Emotionale Ratschläge

Aus den Kommentaren:

Warum nicht die Oligarschen enteignen,deren geraubtes Vermögen dem Haushalt zuführen?
Die Russen würden das unterstützen.

Klingt toll.

In Russland gibt es zwei gefährliche, im Grunde russlandfeindliche Oppositionsgruppen: Liberale und Hurra-Patrioten.

Die Position der Liberalen: Ergeben wir uns dem Westen und der Westen wird uns dafür glücklich machen. Genau das wurde in den 90ern praktiziert, mit furchtbaren Folgen für das russische Volk und die russische Wirtschaft. Nicht umsonst ist „Liberaler“ ein Schimpfwort in Russland geworden. Über die Haltung des Westens gegenüber Russland gibt es keine Illusionen mehr. Die Liberalen können trotz massivster Unterstützung der „internationalen Gemeinschaft“ nur noch etwa 3% des russischen Elektorats mobilisieren. Aus der Sicht der Liberalen ist die russische Regierung (selbstredend personalisiert zu Putin) totalitär, diktatorisch, kriegerisch – viel zu hart eben.

Die Position der Hurra-Patrioten: Zerstören wir alle, die uns nicht gefallen. Im Inland, im Ausland, überall. Wir haben eine mächtige Armee, setzen wir sie endlich ein! Das ist eine von Emotionen befeuerte Haltung. Ehre und Gerechtigkeit sollen triumphieren. Wie lange sollen wir uns die Übergriffe des Westens und das Ausrauben durch Oligarchen noch gefallen lassen? Auf zum Widerstand! Revolution! Aus der Sicht der Hurra-Patrioten ist die russische Regierung (selbstredend personalisiert zu Putin) unentschlossen, arschkriecherisch, verräterisch – viel zu weich eben.

Beide Lager, so unterschiedlich sie sind, sind sich einig darin, dass die Lösung aller russischer Probleme damit beginnt, Putin zu stürzen, und die lautesten Schreihälse der eigenen Bewegung an die Spitze des Landes zu bringen. Interessanterweise stimmen sie damit voll überein mit den Feinden Russlands.

Die Position der Liberalen lohnt sich keiner weiteren Diskussion. Russlands bedingungslose Kapitulation vor dem Westen als Weg zum russischen Glück zu verkaufen ist inzwischen zu grotesk, um die Massen zu zombifizieren.

Die Position der Hurra-Patrioten ist genauso schädlich, aber schwerer zu durchschauen – und deshalb viel gefährlicher für Russland. Der oben zitierte Vorschlag, Russlands Oligarchen mit Volkszustimmung zu enteignen, entspricht genau dem Geist der Hurra-Patrioten und findet sich bei ihnen auch als konkrete Forderung wieder.

Bei dieser Gelegenheit zunächst eine Klarstellung: Russland hat keine Oligarchen mehr. Ein Oligarch ist ein sehr reicher Mensch, der die Politik von außen bestimmen kann. Also ohne selbst formal Politiker zu sein. Russland war eine Oligarchie, gerade während es von Liberalen regiert wurde. Putin hat sehr früh in seiner Karriere als Spitzenpolitiker Schluss damit gemacht. Oligarch Chodorkowski wurde öffentlich entmachtet und enteignet, weil er nicht aufhören wollte, Oligarch zu sein. Die anderen Oligarchen haben sich das aufmerksam angeschaut und Rückschlüsse daraus gezogen. Die meisten beschlossen, ihren Status freiwillig von „Oligarch“ auf „Superreicher“ zu ändern. Einige beschlossen, um die Oligarchie in Russland zu kämpfen – von der britischen Insel aus kläffend. Sie sind gescheitert. Russland hat sehr viele Superreiche, aber unter ihnen ist keiner mehr ein Oligarch.

Superreiche haben Einfluss auf die Politik, aber im Gegensatz zu Oligarchen können sie die Politik nicht bestimmen. Einflussnahme und Bestimmung – spüren Sie den Unterschied.

Warum haben sich die ehemaligen Oligarchen Putin, und damit der Staatsmacht, untergeordnet? Putin hat den Oligarchen den Kampf angesagt. Wenn sie sich zusammen geschlossen hätten, hätten sie gewonnen. Mit tödlichen (im geschäftlichen Sinne) Verlusten. Keiner wollte die Rolle des Bankrotts auf sich nehmen. Wozu auch das Risiko? Die Unterordnung unter Putin erlaubte es allen Oligarchen, als Superreiche weiter zu existieren. Ja, sie mussten fortan Steuern zahlen und gewisse Regeln befolgen. Das hat aber niemanden von ihnen arm gemacht.

Dieser Deal zwischen der russischen Staatsmacht, den russischen Superreichen und dem russischen Volk ist die Basis für die innere Stabilität Russlands. Jeder profitiert von dieser informellen Vereinbarung, auch das einfache russische Volk. Ist diese Vereinbarung maximal gerecht? Natürlich nicht, denn die Superreichen, die ihr Vermögen in den 90ern auf kriminelle Art und Weise erlangten, dürfen das Geraubte behalten. Die Gewinne, die sie damit erwirtschaften, müssen sie teilen, aber das Vermögen bleibt bei ihnen.

Der hurra-patriotische Vorschlag, maximale Gerechtigkeit durch Enteignung der Oligarchen Superreichen herzustellen, basiert entweder auf ehrlicher Unwissenheit, gepaart mit Emotionalität, oder auf bewusster und/oder bezahlter antirussischer Agententätigkeit. Von all dem gibt es reichlich.

Wenn man die Superreichen zu enteignen versucht, stellt man sie vor die Wahl zwischen

  • kapitulieren und garantiert alles verlieren, und
  • kämfen und eine Chance, alles oder einen Teil zu erhalten

Man muss kein Studium in Strategie absolviert haben, um zu erkennen, wozu ein Enteignungsversuch führen wird. Ein Kampf zwischen Regierung und Superreichen bedeutet einen Kampf der russischen Eliten auf höchster Ebene. Das ist der feuchte Traum von westlichen Geostrategen. Es bringt weder der russischen Elite etwas, wenn sie sich gegenseitig zerfleischt, noch bringt es dem russischen Volk etwas, wenn es mitten in einem Krieg entzweit wird.

Russlands Gesellschaft wird im Inneren ohnehin von äußeren Kräften destabilisiert. Es kostet der russischen Gesellschaft sehr viel Kraft auf allen Ebenen – von der Staatsgewalt bis zum einfachen Bürger – sich diesen Angriffen zu widersetzen. Eine selbst herbei geführte Spaltung der Gesellschaft unter diesen Umständen spielt nur den Feinden in die Hände. Auch wenn man diese Spaltung unter dem Vorwand von Gerechtigkeit durchführt.

Emotionen vernebeln den Verstand. Man kann sich den Verstand leicht selbst vernebeln. Hinzu kommt noch, dass der Verstand von uns allen professionell und unter enormem Ressourcenaufwand vernebelt wird. In Russland gibt es viele Stimmen, die Enteignung und Verstaatlichung fordern. Längst nicht alle diese Stimmen sind von sich aus vernebelt. Viele haben sich von „schlüssigen“ Argumentationen beeinflussen lassen. Und viele von ihnen sind überhaupt nicht vernebelt, sondern werden dafür bezahlt, große Massen patriotisch eingestellter russischer Bürger durch gekonntes Spiel mit Emotionen zu vernebeln und in den Abgrund zu treiben.

Derlei Spiele werden nicht nur in Russland gespielt. Auch Ihre Emotionen werden gezielt genutzt, um Ihren Verstand zu vernebeln und Sie Dinge tun und sagen zu lassen, die in Wirklichkeit nicht in Ihrem Interesse sind. Seien Sie achtsam.

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9 Kommentare zu “Emotionale Ratschläge
  1. ansa sagt:

    Danke, eine wunderbare Analyse!

  2. kein Plan sagt:

    WOW,so einen Artikel eines Satzes wegen,welcher noch nicht mal der wichtigste in meinem Beitrag ist.
    Kein Wort dazu das man innerhalb der Verwertungslogik des Kapitalismus keine Probleme lösen kann,welche ihre Ursachen in der Verwertungslogik haben.
    Die Haltung der USA/EU zu Russland /China ,den BRICS entspringt dieser Logik und Krieg ist die Option jener,welche am Horizont erkennen müssen das sie die schwächeren Ökonomien haben,zukünftihg keine herausragende Rolle mehr spielen werden.
    Das ökonomisch rückständigere Kapital/Land ist für Krieg, sobald es seine Expansionschancen gefährdet sieht.Die Logik dahinter: entweder wir oder niemand!

    Oligarchen/Kapitalisten,alles eine Plärre und im russischen Kapitalismus gibt es davon genau so viele wie Westen.Die sind mit nichten ausgestorben oder von Putin entmachtet.
    Putin ist ein Befürworter der „Marktwirtschaft“,also des Kapitalismus.
    Die russische Bevölkerung will zu 59% genau das nicht und würde eine neue Sowjetunion vorziehen!
    Die Zahlen stammen aus Veröffentlichungen von RIA!

    Ich bin kein Feind der Russen,ich bin Quasi mit Russen aufgewachsen und habe gemeinsam mit ihnen ein Jahrzehnt dafür gesorgt das der Westen seine kriegslüsterne Politik eben nicht ausleben konnte.
    Von Kindheit an bedeutet von Kindheit an!
    Mir Russlandfeindlichkeit vorzuwerfen ist absurd,ich bin mit denen aufgewachsen,Du auch?

    Den Rest spare ich mir

    • Analitik sagt:

      Sie sind nicht der Grund des Artikels und er ist auch nicht für Sie persönlich oder gegen Sie persönlich geschrieben. Zum Thema wollte ich schon lange etwas schreiben und Ihr Zitat hat mir den Zugang zum Thema eröffnet. Danke dafür.

      Sie sollten den Artikel noch einmal lesen. Da steht, dass viele Menschen, die Russland lieben, Russland schaden, weil sie sich von ihren Emotionen leiten lassen.

  3. Heinz Göd sagt:

    „Warum haben sich die ehemaligen Oligarchen Putin, und damit der Staatsmacht, untergeordnet? Putin hat den Oligarchen den Kampf angesagt. Wenn sie sich zusammen geschlossen hätten, hätten sie gewonnen. Mit tödlichen (im geschäftlichen Sinne) Verlusten.“
    Putin hatte wahrscheinlich einen ‚Joker im Ärmel‘: als Geheimdienst- Offizier hatte er wahrscheinlich den Geheimdienst hinter sich.
    Den Geheimdienst fürchten auch Oligarchen, richtigerweise, denn ein Geheimdienst kann jeden Oligarchen zur Strecke bringen, entweder finanziell durch genaue Kenntnis seiner Machenschaften oder körperlich durch Ermordung. Bei Chodorkowski genügte die finanzielle Version.
    Als ich damals hörte, dass mit Putin ein Geheimdienstmann russischer Präsident wurde, war ich eher besorgt, doch heute neige ich dazu, darin einen Glücksfall zu sehen für Russland und die Welt.

    • Analitik sagt:

      Als Putin Premierminister und dann Präsident wurde, waren die russischen Geheimdienste längst eng verwoben mit den Oligarchen. Und das nicht aus der Position der kontrollierenden Stärke heraus, sondern mehr als Dienstleister. Bei einem Krieg zwischen Staat und Oligarchie wäre die Frontlinie auch durch die Geheimdienste verlaufen.

      Putins Joker war, dass er einen Krieg angedroht und einen viel besseren Ausweg angeboten hat.

  4. Tja ANALITIK, der Sach- vs. Fachbegriff lt. Plutokratie und meinerseits als Unternehmer verstand ich mich lange als national-liberal ( Nation zuerst und dann sehen wir, was wir uns noch leisten können), doch nach dem gebombten HERRHAUSEN, dem Profimord an ROHWEDDER, dem „geschnorchelten“ REXROD, dem geschaßten v. STAHL, dem „gefallschirmten“ MÖLLEMANN, dem „selbstgemordeten“ BARSCHEL, der „alkoholisierten Todesfahrt des Abstinenzler“ HAIDER etc., ist es bei mir mit liberal vorbei! Noch Fragen?

  5. Tja ANALITIK, es ist schon erstaunlich, wie sich etwas balbiertes geistig implementiert, denn der Vater von K. MARX konvertierte wohl ca. 14 Tage später, so das wohl in dem durchaus beeindruckendem Werk des Sohnemann, daß personalisierte „Kapital“ in einem mehr als erhellendem Pamphlet ein einziges mal, vergleichbar dem akt. ‚Nocheinparteibuch…‘, dezidiert zur Sprache kommt! Noch Fragen?
    PS.:Diesbzgl. Überlegungen sind akt., wohl im Selbstschutzformat, gut beim „Nocheinparteibuch…“ belegt!
    MfG
    RRD