Game of Thrones in der Ukraine

George Martin könnte sich kein besseres Szenario ausdenken. Die ukrainische Innenpolitik ist derzeit voll von Feindschaft, Intrigen, Krieg, Blut, Koalitionen, Verrat. Es gibt mehrere Könige, um die sich viele Fürsten und noch mehr kleinere Vasallen versammelt haben. Das einfache Volk wird in diesem Krieg zwischen den vielen Fronten zerrieben.

Über Poroschenko habe ich bereits geschrieben. Er ist den Taten nach nicht anti-russisch genug für die reichen Geldgeber aus Übersee. Sein Sturz wurde vorbereitet, geschehen sollte er Ende Februar, pünktlich zur Putschjährung. Der Rechte Sektor hat rechtzeitig neue bewaffnete Truppen in der Hauptstadt gegründet. Andere Nazi-Bataillone haben Gründe gefunden, ihre Kämpfer von der Front abzuziehen und nach Kiew zu schicken. Dort probten sie den Aufstand. Medienwirksam verbrannten Reifen am einen Tag, wurde der äußere Polizeiring auf dem Weg zum Präsidenten am anderen Tag durchbrochen. Das war nur Vorbereitung. Gelegenheiten, um die Mannschaft des eigentlichen Angriffs zusammen zu stellen.

Parallel begannen die Medien der anderen Könige, Poroschenko für alles Übel im Land verantwortlich zu machen. Seine Vertrauten wurden angegriffen. Es wurden Gesetze durchgedrückt, die im Falle des Königstodes sicherstellten, dass die Macht an die richtigen Posten übergeht.

Aber Poroschenko erweist sich als kampfeslustig und zäh. Er beschützt seine Vasallen mit allen Mitteln. Er startet eine mediale Gegenoffensive und lässt die anderen Könige ebenfalls in schlechtem Licht erscheinen. Aus der „Poroschenko ist für alles verantwortlich“-Stimmung macht er eine „sie sind ALLE verantwortlich“-Stimmung. Das dämpft die Putsch-Lust der Herren aus Übersee, denn sie wollen den gefallenen König durch geeignetere Marionetten ersetzen. Das wird erschwert, wenn die Wunsch-Marionetten mit dem König zusammen auf der Anklagebank sitzen.

Aber der Prozess läuft schon. Wir nähern uns einem dramatischen Höhepunkt. Jarosch, einer der Nazi-Führer und Vasall von König Kolomojski, hat die Gründung eines zweiten Generalstabs bereits Ende Januar angekündigt. Und jetzt ist es so weit! Namhafte Nazi-Kommandeure unter der Führung des glorreichen Kriegshelden Semjon Semenchenko (Feldkommandeur und Abgeordneter zugleich, mit persönlichem Kontakt zu Senator McCain) verkünden am 18. Februar die Gründung des eigenen Generalstabs offiziell. Sie befreien sich vom Joch der ukrainischen Armee, an deren Spitze ein Vasall Poroschenkos steht. Kolomojski hat jetzt eine eigene Armeeführung. Er hat die von ihm finanzierten Nazi-Truppen dem Kommando der ukrainischen Armee entrissen. Das Projekt seiner vollwertigen Privatarmee strebt der endgültigen Vollendung zu.

Vielleicht war es ein Fehler, die Gründung eines zweiten Generalstabs lautstark und so früh anzukündigen. Poroschenko nutzt die Zeit und sichert sich die Loyalität zahlreicher Batillone. Gekauft, bedroht? Egal, das Ergebnis zählt. Wir sehen seinen unmittelbaren Konter. 13 von 20 Freiwilligen-Bataillonen verkünden am 19. Februar feierlich, dass sie mit dem neuen Generalstab nichts zu tun haben und dem König treu ergeben sind. Ein schwerer Schlag gegen Kolomojski und die Putschpläne.

Poroschenko kämpft an vielen Fronten. In Kiew lässt er Nazi-Soldaten verhaften. Das ist ein starkes Signal, denn seit dem Putsch von 2014 waren die Nazis unantastbar. Jetzt plötzlich nicht mehr. Poroschenko demonstriert Stärke und das lässt viele Vasallen verschiedener Könige zweifeln, ob sie dem richtigen gegenüber loyal sind.

In die Presse sickert am 22. Februar die Information durch, dass der glorreiche Semjon Semenchenko in Wirklichkeit schon im November 2014 als Bataillon-Kommandeur gefeuert wurde. Einer der größten Helden der Nazis stellt sich endgültig als Hochstapler heraus (gute Beobachter wissen das schon längst, aber jetzt ist es offiziell). Eine moralische Niederlage für Poroschenkos Feinde und die Neutralisierung eines der potentiellen Putschanführer.

Und Poroschenkos brutalste Maßnahme: Er verpulvert an der Front gezielt die Nazis. Ihre Freiwilligen-Bataillone werden vorgeschickt, den verlorenen Donezker Flughafen zurück zu erobern. Das geschieht gegen alle Regeln der Kriegskunst und führt folgerichtig zu enormen Verlusten an Mensch und Material.

Das gleiche Spiel wiederholt sich im Kessel von Debalzewo, der offiziell nie ein Kessel war. Die neurussische Armee schließt den Kessel pünktlich zu den Minsker Verhandlungen. Die Minsker Vereinbarungen sehen vor, dass wenige Tage nach ihrer Unterzeichnung ein Waffenstillstand beginnen soll. Die Zeit ist knapp. Poroschenko nutzt den blinden Eifer der Nazis und lässt sie einen massiven Versuch der Kessel-Deblockade durchführen. Bei dieser Operation werden frische Reservekräfte der Nazis eingesetzt, gut ausgebildet von NATO-Soldaten. Aber auch diese Operation ist aufgrund der militärischen Umstände klar zum Scheitern verurteilt und die frischen und gut trainierten Nazis werden von der neurussischen Armee ordentlich ausgedünnt.

Ähnliche kleinere Operationen gibt es an weiteren Frontabschnitten. Auffällig ist jedes mal, dass die ukrainische Armee passiv bleibt und die Nazi-Bataillone an vorderste Front geschickt werden, teilweise in offensichtliche Fallen.

Das ist nicht neu. Poroschenko versuchte die Nazis schon im Sommer maximal zu dezimieren, indem er sie an der Front verheizte. Das berühmteste Beispiel ist der Ilowajsk-Kessel. Auch das war eine total sinnlose Operation, bei der Militäranalytiker sofort Verrat des ukrainischen Generalstabs gewittert haben. Verrat haben auch die Nazis selbst gewittert. Deswegen sind sie so heiß darauf, Poroschenko zu stürzen. Deswegen hätten sie gern einen eigenen Generalstab. Sie argwöhnen zu recht, dass man sie bewusst ein ums andere mal ins offene Messer laufen lässt.

Zurück zu den heutigen Ereignissen. Die Putschjährung ist vorbei. Poroschenkos Feinde konnten die Gunst der Stunde nicht nutzen. Das liegt an Poroschenkos Geschick und Timing, das muss man ihm anerkennen. In der für ihn kritischsten Phase hat er seinen Feinden zahlreiche Schocks an verschiedenen Fronten verpasst und sie damit kurzfristig gelähmt. Jetzt hat er die Initiative und er bereitet den Gegenangriff vor.

Kolomojski wird nervös und will die Macht in Dnepropetrowsk sichern. Seine Schergen versuchen den Bürgermeister der Stadt brutal und schnell aus dem Amt zu jagen.

Auch Jazenjuk wird nervös. Die große Bombe, die für Poroschenko gelegt wurde, liegt noch immer da und wartet auf ihre Explosion. Poroschenko ist von ihr heruntergeklettert und hat wichtige Vasallen gleich mit runtergezogen. Jetzt versucht er Jazenjuk draufzusetzen. Die beiden sind sich spinnefeind.


Links: Gontarewa, Chefin der ukrainischen Nationalbank, Vasall von Poroschenko.
Rechts: Finanzministerin Jaresko, US-Bürgerin ukrainischer Herkunft, ehemalige US State Department Mitarbeiterin (Ja. Die ukrainischen Politiker sind so unzuverlässig, dass die Herren aus Übersee eine ganze Horde von Ausländern in der ukrainischen Regierung installiert haben.)
Spüren Sie die Freundschaft?

Das politische Gemetzel ist derzeit kurz unterbrochen für eine notwendige Waffenruhe bis zum 11. März. Bis dahin muss der Anschein einer einigermaßen zivilisierten Politik und einer noch atmenden Wirtschaft und Finanz erweckt werden, denn am 11. März sollen IWF-Beamte über die Gewährung des nächsten Kredits entscheiden. Von diesem Kredit hängt das Überleben ALLER ukranischen Thronanwärter ab.

Die ukrainische Nationalbank übt sich seit einer Woche in schwarzer Magie, um den Hryvnja-Kurs bis zur Vergabe des neuen Kredits unter 25 pro Dollar zu halten, denn im Haushaltsplan für 2015 ist von einem Kurs von 22 ausgegangen worden. Mit der Realität des ukrainischen Finanzsystems hat das nicht das geringste gemein, aber es muss ein offizieller Schein gewahrt werden, um den IWF nicht zu verschrecken.

Der IWF ist natürlich nicht blind. Aber in den Hinterzimmern der Mächtigen wurde ausgehandelt, dass vom IWF noch der ein oder andere Kredit gewährt wird, um primär die Gläubiger der Ukraine zu entschädigen. Der IWF hat gewisse Regeln zur Kreditvergabe und darf nicht einfach an jeden Geld verleihen. Die ganze Show in der Ukraine wird durchgezogen, damit der IWF mit zwei zugedrückten Augen wenigstens offiziell so tun kann, als ob die Ukraine kreditwürdig ist. Der IWF muss seinen Teil der Hinterzimmer-Deals erfüllen und er muss dabei sein Gesicht wahren können. Die Show fällt der Ukraine nicht leicht. Allein diese Woche hat es mehrere Prügeleien in der Rada gegeben.

Es ist ein filmreifes Schauspiel. Wie bei George Martin ist ein Ende nicht in Sicht und ein Höhepunkt jagt den nächsten. Es wäre zum Genießen, wenn es nur fiktiv wäre. Aber es ist echt. Es fließt echtes Blut in der Ukraine. Und für die einfachen Ukrainer außerhalb des bereits zerstörten Donbass kommt das schlimmste erst noch.

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