Was wir von der EU haben

Die Niederlande ist ein moderner europäischer Staat (wir ignorieren einfach, dass sie formal Teil eines Königreichs ist). Die Niederlande verfügt über eine hoch entwickelte Industrie, sie ist ein moderner, geradezu vorbildlicher Industriestaat. Die Niderlande ist Teil der EU. Was hat die Niederlande in der EU zu melden? Nichts. Die EU wird geprägt und gelenkt von den drei großen Mitgliedstaaten Deutschland, Frankreich und Großbritanien. Was diese Großen entscheiden, wird die Niederlande akzeptieren müssen. Warum? Weil die Niederlande so klein ist. In der EU ist sie ein Zwerg, da mögen die Industrie noch so gut entwickelt und die Unis noch so angesehen und die Technologien noch so fortschrittlich sein. Ein Zwerg ist ein Zwerg, auch wenn er gute Werkzeuge hat.

Das war die Niederlande bezogen auf die EU. Schauen wir uns Deutschland bezogen auf die Welt an. In der EU ist Deutschland der Platzhirsch, aber im globalen Maßstab ist Deutschland ein Zwerg. China und USA sind Giganten, neben ihnen ist Deutschland ein Zwerg, genauso wie die Niederlande ein Zwerg neben Deutschland und Frankreich ist.

Was hätte Deutschland in der Welt zu melden, wenn es die EU nicht gäbe? Nichts. Frankreich auch nicht. Großbritanien auch nicht. Und die zweite und dritte Reihe der EU-Staaten entsprechend noch weniger als nichts. Aber alle zusammen, die erste, zweite und dritte Reihe der EU-Staaten, sind ein wirtschaftlicher Gigant, auf Augenhöhe mit China und USA.

Es gibt drei große Wirtschaftsgiganten in der Welt: China, EU, USA. Und damit ist der Sinn der EU im Grunde schon erklärt. Die EU kann mit den anderen Giganten auf Augenhöhe verhandeln. Über die EU haben wir alle was zu melden in der Welt. Und Sie, ja Sie, einfacher Bürger, profitieren auch davon. Wenn unsere EU-Fischkutter die afrikanische Küste leerfischen und wir Fisch zu unverschämt günstigen Preisen im Supermarkt kaufen können, haben wir das auch der EU zu verdanken, weil die EU als Wirtschaftsgigant afrikanische Staaten zu selbstzerstörerischen „Freihandelsabkommen“ zwingen kann. Wenn Gasprom Preisnachlässe gewährt, um Zugang zum riesigen EU-Markt zu erhalten, haben wir vergünstigte Heizkosten auch der EU zu verdanken. Günstiges Gas bedeutet aber nicht nur eine günstige Heizung, sondern auch günstige Energie für die Wirtschaft, damit also einen Wettbewerbsvorteil für die EU-Wirtschaft.

Und so geht das weiter, in den verschiedensten Lebensbereichen. Die hohen EU-Umweltstandards sind aus wirtschaftlicher Sicht nichts anderes als eine Protektionismus-Maßnahme. Die EU schottet damit ihren Markt gegen ausländische Waren und Technologien ab, was unter anderem Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe in der EU erhält. Ohne EU keine gemeinsamen EU-Umweltstandards, also kein Zwang für die deutschen EU-Partner, die teure deutsche Technik zu kaufen. Die Chinesen haben es billiger und es ist unerheblich, dass es die Umwelt stärker belasten würde. Deutschland dominiert den EU-Markt, weil es sich die EU zurechtgelegt hat als einen Markt, der viele Konkurrenten abschottet.

Glauben Sie, Deutschland wäre in der Lage, im Alleingang, auf allen Fronten, die die EU beackert, ähnliche Vergünstigungen und Privilegien für sich auszuhandeln, wie es die EU schafft? Global gesehen ist Deutschland ein Zwerg. Wenn die EU sich auflöst, werden die Mitgliedstaaten zu Zwergen auf einer großen Bühne, und entsprechend werden sie behandelt werden. Nicht nur verlören alle heutigen EU-Staaten vieles von ihren Privilegien, sie würden auch geschickt aufeinander gehetzt werden, der Platz für Intrigen wäre riesig. Teile und Herrsche wäre nirgends so einfach anzuwenden, wie in Europa. Zwei Weltkriege haben gezeigt, wie man auf heutigem EU-Raum die Staaten gegeneinander ausspielen kann. Und auch heute gibt es „Freunde“ der EU, die nicht abgeneigt wären, das Spielchen zu wiederholen. Das würde mindestens einen globalen Konkurrenten beseitigen.

Nicht alles ist gut an der EU. Die moralischen Aspekte, die die EU nach innen und nach außen vertritt, sind ein Grund für Wehklagen, Widerstand und Veränderungen. Für den Euro gilt das Gleiche. Es gibt mehr als genug zu verbessern. Es gibt nichts abzufeiern bezüglich der EU. Aber zu behaupten, dass wir nichts von der EU hätten, entspricht einfach nicht den Tatsachen.

Unser Wohlstand gründet sich nicht auf unseren Fleiß. Anderswo arbeiten Menschen härter, unter abscheulichen Arbeitbedingungen, und zu einem Bruchteil des Lohns, den man in der EU für weniger Arbeit unter besseren Arbeitsbedingungen bekommt. Auf dieser Ungleichheit begründet sich unser Wohlstand. Wir streichen uns den Lohn anderer Arbeiter ein. Und die EU trägt stark dazu bei, dass es weiter so bleibt. Das ist das, was wir von der EU haben. Moralisch abscheulich, wirtschaftlich sehr einträglich. Das sind die beiden Seiten der westlichen Medaille. So funktioniert der Westen nun mal, unverändert seit einem halben Jahrtausend.

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