Rumoren im Nahen Osten

Erdogan säubert die türkischen Reihen in der NATO. Während die NATO sich öffentlich darüber ausheult, explodieren Bomben in Istanbul. Zufall oder Rache? Die NATO beeilt sich jedenfalls, die Terrorakte zu verurteilen. Interessanter Eifer, aber wir wollen nicht voreilig sein mit Schlussfolgerungen.

Die Verantwortung für die Anschläge haben Kurden auf sich genommen. Das ist auch sehr interessant, denn es spielt Erdogan in die Karten. Es legitimiert ihn, hart gegen die Kurden vorzugehen.

Die Kurden sind derzeit das größte Problem im Nahen Osten. Das Problem ist, dass sie von USA und Israel genutzt werden, um die Region zu destabilisieren. Der angestrebte Kurdenstaat wird die gesamte Region mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Explosion bringen, wenn er tatsächlich zustande kommt. Und eine Explosion des Nahen Ostens kann die Situation, die derzeit unter Kontrolle ist, außer Kontrolle geraten lassen und bis hin zum atomaren Weltkrieg führen. Dabei ist diese Gefahr derzeit weitgehend vom Tisch.

Das Problem mit den Kurden ist, dass USA und Israel es geschafft haben, die Kurden als das Gute schlechthin in den Köpfen der Menschen zu verankern. Kurdische Mädchen, die ganz allein den IS aufhalten, auf den Titelblättern unserer Zeitschriften, Sie erinnern sich gewiss. Solche Scherze halt.

Der IS wurde genauso klischeehaft als das Böse in den Köpfen verankert. Schwarze Flaggen, wie in Piratengeschichten, von Hollywood produzierte Hinrichtungsvideos, die stilistisch nicht von Hollywood-Horrorfilmen zu unterscheiden sind. Solche Scherze halt.

Am Ende haben die Menschen ein schönes schwarz-weiss-Bild vom Nahen Osten im Kopf. Die Rollen der Guten und der Bösen sind so klar verteilt worden, dass bei keinem Idioten Zweifel aufkommen konnten. Beachten Sie, beide Seiten wurden aus der gleichen Kasse bezahlt. Die USA und ihre Nahost-Verbündeten Israel, Saudi-Arabien, Katar und Türkei haben sowohl den IS als auch die Kurden mit Geld und Waffen vollgepumpt.

Sowohl IS als auch Kurden arbeiten fleißig daran, die Region zu destabilisieren, indem sie die Staatlichkeit zersetzen. Ihr versprochener Lohn dafür sollten eigene Staaten sein. Für beide übrigens, sowohl für Kurden als auch für den IS.

Für USA und Israel war es das perfekte Szenario. Böser IS und gute Kurden zerstören Seite an Seite die unliebsamen Staaten Syrien und Iran, und beschneiden die Türkei. Die eroberten Gebiete teilen sie sich untereinander auf und dann kann man sie wunderbar gegeneinander kämpfen lassen. Die Rollen passen, die Figuren hängen alle am Tropf der Puppenspieler und sowohl Kurden als auch IS sind geradezu verseucht von US- und israelischen Geheimdiensten. Volle Kontrolle ist garantiert. Ein hervorragender Plan. Moralisch aus der Hölle in unsere Welt gezogen, aber aus der Sicht der moralbefreiten Machtgier wirklich hervorragend.

Putin hat diese Pläne durchkreuzt. Wir wollen das nicht noch mal aufrollen, sondern nur die Kurdenfrage herausgreifen. Schauen Sie, die Beseitigung der IS-Puppen ist kein Problem. Der IS ist böse, von allen als Terrororganisation anerkannt. Man kann den IS einfach wegbomben, was man in Kürze auch tun wird, wie es mit den gemäßigten Terroristen getan worden ist. Die Kurden aber sind das Gute! Man kann sie nicht einfach wegbomben. Man kann doch keine Bomben auf die Guten werfen. Russland kann das nicht. Assad kann das auch nicht, denn die syrischen Kurden sind syrische Bürger. Es ist eine Sache, die terroristische Internationale im eigenen Land zu beseitigen und es ist eine andere Sache, die heimische Bevölkerung zu beseitigen. Letzteres geht nicht.

Während also das IS-Problem von Russland und Syrien lösbar ist, ist es das Kurdenproblem nicht. Aber die Kurden, denen der Heiligenschein angeheftet worden ist, arbeiten trotz ihrer Heiligkeit weiter daran, den Nahen Osten zu sprengen. Ihnen wurde ein eigener Staat dafür versprochen, die Kurden sind heiß. Wie wird man mit dem Kurdenproblem fertig?

Der einzige, der das Kurdenproblem angehen kann, ist Erdogan. Wohl nicht zuletzt deshalb hat Russland Erdogan während des Putsches gerettet. Erdogan wird gebraucht, um für Stabilität im Nahen Osten zu sorgen.

Im Licht dieser Interpretation versteht man auch, warum Erdogan das türkische Militär in den Norden Syriens hat einmarschieren lassen und sich weder Moskau noch Damaskus ernsthaft darüber beschwert haben. Erdogan ist dort, um seinen Teil zur Lösung des Kurdenproblems beizutragen. Es gibt einen Deal.

Die heiligen Kurden wird man natürlich nicht ausrotten. Die Russland-Koalition, in deren Lager die Türkei inzwischen gewechselt ist, wird dreierlei tun. Einerseits wird sie den Kurden ein wenig auf die Füße treten – dafür ist Erdogan verantwortlich. Zusätzlich werden die kurdischen Gönner in die Mangel genommen – dafür ist Russland verantwortlich. Sinkende Unterstützung, damit sinkende Hoffnungen auf den eigenen Staat, gepaart mit steigenden Kosten für den Versuch, einen eigenen Staat dennoch auszurufen, werden früher oder später das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Kurden ins Negative fallen lassen. Und als dritte Maßnahme wird man ihnen weitreichende Autonomierechte einräumen. Zuckerbrot, Peitsche und das Abwürgen der Gönner – das ist das Schicksal der Kurden. Darüber sollten die Kurden auch sehr froh sein, denn das wird ihnen ein friedliches Leben bescheren. Die Gönner des Kurdenstaates versprechen zwar den Kurdenstaat, was toll und verlockend klingt, aber das Geschenk ist vergiftet, denn es würde viel zusätzlichen Chaos und Krieg in den Nahen Osten bringen – auch für die Kurden. Seitens der Gönner ist das genauso geplant und gewollt. Nicht alle Pläne gelingen. Manchmal muss man dankbar dafür sein.

Aleppo ist von den Terroristen befreit worden. Die westliche Welt versinkt darüber in Trauerstimmung und Geheul. In den letzten Wochen ist die Nusra-Front in Aleppo rasant zusammengebrochen. Und siehe da, wo immer die Terroristen sich zurück zogen, strömten die Menschen aus den befreiten Vierteln in die von der russischen Armee vorbereiteten Hilfslager. Zu Zehntausenden! Sie haben viel zu erzählen und in den Hilfslagern steht russisches und syrisches Personal zur Stelle, um alles aufzuzeichnen.

Am 30. November hat das russische Verteidigungsministerium in einem Pressebriefing unter anderem mitgeteilt, dass die Castello-Straße komplett von den Rebellen befreit wurde. Dringend benötigte Hilfsgüter könnten ungehindert nach Aleppo gebracht werden, genau in die Gebiete, um die sich der Westen so gewaltige Sorgen machte. Aber weder die UN, noch irgendeine andere internationale Organisation hat Hilfe angeboten. Warum nicht, fragt das russische Verteidigungsministerium offen? Sind die Bürger Aleppos nicht mehr interessant, nachdem die Terroristen aus ihrer Mitte verschwunden sind? Ist die Castello-Straße, auf der der UN-Hilfskonvoi zu Schaden kam, nicht mehr als Lieferstraße interessant, nachdem sie gesichert ist? Am 30. November hat Russland die westliche Wertegemeinschaft auf ihre Werte und ihre Sorgen um die Bürger Aleppos hingewiesen.

Am 10. Dezember zeigt das russische Verteidigungsministerium Bilder von erneuten Menschenströmen, die sich aus weiteren befreiten Vierteln in die Hilfslager bewegen. Die Menschen gehen in das Gebiet, das von Assad kontrolliert wird. Ja, zu Assad laufen sie hin, um sich Hilfe zu holen, sobald sich die erste Gelegenheit dafür bietet. An die westlichen „Partner“ hat Konoschenko am Ende eine klare Botschaft:

Wir wenden uns an alle, die im Verlauf der letzten Monate die Bereitschaft äußerten, humanitäre Hilfe nach Aleppo zu schicken. Vertreter der USA, Großbritaniens, Frankreichs, Kanadas, der EU und der internationalen Organisationen. In den letzten 48 Stunden hat das russische Zentrum etwa 50.000 Zivilisten aus Aleppo rausgeführt, die alle die von Ihnen versprochene humanitäre Hilfe benötigen. Die Zeit ist gekommen, den Wahrheitsgehalt eurer Absichten zu prüfen.

Übersetzung von mir.

Das ist das Schwert der Wahrheit in den Händen der russischen Armee. Damit wird das Matrix-Lügengebilde in Stücke gerissen werden. Die Angesprochenen werden sich wohl einfach ausschweigen. Eine gute Gelegenheit, ein paar Mails an unsere Volksvertreter zu schreiben.

Der Abzug der Zivilisten wurde übrigens von Lawrow initiiert, nachdem sich Lawrow und Kerry getroffen haben. Die syrische Armee hat die Kampfhandlungen für die Dauer des Zivilistenabzugs eingestellt. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Kerry und Lawrow einen Deal abgeschlossen haben und die US-Agenten (mit israelischen und europäischen Kollegen im Schlepptau) bei dieser Gelegenheit Aleppo verlassen haben. Drei Tage später war Aleppo vollständig befreit.

Assad bietet allen Rebellen, die ihre Waffen niederlegen, eine Amnestie an. Allen Rebellen, die die Waffen nicht niederlegen wollen, bietet Assad freies Geleit aus den eingeschlossenen Rebellengebieten an. Die Mitläufer aus den Reihen lokaler Bewohner legen die Waffen nieder. Für sie ist klar, dass die USA ihr Versprechen von Macht und Goldbergen für die Opposition nicht erfüllen können. Ihr Kampf ist zu Ende. Aber für die Söldner kommt das nicht in Frage. Die meisten Söldner sind gar keine Syrer, sie hatten kein vorheriges Leben in Syrien, zu dem sie zurückkehren könnten. Und sie werden nur bezahlt, wenn sie weiter kämpfen. Die Söldner unter den Bannern von Nusra und anderen Gruppierungen ziehen sich derzeit alle in die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens zurück. Nicht nur aus Aleppo, sondern aus vielen Rebellenenklaven, die Assad in letzter Zeit besiegt hat. Idlib ist eine Nusra-Hochburg, in die jetzt die Söldner aus ganz Syrien zusammenströmen.

Warum macht Assad das? Er schont die syrische Armee. Wo immer die Rebellen in aussichtsloser Lage das Angebot annehmen, nach Idlib auszuwandern, schont die syrische Armee ihre Kräfte, müssen weniger syrische Soldaten sterben. Es müssen auch weniger Städte zerstört werden. Nach dem Abzug der Rebellen können die frei gewordenen Armeekräfte an andere Fronten verlegt werden. Für Assad ist es wichtig, die vielen kleinen Brandherde überall im Land auszulöschen. Alle Terroristen auf einem Fleck zu haben ist viel besser als sie überall im Land verteilt zu haben. Idlib ist außerdem in geographischer Hinsicht gut geeignet, um dort Angriffe mit Luftunterstützung zu führen. Das ist viel effizienter als etwa Häuserkampf in Aleppo. Die russische Luftwaffe hat seit Mitte Oktober keine Luftangriffe über Aleppo geflogen. In den zuletzt befreiten Stadtvierteln wäre das nicht hilfreich gewesen. In Idlib wird das anders sein. Deswegen ist es besser, wenn die Nusra-Front dort zum Endkampf gestellt wird.

Während die Befreiung von Aleppo überraschend schnell vorankam, wurde im Süden des Landes Palmyra vom IS angegriffen und offenbar zurück erobert. Der sprechende Kater meint, dass damit etwas faul ist und dass es vermutlich eine Falle ist. yurasumy sagt, dass es ein massiver Angriff von etwa 4000 IS-Kämpfern war. Sie hätten Palmyra von Osten her eingenommen und bewegen sich westwärts der Stadt, wo sie bei einem Flughafen der syrischen Armee auf Widerstand gestoßen sind. Yura meint, dass der Angriff auf Palmyra ein Ablenkungsmanöver war, um die Befreiung von Aleppo zu behindern. Der Plan sei es gewesen, kampffähige syrische Truppen zur Verstärkung von Palmyra von Aleppo wegzulocken. Und da ist ja noch die konzentrierte Nusra-Front in Idlib, die seit langer Zeit keine Kampfhandlungen unternimmt. In Idlib sind also ausgeruhte, neu formierte und stark verstärkte Nusra-Kräfte. Die haben wohl nur darauf gewartet, dass Assad kampffähige Truppen zur Verstärkung nach Palmyra schickt. Assad ist nicht in diese Falle gelaufen. Dafür tut es der IS um Palmyra vielleicht… Yura sagt:

Derweil ist es sehr wichtig, die IS-Gruppe, die sich von ihrer Basis entfernt hat, zu zerstören. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass die Schlacht um den Flughafen Tias (…) in einen Gegenangriff der syrischen Armee übergehen kann. Und hier ist es nicht so wichtig, diese oder jene Region zu besetzen, sondern dem Feind möglichst großen Schaden zuzufügen unter Ausnutzung der Tatsache, dass der Feind mit einer großen Gruppe in offenes Gelände vorgestoßen ist, und der Überlegenheit des schweren Geräts und der Luftunterstützung unter solchen Umständen.

Eine schnelle Rückeroberung Palmyras ist dabei nicht zu erwarten, aber wenn die IS-Angreifergruppe westlich der Stadt wenigstens 2000 ihrer besten Kämpfer verliert, wäre das eine gute Hilfe für die Zukunft.

Das riecht auch nach einer Falle. Warten wir es ab.

Die Türkei errichtet an der Grenze zu Idlib ein Flüchtlingslager für 80.000 Menschen. 60.000 der Plätze sind für die flüchtenden Rebellen aus Aleppo und ihren familiären Anhang vorgesehen. Die türkischen Marionetten ziehen Richtung Heimat. Das „Flüchtlingslager“ wird ein Rebellenlager sein. Die moderaten Terroristen werden registriert, versorgt und mit neuen Aufgaben in die Welt geschickt. Einige werden vielleicht in den verdienten EU-Urlaub geschickt. Einige werden gegen Kurden und den IS positioniert. Die Türkei hat die Seiten gewechselt; die von ihr bezahlten Söldner werden auch die Seiten wechseln müssen. Schmutziges politisches Geschäft, nichts persönliches. Es wäre nicht die schlechteste Lösung, wenn man in Syrien Terroristen gegeneinander kämpfen lässt, damit sie sich gegenseitig zerstören.

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Nachtrag, 16.12.2016: Ein Leser hat mich auf einen Tippfehler aufmerksam gemacht. Im Text stand vorher, dass das zweite verlinkte Video des russischen Verteidigungsministeriums am 10. November veröffentlicht wurde. Gemeint ist natürlich der 10. Dezember. Der Fehler ist korrigiert.

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