Wie Osama bin Laden wirklich getötet wurde

Erinnern Sie sich noch an den glorreichen Obama-Feldzug nach Pakistan zwecks Liquidierung des schlimmsten Terroristen aller Zeiten? Die offizielle Version geht ungefähr so: Die CIA wertet jahrelang die Bewegungen von Bin Ladens Boten aus, ermittelt daraus Bin Ladens Aufenthaltsort in Pakistan, ganz in der Nähe der Hauptstadt Islamabad. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion dringen US-Spezialkräfte mit zwei Hubschraubern nach Pakistan ein (ohne die Pakistanis zu informieren!), stürmen Bin Ladens schwer gesichertes Haus, liefern sich heftige Schussgefechte mit Bin Ladens Leibwächtern, erreichen schließlich Bin Ladens Zimmer, wo der sich hinter einer seiner Frauen versteckt und sich der Festnahme widersetzt, woraufhin er getötet werden muss. (In manchen offiziellen Versionen wird die Frau auch getötet, in anderen nicht.) Dann sichern die Navy Seals noch tonnenweise Festplatten und Dokumente, aus denen die CIA später tausende brisante Berichte erstellt, die unter anderem beweisen, dass Bin Laden als Al-Quaida Anführer hoch aktiv war und sogar einzelne Operationen im Detail plante.

Dem großen Seymour Hersh verdanken wir die Wahrheit über diesen Einsatz. Der Originalartikel ist eine große Empfehlung. Da er sehr lang und zudem auf englisch ist, interessiert sich vielleicht der ein oder andere für eine Zusammenfassung in deutscher Sprache. Von Interesse ist nicht so sehr der Ablauf von Bin Ladens Liquidierung, sondern das Ausleuchten der Arbeit von Regierung und Geheimdiensten. Woher bekommen Geheimdienste ihre Informationen? Wie werden Operationen geplant und durchgeführt? Wer ist alles involviert? Welche zusätzlichen Operationen werden durchgeführt, um die Hauptoperation zu stützen? Wie schlachtet die Regierung eine Operation aus? Wie reagiert man auf unvorhergesehene Ereignisse? Sehr schön auch zu sehen: Alles folgt einem Plan, aber nicht alles läuft nach Plan.

In den Hauptrollen:

  • Die CIA, zunächst vertreten durch ihren Pakistan-Stationschef Jonathan Bank
  • Der pakistanische Geheimdienst ISI mit General Pasha an der Spitze
  • Das pakistanische Militär mit General Kayani an der Spitze
  • Amir Aziz, ein pakistanischer Militärarzt, der sich um den schwerkranken Bin Laden kümmert
  • Joint Special Operations Command (JSOC), eine Unterabteilung der SOCOM. Die SOCOM hat täglich Einsätze in über 70 Ländern der Welt, alles im geheimen.
  • Barack Obama

Bin Laden ist seit 2006 in Abbottabat, 40 km von Pakistans Hauptstadt Islamabad entfernt. Er ist ein Gefangener des ISI – die Info über seinen Aufenthaltsort am Hindukusch, wo sich Bin Laden vorher versteckte, hat der ISI von dort lebenden Stämmen gekauft. Es ist klar, dass man ihn früher oder später den USA ausliefern wird, aber so einen großen Fisch gibt man nicht einfach her, sondern wartet einen guten Moment ab, an dem man daraus Kapital schlagen kann.

Im August 2010 spaziert ein hochrangiger ISI-Offizier in der US-Botschaft ein und bietet dem CIA-Stellvertreter Bank an, den Aufenthaltsort von Bin Laden für eine üppige Entlohnung zu verkaufen. Bank ist skeptisch, aber der Informant besteht den Lügendetektor-Test. Von ihm erfährt die CIA, dass Bin Laden in Abbottabad ist, dass er ein Pflegefall ist, dass er vom Militärarzt Aziz betreut wird. Problem: Wie verifiziert man, dass es wirklich Bin Laden ist? Die CIA traut sich vorerst nicht, beim ISI nachzufragen, aus Sorge, dass Bin Laden aus Abbottabad verlegt wird. Die CIA nimmt das Haus, in dem Bin Laden sich aufhalten soll, unter Satellitenbeobachtung und schickt ein paar Agenten pakistanischer Herkunft in die Nähe.

Im Oktober 2010 diskutieren Militärs und Geheimdienstler, wie man Bin Laden ausschalten kann. Eine Bombe? Ein Auftragskiller? Problem in beiden Fällen ist, dass man keine Garantie hat, dass man wirklich Bin Laden getötet hat. Man informiert erstmals Obama. Der ist skeptisch und will erst wieder mit dem Fall belästigt werden, wenn ihm garantiert wird, dass es wirklich Bin Laden ist. JSOC und CIA glauben Obamas Zustimmung zu bekommen, wenn sie einen DNA-Beweis präsentieren und eine risikofreie Operation garantieren. Beides geht aber nur mit Mitwirkung der Pakistanis.

Die CIA, die ihren Informanten noch immer verdeckt hält, tastet sich an die Pakistanis heran. Man habe Informationen, dass ein hochrangiges Ziel in der Residenz in Abbottabad ist – was könne der ISI dazu sagen? Pakistan erhält von den USA viel Militär- und Sicherheitsausrüstung. Das ist der Druckpunkt der USA. Pasha und Kayani lassen sich recht schnell weichklopfen. Die CIA droht auch sanft damit, die Information durchsickern zu lassen, dass Pakistan Bin Laden gefangen hält. Das würde den Taliban und Jihadisten nicht gefallen und Pakistan zusätzliche Probleme bereiten. Pakistan befürchtet auch Probleme mit Saudi Arabien. Die haben Bin Ladens Unterkunft bis zur Gefangenname 2006 finanziert und sind sicher wenig begeistert, wenn sie erfahren, dass Pakistan Bin Laden an die USA ausliefert. Saudi Arabien fordert von Pakistan, Bin Ladens Aufenthalt geheim zu halten. Saudi Arabien befürchtet, dass Bin Laden über die Beziehungen von Saudi Arabien und Al Quaida plaudert, wenn er in die Finger der USA gerät. Pakistan bekommt viel Geld dafür, dass es still hält. Pakistan seinerseits fürchtet sich davor, was passiert, wenn die USA von Saudi Arabien erfahren, dass Bin Laden in Pakistan untergekommen ist. Für Pakistan ist es nicht die schlimmste Option, dass ein Pakistani Bin Ladens Aufenthalt preisgibt.

Man wird sich jedenfalls einig. Pasha und Kayani ist wichtig, dass ihr Beitrag zur Ergreifung Bin Ladens im Verborgenen bleibt. Die erste vorbereitende Operation besteht darin, im Dezember 2010 den verdeckten CIA-Agenten Bank im Zusammenhang mit einem Mord zu enttarnen. Der ISI soll die Identität des Agenten an die Presse verraten haben. Es gibt einen kleinen Skandal, Bank muss aus Pakistan abgezogen werden, die Stimmung zwischen USA und Pakistan ist vergiftet – so sieht es jedenfalls in der Öffentlichkeit aus. Das Theater dient dazu, die Zusammenarbeit im Fall Bin Laden zu verdecken. Wenn die Saudis (oder die Öffentlichkeit) Pakistan fragen, ob es bezüglich Bin Laden mit den USA kooperiert hat, verweisen die Pakistanis darauf, dass sie, selbst wenn sie etwas über Bin Laden gewusst hätten, in der aktuell angespannten Situation gewiss nicht zu den USA gelaufen wären.

Erstes Problem gelöst. Nächstes Problem: Bin Ladens Residenz ist eine Meile von einer Kaserne entfernt, zwei Meilen von einer Militärakademie und nur 15 Minuten Hubschrauberflugzeit von einer ISI-Basis für verdeckte Operationen in Tarbela Ghazi. Bin Laden ist mitten drin im pakistanischen geheimdienstlich-militärischen Komplex, um bewacht zu werden. Da können selbst die USA nicht unentdeckt und ungehindert rein und raus mit ihren Special Forces. Und die USA haben schon mal schlechte Erfahrungen gemacht: Die gescheiterte Geiselbefreiung 1980 in Teheran kostete Jimmy Carter die zweite Amtszeit. Wenn die Bin Laden Operation scheitert, ist es mit Obamas zweiter Amtszeit aus, die er noch vor sich hat. Wenn Obama sich auf die Operation einlassen soll, braucht er eine Garantie, dass es sich wirklich um Bin Laden handelt und dass die Operation risikofrei ist.

Kayani und Pasha müssen aushelfen. Von Aziz lassen sie eine DNA-Probe von Bin Laden besorgen. Die CIA gleicht das mit ihrer Datenbank ab und stellt eine Übereinstimmung fest. Aziz bekommt seinen Anteil von den ausgelobten 25 Millionen Dollar Belohnung auf Bin Ladens Kopf.

Kayani ist bereit, dem Einsatzkommando der USA freies Geleit zu verschaffen, besteht aber darauf, dass es nur ein kleines, schlankes Team ist. Und Bin Laden wird nicht lebend gefangen, das ist eine weitere strikte Bedingung Pakistans. Er weiss zu viel, könnte viel ausplaudern.

Januar 2011 hat man sich auf den Deal geeinigt. Kayani hält das pakistanische Militär während der Operation still, die USA machen einen Überfall mit kleinem Team und holen sich Bin Laden. Tot. Es beginnt die Planungsphase. Das JSOC will Details von Pakistan wissen. Wie garantiert Pakistan, dass es keine Überraschungen geben wird? Wie groß ist die Residenz, wie ist die Verteidigung aufgebaut? Wo genau ist Bin Ladens Zimmer und wie groß ist es? Auf welchem Stockwerk und wie viele Treppenstufen führen hinauf? Wo ist die Tür zu seinem Zimmer? Ist sie aus Stahl? Wie dick? Wie gesichert? Auf der ISI-Basis in Tarbela Ghazi wird ein Team aus einem Navy Seal, einem CIA-Spezialisten und zwei Verbindungsleuten installiert, welches die Operation koordinieren wird. In den USA wird auf einem Militärgelände Bin Ladens Residenz nachgebaut, damit ein Eliteteam der Seals schon mal den Überfall üben kann.

Die USA drehen den Hahn der Militärhilfe vorsorglich zu. Die Lieferung von 18 F-16 Kampfflugzeugen wird verzögert. Inoffizielle Bargeldzahlungen an hochrangige pakistanische Offiziere bleiben aus. Im April 2011 treffen sich CIA-Direktor Panetta und ISI-Chef Pasha und bekräftigen noch mal ihre Absichten. Pakistan garantiert, dass die Operation nicht behindert wird, die USA garantieren, dass alle militärischen und finanziellen Lieferungen wieder fließen werden. Pasha besteht noch mal darauf, dass Pakistans Rolle nicht öffentlich wird. Man habe Bin Laden nämlich als Geisel gehalten, um Druck auf Taliban und Al Quaida ausüben zu können, um ihnen jederzeit drohen zu können, dass man Bin Laden sonst an die USA ausliefert. Es wäre wahrlich ungeschickt, wenn herauskommt, dass Pakistan Bin Laden auslieferte, obwohl Taliban und Al Quaida brav waren. Die USA versprechen, die Rolle Pakistans geheim zu halten. Bin Ladens Tod soll erst eine Woche später bekannt gegeben werden. Eine sorgfältig konstruierte Geschichte soll behaupten, dass er in den Hindukusch-Bergen Afghanistans von einem Drohnen-Angriff getötet wurde.

Kayani ordert die Luftabwehr an, in der Nacht des US-Einsatzes still zu halten und nichts zu unternehmen. Der ISI schaltet die Stromversorgung in Abbottabad ab – in der Stadt ist es völlig dunkel. Die ISI-Agenten, die in der Bin Laden Residenz permanent Wache schieben, haben den Befehl zu verschwinden, sobald sie Hubschrauber hören. Die Navy Seals bekommen einen ISI-Offizier zur Seite gestellt, der mitfliegt und sie in der Residenz navigiert. Die Pakistanis rollen den USA einen roten Teppich bis zu Bin Ladens Zimmer aus.

Das Einsatzkommando fliegt mit zwei Black Hawk Hubschraubern an. Einer davon vermasselt die Landung in der Residenz und stürzt. Einige Seals werden dabei verletzt. Jetzt hat man einen gestürzten US-Hubschrauber in Abbottabad herumliegen. Eigentlich muss sein Cockpit gesprengt werden, um die Steuerelemente nicht in feindliche Hände gelangen zu lassen, aber die Sprengung würde Lärm und Feuer verursachen, was mitten in der Stadt viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Ein Reservehubschrauber der USA muss zügig nach Abbottabad gebracht werden, um das Team abzuholen. Das bedeutet eine Verzögerung. Der Einsatz wird währenddessen fortgesetzt. Es gibt keinen Widerstand. Die Bewacher der Residenz sind weg und der Guide geleitet die Seals nach oben. Zwei Stahltüren auf dem Weg müssen gesprengt werden. Der einzige Zwischenfall ist eine kreischende Frau. Als Bin Ladens Zimmer gestürmt wird, feuern die Seals ihre Magazine auf Bin Laden leer. Es gibt keinen Versuch, ihn lebend festzunehmen. Es gibt keine Gegenwehr. Von Bin Laden bleibt nicht viel übrig. Den Kopf und ein paar verbliebene Körperteile stecken die Seals in einen Leichensack. Sie sammeln noch ein paar Bücher und Papiere ein. Mehr ist da nicht und gezielt suchen können diese Jungs auch nicht. Es ist ein reines Killerkommando, es ist kein Durchsuchungsexperte dabei. Haufenweise Computer, Festplatten und Videokasetten, wie später in der Presse behauptet wird, gibt es in Wirklichkeit nicht.

Unten brennt der abgestürzte Black Hawk. Der Ersatzhubschrauber ist noch nicht da. Die Seals warten quälend lange 20 Minuten. Es gibt keine Polizei, keine Feuerwehr, keine Lichter in der Stadt. Es gibt keine Gefangene. Normalerweise würde so ein Team nicht warten, sondern sich in den verbliebenen Hubschrauber reinquetschen und abdüsen. Aber die pakistanische Hilfe ist derart vollumfänglich, dass das JSOC-Team vor der Residenz herumlümmelt und „auf den Bus wartet“.

Im Weißen Haus nimmt man an, dass Bin Ladens Leiche auf dem Weg nach Afghanistan ist. Im Hubschrauber nehmen die Seals an, dass ihr Einsatz nie öffentlich wird (offiziell soll es ein Drohnenangriff sein) und werfen adrenalintrunken einiges von Bin Ladens Überresten während des Flugs aus dem Hubschrauber raus. Im Weißen Haus fragt man sich, ob man planmäßig eine Woche still hält und dann den Drohnenangriff behauptet oder ob man doch lieber gleich an die Öffentlichkeit geht. Das Problem ist der abgestürzte Hubschrauber, der sich nicht verheimlichen lassen wird. Und in die Operation sind so viele Militärs und Geheimdienstler sowohl in den USA als auch in Pakistan involviert, dass man Leaks an die recherchierenden Journalisten befürchten muss. Obama und seine Berater entscheiden sich, in die Offensive zu gehen.

Noch in der Nacht des Einsatzes wird Obamas Bekanntgabe verfasst. Zu wenig Zeit, um die ausgedachte Story auf alle Lücken und Ungereimtheiten zu überprüfen. Unter anderem erzählt Obama am nächsten Tag der Presse, dass das Einsatzkommando Bin Laden in einem Gefecht erschoss und seine Leiche mitgenommen hat. Das Gefecht dient der juristischen Deckung und soll kaschieren, dass es sich in Wirklichkeit um einen Mord gehandelt hat. Allein dieser eine Satz von Obama macht zwei neue Storys nötig, um die Lügengeschichte zu decken. Erstens: Wie sah denn der Kampf aus? Zweitens: Wo ist die Leiche? Außerdem gibt Obama in seiner Erklärung bekannt, dass die gute Zusammenarbeit mit pakistanischen Sicherheitsdiensten zur Entdeckung von Bin Laden beigetragen hat. Diese Aussage wird später von allen Offiziellen ignoriert und man behauptet stur, dass Pakistan nicht mitgewirkt hat.

Das passiert, wenn man keinen Plan B in der Tasche hat und PR-Berater Plan B mitten in der Nacht ausdenken, ohne dabei die Möglichkeit zu haben, sich mit allen an der Operation Beteiligten zu koordinieren.

Übrigens sind die Teilnehmer der Operation überrascht, als sie vernehmen, wie es angeblich ablief. Viele sind stinksauer. Die Seals befürchten, dass man sie zu Sündenböcken machen könnte, da ihr Einsatz nun öffentlich zur Diskussion steht. JSOC und die Seals bekommen einen Maulkorb vom Weißen Haus. Das JSOC-Oberkommando muss sich wohl oder übel am Zurechtzimmern der neuen Geschichten beteiligen.

Einen Tag nach Obamas Verkündigung behauptet John Brennan, dass die Pakistanis weder über Bin Ladens Aufenthaltsort noch über den Einsatz etwas gewusst hätten. Man habe sie erst informiert, nachdem die Seals wieder aus Pakistan raus waren. Weiterhin behauptet Brennan, dass man vorher keine Gewissheit hatte, dass die hochrangige Zielperson in Abbottabad wirklich Bin Laden war. Obamas Einsatzbefehl sei extrem mutig gewesen. Brennan ist 2011 Obamas Antiterrorismus-Berater. 2013 wird er CIA-Direktor. In Brennans Story steigt die Zahl der Getöteten auf fünf, unter anderem ist eine von Bin Ladens Frauen darunter, die dieser angeblich als Schutzschild gebrauchte.

Tage später stellt das Weiße Haus klar, dass Bin Laden keine Waffe in der Hand hatte, als er erschossen wurde und dass er auch nicht eine seiner Frauen schützend vor sich hielt. Erklärung für die Widersprüche in den offiziell verkündeten Versionen: Da haben einige Leute der Phantasie etwas freien Lauf gelassen, um dem großen Hunger der Presse nach Details gerecht zu werden.

Der ISI spielt bei allen Lügengeschichten gezwungenermaßen mit und steuert einiges an Material bei. Darunter Fotos toter Pakistanis, die die erschossenen Leibwächter Bin Ladens sein sollen. Darunter auch Material von Bin Laden – die Seals selbst haben keine Hausdurchsuchung durchgeführt beim Einsatz. Der ISI gönnt den USA aber keine Verhöre von Bin Ladens Frauen und Kindern.

Eine der Lügengeschichten zur Deckung des Einsatzes ist die, dass Bin Laden bis zuletzt ein hochaktiver und zentraler Terrorist höchsten Ranges war. Den Mythos braucht man, um den Einsatz zu rechtfertigen. Einen Krüppel zu ermorden, der längst isoliert und inaktiv ist, klingt nicht sonderlich heroisch.

Die nächste Cover-Story ist die über Bin Ladens Leiche. Eigentlich sollte eine Woche nach dem Einsatz gewartet werden, um dann zu behaupten, dass Bin Laden durch einen Drohnenangriff in Afghanistan umgebracht wurde und ein DNA-Test seine Identität bestätigt habe. Von einem Drohnenangriff kann man zurecht annehmen, dass er keine Leiche hinterlässt, sondern nur Leichenteile. Die Frage nach der Leiche hätte sich nicht gestellt. Da die zügig zurechtgezimmerte Lügengeschichte aber besagt, dass die Seals Bin Laden erschossen und die Leiche mitnahmen, stellt sich die berechtigte Frage: Wo ist die Leiche? Die sei auf das US-Kriegsschiff Carl Vinson gebracht worden. Dort habe eine Seebeerdigung stattgefunden. Es gibt angeblich Fotos davon, aber sie werden auf Umwegen als geheim klassifiziert, um nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Ein Journalist beschreibt, was auf den Fotos angeblich zu sehen ist – selbst gesehen hat er die Bilder nicht. Die Soldaten an Bord bekommen einen Maulkorb und durften mit niemandem über die Seebestattung von bin Laden, die angeblich auf ihrem Schiff stattgefunden hat, reden.

Natürlich hat es keine Seebestattung gegeben. Die Cover-Story braucht man, weil es keine Leiche gibt, die der offiziellen Version entspricht. Es gibt einen Kopf mit mehreren Löchern und ein paar Körperteile.

Im Juni 2011 wird der Öffentlichkeit bekannt, dass Aziz in Pakistan vernommen wird. Die US-Geheimdienste können nicht herausfinden, wer der Presse erzählte, dass Aziz für die CIA Bin Ladens Residenz überwachte. Aziz hat die DNA-Probe von bin Laden besorgt und die USA sorgen sich, dass diese Info auch geleakt wird und dann ein neues Loch in die offizielle Story reisst (der zufolge die USA erst während des Einsatzes letzte Gewissheit bekamen, dass sie es mit Bin Laden zu tun hatten). Man entscheidet sich, dem vorzubeugen – mit einer weiteren Cover-Story. Ein im Mai 2011 in Abbottabad festgenommener Arzt wird beschuldigt, mit Geheimdiensten zusammen zu arbeiten. Er wird als Sündenbock ausgewählt. Er hat früher tatsächlich mit der CIA zusammengearbeitet, um unter dem Vorwand kostenloser Impfprogramme DNA-Daten von potentiellen Terroristen in Abbottabad zu sammeln, aber mit Bin Laden hatte er nie zu tun gehabt – zur damaligen Zeit haben die USA sich nocht gar nicht vorstellen können, dass Bin Laden in Abbottabad sein könnte. Der Presse wird erzählt, dass dieser Arzt von der CIA angeheuert wurde, um unter dem Deckmantel einer Impfkampagne an die Bin Laden DNA heran zu kommen, allerdings erfolglos. Der Arzt wird zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Und viele aus dem Ausland finanzierte Impfprogramme in Pakistan verlieren massiv an Ansehen und müssen abgebrochen werden – man verdächt sie, ein Mittel ausländischer Spionage zu sein. Die Impfprogramme, die nicht geschlossen werden, sind später häufiges Ziel von Terrorattacken:

Trotzdem gibt es dem Land immer wieder Angriffe auf Mitarbeiter von Impfkampagnen. Insbesondere radikale Islamisten behaupten, die Maßnahmen dienten der Sterilisierung von Muslimen. Mitarbeiter von Impfkampagnen werden immer wieder verdächtigt, Spione der Regierung zu sein. Hintergrund dieser Vorwürfe ist unter anderem, dass ein Agent, der sich als Mitarbeiter einer Impfkampagne ausgegeben hatte, das Versteck von Osama bin Laden ausgekundschaftet hatte. Der frühere Al-Kaida-Führer war dort im Mai 2011 von US-Soldaten getötet worden.

(Hervorhebung von mir.)

Der ISI-Informant, der alles ins Rollen brachte, wird mitsamt Familie in die USA gebracht, wo er als CIA-Berater tätig wird. Er hat auch den Löwenanteil der Belohung kassiert.

Die Zusammenarbeit zwischen US- und pakistanischen Sicherheitsdiensten setzt für vier Jahre aus.

Pasha verliert 2012 seinen Posten als ISI-Direktor. Kayani muss seinen Posten als Militärchef 2013 räumen. Gegen beide ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Korruption im Amt.

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26 Kommentare zu “Wie Osama bin Laden wirklich getötet wurde
  1. Na Analitik, da tippe ich mal als Ergebnis auf einen Talmudistenwettbewerb a ‚la 20-er Jahre Slapstick: “ 2 Schornsteinfeger, einer fällt in den Schnee usw. usf. bla.bla,bla“! Noch Fragen?

  2. Manfred sagt:

    Ich will hier mal eine total verrueckte Geschichte erzaehlen und versichere das sie wahr ist und ich sogar einen Zeugen dafuer habe.
    Im Fruehjahr 2004 fuhren wir mit einem lokal Bus durch Abbottabad. Zuvor hatten wir das Museum in Taxila besichtigt. Die Strasse machte eine Rechtskurve ich schaute aus dem Fenster zu gegenueberliegenden Garkuechen. Dabei begenete mein Blick dem eines Mannes mit weissem Umhang und auch mit weissem Kopftuch. Der Blickkontackt war irgendwie stark fesselnd und ich hatte sofort das Foto von Bin Laden vor Augen.
    Ich sagt zu meinem Reisebegleiter: ich habe gerade Bin Laden gesehen, er stand scheinbar ohne Begleitung an der Strasse. Natuerlich bekam ich ein du spinnst zu hoeren. Ich kann mich gut erinnern, dass ich mir noch so meine Gedanken machte wie er sich wohl so ungehindert in Pakistan bewegen kann bei solch einem Kopfgeld und das es besser fuer mein weiteres Leben besser waere nichts gesehen zu haben.
    Danach habe ich den Vorfall vergessen – bis die Nachricht ueber die Hinrichtung in Abbottabat kam.
    Heute bin ich mir nicht mehr so sicher ob er nicht doch schon 2004 und voellig unbehelligt in Pakistan war!?

    • pearl sagt:

      Nette Story – oder Begebenheit. Je nachdem.
      Osama entspricht einen bestimmten Typus, fuer Europaer zum verwechseln.
      Wenn du in diesen Urlaub aber nur dieses eine mal Osama gesehen hast, war er es, denk ich. Der Blickkontakt. Warscheinlich gehoerst du zu den Lesern. Das kannst nur du selber dir beantworten.

      An Analitik

      Danke für die Zusammenfassung.
      Ich kannte bis gestern den Ablauf nicht.
      Geschuldet den, keine Qualitaetmedien zu lesen.

      Persoenlich fand ich den Mord verurteilungswuerdig.
      Das sich freuen ueber den Mord mancher Politiker auch.

  3. Bleibtgeheim sagt:

    Die Darstellung leuchtet ein, einschließlich der Annahme, von vornherein sei nicht die Festnahme, sondern die Ermordung Osamas geplant gewesen. Nicht plausibel hingegen ist der angegebene Grund, der pakistanische Armeechef Kayani habe darauf bestanden: „… das ist eine weitere strikte Bedingung Pakistans. Er weiss zu viel, könnte viel ausplaudern.“ Das mag ja sogar sein, obwohl nicht ersichtlich ist, was er denn zum Nachteil Pakistans hätte ausplaudern können. Ebenfalls unklar ist, warum ein Militär, der (ebenso wie der Geheimdienstchef) so loyal um die Interessen seines Landes besorgt gewesen sein soll, sich nicht der Rückendeckung durch seine Regierung versichert hat und (ebenso wie der Geheimdienstchef) sowohl Posten als auch Unbescholtenheit einbüßt (wofür es dafür natürlich auch andere Gründe gegeben haben kann).

    Dagegen liegt auf der Hand, daß die USA entweder ein sehr starkes Interesse daran gehabt haben müssen, daß Osama plaudert – dann nämlich, wenn sich 9/11 tatsächlich gemäß der offiziellen Version zugetragen hat. Oder aber ein ebenso starkes Interesse, daß Osama nicht plaudert (dann nämlich, wenn es sich anders zugetragen hat). Und ein lebendiger Osama in amerikanischer Hand hätte reichlich Gelegenheit zum Reden bekommen, nämlich in der dann unvermeidlichen Gerichtverhandlung (wobei die Aussicht, daß er zuviel weiß, nicht weniger unangenehm gewesen wäre als umgekehrt die Möglichkeit, daß er zuwenig weiß). So oder so, für die amerikanische Seite wäre eine pakistanische „strikte Bedingung“, Osama zu töten, entweder unannehmbar gewesen, oder es hätte einer solchen Bedingung gar nicht bedurft.

    Seymour Hersh ist gewiß ein tüchtiger investigativer Journalist. Aber solche Leute finden immer wieder auch Ostereier, die andere mit Vorbedacht für sie versteckt haben.

  4. Commodore sagt:

    Als ich die Seymour Hersh Geschichte zum erstem mal hörte, war ich skeptisch. Ich kannte die Gerüchte Osamas Todes 10 Jahre vorher Dez. 2001 wegen Nierenversagen. Das war zwar nicht restlos einleuchtend, aber dass die Amis bzw. Obama 2011 plötzlich Osamas Tod medial brauchen könnten, war ja auch eine Option. Und dann die ganze Inszenierung: Das gestellte Foto der Betroffenen im Weißen Haus, die schnelle Seebestattung und und und. Dann gab es noch die Informationen zu den bald umgekommenen Seals – unter fragwürdigen Umständen. Diese Lesart macht als Propagandacoup ala americaine Sinn. Und wer dann dort zum Opfer fiel ist fast zweitrangig.
    Ihre zusammengefasste Hersh-Darstellung enthält aber einige detaillierte Schlüssel, besonders die nie unwahrscheinlichen Missgeschicke – das klingt plausibel.
    Das die zwei trotz Abmachungen auf höherer Ebene Ihre Posten verloren erscheint mir wie bleibtgeheim für diesen Zusammenhang auch fraglich.
    War denn der Verrat Osamas wirklich so billig (ist das üblich?), und haben die Amis das erste Todesgerücht bewusst in die Welt gesetzt, frage ich mich jetzt? Vielleicht können Sie helfen.

    • Analitik sagt:

      Naja, offiziell bestreiten die USA eine Zusammenarbeit mit Pakistan ja bis heute. Wenn das gilt, stellt sich den Pakistanis die berechtigte Frage, wie Kayani und Pasha einen US-Einsatz inmitten ihrer Kasernen nicht mal wahrgenommen haben. Wie will man solche Generäle längere Zeit im Amt lassen? Wenn die offizielle Version aber nicht stimmt und Pakistan aktiv mitgewirkt hat, dann ergeben sich all die diskutierten probleme mit Taliban, Al Quaida, Saudi-Arabien. Diesen Fall darf man also gar nicht öffentlich aufarbeiten. In diesem Fall haben die Generäle ebenfalls versagt, da sie ihr Land vor Probleme gestellt haben.

      Aus pakistanischer Sicht war alles dadurch vermasselt, dass Obama den Einsatz in Abbottabad öffentlich machte, anstatt die angedachte Coverstory von Drohnenangriff in Afghanistan durchzupeitschen. Und Obama wiederum sah sich zu diesem Verrat genötigt, weil die Seals zu blöd zum Fliegen waren und mit einem kaputten Hubschrauber eine gigantische Spur hinterlassen haben, die sich einfach gar nicht verdecken ließe.

      Der Verrat Bin Ladens war keine Aktion des ISI. Der hätte das teurer verkaufen wollen – wusste aber offensichtlich auch nicht, wie das hätte gehen sollen. Es war eine private Aktion eines ISI-Offiziers, der es auf die ehemals ausgelobten 25 Millionen Dollar Belohnung absah, von denen er auch einen Gutteil bekam – und samt seiner Familie in die USA umziehen musste, weil die alle wegen _seines_ Verrates nicht mehr in Pakistan bleiben konnten.

      Und als die Amis dann von Bin Laden wussten, war Pakistan in der Falle und konnte nicht mehr anders als mitzuspielen.

      • Thomas Roth sagt:

        Woher kommen diese Kenntnisse (einschließlich der von Mr. Hersh)?

        • Analitik sagt:

          Hersh hat sagenhaft gute Kontakte in die höchsten Ebenen der US-Regierung und der US-Geheimdienste. Wenn Sie in den Originalartikel schauen, können Sie nachlesen, von wem genau Hersh die Informationen hatte. Die Hauptquelle war ein an der Operation beteiligter CIA-Offizier. Mehrere weitere Quellen ergänzten das Bild und dienten der Verifizierung.

          • Bleibtgeheim sagt:

            Genau das war meine Vermutung: „Die Hauptquelle war ein an der Operation beteiligter CIA-Offizier.“ Geheimdienstler mit dem Auftrag Wahrnehmungs-Management wissen, daß Lügen kurze Beine haben, anders gesagt: daß falsche offizielle Versionen eines Geschehens aus systematischen Gründen inkonsistent sind und deshalb über kurz oder lang auffliegen. Daß die offizielle 9/11-Version – freundlich ausgedrückt – nicht ganz hasenrein ist, weiß inzwischen fast jeder. In diesem Fall ist der mutmaßliche Haupttäter Osama nicht, oder jedenfalls nicht nur, ein Täter, sondern ein Hauptzeuge, und zwar egal, ob er zuviel oder zuwenig weiß, um in die offizielle Version zu passen. Es ist ebenfalls klar, wer in diesem Fall ein vorrangiges Interesse daran hatte, diesen Zeugen zu beseitigen. Und eben der hat ihn dann auch umgebracht.

            Der Zusammenhang ist so offensichtlich, daß es gar keinen Sinn hat, ihn zu bestreiten. Was macht ein kluger Wahrnehmungsmanager statt dessen? Er baut vorsorglich eine Auffanglinie, hier, indem er das tatsächliche Motiv durch ein harmloseres ersetzt. Wenn die Tötung Osamas eine Bedingung Pakistans war, kann sie amerikanischerseits immer noch als alttestamentarisch inspirierter Racheakt durchgehen und muß nicht notwendig die Beseitigung eines Zeugen zum Ziel gehabt haben.

            Die Technik, eine einzubrechen drohende Hauptkampflinie an der Informationsfront durch rückwärtige Auffanglinien zu sichern, ist keineswegs ungewöhnlich. So wurde kurz nach dem MH117-Abschuß von der CIA die Information durchgestochen, die Bedienungsmannschaft eines verdächtigen Buk-Systems als ukrainische Soldaten identifiziert zu haben. Ein weiteres Beispiel lieferte Hershs investigativer Kollege Robert Parry (wenn ich mich recht erinnere) mit einer Version des Giftgasanschlags von Ost-Ghouta, derzufolge die Operation auf die Kappe der Türkei geht und die USA ahnungslos waren. Parrys Hauptquelle? Ein CIA-Offizier.

            In beiden Fällen konnte und kann man hinterher, wenn die offizielle Version unhaltbar geworden ist, immer noch sagen, man habe die Wahrheit ja geahnt und es lediglich leider, leider versäumt, ihr beizeiten nachzuspüren. Im Kern geht es immer darum, eine unglaubwürdige Version durch eine andere zu ersetzen, die unerfreulich genug ist, um glaubwürdig zu sein, aber zugleich die eigene Verantwortung verdeckt hält bzw. an Dritte delegiert. Das gehört zur orwellschen Welt.

            • Analitik sagt:

              „Es ist ebenfalls klar, wer in diesem Fall ein vorrangiges Interesse daran hatte, diesen Zeugen zu beseitigen. Und eben der hat ihn dann auch umgebracht.“

              Bin Laden ist nicht der entscheidende Zeuge. Was er hätte sagen können ist: „Ich war es nicht“. Das wäre völlig egal. Man hätte gesagt, er lügt und fertig. Er hätte nicht auf jemanden mit dem Finger zeigen können.

              Er hätte entlarvende Aussagen über die CIA-Unterstützung der Al Quaida machen können. Aber das hat keine große Brisanz. Das schlimmste hätte man als geheim klassifiziert und gut ist.

              Als Zeuge war Bin Laden für die USA von geringem Interesse. Er hätte ihnen nicht viel sagen können, was sie nicht ohnehin gewusst hätten. Ein paar Namen, Verbindungen von ISI zu Taliban und Al Quaida – alles Kleinkram.

              Meiner Meinung nach war es den USA egal, ob sie Bin Laden lebend oder tot kriegen. Es war eine Gelegenheit, Obama einen militärischen Erfolg zu geben, nicht mehr, nicht weniger. Für JSOC und CIA war es eine tolle Gelegenheit, Werbung in eigener Sache zu machen. Die gleiche Motivation wie bei Obama. Entscheider und Ausführende wollten es beide, also wurde es durchgezogen.

              Wurde Hersh in dem einen oder anderem Punkt erfolgreich angelogen? Möglich. Seine Schilderung liegt aber garantiert viel näher an der Wahrheit als alles, was über die offiziellen Sprachrohre in die Welt geblasen wurde. Den gleichen Scheiß oder noch weniger hätte man einem Hersh nicht unterjubeln können.

              • Bleibtgeheim sagt:

                „Bin Laden ist nicht der entscheidende Zeuge.“ Diese Annahme halte ich ebenfalls für richtig. Aber die 9/11-Legende bricht auch und gerade auch dann zusammen, wenn diese Annahme zutrifft. Und genau deshalb mußte Osama getötet werden – bevor sich herausstellen konnte, daß er über kein Täterwissen verfügte, oder nur über ein rudimentäres. Der Mann ist damals herumgehopst und hat „Allah akhbar!“ geschrien. Das war freilich kein Schuldeingeständnis; vielmehr hat er Gott die Schuld am Einsturz der Zwillingstürme zugeschoben.

                Hauptsächlich wollte ich jedoch auf etwas anderes hinaus. Das sonstige Engagement von Seymour Hersh oder auch Robert Parry läßt keinen Zweifel an ihrer Redlichkeit zu. Dieser Umstand begründet aber noch kein Vertrauen in die Redlichkeit ihrer CIA-Quellen. Dort sind nämlich die Leute, die für neugierige Journalisten die „Ostereier verstecken“. Das machen sie vor allem deshalb so, weil renommierte investigative Journalisten viel gleubwürdiger sind als Geheimdienste.

              • Bleibtgeheim sagt:

                „glaubwürdiger“ im letzten Satz natürlich, pardon.

              • Analitik sagt:

                Ich stimme Ihnen zu, dass die USA Bin Laden lieber tot haben wollten als lebendig. Diesen Wunsch als pakistanischen auszugeben könnte ein Ziel der CIA gewesen sein. Wenn Sie mich fragen, dann wollten am Ende beide Seiten, dass Bin Laden tot ist. Weil beide Seiten derart tief im Dreck versunken sind, in dem auch Bin Laden watete, dass weder USA noch Pakistan Bin Laden singen hören wollten. Die USA aber müssen zumindest öffentlich behaupten, dass sie Bin Laden lebend wollten, weil Demokratie und so und auch ein Bin Laden ein Gerichtsverfahren hätte bekommen sollen usw. Insofern reicht das schon aus, den Wunsch nach einem toten Bin Laden explizit und allein den Pakistanis zuzuschieben.

                „Hauptsächlich wollte ich jedoch auf etwas anderes hinaus.“

                Da Sie an der richtigen Stelle abbrechen, denke ich Ihren Gedankengang laut zu Ende: Ehrenwerte Journalisten werden von fiesen CIA-Agenten mit Lügen gefüttert, woraus folgt, dass die ehrenwerten Journalisten CIA-Lügen verbreiten. Woraus folgt, dass man ihren Geschichten nicht trauen sollte.

                Das machen Sie sehr geschickt. Bei vielen Lesern wird es funktionieren.

                Was empfehlen Sie als Alternative zu solchen Größen wie Hersh oder Parry? Die Tagesschau? Oder sich das Gefühl zu eigen zu machen, dass die Wahrheit nirgendwo gefunden werden kann, woraus resultiert, dass man gar nicht nach ihr suchen braucht? Mit der Folge auch, dass man jede Information schulterzuckend als irgendwessen Lüge qualifiziert?

              • Bleibtgeheim sagt:

                Lieber Analitik, ich hatte meinen Gedankengang mitnichten an der entscheidenden Stelle abgebrochen, und Sie haben ihn entsprechend auch nicht laut weitergeführt, sondern bloß paraphrasiert: Ja, selbstverständlich sollte man den Storys von Journalisten mißtrauen, die sich auf CIA-Informanten berufen. Die Größe solcher investigativen Größen beschränkt sich insoweit nämlich auf den Umstand, daß sie offen angeben, wo und mit wessen Hilfe sie ihre „Ostereier“ gefunden haben.

                Das bedeutet nicht, daß es keine Wahrheit gäbe und es deshalb sinnlos sei, nach ihr zu suchen. Es bedeutet aber, daß man eine Schicht tiefer graben muß, wenn man sie aufspüren will. Für mich hat sich gerade aufgrund der CIA-Steuerung von Hershens Enthüllungsgeschichte ein ziemlich klares Bild ergeben – ein Urteil, dem Sie inzwischen im großen und ganzen übrigens beigestimmt haben. Das ist Analyse.

              • Analitik sagt:

                „Für mich hat sich gerade aufgrund der CIA-Steuerung von Hershens Enthüllungsgeschichte ein ziemlich klares Bild ergeben – ein Urteil, dem Sie inzwischen im großen und ganzen übrigens beigestimmt haben.“

                Welches Bild hat sich für Sie ergeben?

                Ich stimme mit Ihnen bezüglich einer Kleinigkeit überein. Die von Hersh präsentierte Version betont, dass Pakistan Bin Laden nur tot ausliefern wollte. Sie behauptet nicht einmal, dass die USA Bin Laden lebend haben wollten. Wir stimmen darin überein, dass die USA Bin Laden wie die Pakistanis tot haben wollten. Eine Randnotiz in der ganzen Geschichte.

                Immer tiefer graben lohnt sich in jedem Fall, da bin ich wieder bei Ihnen. Wenn Sie öffentliche Quellen kennen, die besonders tiefes Graben ermöglichen, teilen Sie diese bitte mit.

              • Bleibtgeheim sagt:

                Schade. Eine Fortsetzung der Diskussion ist offenkundig sinnlos. Ich bedauere das um so mehr, als ich ich Sie bislang für einen äußerst gescheiten Menschen gehalten hatte. Ihre Artikel haben mir sehr gut gefallen, nicht einfach bloß als Bestätigung meiner eigenen Ansichten. Da waren durchaus auch „Augenöffner“ dabei. Aber über ihre blinde Verehrung für die vermeintlichen Helden des investigativen Journalismus kann ich nur den Kopf schütteln.

                Vielleicht begegnen wir uns ja einmal wieder, unter erfreulicheren Umständen – dann, wenn Sie etwas reifer geworden sind. Bis dahin und abschließend noch ein kleiner Tip: Das Ding zum Graben steckt zwischen Ihren Ohren, und nirgendwo sonst. – Servus

              • Analitik sagt:

                „Aber über ihre blinde Verehrung für die vermeintlichen Helden des investigativen Journalismus kann ich nur den Kopf schütteln.“

                Ich habe keine blinde Verehrung für irgendwen. Sie haben einfach nichts auf den Tisch gelegt, was Hersh widerlegt hätte. Ihre implizite Aufforderung eines per-se-Misstrauens mit daraus resultierendem Nicht-Glauben ist destruktiv. Ganz jenseits von Verehrung hat Hersh den besseren Beitrag zur Aufklärung des Bin Laden Mordes geleistet als Sie. Leisten Sie einen besseren Beitrag und ich eigne mir Ihre Version an (wie in einem Aspekt bereits geschehen) – ohne Sie dafür zu verehren. Auf die Fakten kommt es an, nicht auf Namen.

              • Bleibtgeheim sagt:

                Zwar hatte ich mich bereits verabschiedet, aber sei’s drum. – Warum, bitte, hätte ich denn Hersh „widerlegen“ sollen? Seine Darstellung finde ich einleuchtend, bis auf den einen Punkt. Bei sinnerfassendem Lesen hätten Sie das bereits den ersten Sätzen meines ersten Beitrags zum Thema entnehmen können. Im folgenden habe ich dann dargelegt, warum mir das angegebene Motiv für die Ermordung Osamas nicht einleuchtet, und hätte es dabei bewenden lassen können. Statt dessen habe ich ausgeführt, warum m.E. die Darstellung in diesem Punkt nicht zutrifft. Ich finde das durchaus konstruktiv.

                Mein Ratschlag, Informationen aus Geheimdienstquellen zu mißtrauen, ist nun gewiß nicht so exotisch, daß man unter verständigen Menschen darüber diskutieren müßte. Das bedeutet nicht, alles, was von dort kommt, sei falsch. Leute wie Hersh und Parry sind schließlich keine Dummköpfe, denen man jeden Bären aufbinden kann. Ein Großteil der Informationen, mit denen ein Geheimdienstmann sie füttert, muß deshalb gediegen und verifizierbar sein.

                Aber unter den vielen schönen Ostereiern befindet sich ziemlich sicher auch mindestens ein faules Ei. Warum das so ist? Andernfalls gäbe es für Geheimdienste keinen vernünftigen Grund, Journalisten zu Storys zu verhelfen.

              • Analitik sagt:

                Jetzt sind wir wieder nahe beieinander.

                Außer hier:
                „Andernfalls gäbe es für Geheimdienste keinen vernünftigen Grund, Journalisten zu Storys zu verhelfen.“

                Mir fallen viele ein.
                – persönliche Gründe (Rache, Geld, Ruhm)
                – moralische Gründe (Snowden?)
                – Die Wahrheit als Waffe nutzen (russischer Leak des Nuland-Pyatt-Telefonats u.v.m.)

              • Bleibtgeheim sagt:

                Zugegeben, „keinen vernünftigen Grund“, das ist wohl zu pauschal. Allerdings bin ich von Geheimdienstlern ausgegangen, die qua Geheimdienstler und im Sinne ihrer Organisation handeln. Insoweit entfallen persönliche Motive oder Wahrheitsliebe à la Snowden schon einmal als „vernünftige Gründe“ im Sinne des geheimdienstlichen Auftrags. Triftig dagegen ist der von Ihnen angeführte Fall, in dem der Geheimdienst einfach nur die Wahrheit und sonst nichts lanciert. Beim Nuland-Telefonat handelte es sich freilich um eine Enthüllung zum Nachteil anderer Akteure, nicht des eigenen Staates. In einem Szenario vom Typ Osama/CIA/Hersh (Aufbau einer Rückzugslinie) werden zwar ebenfalls unangenehme Wahrheiten plaziert, aber nur scheinbar zum Nachteil des Auftraggebers – weil die ganze Wahrheit noch unangenehmer ist.

                Denkbar allerdings – und da muß ich Ihnen wieder recht geben – ist eine Situation, in der ein Geheimdienst Partei in einem internen Machtkampf ist. Das wäre ein gar nicht ganz abwegiges alternatives Motiv für die Enthüllungen über den Osama-Mord, nämlich Obama eins auf die Mütze zu geben. Damit hätten wir dann noch ein faules Ei.

  5. hhaien sagt:

    Naja, ich sag mal so: Eine schöne Erzählung, mindestens genauso schön, wie die offizielle Variante. Der äußere Rahmen die Beseitigung einer Person durch einen US-Einsatz mag zwar stimmen, aber trotzdem gibt es meiner Meinung paar Ungereimtheiten.

    1.) Es dürfte nicht 100 % sicher sein, das dies wirklich der orginale Osama bin Laden war und das aus mehreren Gründen:
    a) Angenommen er wäre es wirklich gewesen, dann müßte auszuschließen sein, das er mit dem damaligen Ereignissen aus 2001 (?) etwas zu tun hatte, oder das die Regierung der USA damit nichts zu tun hatte. Ich glaube Ken Jebsen war es mal, der meinte, das wenn er damit etwas zu tun gehabt hätte, hätte man dooch logischerweise alles menschenmögliche unternehmen müssen, um ihn lebend zu bekommen, zu erfahren wie er es gemacht hat und ihn dann anschließend vor Gericht zu stellen. Selbst wenn nicht, wäre es doch normal gewesen, das seine sterblichen Überreste überführt werden, um anschließend zu überprüfen, ob er es wirklich war.

    b) Wie hier schon erwähnt wurde, soll er angeblich bereits Jahre vorher an Nierenversagen gestorben sein. Die späteren Videos aus Afganistan sollen angeblich nicht mehr von ihm gewesen sein. Somit ist nicht auszuschließen, das man einen Doppelgänger oder Schauspieler beauftragt hat, seine Rolle zu spielen und ab und zu paar Drohungen gegen den Westen auszustoßen. Somit wäre es auch möglich, das der in Pakistan ein Doppelgänger war, oder sonst irgendetwas auf dem Kerbholz hatte. Da man ihn nicht mehr brauchte, hatte man ihn – damit Obama einen Erfolg vorweisen kann – öffentlichkeitswirksam beseitigt. Damit es echt aussah und man glaubt, es wäre der echte beseitigt worden, könnte man ihn nicht einfach abbestellen oder heimlich umlegen.

    2.) O.b.L. stammte auch aus Saudi-Arabien, wo seine Verwandtschaft noch lebte. Diese hatte auch gute Beziehungen zur US-Regierung. Kurz nach den damaligen Ereignissen sollen sie noch in den USA gewesen sein und sind auch ungehindert wieder zurückgeflogen. Ob die USA tatsächlich einen von der Bin Laden Sippe liquidiert hätten, also da kann man geteilter Meinung sein. Ob er wirklich etwas mit den damaligen Ereignissen zu tun hatte, ist auch nicht sicher. Wenn ich mich recht erinnere, soll er das in den ersten Videos angeblich bestritten haben. Nur in den angeblich gefakten späteren nicht.

    3.) Die Pakistani nehmen O.b.L. gefangen, halten ihn mehrere Jahre fest, teilen es nicht den USA mit und die, die ihn angeblich überall suchen und alles überwachen, merken das nicht ? Und wenn sie es erfahren haben, fordern sie Pakistan nicht einfach – sei es auch intern – auf, ihn auszuliefern und müssen da heimlich rein ? Er soll doch angeblich ein hochrangiger Terrorist gewesen sein. Man kann das mal mit Snowden vergleichen. Da hatte man schon ein Flugzeug losgeschickt und zuvor Mitteilungen an alle möglichen Staaten, wo er hin gelangt sein könnte.

    4.) Die Saudis geben Pakistan Geld, damit die den Aufenthalt von O.b.L. nicht verraten ? Warum haben sie ihn denn nicht freigekauft ? Das wäre doch die beste Lösung gewesen, um ihn verschwinden zu lassen. So viel lag den USA doch auch nicht an einer Festnahme…

    Also wie schon erwähnt, diese Story ist zwar glaubwürdiger als die offizielle Version, aber die ganze Wahrheit ist das meiner Meinung nach, immer noch nicht. Vermutlich müssen erst die ursprünglichen Ereignisse restlos aufgeklärt werden, ehe auch zu dem angeblichen Ableben die Wahrheit rauskommt.

  6. ansa sagt:

    Lieber Diktator,
    danke das Du Dir die Arbeit machst und die Kindsköpfe zensierst!

    Ich kann mich an die Hersh Geschichte nicht gewöhnen,denn was passierte mit Pakistan bis heute?
    China war immer eine Schutzmacht Pakistans. Pakistan wiederum die Schutzmacht Saudi Arabiens inkl. ihrer Atomwaffen.
    Pakistan und Indien nähern sich an , Modris besuch über Weihnachten in Pakistan. danach ungeklärte Terrorattacken in Kashmir und Indien. Indien vermutet die USA dahinter. Pakistan wird Mitglied der Shanghaier Organisationund wohl auch BRICS Mitglied. Pakistan kühlt die Beziehungen zu Saudi Arabien herunter…..
    Immer wieder tauchen Gerüchte auf,das Pakistan Atomsprengköpfe nach Saudi Arabien geliefert hat . Saudi Arabien war der grösste Finanzier des pakistanischen Atomprogramms und hatte diese Lieferverpflichtung.
    Ich denke die Bin Laden Story ist eine Hollywood Story für die sogenannten freien Medien!

  7. Wirsing sagt:

    Was ich nicht verstehe ist dies: Wenn Bin Landen bereits ein Gefangener des pakistanischen Geheimdienstes (ISI) war, und ISI und Amerikaner sich einig darüber, daß die Amis später die Story erzählen wollen, sie hätten Bin Laden in Afganistan durch eine Drohne getötet, warum dann Bin Laden nicht einfach in ein Auto setzen, nach Afganistan fahren, den Amis übergeben, und die können dann ihre Drohnen-Story „drehen“. Warum die ganze Räuberpistole mit Stromabschalten im Militärviertel, zwei „unentdeckt“ einfliegenden Ami-Hubschraubern, Seals, die Stahltüren aufsprengen müssen usf. Wenn ich einen Bond-Film drehen würde wollen, würde ich wahrscheinlich auch die Hubschrauber-Variante bevorzugen, aber im echten Leben?

    • Kaspar sagt:

      Da stimme ich Ihnen zu! Der einzige Grund den ich sehen würde ein derartiges Brimborium durchzuziehen wäre, man hätte Bin Laden lebend fangen wollen.
      Da wäre aber die Frage, wozu? Was hätte man mit einem lebenden Bin Laden anfangen können das mit einem toten Bin Laden nicht möglich gewesen wäre? Ich hab keine Ahnung.

    • Analitik sagt:

      Das ist eine gute Frage!

      Eine mögliche Antwort ist, dass die USA gar nicht vorhatten, die mit Pakistan vereinbarte offizielle Story zu erzählen, sondern dass Obama einen hübschen militärischen Erfolg bekommen sollte. Nicht so langweilig wie ein anonymer Drohnenangriff, sondern mit Pomp und Schießerei und echten Kämpfern vor Ort. Das riesengroße Problem dieser Antwort ist, dass man in diesem Szenario sehr viel Zeit gehabt hat, eine wasserdichte Story zu schreiben, anstatt sich in Widersprüchen zu verheddern. Zeit für das Schreiben der Story gab es demnach nicht.

      Andere Antwort: CIA und JSOC überlegten erst, wie sie ohne Pakistan zu informieren Bin Laden killen. Psychologisch betrachtet stand der Plan bei ihnen bereits fest („Wir töten Bin Laden“) – wenn man psychologisch in dieser Phase angelangt ist, sucht man nicht mehr nach alternativen Wegen, sondern prügelt den Plan durch und konzentriert sich darauf, alle Hindernisse zu beseitigen. Das passt zum Szenario. Salopp gesagt ist niemand auf die Idee gekommen nach einem noch einfacheren Plan zu suchen (und der Raid war im Grunde sehr einfach, das machen die sprichwörtlich hundert mal am Tag). Die Pakistanis hätten eine einfache Auslieferung an der Grenze zu Afghanistan anbieten müssen. Der Vorteil dieser wenig befriedigend klingenden Erklärung ist, dass sie keine neuen Löcher in das Szenario reisst.

      Andere Erklärungsmuster sind willkommen. Dann haben wir etwas zum zerpflücken.

      @ Kaspar:
      Lebend sollte Bin Laden nicht gefangen werden. Bei Hersh gibt der Informant an, dass sich das Einsatzteam bewusst war, dass sie keine Gefangennahme durchführen werden, sondern einen Mord. Und bereits nach der ersten Kenntnisnahme über Bin Ladens Aufenthaltsort taucht sofort die Frage auf, wie man ihn tötet (Killer? Drohne?), aber nicht die Frage, ob man ihn auch gefangen nehmen könnte. Laut Hershs Bericht haben die USA zu keinem Zeitpunkt erwogen, Bin Laden lebend zu bekommen.

  8. Geh heim sagt:

    Limited Hangout

    Die Strategie von Geheimdiensten und Militärs, manchmal von selbst einen sehr „limitierten“ Teil der Wahrheit „heraushängen“ zu lassen, wenn die Öffentlichkeit die ursprüngliche Cover Story sowieso nicht mehr glaubt, heißt „Limited Hangout“:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Limited_hangout

    Meist gibt man dann „Fehler“ zu und lässt sich als „inkompetent“ kritisieren, um weitaus schlimmere Teile der Wahrheit weiter verborgen zu halten.

    Hier entblößt man z.B. eine gefährliche Kommando-Operation als eher erbärmlichen Kuhhandel zwischen mehreren Diensten. Die oft angezweifelte, offizielle „Gegnerschaft“ von USA und Al-Qaida und das zweifelhafte Narrativ der jahrzehntelangen „Jagd“ nach Bin Laden werden dadurch aber gewahrt.