Botschaften vom Valdai-Forum

Einige Botschaften von der langen und sehr sehens-/lesenswerten Valdai-Sitzung mit Putins Beteiligung (russisch, englisch). Alle Übersetzungen von mir.

Putin in seiner Rede:

Ein offnes Gespräch ist längst überfällig, ein Gespräch mit Beteiligung nicht nur einer Gruppe von Auserwählten, angeblich der würdigsten und fortschrittlichsten, sondern mit Beteiligung der gesamten Weltgemeinschaft. Mit Vertretern verschiedener Kontinente, kultur-historischer Traditionen, wirtschafts-politischer Systeme. In einer sich ändernden Welt müssen wir flexibel und offen sein, fähig zu einer schnellen und präzisen Reaktion. Verantwortung vor der Zukunft ist das, was uns vereinen sollte, insbesondere in Zeiten wie jetzt, wo sich wirklich alles und gleichzeitig verändert.

Die Menschheit war noch nie so mächtig wie jetzt, hatte noch nie so viel Einfluss auf die Natur, den Raum, die Kommunikationen und das eigene Sein. Aber diese Macht ist breit gestreut und findet sich bei Staaten, Konzernen, öffentlichen und religiösen Gemeinschaften und sogar bei einzelnen Personen. Es ist klar, dass sehr viel schwere, kleinschrittige Arbeit nötig sein wird, um all diese Elemente in eine einzige, effektive, steuerbare Architektur zu überführen. Ich möchte betonen: Russland ist bereit, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, mit allen interessierten Partnern.

In unseren Augen muss die UNO mit ihrer universellen Legitimität weiter das Zentrum des internationalen Systems bleiben, und unser aller Aufgabe besteht darin, ihre Autorität und Effektivität zu erhöhen. Die UNO hat heute keine Alternative. (….)

Reformen sind nötig, die Vervollkommnung des Systems UNO ist nötig, aber die Reformen können nur schrittweise ablaufen, evolutionär, und natürlich müssen sie unterstützt werden von einer breiten Mehrheit der Mitglieder innerhalb der Organisation selbst.

Meine Anmerkungen dazu:

  • Amüsant ist der besondere Gruß an Rothschild („Macht der Menschheit liegt teilweise bei einzelnen Personen“).
  • Während sich viele politisch interessierte Menschen auf Details in der Ukraine oder sonstwo fokussieren, blickt Putin weit in die Zukunft und beschäftigt sich mit der Frage der Weltregierung („verteilte Macht in eine, effektive und steuerbare Einheit überführen“). Aus systemischer Sicht ist eine Weltregierung unvermeidlich. Schön zu sehen, dass clintonoide New-World-Order-Architekten nicht die einzigen sind, die sich damit beschäftigen. Wer sich dem Thema nicht widmet, verspielt seine Chance zur Mitwirkung.
  • Zur Basis der Weltregierung erklärt Putin die UNO. Er fordert Reformen der UNO, aber „evolutionär“ (so wie er Russland aus der Versenkung geholt hat, ganz ohne Revolutionen) und im Sinne der Mehrheit. Zum Verständnis, das ist das Gegenteil von den NWO-Plänen, deren Vertreter in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr aktiv an der UNO gerüttelt haben.

Afghanistans Ex-Präsident Karzai in seiner Rede:

Heute bin ich einer der größten Kritiker der US-Politik in Afghanistan. Nicht, weil ich ein Kritiker des Westens bin, in Wirklichkeit bin ich ein überzeugter Demokrat, habe eine westliche Bildung und mag die westliche Kultur. Aber ich bin gegen ihre Politik, weil sie nicht erfolgreich ist und weil sie zu einer Masse von Problemen und zu zunehmendem Extremismus, Radikalismus und Terrorismus führt.

Ich bin gegen die US-Politik, weil unter ihrer Beobachtung und unter ihrer vollen Kontrolle unseres Luftraumes, unserer Soldaten durch diese Supermacht, der IS in Afghanistan aufgetaucht ist. Wie konnte dieses Auftauchen möglich sein, 14-15 Jahre nachdem die USA hier waren, mit all ihren Ressourcen und ihrem Geld? Warum gibt es heute keine internationale Kooperation mit den USA in Afghanistan, so wie früher? (….)

Zweifellos erleben wir heute ein Spiel des Extremismus, deshalb stellen sich viele in Afghanistan und in anderen Ländern die Frage: Extremismus und Terrorismus – sind sie ein Werkzeug und ein Vorwand, wie der geschätzte Präsident bereits sagte, oder kämpfen wir wirklich gegen Extremismus? Oder tun wir nur so, als ob wir mit Extremismus kämpfen? Oder verteidigen wir unsere Interessen um jeden Preis?

Ich bin dieser Frage im Laufe vieler Jahre oft begegnet, bei Diskussionen mit Kollegen. Heute will ich folgendes sagen.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In Afghanistan herrscht großes Leid, gerade heute sind fast 50 unserer Soldaten gefallen, gestern waren es 70, in den letzten zwei Tagen verloren wir etwa 300 Menschen, die sehr jung waren und Familien hatten. Der einzige Weg nach vorn ist dieser – die USA müssen beginnen, in Afghanistan neue Bedingungen der Zusammenarbeit mit unserem Volk zu akzeptieren.

Zweitens. Die USA müssen in Afghanistan beginnen, erneut mit unseren Nachbarn und mit den Supermächten zusammen zu arbeiten – das sind in erster Linie China, Russland, Indien – mit Hilfe von zentralen, verständlichen, transparenten Zielen. Dies berücksichtigend, muss die Weltgemeinschaft den afghanischen Mechanismus zur Lösung der bestehenden Probleme unterstützen. (….)

Ich hoffe, da hier der Präsident Russlands anwesend ist, und wir erwarten viel von unserem Freund, historischen Verbündeten und Nachbarn, dass Russland aktiver mit den USA und dem Westen in der afghanischen Frage zusammenarbeiten wird, und uns die helfende Hand reicht, damit wir unsere eigenen Mechanismen zur Lösung der bestehenden Probleme aufbauen können.

Bitte, schickt eure Unternehmen und Investoren nach Afghanistan, wir sind nah bei euch, deshalb brauchen wir eure Unternehmen sehr.

Anmerkungen dazu:

  • Karzai gibt ein Beispiel dafür, wie politische Marionetten das Lager wechseln, wenn der alte Herr abstürzt und neue Herren auftauchen. So ist das Spiel der Macht.
  • Karzai beschuldigt die USA der Verbreitung des IS, des Terrorismus und des Extremismus in Afghanistan. Ich weiss nicht, wie sehr die Leser dieses Blogs aus anderen Quellen mitbekommen, wie offen und massiv Russland inzwischen die USA des Einsatzes von Terroristen beschuldigt und das mit Belegen untermauert. Jetzt schließen sich bereits Russlands Vasallen-Bewerber an. Die Wahrheit ist noch viel härter – und wir haben gute Chancen, bald noch mehr davon zu hören.
  • Karzai stellt den USA Forderungen, sagt, was die USA tun müssen. Gut, er ist nicht mehr Präsident, kann jetzt theoretisch quatschen, was er will. Er ist aber auch kein dahergelaufener „Experte“, seine Kontakte zu afghanischen Eliten sind noch sehr frisch und sein Wort keinesfalls bedeutungslos.

Asle Toje, als Vertreter des Westens in der Runde, sagte unter anderem:

Im Westen waren viele der Ansicht, dass die Globalisierung eine Westernisierung ist, und sie waren unangenehm überrascht, dass andere Faktoren Elemente der westlichen Globalisierung genommen haben, diese genutzt und für sich adaptiert haben und das auch noch sehr erfolgreich gemacht haben.

Dazu möchte ich lediglich anmerken, dass, wenn hier im Blog von „Globalisten“ die Rede ist, genau diese Art von Eliten gemeint sind, die Globalisierung als Westernisierung verstanden haben. Und Westernesierung bedeutet hierbei nicht bloß die Verbreitung von Hollywood-Gülle bis in die letzte Ecke des Globus, sondern eine Kolonisierung der Welt durch den Westen. Davon abzugrenzen ist die Globalisierung als Prozess der fortschreitenden Verzahnung von einzelnen Kulturen und Wirtschaftsräumen. „Globalisten“ ist kein besonder guter Begriff, um die Elitengruppe zu bezeichnen, die ich damit meine. Ich suche noch nach einem besseren, präziseren Begriff.

Zum Schluss noch die Antwort von Putin auf die Frage, wie sehr Russland beunruhigt ist von der erhöhten NATO-Präsenz in Russlands Nähe:

Wir analysieren das, schauen uns das genau an. Jeder Schritt ist uns bekannt und verständlich. (…) Es beunruhigt uns nicht. Sollen sie so trainieren. Alles unter Kontrolle.

So viel zur Bedeutung der aufgestockten NATO-Truppen in Osteuropa, insbesondere auch der deutschen Truppen. Was zählt, sind die neuen Raketenstellungen der USA in Osteuropa, das hatte Putin in seiner Rede auch betont. Aber zusätzliche US-Panzer in Polen und ein paar Tausend deutsche Soldaten im Baltikum und dergleichen mehr ist belanglos. Deutschlands Motiv ist meiner Meinung nach, den USA formell den eifrigen Einsatz gegen Russland vorzugaukeln. Das funktioniert auch. In der Sache wirkungslos, aber formell ist alles wasserdicht.

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