Diplomatisches Trolling

Erinnern Sie sich an den 3-Milliarden-Dollar Kredit, den die Ukraine Russland im Dezember diesen Jahres zurückzahlen muss?

Auf dem G20-Gipfel, der jüngst abgehalten wurde, war dieser Kredit mal wieder ein Thema. Der Westen glaubt, Russland auf diesen Schulden sitzen lassen zu können und fordert eine Restrukturierung. Diese Forderungen stellt der Westen aus einer Position der Schwäche heraus (wie Ihnen gleich ersichtlich sein wird) und Putin hat darauf eine würdige Antwort gegeben:

Unsere Partner vom IWF versuchen uns zu überzeugen, den 3-Milliarden-Kredit zu restrukturieren, der bis Ende diesen Jahres zurückgezahlt werden muss. Sie überzeugen uns, dass wir der Ukraine entgegenkommen und die Rückzahlung auf nächstes Jahr verschieben sollten. Sie versichern, dass es der Ukraine hilft und uns die Rückzahlung sichert. Wir haben unsere Partner darauf hingewiesen, dass dieser Kredit kein Privatkredit ist. Das ist ein Staatskredit der Ukraine.

Dennoch, um die Rückzahlung zu gewährleisten, und um die Ukraine nicht in eine schwierige Lage zu bringen, haben wir einen – meiner Meinung nach – unerwarteten Vorschlag an unsere Partner gemacht. Wir sind nicht nur mit der Restrukturierung einverstanden, wir haben sogar bessere Bedingungen angeboten, als diejenigen, um die der IWF geben hat. Man hat uns gebeten, die Rückzahlung der 3 Milliarden auf nächstes Jahr zu verschieben. Ich habe gesagt, dass wir zu einer noch tieferen Restrukturierung bereit sind. Wir sind bereit, in diesem Jahr gar kein Geld zu bekommen, im nächsten Jahr, 2016, eine Milliarde zu bekommen, 2017 noch eine Milliarde zu bekommen und 2018 noch eine Milliarde zu bekommen.

Aber da unsere Partner sicher sind, dass die Kreditwürdigkeit unserer ukrainischen Partner steigen wird und wir uns sogar sicher sein könnten, nächstes Jahr alle drei Milliarden zu bekommen… Wenn das also so ist, dann haben unsere Partner kein Problem, Garantien für diesen Kredit zu geben. Wir haben um solche Garantien gebeten. Entweder von den USA oder von der EU oder von einem der soliden internationalen Finanzinstitutionen. Wir erwarten, dass diese Frage bis Anfang Dezember diesen Jahres geklärt wird. Wir haben diese Frage heute mit Frau Lagarde besprochen, auch mit dem Präsidenten der USA und mit dem Finanzminister der USA.

Ich muss sagen, dass dieser Vorschlag mit Interesse aufgenommen wurde. Wir haben vereinbart, dass wir mit unseren Partnern sehr zeitnah über die Details dieses Vorschlages sprechen werden.

In der Tat, wenn unsere Partner so sicher sind, dass die Kreditwürdigkeit der Ukraine steigen wird und wenn sie uns davon zu überzeugen versuchen, dann glauben sie daran. Und wenn sie daran glauben, dann sollen sie uns Garantien geben. Und wenn sie uns keine Garantien geben wollen, dann glauben sie wohl selbst nicht an die Zukunft der ukrainischen Wirtschaft. Das wäre schlecht für sie selbst, da sie uns vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Das wäre auch schlecht für unsere ukrainischen Partner. Wir denken aber, dass hier alles möglich ist und wir sehen kein Problem darin, die Risiken mit unseren Partnern zu teilen.

Das sollen die Partner erst einmal verdauen. Und darauf eine gute Antwort finden.

Betrachten wir den Kontext der Situation: Der Staat Ukraine schuldet dem Staat Russland 3 Milliarden Dollar. Zu zahlen noch in diesem Jahr. Der Kredit wurde nach britischem Recht geschlossen und eine britische Kanzlei ist offizieller Mittelsmann dieses Deals. Das heißt, wenn die Ukraine nicht zahlt, muss die britische Kanzlei der Ukraine das Geld aus dem Leib prügeln. Russland kann entspannt zusehen, wie die Ukraine mal wieder von ihren Freunden aus dem Westen gefickt wird. Wenn die Briten sich weigern, die Ukraine zu ficken, wäre das noch toller für Russland. Dann würde Russland zusehen, wie sich Großbritannien als Finanzzentrum selbst ins Bein schießt, weil es sich als unverlässlicher Partner zeigt, der die eigens aufgestellten Regeln nicht befolgt.

Betrachten wir jetzt Putins Vorschlag, zu dem man einfach nicht nein sagen kann. Die Bürgschaft dafür, dass Russland sein Geld wiederbekommt, soll einfach vom britischen Finanzzentrum auf USA, EU oder IWF übergehen. Großartig. Fortan darf also einer dieser drei Partner der Ukraine das Geld aus dem Leib prügeln oder sich selbst ins Bein schießen, wenn es das nicht tut. Bleibt für Russland im Prinzip alles beim Gleichen. Dass die Rückzahlung sich auf drei Jahre hinzieht, verlängert nur das Spiel.

Putin ist nicht bereit, Russlands gute Position bei diesem Kredit aufzugeben. Warum sollte er auch? Russlands Partner haben jahrzehntelang deutlich gemacht, dass sie asozial sind und nur einen harten, wenn auch höflichen Umgang auf Augenhöhe verdienen. Bestenfalls. In der aktuellen Situation wünscht der Westen, dass Russland selbst dafür verantwortlich wird, die ukrainischen Schulden einzutreiben. Welch tolle Gelegenheit wäre das, um in der Ukraine die Feindschaft gegen Russland weiter zu befördern. Nein nein, die schmutzige Arbeit soll der Westen selbst verrichten. Das kühlt entweder den Westen oder die Ukraine ein wenig ab.

Die Überheblichkeit des Westens bestraft Putin dadurch, dass er die Partner mit der Nase in die Scheiße hineintunkt, die sie in der Ukraine angerichtet haben. Alles super in der Ukraine, sagt ihr? Toll, bürgt doch dafür. Ihr wollt nicht bürgen? Damit gesteht ihr ein, dass alles scheiße ist in eurer Ukraine. Und als Sahnehäubchen setzt Putin auch noch eine konkrete Frist.

Jetzt sind USA, EU und IWF am Zug. Wie können sie ihr Gesicht wahren? Nun ja, indem einer der drei die Arschkarte zieht. Für die ukrainischen Schulden bürgen heißt derzeit, diese Schulden auf sich zu nehmen. Dass sich die westlichen Partner nun gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben müssen, kann Russland nur recht sein.

Feinstes diplomatisches Trolling ist das.

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8 Kommentare zu “Diplomatisches Trolling
  1. raw sagt:

    Good Job, Wladimir Wladimirowitsch! 😀

  2. Thomas Roth sagt:

    @Analitik, Guten Tag. Das ist der erste Artikel von Ihnen, den ich schrecklich finde. Ein Mensch, der in der Lage ist, druckreif zu formulieren, sollte (meiner Meinung nach) vom Vokabular her nicht so tief in den Abtritt greifen. Aber bitte, Ihre Sache.
    Zum Inhalt: Trolling? Das ist was anderes. Um aber mal wenigstens in die Richtung zu denken: Die Ukraine weigert sich zurückzuzahlen. Begründung: Das war Bestechungsgeld für Janukowitsch. Und genau das war es auch. So schlecht ist doch deren Position gar nicht? Und Putin hat nichts anderes gemacht, als die festgefahrene Situation aufzulösen. Das allerdings hat er sehr ordentlich gemacht. Mehr kann ich da nicht erkennen. Grüsse….

    • Analitik sagt:

      Wie würden Sie es nennen, was der Westen mit der Ukraine veranstaltet?

      Zum Inhalt: Bestechungsgeld für Janukowitsch? So schlecht ist die Position der Ukraine nicht? Sie sprechen Jazenjuk nach.

      Janukowitsch hat keinen Privatkredit aufgenommen, sondern als Staatspräsident gehandelt. Der Name des Präsidenten ist völlig unerheblich. Das ist das Prinzip von Staatlichkeit – Funktion und Person sind strikt getrennt. Genau dieses Prinzip zersetzen Vollidioten wie Jazenjuk. Wir mögen den alten Präsidenten nicht, also gehen uns „seine Schulden“ nichts an. Überlegen Sie messerscharf, wohin diese Logik führt, wenn man ihr Raum gibt.

      Die Ukraine muss hoffen, dass der Westen ihre Schulden bezahlt oder dass das britische Weltfinanzzentrum der Ukraine zuliebe seine Reputation durch die Gülle zieht. Was ist denn nicht so schlecht für die Ukraine an dieser Situation?

      Putin hat da auch nichts aufgelöst. Er hat nur angeboten, dass andere hochrangige Vertreter des Westens für das britische Finanzzentrum einspringen. Der Westen kann sich jetzt überlegen, wie er diese Situation auflöst. Das gekonnte an Putins Vorschlag, der nichts auflöst, ist der Zugzwang. Wenn der Westen nicht reagiert, wird die Reputation von USA, EU und IWF durch die Gülle gezogen. Also muss der Westen reagieren.

  3. Kaspar sagt:

    Hallo Analitik,
    vielen Dank für Ihren weitsichtigen Artikel. Bis ich diesen gelesen habe konnte ich mir keinen Reim darauf machen warum Putin „nachgibt“. Ihre Sicht der Dinge ist die erste die meine Zweifel klärt.
    Letztendlich ist es die Frage ob es Putin und Russland überhaupt noch um die drei Milliarden an sich geht. Wenn die Ukraine nicht zahlt, dann zahlt sie eben nicht von Recht und Ordnung kann man bei der Kiewer Regierung sowieso nicht mehr ausgehen. Wie sie schon sehr richtig ausführten geht es eher darum Jazenjuk und seine Verbündeten bloß zustellen.
    Sofern Jazenjuk auf seiner Bestechungsgeldtheorie besteht wird er diese vor einem internationalem Gericht durchsetzen müssen. Andernfalls macht sich die Ukraine absolut unglaubwürdig.
    Die derzeitige Kiewer Regierung ist selber nicht legal an die Macht gekommen. Heißt das denn dann, dass alle Gläubiger auf ihrem Geld sitzen bleiben Herr Roth? Dann müsste man den Gläubigern schon Vorsatz nachweisen oder nicht? Wer würde einem sonst noch vertauen?
    Im Grunde scheint es die selbe Strategie zu sein welche Russland beim Mistralkauf angewandt hat. Die Chancen das Russland sein Geld wieder sieht stehen Fünfzig zu Fünfzig. Die Chancen das Kiew, seine Kumpanen und der IWF sich nicht zum Deppen machen gehen nahe Null.
    Nochmals Dank für diese Einsicht.
    Wie wahrscheinlich ist es eigentlich das Russland, gesetzt dem Fall die Ukraine zahlt wirklich nicht, die Transitgebühren, für den Transport des Gases durch die Ukraine, einbehält bis die Schuld beglichen ist? Ich denke das wäre rechtlich möglich.

    • Thomas Roth sagt:

      „Ist der Ruf erst ruiniert lebt es sich ganz ungeniert.“ Das ist doch P. und Jatzenjuk egal was man im Netz oder gern auch darüber hinaus über sie denkt! Die zahlen nicht zurück (unter anderem weil sie nichts haben) und fertig. Der Putinsche Vorschlag war keinen Tag alt, als der MP ihn abschmetterte. Meinungsbildend? Das ist doch längst geschehen. Fakt ist, dass das ausgeht wie das Hornberger Schießen. Das Geld ist weg. Und das Regime in Kiew ist es auch bald. Bis dahin schieben die 11 Oligarchen noch die schon zugesagten IWF-Mrden in ihre Privattaschen und überlassen dann den Russen und Chinesen den dreckigen Rest. Und drei Viertel der Ukrainer wollen jetzt schon ihr Land für immer verlassen. Trolling? Kinderkram.

    • Analitik sagt:

      Wenn die Ukraine nicht zahlt und der Westen das durchgehen lässt, dann hat sich der Westen selbst ins Bein geschossen. In der Folge werden sich die großen Finanzzentren noch schneller aus dem Westen nach China und Russland verlagern. Das ist viel mehr wert als 3 Milliarden Dollar.

      Es fällt mir schwer zu glauben, dass der Westen diesen Preis für die Ukraine zahlt. Ganz besonders fällt mir das schwer, da die Versuche, Russland zu isolieren, gescheitert sind und derzeit nicht mehr weiter verfolgt werden; und da die Unterstützung der Ukraine durch den Westen schon auf das Niveau reiner Höflichkeit gesunken ist, hinter der Ärger und Unzufriedenheit unübersehbar sind. Ich rechne damit, dass irgendein Deal ausgehandelt wird.

      @Thomas Roth: Sie gehen immer noch davon aus, dass es um den Ruf der Ukraine oder ihrer Spitzenpolitiker geht. Darum geht es aber _überhaupt nicht_. Es steht der Ruf zentraler westlicher Institutionen auf dem Spiel, deswegen ist das auch eine spannende kleine Intrige.

  4. Thomas Roth sagt:

    @Hochgeschätzter Es ging mir zu keiner Zeit um den Ruf der Ukraine von 2015 und ihrer Herren. Die können keinen Ruf verlieren weil sie keinen haben. Janukowitsch, als Präsident (dieser feige, egoistische und raffgierige Mensch, der eher Oligarch ist) bekam 3 Mrd. Bei so einem Menschen ist das Geld genau da gelandet wo man es erwartet. In seiner Tasche. Wetten? Deswegen rede ich doch nicht dem Jatzenjuk das Wort. Glücklicherweise waren die Papiere als Staatskredite von einer englischen Kanzlei wasserdicht formuliert. o.k., so weit zur Ausgangslage. Jatzenjuk/Biden? sagen wir zahlen nicht. Der IWF, 40 Mrd. Kreditsumme sind vereinbart, können aber bei ukr. Pleite nicht fließen, sitzt in der Klemme. RF ist auch IWF. Und genau deshalb (wie der kluge Erwachsene) genötigt, dass mit dem Halbstarken Schwachkopf zu regeln. Was wird passieren? Für die Öffentlichkeit wird die erste Milliarde in `16 fließen, ich schätze Spendengeld aus der EU. Und dann sehen wir mal weiter. Ich prophezeie, die zweite und dritte Milliarde werden Schuldtitel, weil die Ukraine in `16 aufhört, zu existieren.
    Deshalb ist das kein Trolling sondern nur Bolschoi Theater, denn es geht gar nicht anders. Es mußte aufgeschoben und portioniert werden. Grüsse und lassen Sie sich nicht von mir ärgern…