Geopolitik: Übersicht von Friedman

Warum schon wieder Friedman? Aus mehreren Gründen:

  1. Friedman denkt strategisch und hält sich nicht mit taktischem Klein-Klein auf. Er hat das große Bild im Blick. Leute wie er, Strategen, sind die Entscheider der Politik.
  2. Friedman ist Sprachrohr der US-Elite. Er ist selbst Teil davon. Von ihm erfahren wir aus erster Hand, was die US-Elite (zumindest ein Teil davon) denkt und plant.
  3. Friedman ist der Putin-Propaganda unverdächtig. Leider ist das ein Kriterium. Hundert Journalisten aus aller Welt können etwas aufdecken und berichten und es wird in Deutschland brav mit „Verschwörungstheorie“ und „Putin-Propaganda“ beiseite gewischt. Ein andressierter Verteidigungsmechanismus zum Schutz der Zombifizierung. Quellen wie Friedman unterlaufen diesen Verteidigungsmechanismus.
  4. Friedman hat Interessantes zu berichten, wovon Sie sich gleich selbst überzeugen können.

Sie haben vielleicht schon von Valdai gehört, am ehesten im Zusammenhang mit Putins Valdai-Reden. Der Valdai Discussion Club ist eine Plattform, auf der sich russische und internationale Eliten austauschen sollen:

The club’s goal is to promote dialogue between Russian and international intellectual elite, and to make an independent,unbiased scientific analysis of political, economic and social events in Russia and the rest of the world.

Die Eliten tauschen sich da auch fleißig aus, persönlich, aber auch durch Veröffentlichungen. George Friedman von Stratfor hat dort auch einen Beitrag geleistet (um Werbung für Stratfor und Propaganda für die USA zu betreiben, aber dafür hat er sich auch angestrengt), um den es hier gehen wird. Ich empfehle ihn sehr zur vollständigen Lektüre. Es ist sehr spannend, wie entgegengesetzt die Aussagen der Eliten zu den Berichten der Massenmedien sind.

Friedman vertritt eine systemische Sichtweise, in der Staaten die Hauptakteure sind und die Politik dieser Staaten durch die Umstände diktiert wird. Nicht der jeweilige Staatsmann an der Spitze bestimmt die Politik. Die Umstände diktieren größtenteils seine Handlungen und sein persönlicher Spielraum ist klein. Politiker, die sich nicht am Diktat der Umstände ausrichten, haben keine Chance an die Spitze der Politik zu gelangen.

Das charmante an diesem Ansatz ist, dass man wichtige Entwicklungen im Weltgeschehen erklären und sogar prognostizieren kann, ohne sich irgendwelches geheimdienstliches Detailwissen ansammeln zu müssen oder die Persönlichkeiten an der Spitze der Staaten zu analysieren. Die Details interessieren nicht und sind auch von geringer Bedeutung, wenn es darum geht, die großen Entwicklungslinien auszumachen. Mit diesem systemisch-strategischen Denkansatz gelangt Friedman zu folgenden Analysen (nachfolgend indirekte, teils direkte Zitate):

Deutschland hat eine starke Industrie, deren Produktion nach Osten und Südosten exportiert werden kann. Das hat zur Folge, dass Deutschland die östlichen und südöstlichen Märkte dominiert. Damit einhergehend dominiert Deutschland auch die Politik dieser Regionen. Dieses Prinzip gilt seit 1871. Gleichzeitig ist Deutschland aufgrund der offenen Geographie militärisch leicht angreifbar. Deutschland muss seine Exportmärkte festigen und seine Sicherheit durch militärische und politische Mittel aufrechterhalten. Aus dieser Sachlage folgt zwangsläufig und unabhängig von den Persönlichkeiten an der Spitze der deutschen Politik: 1. Deutschland muss exportieren, um innere soziale Spannungen nicht überhand werden zu lassen. 2. Die politische Landschaft wird so geformt, dass die Notwendigkeit von Exporten berücksichtigt wird. 3. Berlin wird kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden suchen. 4. Wenn ein militärischer Konflikt unvermeidbar scheint, wird Deutschland ihn selbst iniziieren und nicht darauf warten, dass andere es tun.

Jeder deutsche Kanzler, im Moment Merkel, ist gezwungen, die Exporte zu fördern, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden und die eigene politische Position zu festigen. Da ein Teil der Exporte in die EU geht, hat Deutschland die EU nach seinen Vorstellungen geformt (günstige Exportmöglichkeiten). Gleichzeitig darf Deutschland die anderen EU-Staaten nicht strategisch bedrohen, um die eigene Sicherheit nicht zu gefährden (siehe Punkt 3 oben). Das ist das Rahmenmodell, in dem man die deutsche Politik einordnen kann.

Der Zerfall der Sowjetunion hat nicht nur das Gebiet der Sowjetunion beeinflusst, sondern die gesamte Welt. Die Ära der europäischen Vormachtstellung ist damit zu Ende gegangen und der Schwerpunkt der Weltpolitik hat sich nach Nordamerika veschoben, genauer gesagt in die USA. In der Folge haben sich die weltpolitischen Ereignisse um drei Säulen herum entwickelt: USA, EU, China. Die EU ist ein Gegengewicht der USA geworden. China hat Japan abgelöst als Wirtschaftsmotor mit billigen Arbeitskräften. Diese Phase ist 2008 zu Ende gegangen. Um die Welt von heute zu verstehen, muss man diese drei Säulen verstehen.

Die USA haben die größte Weltwirtschaft und exportieren nur 10% ihres BIP. Die Energierevolution (Fracking) hat die USA außerdem unabhängig von fremder Energie gemacht. Damit sind die USA wirtschaftlich selbstgenügsam und nicht darauf angewiesen, dass die Wirtschaften anderer Länder gut laufen, was ihnen Raum für politische Manöver eröffnet. Außerdem kontrollieren die USA alle Weltozeane. Sie können jederzeit jede große Handelsroute unter Kontrolle nehmen. So können die USA verdeckt den gesamten Welthandel steuern. Entscheidend ist nicht, dass Washington von dieser Macht häufig Gebrauch macht. Entscheidend ist, dass es das könnte, was die anderen Staaten zwingt, sich daran anzupassen. Außerdem können die USA in ganz Eurasien Krieg führen und theoretisch Eurasien militärisch erobern, während Eurasien im Gegenzug keine Möglichkeit hat, die USA zu erobern, weil Eurasien nicht die Ozeane kontrolliert. Die Möglichkeiten sind also asymmetrisch. Die einzige Bedrohung, welcher die USA im Laufe des letzten Jahrhunderts ausgesetzt waren, war die Vereinigung Eurasiens oder zumindest Europas mit Russland. Das hätte einen ebenbürtigen Gegenspieler ergeben, der sogar in militärischer Hinsicht den USA gefährlich werden könnte. Folglich ist das primäre strategische Ziel der USA, einen Hegemon in Europa zu verhindern. [Friedman verwendet den Begriff Hegemon neutral. Gemeint ist jegliche politische Einheit, zum Beispiel auch die EU, die allein die Vorherrschaft über Europa ausübt.]

Aus dieser Sachlage ergibt sich nun die US-Strategie: Erstmal schauen die USA zu, wie sich in Europa von selbst ein Kräftegleichgewicht einstellt (also mehrere politische Zentren, die miteinander konkurrieren). Wenn das Gleichgewicht zu kippen droht, unterstützen die USA die schwächere Einheit in Europa. Zuerst finanziell und wirtschaftlich. Wenn das nicht reichen sollte, später auch militärisch. Wenn auch das nicht ausreicht, treten die USA auf der Seite des Schwächeren selbst in den Kampf ein, zuerst mit begrenztem Kontingent. Und erst im äußersten Notfall werfen sie ihre Hauptkräfte nach Europa.

Im Ersten Weltkrieg haben die USA so lange zugeschaut, wie das Kräftegleichgewicht in Europa noch vorhanden war. Der kritische Moment war der Zusammenbruch des russischen Zarenreichs, womit sich die Lage zu Deutschlands Gunsten änderte und Deutschland die Möglichkeit bekam, nach Westen vorzustoßen. Am 15. März 1917 ist der russische Zar abgedankt und schon am 6. April sind die USA in den Krieg eingetreten.

Im Zweiten Weltkrieg haben sich die USA selbst nach Pearl Harbour aus Europa rausgehalten. Sie haben Großbritanien und die Sowjetunion begrenzt unterstützt, hielten sich aber – von kleinen Operationen abgesehen – bis Juni 1944 mit eigenen militärischen Kräften raus. Erst als die Sowjetunion das Rückgrat der Wehrmacht gebrochen hatte und damit den Kriegsverlauf zu eigenen Gunsten änderte, schalteten sich die USA in bedeutendem Umfang in die Kampfhandlungen ein. Der Krieg hat Großbritaniens Macht entscheidend reduziert, die USA übernahmen die Vorherrschaft über die Ozeane.

Während des Kalten Krieges wurde die Vorherrschaft der USA von der Sowjetunion bedroht. Das Kräftegleichgewicht wurde durch die Bildung der NATO-Allianz erreicht, die West- und Zentraleuropa als Gegenpol zur Sowjetunion vereinte. Die NATO-Staaten mit direktem Kontakt zum Sowjetblock bekamen finanzielle, wirtschaftliche und militärische Unterstützung. Die USA stationierten dort ein begrenztes Kontingent von Soldaten und versprachen, die europäischen NATO-Staaten zu schützen, bei bedarf auch mit Atomwaffen. Wie Charles De Gaul anmerkte, haben die USA keine Grantien dafür gegeben. Sie haben sich alle Optionen offen gelassen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verblieben keine Anwärter mehr auf eine Vorherrschaft in Europa. Die USA verließen den Weg der Allianzbildung und gingen dazu über, einzelne aufstrebende regionale Mächte zu zerstören. Die Kriege gegen Serbien, Irak, Afghanistan, Somalia und andere dienten dazu, Bedrohungen präventiv, noch vor ihrem echten Auftauchen, zu neutralisieren. Diese Politik schloss die Zerstörung der inneren Ordnung in Entwicklungsstaaten ein, sowie die Behinderung von staatsübergreifenden Bewegungen, wie die Taliban, die Nationalstaaten zu dominieren suchten.

Wichtige Anmerkung: Auf den ersten Blick haben die USA diese Kriege verloren. Das ist ein Missverständnis über die Ziele dieser Kriege. Vom militärischen Standpunkt aus gab es nicht das Ziel, die Kontrolle über diese Staaten herzustellen. Das Ziel war es, die innere Ordnung dieser Staaten zu zerstören, Chaos über sie zu bringen, um die Gefahr zu beseitigen, dass sich diese Staaten zu regionalen Mächten entwickeln. So gesehen haben die Kriege ihren Zweck erfüllt. In Serbien und im Irak haben die USA ihre Seemacht genutzt, um ungehindert und auf Entfernung den Krieg zu führen und sich anschließend wieder zurückzuziehen.

Wenn man den Äußerungen der Präsidenten folgt, sind diese Kriege verloren. Aber dahinter schimmert die seit 1917 angewendete Strategie durch: Wälze die Kosten so weit wie möglich auf die Allianzpartner ab, erreiche die anvisierten Zerstörungen, wälze die Kosten erneut auf die Allianzpartner ab, entferne dich. Man muss das Offensichtliche erkennen, um die Strategie der USA und die Strategie anderer Staaten zu verstehen.

Der Zerfall der Sowjetunion hat nicht nur der USA zur Weltdominanz verholfen, sondern auch die Entstehung von zwei neuen Mächten, EU und China ermöglicht, die beide potentiell in der Lage waren, die USA als Weltmacht herauszufordern. Die Schwäche der EU wurde schon beschrieben: Die EU ist rund um einen Staat aufgebaut, der auf Exporte angewiesen ist, was zu einem Monetärsystem und Regelwerk geführt hat, der es den anderen EU-Mitgliedern unmöglicht macht, sich vor deutschen Exporten zu schützen. Die anderen EU-Mitglieder haben keine Möglichkeit, mit deutschen Industriegiganten wie Siemens zu konkurrieren. Im Ergebnis hat die Finanzkrise von 2008 die EU gespalten. Deutschland hat auf harte Sparpolitik bestanden, was die Südstaaten in eine soziale Katastrophe gestürzt hat. Jetzt gibt es keine Einigkeit mehr in der EU und in der Folge hat das auch die Einheit der NATO untergraben.

Parallel dazu erlebt China einen zyklischen Abschwung, wie ihn Japan 1991 und Ostasien 1997 erlebt haben. Das chinesische Wirtschaftswachstum basierte nicht auf eigenen Mitteln, sondern auf Fremdkapital. China hat es verpasst, die Rentabilität des staatlichen Eigenkapitals zu erhöhen. Nunmehr, da die chinesischen Löhne in vielen wichtigen Regionen höher sind als beispielsweise in Mexiko, fließt das Fremdkapital wieder aus China ab. Und damit endet auch die Wundergeschichte des chinesischen Wirtschaftswachstums.

China hat aber noch ein tieferes Problem. Eine Milliarde Chinesen im Inland leben in Armut. An den Küsten leben 300 Millionen Chinesen, die für das Wirtschaftswachstum verantwortlich sind, von denen ein Gutteil eine Mittelschicht westlichen Standards darstellt. Diese küstennahen Chinesen sind westlich orientiert und auf Handel mit dem Westen angewiesen. Für die eine Milliarde Inland-Chinesen gilt das in viel geringerem Ausmaß. Die Interessen des chinesischen Inlands und der Küstengebiete sind unvereinbar und das ist Pekings großes Problem.

Das China von heute ist weder ein globales noch ein regionales Problem. Die Geographie macht es unmöglich, dass China seine Landstreitkräfte in die Tiefe des Kontinents zieht. Die Möglichkeiten der chinesischen Armee sind auf die Verteidigung beschränkt. Die chinesische Flotte kann nicht weiter als im Süd- und Ostchinesischen Meer operieren. Zudem hat die chinesische Flotte keinerlei echte Kampferfahrung. China wird es nie wagen, die USA auf dem Meer anzugreifen und die USA werden es nie wagen, China auf Land anzugreifen.

In diesem Kontext muss man den Aufstieg Russlands betrachten. Das Auftauchen von Putin oder einer ihm vergleichbaren Persönlichkeit war ein unausweichliches Ereignis. Jelzins Regime hat zu einer nationalen Katastrophe geführt. Die einzige seit der Zarenzeit effektiv funktionierende Behörde in Russland war die Geheimpolizei. Nur sie machte es möglich, Russlands großes, geographisch offenes Gebiet zusammen zu halten. Die Geheimpolizei hielt das Zarenreich und die Sowjetunion zusammen und hat ihren Einfluss auch nach Zerfall der Sowjetunion behalten. Sie war die einzige Kraft, die die Russische Föderation wieder einen konnte.

1992 haben alle davon geträumt, dass Russland in die europäische Wirtschafts- und Sozialsysteme integriert wird, aber das war angesichts des Chaos, das im Land herrschte, unmöglich. Russland wurde unter Jelzin zunehmend schwächer und der Westen begann, Russland zu verachten und brachte das mit seinem Handeln unverhohlen zum Ausdruck. Die USA begannen nicht nur einen Krieg, der Russlands Interessen entgegen stand, sondern ignorierten auch Friedensabkommen, die unter Moskaus Vermittlung erzielt wurden, denen nach Russland sich an der Verwaltung von Kosovo beteiligt hätte. Russlands Fall führte zur einzig möglichen Konsequenz, dass die Geheimdienste das Ruder übernahmen.

Putins Strategie war von den Umständen diktiert. Russland konnte mit den anderen Mächten nicht auf der Ebene der Industrie konkurrieren und konzentrierte sich daher auf den Export von Rohstoffen, um sein Eigenkapital zu erhöhen und eine Modernisierung der Wirtschaft zu organisieren. Putin wollte außerdem den Fehler der Zaren und der Kommissare vermeiden – ihre imperialen Ambitionen. Das Russische Reich und die Sowjetunion waren nie von Vorteil für die Russen selbst. Russland hat mehr Geld für die Kontrolle und den Aufbau der angeschlossenen Territorien ausgegeben, als es in Form von Einnahmen wiederbekommen hat. Im Endeffekt waren die an Russland angeschlossenen Sowjetstaaten einer der Gründe für den Fall der Sowjetunion. Putins Strategie war eine andere. Er wollte weder für die innere Stabilität noch für das wirtschaftliche Wohlergehen der ehemaligen Sowjetstaaten verantwortlich sein. Das einzige, was er anstrebte, war eine „negative Kontrolle“ über die Außenpolitik dieser Staaten, um eine Bedrohung der russischen Sicherheit zu vermeiden, die von den Staaten selbst oder anderen, sie benutzenden Staaten ausgehen könnte.

Der Westen unterstützte die Aufstände in Russlands Nachbarstaaten, was die „negative Kontrolle“ Russlands bedrohte. Am ausgeprägtesten war diese Tendenz in der Ukraine, die schon immer in der Zone der russischen Sicherheitsinteressen lag. Nachdem die NATO die Baltischen Staaten aufgenommen hatte, wurde die „negative Kontrolle“ über die beiden für Russland notwendigen Pufferstaaten Weissrussland und Ukraine kritisch notwendig, um die nationale Sicherheit zu gewährleisten. Die Orangene Revolution 2004/05, die im Westen als Geburtsstunde einer liberalen Demokratie und in Russland als Verschwörung des Westens wahrgenommen wurde, war eine direkte Folge der russischen Politik, die bei minimalen Kosten und Risiken ein gewisses Maß an Kontrolle erhalten wollte. Moskaus System fehlte das nötige Maß an Kontrolle, aber es war das beste, was Putin mit den verfügbaren Mitteln erreichen konnte. Russlands Peripherie blieb instabil.

Während die EU zerfällt, China zu einer normalen Wirtschaftsentwicklung übergeht und Russlands Ambitionen als Regionalmacht einer schweren Prüfung unterzogen werden, bleiben die USA der entscheidende Faktor der Weltpolitik. Die USA wollen das Auftauchen von Regionalmächten verhindern und Russland hat im Gegensatz zu anderen Ländern das Potential, diese Rolle und sogar noch mehr einzunehmen. Das Hauptbemühen der USA wird gegen Russland gerichtet werden. Die USA werden wie gewohnt Russlands Nachbarn unterstützen. Russland kann das aus den eigenen Sicherheitsinteressen heraus nicht hinnehmen und wird darauf hinarbeiten, Einfluss in seiner Peripherie zu gewinnen, um einen schützenden Puffer gegen Angriffe zu haben. Da die Interessen derart entgegengesetzt sind, wird es kaum zu einer Einigung kommen können. Die Spannung wird sich eher noch erhöhen.

Aus dieser Sachlage folgt, dass der Ukraine-Konflikt sehr gefährlich ist, weil er sich leicht auf das Baltikum und den Kaukasus ausweiten kann. Wie weit der Konflikt eskaliert, hängt vom Erfolg der russischen Handlungen ab. Das Ergebnis wird in jedem Fall in langfristiger Perspektive nicht gut für Russland sein, weil die US-Interessen fordern, dass Russland in den Konflikt reingezogen wird und weil in der Region eine Dysbalance des Kräftegleichgewichts auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Im Gegensatz zum Russischen Reich und der Sowjetunion sind die Pufferzonen rund um Russland in den Händen potentieller Feinde und die Rationalisierung von Russlands Wirtschaft macht es abhängig von Marktkräften, wie es für Russland früher nie der Fall war. Wenn es Russland nicht gelingt, eine friedliche Beilegung zu erreichen, bleibt nur die Möglichkeit, das Bedrohungspotential aufzubauen, um die USA einzuschüchtern. Was nicht die beste Strategie gegen die USA ist.

All das ist nicht gesagt, um Russland anzuschwärzen oder die USA zu glorifizieren. Beide Staaten sind wie sie sind und werden das tun, was ihnen die Umstände diktieren.

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So weit George Friedman. Ich habe große Teile des Texts ungekürzt oder leicht gekürzt wiedergegeben, in sehr naher oder sogar wörtlicher Übersetzung. Ich habe im obigen großen Abschnitt meine eigene Meinung völlig außen vor gelassen. Wenn Ihnen etwas krass formuliert erscheint, schauen Sie selbst nach: hier ist noch mal der Artikel, hier auf russisch, falls Sie russisch besser als englisch beherrschen.

Zusammenfassend und jetzt mit meinen eigenen Gedanken angereichert:

Die USA haben Großbritanien als Imperium beerbt und deren Politik der „Balance of Power“ übernommen. Diese Strategie sieht vor, andere Akteure gegeneinander kämpfen zu lassen, den jeweils Schwächeren zu unterstützen und am Ende, wenn alle ausgeblutet sind, die eigenen militärischen Kräfte einzusetzen, um die Vorherrschaft zu erlangen. Diese Politik verfolgen die USA konsequent seit einem Jahrhundert. Der entscheidende Schauplatz ist Eurasien. Nur diese große Landmasse mit ihren Ressourcen, ihrer Bevölkerung und ihrem technologischen Stand ist in der Lage, die Weltherrschaft der USA zu bedrohen.

China ist geopolitisch kein bedeutender Akteur. Die Geographie macht es China unmöglich, sich zu einem Imperium zu entfalten. Ich möchte von meiner Seite anmerken, dass Chinas Kultur ohnehin eine abschottende ist und zu Imperialismus überhaupt nicht aufgelegt ist. Die USA beschwören die Furcht vor China, um die chinesischen Nachbarn an sich zu binden. Mit einigem Erfolg, wie es derzeit aussieht, auch weil China auf die US-Provokationen zu sehr taktisch reagiert und zu wenig strategisch.

Die EU ist im Kern auf Deutschland als Exportland ausgerichtet. Das ist denn auch die große und unüberwindbare EU-Schwäche. Die EU zerfällt bereits, weil Deutschland die Hälfte seines BIP exportiert und nicht anders kann. Die Südstaaten gehen daran kaputt. Die USA muss fast nichts mehr machen und kann zusehen, wie ihr potentieller Konkurrent von selbst verreckt. Kann Deutschland wirklich nicht anders? Deutschland sollte sich diese Frage stellen und darüber diskutieren. Oder ist Deutschland zufrieden damit, periodisch eine europäische Wirtschaftskrise auszulösen, an deren Ende ein Krieg unvermeidbar ist, den Deutschland dann noch selbst anfangen muss, weil es geographisch exponiert ist? Denk nach, Deutschland. Denk nach.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlegten sich die USA darauf, potentielle Regionalmächte ins Chaos zu stürzen, um Konkurrenz auf der Weltbühne gar nicht erst entstehen zu lassen.

Interessantes Detail: Staatsübergeifende Bewegungen werden nur als Bedrohung wahrgenommen, wenn sie Nationalstaaten erfassen. Staaten sind stark, sie vertreten die eigenen Interessen auf hohem Niveau. Staatsübergreifende Bewegungen (am Beispiel der Taliban) sind gefährlich, weil sie das Potential haben, mehrere Staaten zu  einer Allianz zu vereinen, wodurch diese Staaten ihre Interessen noch besser vertreten können. Wissen Sie, warum der IS viel besser ist als die Taliban? Die Taliban haben die Staatlichkeit erhalten. Der IS zerstört Staaten und bildet auf deren Gebiet ein mittelalterlich-feudales System ohne staatliche Strukturen. Das ist wie ein Geschenk für die USA. Nur Jäger und Sammler sind noch leichter zu kontrollieren.

Inzwischen hat sich Russland aufgerichtet und wird zu einer Bedrohung für die USA. Beachten Sie Friedmans offene Darstellung der Sachlage: Die USA wollen die Weltherrschaft, Russland will nationale Sicherheit. Die beiden Ziele sind nicht miteinander vereinbar. Vergleichen Sie diese Darstellung der Sachlage mit der Gülle, die Ihre Medien täglich in Ihr Gehirn ergießen.

Beachten Sie auch Friedmans Darstellung des russischen Imperialismus: Man pumpt mehr Geld in die Provinzen, als man dort wieder herausholt. Das ist das genaue Gegenteil des westlichen Imperialismus, bei dem man Kolonien erobert und schonungslos ausbeutet. Ich habe diesen Vergleich des westlichen und russischen Imperialismus schon vor einiger Zeit in russischen Quellen gelesen. Jetzt, wo ich einen Vertreter der US-Eliten gefunden habe, der das offen ausspricht, kann ich in Deutschland auf diesen Vergleich aufmerksam machen. Ein schmerzhafter Vergleich. Was heißt es denn, mehr Geld in die Provinzen zu pumpen, als man dort rausholt? Es heißt, dort Straßen, Eisenbahnen, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und vieles mehr zu bauen. So ist Russland, wenn es imperial denkt. Die Ukraine, die angeblich so gelitten hat unter dem Joch der Sowjetunion, hat vor der Sowjetunion nie als eigener Staat existiert und ging aus der Sowjetunion als gigantische Industrienation hervor, mit einem mächtigen Militär, mit einer höchstentwickelten Schwerindustrie, einschließlich der Fähigkeit, Weltraumraketen zu bauen und ins All zu schießen. Die Ukraine war ein Agrarstaat, als es von Lenin gegründet wurde und war in den Top 10 der Welt gemessen am BIP, als es sich von der Sowjetunion unabhängig machte. So funktioniert russischer Imperialismus. Und nach 25 Jahren westlicher Demokratie ist die Ukaine bereits auf halbem Weg dahin, von wo sie einst aufgebrochen war: ein Agrarstaat.

Beachten Sie, dass Friedman Ihnen sagt, dass Putin komplett auf imperiale Ziele verzichtet. Vergleichen Sie das mit der Propaganda, die Ihnen täglich in die Köpfe gehämmert wird.

Manche Teile des Textes habe ich ausgelassen, weil Friedman dort eindeutig flunkert. So behauptet er etwa, dass der Georgienkrieg 2008 von Russland initiiert und eine direkte Folge der Orangenen Revolution von 2004 war. Dann behauptet er, dass die ukrainischen Ereignisse 2014 eine Folge des Georgienkrieges waren. Das ist eine kunstvolle Verschleierung, bei der die treibende Rolle der USA bei all diesen Konflikten hübsch ausgeklammert wird. Im gleichen Monat, als der hier ausgiebig zitierte Artikel von Friedman erschien, gab er auch ein Interview, in dem er unter anderem folgendes von sich gab:

Россия называет события начала года организованным США госпереворотом. И это действительно был самый неприкрытый госпереворот в истории.
(….)

Россия начала предпринимать определенные шаги, которые США сочли неприемлемыми. Прежде всего в Сирии. Там русские продемонстрировали американцам, что они в состоянии оказывать влияние на процессы на Ближнем Востоке. (…) США сочли это попыткой России нанести им вред. Именно в этом контексте стоит рассматривать события на Украине. (…) США же в сложившейся ситуации посмотрели на Россию и подумали, чего она хочет меньше всего — нестабильности на Украине.

Übersetzung:

Russland nennt die Ereignisse vom Anfang des Jahres [Sturz Janukowitschs in Kiew] einen von den USA organisierten Putsch. Und das war wirklich der am wenigsten verdeckte Staatsstreich in der Geschichte.

Russland unternahm gewisse Schritte, die von den USA als unannehmbar eingestuft wurden. Am ehesten in Syrien. Dort demonstrierte Russland den Amerikanern, dass es die Situation im Nahen Osten beeinflussen konnte. [Friedman meint Putins Vorschlag, Syriens Chemiewaffen kontrolliert zu vernichten. Obama hatte vorher einen Krieg der USA gegen Syrien an die Chemiewaffen gekoppelt und der Krieg stand kurz bevor. Putin hat mit diesem diplomatischen Schachzug den Kriegseintritt der USA in Syrien vereitelt.] Die USA stuften das als einen Versuch Russlands ein, den USA zu schaden. Genau in diesem Kontext muss man die Ereignisse in der Ukraine betrachten. Die USA schauten in dieser Situation auf Russland und überlegten, was Russland sich am wenigsten wünscht – Instabilität in der Ukraine.

Daraufhin haben die Journalisten noch mal nachgehackt und Friedman hat noch expliziter bestätigt, dass der Putsch in der Ukraine eine Reaktion auf Putins diplomatische Einmischung in die US-Angelegenheitem im Nahen Osten war.

Wie Sie sehen, kann Friedman nicht nur schonungslos offen sein, sondern auch dreist lügen. Vertrauen Sie niemandem blind und schalten Sie nie Ihr Gehirn aus. Speziell für Friedman gilt, dass er seine Stärken bei der Analyse vergangener Ereignisse hat. Sobald er aktuelle, noch nicht abgeschlossene Ereignisse einordnet, vermischt er kunstvoll Analyse mit Propaganda und es kommt in großen Teilen Müll dabei heraus. Wenn Sie Friedmans Valdai Paper genau lesen (und den Zeitpunkt genau im Hinterkopf behalten – Dezember 2014), erkennen Sie ein feines Spiel. Friedman verleiht sich Glaubwürdigkeit und Seriösität durch die guten und ehrlichen strategischen Analysen und nutzt das gewonnene Vertrauen für Propaganda. Russland sei in der aktuellen Situation eingeengt, habe keinen Spielraum, werde es sehr schwer haben. Probleme, Probleme, Probleme. Die Botschaft an die russische Elite: Ergebt euch, solange es nicht zu spät ist, ihr könnt das Kräftemessen ohnehin nicht gewinnen. Im Dezember 2014 hat diese Botschaft noch Sinn gemacht, denn es sah so aus, als ob Friedman Recht haben könnte. Seitdem ist ein knappes Jahr vergangen und man kann feststellen, dass Friedman mit seinen Prognosen für die nahe Zukunft grundfalsch lag.

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17 Kommentare zu “Geopolitik: Übersicht von Friedman
  1. raw sagt:

    Vielen Dank für den tollen, ausführlichen Artikel! 😉

  2. Thomas Roth sagt:

    Großartiger Text. Danke dafür…

  3. CGB sagt:

    Nur weil ich in Geldsystemangelegenheiten anderer Meinung bin, heißt das nicht, dass ich ihre Arbeit nicht schätze.
    Hier wiederum ein sehr schön aufbereiteter Artikel. Vielen Dank!

  4. Gastleser sagt:

    Julian Assange:
    “Die Situation [die aktuelle Flüchtlingswelle] ist das Resultat der US-amerikanischen, britischen und französischen Politik im Nahen Osten in Zusammenarbeit mit ihren regionalen Verbündeten wie Katar, die Türkei, Jordanien, Saudi Arabien und Israel“, lautet die Einschätzung Assanges.
    Zudem weist er daraufhin, dass von WikiLeaks veröffentlichte Dokumente belegen, dass die USA bereits seit 2006 am Sturz der Assad-Regierung gearbeitet hatten.“
    https://deutsch.rt.com/international/35254-assange-wikileaks-vorliegende-depeschen-zeigen/

    Albrecht Müller:
    „Aufgrund meiner früheren Tätigkeit als Leiter der Planungsabteilung Bundeskanzleramt habe ich immer noch Kontakt in die Regierungszentrale. Jetzt ist mir ein Planungspapier vom 4. August 2015 zugespielt worden. Hier also Auszüge aus diesem Papier, das den Ruf unseres Landes und das Image der Bundeskanzlerin Merkel und die Einbettung der Flüchtlingsfrage in ihre PR-Arbeit betrifft.“
    http://www.free21.org/wahrheit-oder-fiktion-fluechtlingskrise-eine-pr-strategie/

    Diese beiden Stellungnahmen sollten ausreichen, um die uns aufgezwungene „Willkommenskultur“ und widersinnige Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und der Partei DIE LINKE als heuchlerisch und menschenverachtend zu entlarven.

    • CGB sagt:

      Hallo Gastleser, danke für die Links, allerdings gefällt mir beim zweiten der Stil („Das war ein fiktives Papier“) von Müller nicht.

  5. Johanniskraut sagt:

    Zum abgeblasenen ersten Versuch der usa, Syrien zu bombadieren (wegen der Chemiewaffen).

    Ich kann nur schwer glauben, dass die usa einen bereits geplanten und gewünschten Krieg/Invasion/Überfall wegen mangelder Rechtfertigungsgründe abbläst. Beispiel: Irak – die internationalen Massenvernichtungswaffensuchtrupps haben nichts gefunden, was auch nur entfernt auf Produktion oder Existens solcher Waffen hingedeutet hat und trotzdem sind die Amis da rein.

    Deshalb fällt es mir schwer zu glauben, die usa hätte wegen des diplomatischen Vorstoßes Russlands den Krieg abgeblasen. Alles was ich mir dazu höchstens vorstellen kann, ist das dieser diplomatische Vorstoß die Kraft hatte die Bombadierung etwas heraus zu zögern oder eine Art öffentlichen Gesichtswahrungseffekt bietet.

    Warum ist die geplante und gewünschte Bombardierung Syriens dann aber letztlich doch nicht durch geführt worden? Dafür habe ich inzwischen zwei Theorien gehört:

    1. Die DWN haben in einem Artikel tatsächlich behauptet, die usa Generäle hätten sich der Anordnung Washingtons, Krieg gegen Syrien zu führen widersetzt (quasie gemeutert) – Klingt nicht sehr glaubwürdig für meine Ohren.

    2. Ich weiß nicht mehr wo ich das gelesen habe – vielleicht auf voltaire oder so?! Und zwar: Die Russen hätten ein großes Kontingent ihrer Marine vor die Küste Syriens gelegt.

    Und was ich persönlich jetzt noch zu dieser Info dazu dichte, ist: Und gleichzeitig haben die Russen inoffiziell der usa in aller Deutlichkeit „Njet“ zum Krieg gegen Syrien gesagt. Sprich: „Wir mischen uns konkret ein und hauen euch hier vor Ort auf die Fresse, wenn ihr versucht Syrien platt zu bomben.“

    Diese Möglichkeit halte ich für am Wahrscheinlichsten von allen bisher vorgebrachten. Und damit der usa die offizielle Gesichtswahrung bleibt, und sie das inoffizielle „Njet“ annehmen kann, räumt man den offiziellen Kriegsgrund (die C-Waffen) beiseite. Wie Friedensstiftende Kräfte das damals auch schon im Irak gemacht hatten – allerdings ohne das große russische Flottenkontingent als „Meinungsverstärker“.

    Falls einem von Euch dazu nähere Infos bekannt sind (wie etwa Zahl der Schiffe etc.), freue ich mich über eine Ergänzung dieser Vermutungen und Thesen.

    Und allgemein auch noch mal vielen Dank für die ausgezeichnete Analyse oben!

    Gruß
    Johanniskraut

  6. Analitik sagt:

    Wenn Sie es nicht glauben können, analysieren Sie.
    Rechtfertigungsgründe sind absolut zentral. Die Gründe müssen nicht wahr sein und sie sind es meistens nicht. Aber wie erlogen sie auch sind, sie müssen da sein und man muss sie der Öffentlichkeit als offiziellen Grund vorlegen. Suchen Sie nach Kriegen, die ohne Rechtfertigung begonnen wurden. Wie viele finden Sie?

  7. Christoph Stein sagt:

    >Die USA haben Großbritanien als Imperium beerbt und deren Politik der „Balance of Power“ übernommen. Diese Strategie sieht vor, andere Akteure gegeneinander kämpfen zu lassen, den jeweils Schwächeren zu unterstützen und am Ende, wenn alle ausgeblutet sind, die eigenen militärischen Kräfte einzusetzen, um die Vorherrschaft zu erlangen.<

    Dies sehe ich anders:
    Die britische "Balance of Power“ konnte auf eine eigene große Armee verzichten. Es reichten einige strategische Stützpunkte und wenn nötig wurde die "Gurkhas" eingesetzt, nach Möglichkeit jedoch keine eigenen Soldaten.
    Über diese Kunst der Macht verfügen die USA nicht. Sie unterhalten die größte Armee der welt, so groß wie alle anderen Armeen zusammen.
    Ihre Strategie folgt also nicht dem britischen Vorbild, sondern eher dem spanischen. Wie die Spanier vertrauen sie auf die "Große Armada". (An die Stelle des Goldimportes ist der $$$$Kredit$$$$ getreten.)
    Eine solche Strategie hat große Nachteile:
    Sie ist nicht besonders intelligent.
    Sie belastet die Wirtschaft des Homelands mit gewaltigen Kosten und führt zur Deindustrialisierung.
    Sie provoziert alle anderen, die von dem martialischen Auftreten genervt sind.
    Sie funktioniert nur solnge, bis jemand den Trick herausfindet, wie man die "Große Armada" versenkt. (Ein Francis Drake findet sich …)

  8. zach sagt:

    Friedmanns Argument vom mehr investiertem Geld als “Ausbeute“ ist vielleicht eher negativ gemeint von Ihm. Er will damit zeigen das Russland “unfähig“ ist, oder irre ich mich da?

    Danke für die Artikel.

  9. FarEast sagt:

    Die Artikel in diesem Blog bzw. die Texte, auf die sie verweisen, sind wirklich augenöffnend. Das Gefühl, Zusammenhänge zu verstehen und den eigenen Horizont zu erweitern ist schon Belohnung an sich (in dieser Beziehung „fühlt“ sich Ihre Seite für mich ähnlich wie die des VineyardSaker an – das ist ein Kompliment). Die Fragen, die sich nach dem Nachdenken stellen, sind dann schon auf einem neuen Niveau.

    Ein Punkt, den ich noch nicht wirklich begreife und zu verstehen versuche: Strategie sind dann am erfolgreichsten, wenn der Gegener sie nicht kennt. In einem anderen vor kurzem gelesenen Eintrag (oder den Kommentaren, ich arbeite das Blog theatisch durch, nicht chronologisch) wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Eltien sich in öffentlich zugänglichen Medien verständigen; eine komplette geheime Koordination wäre zu schwer zu bewerkstelligen, und die Medienaufmerksamkeit blendet diese Quellen aus, außer ein paar interessierten Laien oder Wissenschaftlern ohne große Öffentlichkeitswirkung werden diese Quellen also von der Masse der Bevölkerung nicht zur Kenntnis genommen. Darum ist in diesen Elite-Quellen einiges mehr an Offenheit und Ehrlichkeit möglich. (Gerade Friedman hat es mit ein paar Statements ja bis in die „Halböffentlichkeit“ geschafft.)

    Der Punkt, an dem ich Verständnisschiwerigkeiten habe: Auch wenn die Masse der „Zombies“ diese Papers nicht kennt oder liest – die Nachrichtendienste der gegnerischen (und befreundeten) Staaten kennen sie und werten sie aus. Nicht genug damit, wenn ich es richtig verstehe, ist dieser Valdai Diskussionsclub auch noch eine Veranstaltung der russischen Eliten. Wie kann Friedman dorthin gehen und so direkt über die amerikanische Strategie der letzten 100 Jahre berichten (ja, und bei der Situation der letzten zwei Jahre dann seine Propaganda-Tricks versuchen, aber selbst ihm müsste klar sein, dass die Vorstellung, jemand spiele 100 Jahre Monopolz, um dann in den letzten zwei Jahren auf Mensch-ärgere-dich-nicht umgestiegen zu sein, seine mitdenkenden und analysierenden Zuhörer kaum überzeugt)? Spekuliert er auf die Wucht dieser letzten Worte? Kann er damit derart offen auftreten, weil er weiß, dass natürlich auch Putin und der russische Nachrichtendienst Mackinder und Spykman kennen (natürlich tun sie das) und man sich um keine Geheimhaltung dieser ursprünglichen Absichten bemühen muss? Und welchen Sinn hat diese Strategie, wenn man die Gegner indirekt oder direkt darüber aufklärt? Da fehlt mir ein Puzzlestück …

    • Analitik sagt:

      Trennen Sie Strategie und Taktik, dann ergibt alles einen Sinn. Strategien sind langfristig, sie umspannen auf Staatsebene Jahrzehnte. Taktisches Verhalten ist kurzfristig.

      Man kann taktisches Verhalten bis zur Ausführung geheim halten. Bei der Ausführung ist der Gegner dann überrascht. Während der Ausführung erkennt der Gegner die Taktik. Die Geheimhaltung ist im Grunde nur für den Überraschungsmoment gut. Wenn der Gegner erkennt, was Sache ist, hat er noch keine Gegenmaßnahmen parat und das verschafft den Vorteil für den Angreifer. Bis der Verteidiger Gegenmaßnahmen ausgearbeitet hat, hat er schon viel Schaden eingesteckt.

      Jahzentelange Strategie kann man nicht geheim halten. Sie wird am Verhalten erkannt und die Spione verrichten ja auch ihr Werk. Eine Strategie ändern Sie nicht, nur weil sie erkannt wurde. Stellen Sie sich nur vor, die USA, die sich strategisch die Hegemonie vorgenommen haben, rücken davon ab, nur weil diese Zielsetzung erkannt wurde. Das ist natürlich sinnlos. Taktische Finten kann man dagegen flexibel handhaben.

      Die Geheimhaltung der Strategie wird auch dadurch unmöglich, dass sie an _alle_ Ausführungseinheiten kommuniziert werden muss. Das kann man einfach nicht geheim halten. Es ist schon schwer genug, Taktiken zu verheimlichen, obwohl taktisches Verhalten sich nur auf einen begrenzten Personenkreis bezieht.

      Was Friedman und seine Vermischung von Fakten und Propaganda angeht, so ist das der Trick, dass man die Propaganda mit Fakten maskiert. Ein Artikel wird vom Gehirn als eine Einheit betrachtet und wenn das Gehirn Teile dieser Einheit als wahr anerkennt, neigt es dazu, die anderen Teile auch als wahr anzuerkennen.

      • FarEast sagt:

        Okay, so wie beim Schach kein Geheimnis daraus gemacht wird, dass man den König matt setzen oder zur Aufgabe zwingen will, aber die einzelnen Züge das entscheidende sind. – Danke.

        • Analitik sagt:

          Genau. Und ob man eine offensive oder defensive Strategie hat, lässt sich auch nicht verbergen.

          • FarEast sagt:

            Wobei die Warnglocken der skeptischen Distanz klingeln sollten, wenn ein Chefstratege des Gegners im eigenen Club einen Vortrag darüber hält, dass man plant, den König matt zu setzen. Was die Frage nach der Zielsetzung und Funktionsweise dieser Diskussionsrunden wieder spannend werden lässt. Ich muss rausfinden, ob es etwas Vergleichbares auch mit China gibt …