Singen gegen die Teufel

Igor Rasterajew (offizielle Homepage) ist ein russischer Theaterschauspieler, der seit 2010 als Sänger und Musiker bekannt wurde. Als St. Petersburger Großstädter hat er seit der Kindheit die Ferien in einem kleinen Dorf im Südwesten Russlands verbracht. Im dortigen Freundeskreis hat er für musikalische Unterhaltung gesorgt. Er dichtete unter anderem eigene Lieder für seine Freunde. 2010 wurde ein solches Lied mit dem Smartphone aufgezeichnet und bei Youtube hochgeladen. So begann Rasterajews Karriere als Musiker. Er wurde über das Internet berühmt, inzwischen gibt er Konzerte.

Als Musiker und Sänger ist Rasterajew Autodidakt und das merkt man ihm an. Aber mit seinen Texten singt er der Russischen Welt aus der Seele. Darauf begründet sich seine Popularität. Seit dem Putsch und dem anschließenden Bürgerkrieg in der Ukraine haben viele auf ein musikalisches Statement von Rasterajew gewartet, da er bekannt dafür ist, die russische Seele schonungslos sprechen lassen zu können. Aber er schwieg zur Ukraine.

Bis zum 8. September 2016. Dann hat er seine Meinung kundgetan:

„Kampf“ heißt das Lied. Den Hintergrund im Video bilden gelbe Felder und blauer Himmel – eine bewusste Anlehnung an die blau-gelbe ukrainische Nationalflagge. Der Liedtext ist hier auffindbar. Meine Übersetzung ist wie üblich möglichst sinn- und worttreu, ohne Rücksicht auf Klang, Reim und andere künstlerische Aspekte:

Die Sonne spaziert fröhlich
Über die Felder, im Weizenstaub.
Liebkost Gottes Vöglein,
Lässt sie über den Frieden singen.
Ich verstehe nicht, warum
Wir beide in aller Frühe
Dieses Feld beobachten
Durch die Gucklöcher unserer Panzer.

Die blaue Kuppel des Himmels
Ist über mir und über dir.
Irgendwo in der Ferne das Haus
Und die Verwandten in diesem Haus.
Die Ruhe gegen den Kampf eingetauscht,
Die Namen gegen Rufnamen,
Auf diesem Feld unter dem Berg
Werden wir beide uns gleich treffen.

Du fährst mich zunichtemachen,
Ich fahre dich niederzuwalzen.
Ausgetrocknet in grimmigem Groll
Sind unsere sehnigen Seelen.
Mit den Kettengliedern wühlen wir die Erde auf,
Die unteilbar schien,
Und wir töten einander,
Selbst wenn wir vorbeischießen.

Und die blaue Kuppel des Himmels
Schaut weiter auf uns beide herab.
Das Blut kocht immer bitterer auf
Für die verlorenen Freunde,
Der Brei ist restlos aufgegessen
Aus dem verbrannten Kessel,
Die Brücken sind längst eingerissen:
Es gibt nur mich und es gibt nur dich.

Jetzt zerreißen wir einander in Stücke,
Im Feuer – wie aus der Hölle.
Arme, Köpfe – ins Gras.
Na, wer braucht das alles?
Und dennoch, allen Teufeln zum Trotz,
Den hiesigen und denen aus Übersee,
Werden die Vögel über diesem Wald
Nur slawisch singen!

Was ist bemerkenswert daran? Das Lied beschreibt explizit die Hölle des Krieges, aber es enthält dabei keine Anschuldigung an den Feind auf dem Schlachtfeld. Beachten Sie, dieses Lied können Sie auf beiden Seiten der Donbass-Front singen. Das wird einem vielleicht nicht sofort bewusst, aber wenn man den Text noch mal liest und darauf achtet, merkt man es.

Dieses Lied beschreibt die Kluft, die in der Russischen Welt entstanden ist, dieses Lied deutet die Verantwortlichen an und dieses Lied äußert die Zuversicht, dass die Kluft geschlossen werden wird.

Versöhnung – das ist die russische Antwort auf den Versuch der Feinde, Hass zu sähen und die Russische Welt zu teilen.

Und jetzt singen sie, wie angekündigt. Slawisch. Auf beiden Seiten der Front.

So wie Rasterajew es vorgemacht hat, singen die Menschen das, was sie verbindet. Nachfolgend ein paar Videos. Als deutscher Leser können Sie versuchen zu erraten, in welchem Land der jeweilige Flashmob stattgefunden hat…

Sie singen. Sie singen und singen und singen! Verstehen Sie, welche Bedeutung das hat?

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