Großvater Agwan

Igor Rasterajew, den wir hier schon kennengelernt haben, mit seinem Gedicht „Großvater Agwan“ („Дед Агван“):

Den russischen Text gibt es hier auf der Seite des Autors.

Meine Übersetzung ist wie immer möglichst wortgetreu:

Großvater Agwan

Ich habe meine eigenen Großväter nicht gesehen,
Das konnte ich auch gar nicht:
Noch vor meiner Geburt
Sind sie alle verstorben.

Aber ich bin nicht vom Schicksal benachteiligt,
Ich bin trotzdem glücklich.
Ein Großvater war in der Nähe, wenn auch kein leiblicher,
So doch ein heiß geliebter.

Er war kein Russe – sondern Armenier,
Aus einem Dorf, aus dem Volk –
Agwan Tigranytsch Grigorjan,
Jahrgang 26.

Er war ein Held und Veteran –
Wie aus dem Bilderbuch –
Für alle. Aber ich habe ihm
Eiswürfel hinter den Kragen geworfen.

Von Kindheit an wusste ich alles über den Krieg –
Denn der Großvater hat ungeschönt
Mich täglich unterrichtet
Bei einem Teller Grießbrei.

Es war so: er hat in Frieden
Schafe am Ararat gehütet.
Doch plötzlich ging
Die deutsche Armada auf uns los,

Damit weder Russen, noch Armenier
Hier weiter leben konnten,
Aber dann kam Großvater Agwan angefahren,
Und er war schwer dagegen.

Er kam angefahren, natürlich nicht allein…
Wie Flüsse flossen dorthin zusammen
Tausende Georgier,
Kasachen und Usbeken…

Als vielsprachiger Haufen
Besetzten sie die Schützengräben.
Und in jenen Schützengräben
Sind sie schlagartig russisch geworden.

Statt der Schaafe waren dieses mal
Andere die Tiere.
Und der Großvater hütete „Tiger“
Durch das Zielvisier, heizte den „Pantern“ ein…

Auf russisch konnte er sich zunächst
Nicht sonderlich verständigen,
Aber den Ausdruck „durchgeknallt“
Verstand er durchaus – wörtlich.

Ich konnte mit dem Großvater
Gut drei Teller von dem Brei essen,
Lauschend, wie sie zu Fuß
Nach Westen aufgebrochen waren.

Und so wie immer, abermals
Haben sie ordentlich eingeschenkt…
Und dann ging die Geschichte so,
Wie in einer Seifenoper:

„Berlin, April. Die Erde bebt.
Geschosse, Kugeln – wie Hagel…“
Und Großvater läuft über die Straße
Mit einem erbeuteten Gewehr.

Um ihn herum – zerstörte Häuser,
Dem kaukasischen Bergkamm gleich.
Großvater hat fünf Granaten bei sich,
Dann sieht er, auf einem Trümmerhaufen

Liegt und stöhnt ob seiner schweren Wunden,
Allein wie ein Blatt im Sturm,
Genau so wie er selbst, ein Junge,
Nur in der deutschen Uniform.

Und er zeigt Großvater auf ein Fenster,
Erklärt ihm mit den Händen,
Dass er neben seinem eigenen Haus
Daniederliegt im Sterben.

Dass seine Eltern dort drin sind,
Dass er von hier ist, ein Berliner,
Der Krieg hat ihn
Bis vor das eigene Haus gespült.

Zusätzlich zu seinem eigenen Gepäck,
Und obwohl er nicht der stärkste war,
Lud Großvater ihn auf und trug ihn herauf –
Ins Stockwerk, wo Papa und Mama waren,

Wo eine Explosion den Balken verzog,
Wo eine Öllampe Wärme spendet:
„Empfangt, ‚Frau‘,
Euren deutschen Soldaten“…

Wenn Großvater von diesem Augenblick sprach,
Veränderte er sich plötzlich:
Wie schrecklich der Schrei der Mutter war,
Wie er dort geblieben ist.

Wie in der Küche, in der ein Kerzenständer leuchtete,
Ihm Wasser erwärmt wurde,
Wie er mit dem Schmutz den Hass abwusch,
Der sich in Jahren und Wochen angesammelt,

Wie er auf weißen Laken schlief
Inmitten von Krieg und Hölle
Und wie er träumte von friedlichen Tagen
Im Ararat-Tal.

Wie er am Morgen wieder aufgebrochen war
Zum nahen Tag des Sieges,
Er hörte hinter sich „Danke schön“,
Und antwortete „Прощайте“… [„Lebt wohl“]

Hier unterbrach ich immer ihn,
Kaum je zu Ende lauschend:
„Opa, was ist das für ein Quatsch?
Erzähl über das Schießen!

Erzähl, wie du im Feuer branntest,
Wie du fast auf der Mine gestorben wärst…“
Ich habe mich nicht interessiert
Für Laken in Berlin.

Aber Großvater wurde still,
Holte einen Nachschlag Brei
Und stopfte mir den Brei in den Mund,
Damit ich schneller wachse…

Er ist schon weg, und ich bin groß.
Und plötzlich habe ich verstanden:
An jenem Tag fand der wichtigste Kampf statt –
Um Menschlichkeit.

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