Nachrichtendienste vs. offene Quellen

Jurij Drosdow sagt in einem Interview:

Wenn es um das Verständnis einer ganzen Reihe von Feinheiten in den Verwirrungen der Weltpolitik geht, war ich früher, auch wenn es überraschend klingt, ärmer als heute, weil ich früher nur in eng begrenzten Aufgabengebieten, die mich in meiner leitenden Funktion direkt betrafen, analytisch tätig war. Im Jahr 1991, direkt nach meinem Rücktritt, habe ich ein analytisches Zentrum gegründet, mit dem Gedanken an das 16. Kapitel der US-Dienstanweisung für Kundschafter: „Nutzung offener Informationsquellen“. Ich wage zu behaupten, dass die Arbeit in diesem Zentrum mir beim Verständnis des Weltgeschehens nicht weniger geholfen hat als die Leitung der illegalen sowjetischen Aufklärung.

Jurij Drosdow, geboren 1925, war 1945 beim Sturm von Berlin dabei. Anschließend hat er sein Leben lang beim KGB gearbeitet und war als „illegaler“ Kundschafter überall in der Welt im Einsatz. Später hat er über ein Jahrzehnt die entsprechende Abteilung geleitet. Er hat eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter die höchste Auszeichnung der russischen Staatssicherheitsdienste. Drosdow ist im Rang eines Generals aus dem Dienst ausgetreten. Im Kreis der Sicherheitsdienste ist er eine lebende Legende.

Üblicherweise arbeiten Spione unter dem Deckmantel von Botschaften, Handelsvertretungen, Konsulaten, internationalen Organisationen, Hilfsorganisationen usw. Das sind die „Legalen“. Die „Illegalen“ dagegen arbeiten völlig ohne die Deckung, die Unterstützung und die Hilfe solcher Organisationen. Wenn ein Illegaler gefasst wird, kann er auch nicht auf Hilfe zählen, zum Beispiel in Form eines Agentenaustausches.

Wegen der fehlenden Verbindungen zum Mutterland sind die Illegalen am schwersten aufzuspüren. Sie müssen die heikelsten Missionen übernehmen, sie dringen am tiefsten in feindliche Strukturen ein. Drosdow hat das nicht nur selbst aktiv in aller Welt gemacht, bei ihm liefen alle Operationen der Illegalen zusammen. Was muss er an exklusivem Wissen gesehen haben in seinem ereignisreichen Leben! Viel mehr Geheimwissen geht nicht.

Und dieser Drosdow, der nach dem Ende seiner Karriere dazu überging, offene Quellen zu studieren, sagt, dass ihm das nicht weniger zum Verständnis der Welt geholfen hat als all seine berufliche Aufklärungsarbeit.

Was lernen wir daraus? Wir sehen zwei Wege, um die Weltpolitik zu verstehen. Der erste Weg ist, an sehr schwer erreichbare Exklusivinformationen zu gelangen. Der zweite Weg ist, offen zugängliche Information zu verwenden und darin die entscheidenden Zusammenhänge zu finden. Zwei ganz utnerschiedliche, aber offenbar gleichwertige Ansätze (was nicht bedeutet, dass der eine Ansatz den anderen ersetzen kann). Im Kern geht es bei beiden Ansätzen darum, sich bis zur entscheidenden Information durchzukämpfen. Im Spionageansatz kämpft man gegen Barrieren der Geheimhaltung. Man weiss, wo die Information ist, aber nicht, wie man an sie herankommt. Im Analyseansatz kämpft man gegen die schiere Informationsflut und den Informationsmüll. Information ist überall, aber man weiss nicht, wo diejenige ist, die man braucht. Beide Wege führen zum Erfolg, wenn man sie beharrlich beschreitet. Der Weg der Spionage bietet nur einer kleinen Gruppe von Auserwählten Zugang zum Weltverständnis. Der Weg der Analyse steht jedem offen.

Das zweiteilige Interview von Drosdow empfehle ich zur Lektüre, wenn Sie des russischen mächtig sind (Teil 1, Teil 2).

Für ein kolossales Beispiel von Geheimdienst vs. Analyse offener Quellen wird dieses Werk empfohlen. Der Superagent „Max“, auf dessen Informationen sich die Deutschen im Zweiten Weltkrieg stark verließen, hatte gar kein Agenten-Netzwerk. Er analysierte offene Quellen und war damit erfolgreicher als viele echte Spione.

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7 Kommentare zu “Nachrichtendienste vs. offene Quellen
  1. Tja ANALITIK, es ist geradezu lächerlich hier von Information zu faseln, denn Information generiert der Empfänger und sonst niemand! Noch Fragen?
    Am leichtesten diesbzgl. zu findende Einlassungen unter http://www.davideit.com , Theorie der Paradigmen, Prolog letztes Blatt oder einfach auf meinen eingeblendeten Namen klicken. Gibt unter Kybernetiker diesbzgl. Hinweise zu Einlassungen in Sach- & Fachbücher bzw. Fachvorträgen).
    Danke ANALITIK,
    RRD

    • sw sagt:

      genau, und wenn man die Text auf http://www.davideit.com gelesen und gelesen und gelesen und danach verinnerlicht hat weiß man über ALLES Bescheid denn man ist erleuchtet (oder so).

      Noch Fragen?

      • Tja, warum erinnert mich (ät) sw nur immer an den berühmten Talmudisten Samuel Weiss?

        • sw sagt:

          keine Ahnung. Weder kann noch möchte ich in ihren Kopf hineinsehen.

          noch Fragen?

          • Tja (ät) sw, das Totschlags AT kennt halt nur schwarz & weiß! Noch Fragen?

            • Paradicker sagt:

              Tja ät Rudolf Robert Davideit,
              so kann man an sich (und seiner TdP) selbst irre werden. Noch Fragen?

              Reden Sie ein einfaches Deutsch mit uns. Wie wir alle hier. Ich weiß leider Sie können es. Sie haben sich da in einen formalen Spleen festgezurrt – ihrer „Trägheit“ wegen.

              Einem echten Künstler würde ich das durchaus durchgehen lassen. Sie sind leider nicht mehr locker dabei. Leider.