Technischer Default in der Ukraine

Am 23. September ist in der Ukraine der lange vorbereitete technische Default eingetreten. Das heißt, der ukrainische Staat bezahlt fällige Schulden nicht mehr. Im Moment sind private US-Investoren betroffen, mit Franklin Templeton im Mittelpunkt. Es passiert im Rahmen einer Restrukturierung der Schulden. Die Investoren sollen dadurch entschädigt werden, dass sie (unter anderem) in Zukunft Anteile am ukrainischen Wirtschaftswachstum bekommen. Das ist noch nicht in trockenen Tüchern, denn es gibt unter den Investoren eine Gruppe Unzufriedener, die mit 25% Anteil den Deal kippen können.

Warum sind die Märkte völlig unbeeindruckt davon, dass ein großes Land technisch bankrott ist? Weil die Ukraine vom IWF Sicherheiten bekommen hat, auch in diesem Fall mit Krediten versorgt zu werden. Damit haben die Gläubiger der Ukraine vorerst die Sicherheit, in Dollar ausbezahlt zu werden. Kein Grund zur Panik.

Die Restrukturierung privater Gläubiger soll den staatlichen russischen 3-Milliarden-Kredit mit hineinziehen. Das ist die wichtige Intrige hinter dem ganzen Schauspiel. Die Ukraine behauptet stumpf, der russische Kredit wäre privat und droht damit, ihn wie die anderen privaten Kredite einfach nicht zu bezahlen. Die Ukraine will mit dieser Drohung erwirken, dass Russland sich an der Restrukturierung beteiligt. Die drei Milliarden werden Ende Dezember fällig. Russland stellt gefühlt jede Woche klar, dass es keine Restrukturierung dieses Kredites geben wird.

Das ist übrigens der Kredit, der schon die ganze Krise hindurch Schlagzeilen macht, weil er Russland erlaubt, eine vorzeitige Rückzahlung einzufordern, sobald die ukrainische Schuldenlast mehr als 60% des BIP übersteigt. Diese Bedingung ist schon längst eingetreten, auch laut offizieller Statistik. Russland hat von der Option keinen Gebrauch gemacht und erwartet die Rückzahlung ganz normal zum Ende des Jahres.

Warum ist Russland so gelassen in dieser Angelegenheit? Weil der Kredit über einen Londoner Trust Fond läuft und nach englischem Recht abgewickelt ist. Das englische Recht schützt die Gläubiger sehr gründlich gegenüber den Schuldner-Staaten. Wenn die Ukraine droht, den Kredit nicht zu bezahlen, weil ihre neuen Gesetze es irgendwie hergäben, ist das ein reiner Bluff, der höchstens die Zombies beeindruckt. Russland ist juristisch so gut abgesichert, wie es nur geht. Im Rechtsstreit muss Russland sich nicht mal selbst bemühen. Das hat laut Vertrag „The Law Debenture Trust Corporation p.l.c“ zu tun.

Die einzige Möglichkeit, dass Russland diese drei Milliarden verliert ist, wenn die City of London auf ihre eigenen Regeln scheißt, um der Ukraine bei diesem Kredit zur Hilfe zu eilen. Will London Russland schaden? Zweifellos. Ist London bereit, dafür seine Reputation als Finanzzentrum über Bord zu werfen? Vermutlich eher nicht. Wenn es das täte, würden Sie als Zombie-Endverbraucher davon natürlich nichts mitbekommen, aber die internationale Fachwelt wäre wenig amüsiert. In einer Zeit, wo sich die Welt neu ordnet, wäre ein solches Manöver für London bestenfalls ein Schuss ins eigene Knie und schlimmstenfalls ein Dolchstoß ins eigene Herz.

Russland wird sein Geld wohl bekommen. Und die Briten werden die Ukraine dazu zwingen müssen. Sollte London bei diesem Kredit aber tatsächlich aus politischen Gründen die Ukraine unterstützen, wäre das ein großes Geschenk für Russland und die Welt.

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