Präsidentschaftswahl gegen Putin antreten will, es am Montag nicht fertig brachte, Gudkow und seinem Team zu gratulieren.

Die BBC verrät uns, dass die 266 Kandidaten von Gudkow auf 63 Bezirke verteilt sind – ein Zitat von Gudkow selbst. Wie Gudkow die Hürde von 110 Bezirken „spielend“ nehmen will, erklärt Spon nicht. Wohl aber die BBC: Die regierende Partei „Einiges Russland“ hat bereits angeboten, der Opposition die notwendigen Unterschriften zur Verfügung zu stellen. Die Opposition ist so revolutionär stark in Moskau, dass sie sich von der Regierungspartei helfen lassen wird, um überhaupt einen Bürgermeisterkandidaten aufstellen zu können. Wahnsinn. Nawalny hat bei den letzten Wahlen im Jahr 2013 auch nur wegen der freundlicherweise zur Verfügung gestellten Unterschriften von „Einiges Russland“ kandidieren können.

Das böse böse Regime in Moskau öffnet der Opposition, die keine 3 % der Bevölkerung für einen Wahlgang mobilisieren kann, die Möglichkeit, überhaupt einen Bürgermeisterkandidaten aufzustellen. So böse und unterdrückerisch!

Angesichts der gewaltigen Power der Opposition zittern dem Kreml laut Spon schon die Knie vor der anstehenden Präsidentschaftswahl:

Die Staatsmacht reagiert dementsprechend nervös.

Putin entlässt korrupte Beamte, wie schon die Jahre zuvor. Nee, Spon weiss es besser, das tut er nur, weil er jetzt richtig Angst hat vor der Opposition. Denn die hat gerade eine kleine Revolution vollbracht.

Was bleibt? Es bleibt ein leuchtendes Beispiel. Die Opposition in Russland verliert in Moskau (der größten Trutzburg der Opposition) viele Stimmen. Sehr viele Stimmen. Für die deutschen Bewohner der Matrix wird daraus eine kleine Revolution und ein großer Erfolg der Opposition herbeigezaubert. Völlig losgelöst von der Realität. Die Realität ins Gegenteil verdrehend. Basierend auf solchen Berichten bildet sich das Weltbild eines durchschnittlichen Deutschen.

Willkommen in der Matrix.

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24 Kommentare zu “Revolution in der Matrix!
  1. LudwigSchlucht sagt:

    „Die regierende Partei ‚Einiges Russland‘ hat etwa 20 % mehr Kandidaten als bei der letzten Wahl und stellt nun etwa 77 % der Kandidaten.“

    Diesen Satz bzw. dessen Aussage verstehe ich nicht. Geht es hier wirklich um Kandidaten oder nicht doch um Gewählte, also nun Abgeordnete in den Bezirksversammlungen?

  2. Pushek sagt:

    Hervoragender Text. Aber es soll ja immer noch Leute geben, die den Spiegel als ernst zu nehmendes Informationsmedium betrachten. Eine Intelligenzfrage. Eigentlich tun mir solche Leute nur noch leid. Es sind aber die, welche am übernächsten Wochenende die BT-Wahl entscheiden und D weitere vier Jahre IM Erika bescheren. Wohl bekomms.

  3. Molten Core sagt:

    Vielen Dank für die Links – und die vollumfängliche Bestätigung meiner Vermutungen nach dem „Genuss“ eines Artikels auf Telepolis.

    Der übrigens im Großen und Ganzen SPON-kompatibel ist.

    Grüße
    Molten

  4. Alex sagt:

    Sehr geehrter Herr Analitik.de,
    vielen Dank für Ihre Arbeit und Analysen.
    Gruß
    Alexander

  5. maxxxvv sagt:

    Diese Informationen brauchen eigentlich keine Kommentierung – sie sprechen für sich!
    Es kommt selten vor, dass ein Fragesteller im deutschen Qualitätsfernsehen – hier Phoenix – bei den „falschen Antworten“ eines Experten – hier zum Problem Nordkorea – keinen roten Kopf bekommt, wenn er unerwartet „Kröten“ einfach schlucken muss wie zum Beispiel „Propaganda in Westmedien“. Da der „Dialog“ (unter http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/2491396 zu finden) in der Geisterstunde nach Mitternacht stattfand, einer Zeit also, die die Niedrigstquoten befördert,in der auch die meisten Leser von „Verschwörungsblogs“ schon schlafen, konnte man das wohl senden.
    Wer wissen will, wie man Mainstream-Klischees sachlich auskontern kann, dem empfehle ich diese Sendung.

  6. seppel sagt:

    Als weiterführende Lektüre würde ich diesbezüglich folgendes empfehlen:

    Die Propaganda-Matrix
    https://swprs.org/die-propaganda-matrix/

    Zitat aus der Einleitung:
    „Ob Russland, Syrien oder Donald Trump: Um die geopolitische Bericht­erstattung westlicher Medien zu verstehen, muss man die Schlüssel­rolle des amerikanischen Council on Foreign Relations (CFR) kennen.

    Im folgenden Beitrag wird erstmals dargestellt, wie das Netzwerk des Councils einen in sich weit­ge­hend geschlossenen, trans­atlantischen Informations­­kreislauf schuf, in dem nahezu alle relevanten Quellen und Bezugs­punkte von Mitgliedern des CFR und seiner Partner­­organisationen kontrolliert werden.

    Auf diese Weise entstand eine historisch einzigartige Informations­­matrix, die klassischer Regierungs­propaganda autoritärer Staaten deutlich überlegen ist, indes durch den Erfolg unabhängiger Medien zunehmend an Wirksamkeit verliert.“

    Und ein exzellenter Beitrag von Prof. Dr. Rainer Mausfeld:

    Massenmediale Ideologieproduktion
    https://www.rubikon.news/artikel/massenmediale-ideologieproduktion

    „So viel Vertrauen in die Medien ist angesichts der grotesken und eigentlich offenkundigen Verzerrungen ihrer Berichterstattung über relevante politische Ereignisse überraschend und erklärungsbedürftig. Die Vermutung drängt sich auf, dass die immer noch hohen Glaubwürdigkeitswerte keineswegs eine Eigenschaft der Medien widerspiegeln, sondern vielmehr überwiegend eine Eigenschaft der Mediennutzer, nämlich den Grad ihrer bereits erfolgten Indoktrination.

    Es wäre daher interessant, die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Medien umzukehren und zu fragen, warum immer noch so viele Deutsche den Medien vertrauen. Und es wäre lohnend und politisch wichtig, systematisch zu untersuchen, worin die tieferen Ursachen für eine solche verzerrte Wahrnehmung der Medien liegen.“

    Für den ein oder anderen Stammleser bei Analitik sicherlich keine Offenbarung, aber für Neulinge eine fundierte Einleitung. Nüchtern, sachlich und mit zahlreichen Denkanstößen.

    Institutionen wie das CFR geraten nämlich zunehmend in Bedrängnis. Und die Ursache ist das Internet, in dem Leute unkontrolliert ihre Meinung artikulieren, ohne zuvor vom CFR sorgfältig ausgewählt worden zu sein.

    Analitik ist so zu sagen ein Auf­wieg­ler, Demagoge, Agitator, Hetzer – und das ohne Pressausweis und ohne die Mächtigen um Erlaubnis zu fragen. Unverschämtheit!

    Bitte weitermachen 😉

  7. Peter Pan sagt:

    Danke für den Artikel. Habe gleich die Dame des Spon Artikels angeschrieben. Bin gespannt, ob eine Antwort kommt.

    Sehr geehrte Frau Hebel,

    zu ihrem Artikel „Kleine Revolution in Moskau“ möchte ich folgendes bemerken:

    Bei der letzten Wahl in Moskau hatte die Opposition noch 390 Kandidaten durchbekommen, jetzt nur 266. Das schlechtere Ergebnis wird von Ihnen so dargestellt, als ob der Opposition ein Durchbruch gelungen wäre und Putin sich nun fürchten müsse, weil die Menschen sich von ihm abwenden würden. Das bessere Ergebnis von der letzten Wahl wird von Ihnen natürlich nicht erwähnt.

    Ich empfehle Ihnen dringend folgenden Artikel:

    http://analitik.de/2017/09/14/revolution-in-der-matrix/

    und bin auf ihre Antwort gespannt. Sollte ich keine Antwort erhalten ist für mich klar, daß Sie die Leser bewußt täuschen. Ich werde alle meine Bekannten aufklären und auffordern, den Spiegel nicht mehr zu kaufen und zu lesen.

    Mit freundlichen Grüßen

  8. Peter Pan sagt:

    Hier die Antwort:

    Sehr geehrter Herr P

    mein Artikel bezieht sich ausschließlich auf das Gudkow-Projekt und die Art, wie Wahlkampf geführt wurde. Darauf beziehe ich meine Zahlen: 266 von 999 Kandidaten.

    Wenn Sie alle Zahlen sehen wollen, können Sie sie unter anderem hier nachlesen
    https://gudkov.ru/

    Выдвижение муниципальных депутатов 2017
    gudkov.ru
    В каких районах прошли, сформировали большинство и нокаутировали Единую Россию

    Zum anderen würde ich Sie bitten, meinen Artikel und die Anmerkung darunter genau zu lesen.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahl-in-moskau-was-der-erfolg-der-russischen-opposition-bedeutet-a-1167170.html

    Wahl in Moskau: Was der Erfolg der russischen Opposition …
    http://www.spiegel.de
    In Putins Wahlkreis abgeräumt, 266 Kandidaten in die Bezirksversammlungen gebracht: Bei der Lokalwahl in Moskau ist dem Team des Oppositionellen Dimitrij Gudkow ein …

    Grüße

    • Analitik sagt:

      Wow, im Gegensatz zu Bidder, den Hebel abgelöst hat, antwortet sie sogar… Ein Zeichen für mangelnden Professionalismus.
      Sehr schön, wie sie die Gelegenheit nutzt, um Werbung für Gudkow zu machen. Haha!

    • Salander sagt:

      @ Peter Pan

      …Gudkow und sein Team wollen auch dort Kandidaten trainieren und ihnen helfen, Mandate zu gewinnen…

      Na das Fitness-Center möcht ich sehen.😂

      Hoch das Bein…

  9. Und jetzt klaut ‚Pad43z the Pad‘ auch noch bei mir!!!!

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