Schach!

Schach erfreut sich in Deutschland keiner großen Popularität. Völlig zu Unrecht. Schach schult strategisches Denken. Beim Schach lernt man unter anderem, mehrere Züge im Voraus zu planen. Man überlegt sich den eigenen Zug, dann die Raktion des Gegners darauf, dann die eigene Reaktion darauf und so weiter. Schachgroßmeister schaffen mehr als fünf Züge vorauszudenken. Die Anzahl der durchdachten Möglichkeiten steigt mit jedem vorausgedachten Zug exponentiell.

Das westliche Bildungssystem schult kein strategisches Denken, sondern emotionales Reagieren auf Reize. Der gemeine Bürger reagiert auf die aktuelle Situation und überlegt nicht, welche Implikationen seine Aktion oder Reaktion in ein, zwei oder drei Zügen haben wird.

Wenn Ihnen in einer Schachpartie eine Bauernfigur in Ihre Schusslinie gestellt wird, was tun Sie? Naja, Sie können mit dem Läufer schlagen und schauen, ob Ihr Läufer dann seinerseits geschlagen werden kann. Nein? Cool! Sie reiben sich die Hände, schlagen den Bauern, freuen sich des Vorteils… und haben nicht bedacht, dass Sie mit dem Versetzen des Läufers die Dame entblößt haben. Anfängerfehler. Reingetappt in die simpelste Falle.

Ein erfahrener Spieler kann die Anfangsphase der Partie mit dem Schieben von Bauern verbringen, während der Neuling keinen Nutzen in diesem Klein-Klein sieht und seinerseits die starken Figuren herumsausen lässt. Nur, welch Wunder, nach zehn Zügen stellt der Neuling fest, dass seine großen Figuren allesamt keinen Handlungsspielraum haben und allein von den Bauern des Gegners geblockt werden. Und dann fängt der erfahrene Gegner an, seine Hauptfiguren ins Spiel zu bringen und der Neuling wird einfach nur überrollt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein Zug kann sowohl grandios als auch dämlich erscheinen, je nachdem wie strategisch, wie weitreichend, der Zug analysiert wird. Was auf den ersten Blick vorteilhaft erscheint, kann sich bei vorausschauender strategischer Analyse als schwerwiegender Fehler entpuppen. Und was nach einem unmittelbaren Fehler aussieht, kann bei strategischer Planung nur ein Zwischenschritt in einer großen, erfolgreichen Kampagne sein.

In der Politik wird viel Schach gespielt. Ein Beispiel aus aktuellem Anlass. Der erste Zug:

Trump hatte seinem Verteidigungsminister vor einiger Zeit freie Hand bei der Verlegung gegeben.

Was war damals das Geheul groß bei den besorgten Bürgern. Trump ist eine Marionette des militärisch-industriellen Komplexes. Trump gibt die Macht komplett an das US-Militär ab. Das ist die Denkweise von Schachneulingen, die von Strategie keine Ahnung haben und bei einem Zug nur den Zug sehen, aber nicht die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, die der Zug für die Zukunft eröffnet. Der Zug sieht im hier und jetzt doof aus, also ist er doof.

Nachdem Trump seinen Generälen „freie Hand“ gab – jedenfalls in der medialen Darstellung – flogen verwirrte Tomahawks über das Mittelmeer und eine rieeesige Bombe über Afghanistan. Da haben wir es doch, die US-Militärs lassen die Sau raus, bis zum Atomkrieg ist es nicht mehr weit – dachten sich die besorgten Bürger. Das war der zweite Zug.

Und jetzt der dritte Zug:

Donald Trump soll wütend auf einen hochrangigen General der US-Armee sein, meldet der TV-Sender NBC. Demnach verlangte der Präsident die Entlassung des Militärs, weil man in Afghanistan nicht vorankomme.

Hoppla! Trump überrollt die Militärs mit Vorwürfen. Hat er ihnen denn nicht die Macht übertragen? Ist er nicht deren Marionette?

In Wirklichkeit sehen wir eine sehr einfache Kombination von Zügen. Aber viele Menschen vermögen nicht einmal das aus eigener Kraft zu erkennen. Dabei ist es wirklich einfach: Man gebe einem Untergebenen offiziell mehr Verantwortung, lasse ihn an seiner Verantwortung scheitern und degradiere ihn daraufhin „mit Recht“.

Und das witzigste daran ist: Trump konnte nur gewinnen. Er hat selbst das US-Militär in den Himmel gelobt, hat damit die Erwartungen in die Höhe geschraubt. Er hat medial freie Hand gegeben. Dabei ist doch klar, dass die große Freiheit sich in Wirklichkeit nur in Nuancen ausdrücken konnte. Das Militär war und ist beispielsweise nicht in der Lage, selbst eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan zu beschließen. An den prominenten Kriegsplätzen ist die Situation für die USA im besten Falle festgefahren, im schlimmsten Fall degradierend. Hätte das US-Militär irgendwas grundlegend verbessern können? Natürlich nicht. Wenn, dann hätte es das schon längst getan. Hat Trump gewusst, dass das Militär nichts wird ausrichten können? Natürlich. Hat das Militär das auch gewusst? Natürlich. Konnte das Militär irgendwas gegen Trumps Kombination aus mehreren Zügen machen? Nein. Die Generäle können schlecht nein sagen, wenn Trump ihnen mehr Freiheiten überträgt, damit sie ihrer Verantwortung gerecht werden. Genauso wenig können die Generäle nein sagen, wenn Trump anschließend medienwirksame Ballereien befiehlt. Und genauso wenig haben die Generäle etwas gewichtiges zu ihrer Verteidigung zu sagen, wenn Trump ihnen vorwirft, auf großer Linie zu versagen, denn das tun sie wirklich. Nur hat sich ihre Position im politischen Schach in den USA jetzt rapide verschlechtert, denn der Präsident lobt sie nicht mehr als die geilste Armee aller Zeiten, sondern wirft ihnen Versagen vor. Spüren Sie den kleinen Unterschied.

Diese kleine Kombination ist ihrerseits Teil eines viel größeren Spiels. Wenn das US-Militär ein Turm auf dem Schachbrett ist, dann hat Trump diesen Turm in eine geblockte und ungünstige Position gebracht. Trumps Gegner können diese Figur nicht mehr wirkungsvoll ausspielen. Der Turm ist jetzt damit beschäftigt, sich zu decken und zu verteidigen. Und Trump kann diesen Prozess steuern. Er hat jetzt die Trümpfe in der Hand, kann fast nach Belieben weitere Vorwürfe machen, kann Köpfe rollen lassen, kann die Generäle gegeneinander ausspielen, da manche jetzt versuchen werden, sich an Trump anzulehnen, um den drohenden Abstieg zu verhindern oder den Aufstieg möglich zu machen.

Die Politik ist voll von solchen Zugkombinationen. Die meisten Menschen bekommen nicht viel davon mit, erkennen die Tiefe des Spiels nicht, sehen immer nur den einen aktuellen Zug und können sich darauf keinen Reim machen. Man kann sich auf einzelne Züge keinen Reim machen, weil sie Teil einer Strategie sind und nur im Rahmen der Strategie zu verstehen sind.

Veröffentlicht in Analysen Getagged mit: ,