MH 17 Trolling

Die nächste MH 17 Trolling-Runde ist über uns hereingebrochen. Schauen wir uns die Rahmenbedingungen dieses Schauspiels an, ohne in die inhaltlichen Details zu gehen.

Vorgeschichte

Knapp 300 unbeteilige Zivilisten haben mit ihrem Tod den „Game Changer“ bewirkt und den USA endlich genug Rechtfertigung gegeben, die EU zu Sanktionen gegen Russland zu bewegen. Westliche Medien kannten nach einem Tag die Schuldigen, die offizielle Untersuchung dagegen wurde maximal in die Länge gezogen und verwässert. Unter anderem haben die Ukraine, Belgien, Australien und Niederlande ein Veto-Recht gegen die Veröffentlichung von Untersuchungsmaterial. Die Black Box ging aus immer noch nicht erklärten Gründen an Großbritanien. Die USA schwafelten von haufenweise eindeutigem Beweismaterial ohne konkret zu werden, und sie haben selbst nichts beigesteuert, obwohl sie den Luftraum zur Zeit des Absturzes besonders gründlich überwachten. Eine Armada von US-Kriegsschiffen war im Rahmen einer Übung im Schwarzen Meer, ganz nahe der Abschussortes. Die Kriegsschiffe sind mit hochleistungsfähigen Radargeräten ausgestattet. Zusätzlich zu allen üblichen Satelliten, die die Ukraine überwachen, flog exakt zum Abschusszeitpunkt exakt über den Abschussort ein neuer US-Satellit, vermutlich nicht mit der schlechtesten Technik ausgestattet.

Zu den Rahmenbedingungen gehört, dass der Westen über seine Medienmacht besonders lautstark Russland für den Abschuss beschuldigt, aber sich besonders auffällig mit Beweismaterial zurückhält und die offizielle Untersuchung, die ja komplett in der Hand des Westens ist, in eine Sackgasse geführt hat. Der Westen behindert die Aufklärung und maximiert die Anschuldigung des Feindes.

Auf der anderen Seite steht Russland, das nicht über die Medienmacht verfügt, seine Position in die breite Öffentlichkeit zu drücken, dafür aber mit qualitativ hochwertigem Material aufwartet und regelmäßig eine unabhängige Untersuchung fordert.

Zu den Rahmenbedingungen gehört, dass der Westen direkt nach dem Absturz mit maximaler Intensität den Absturz genutzt hat, um die Stimmung zwischen EU und Russland zu vergiften. Wenig später jedoch, als die Fakten klar gegen die westliche Version sprachen und sich daran schwerlich etwas beschönigen ließ, war der Westen sehr bemüht, MH 17 von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Russland hat in dieser Informationsschlacht wenige Tage nach dem Absturz eine gute Portion belastbares Material geliefert, was den alternativen Internetmedien weltweit genug Unterstützung gab, sich an den Lügen der Massenmedien abzuarbeiten.

Das Verhalten russischer Diplomaten, allen voran Außenminister Lawrow, deutete recht früh darauf hin, dass Russland sehr konkrete Beweise für die wahren Schuldigen des Abschusses hatte. Als der offizielle Westen den Abschuss schon vergessen hatte und es im Westen niemanden störte, dass die Untersuchung nicht vom Fleck kam, trollte Lawrow seine westlichen Partner regelmäßig mit MH 17, forderte den zügigen Verlauf der Untersuchung und fragte immer wieder nach den Ergebnissen. Zusätzlich kamen in Russland in regelmäßigen Abständen exklusive Informationen und Analysen zum Abschuss heraus. Mal war es eine Vereinigung von Flugzeugspezialisten, die einen Bericht herausbrachte, mal war es ein ukrainischer Insider, der hochbrisantes Material über das beteiligte Kampfflugzeug an die Öffentlichkeit brachte.

Was fällt mir an Russlands Strategie in dieser Informationsschlacht auf?

  • Neue Belege zum Abschuss sind von hoher Qualität. Entweder Zeugenaussagen von Involvierten oder Analysen von Experten. Ob die Belege näher an die Wahrheit führen, sei dahingestellt, aber sie sind auf jeden Fall von einer Qualität, die man nicht so leicht in Stücke reißen kann. Man kann sich daran abarbeiten, aber das kann sich der Westen nicht erlauben, weil er sich dann in eine detaillierte fachliche Diskussion begibt. Vermutlich will Russland genau das bewirken, um die westliche Presse aufs Glatteis zu führen.
  • Die Belege werden von sehr ehrbaren Vertretern präsentiert. Große TV-Sender, Ingenieurvereinigungen, große Militärhersteller. Keine leichte Beute für die westliche Propaganda. Auf der anderen Seite alles von der Regierung unabhängige Vertreter neuer Belege, so dass im Falle des Falles das offizielle Russland außen vor steht. Es würde mich sehr wundern, wenn diese Informationsschlacht ohne koordinierende Beteiligung russischer Geheimdienste abläuft. Der Krieg wird auf beiden Seiten professionell geführt.
  • Die Belege unterstützen verschiedene Versionen des Abschusses. Mal sprechen die Belege sehr eindeutig für einen Abschuss aus der Luft, mal belegen sie den Einsatz einer BUK seitens der Ukraine. Das ist besonders lustig, da Russland gewiss den wahren Tathergang kennt (genauso wie die westlichen Partner). Wir beobachten also ein Spiel.

Was bewirkt diese Strategie?

  1. Russland übt diplomatisch Druck aus. In internationalen Verhandlungen ist MH 17 ein Trumpf in der russischen Hand. Die Drohung, den Trumpf auszuspielen und weiteres Material oder gar das entscheidende Material zu veröffentlichen, schwebt stets in der Luft. Jede neue Expertenanalyse, die in Russland veröffentlicht wird, könnte ein Signal sein, dass man es ernst meint.
  2. Russland höhlt die Glaubwürdigkeit des Westens langsam, aber konsequent aus, und… der Westen kann wenig dagegen machen. MH 17 ist wie eine Kuh, die man immer wieder melken kann. Natürlich werden die in Russland vorgelegten neuen Belege nicht vernünftig in den westlichen Großmedien beleuchtet. Auf Umwegen sickert die Information aber in den Westen ein, vor allem da auch im Westen immer mehr Menschen erkennen, wie dreist sie von ihren Medien belogen werden, und sich daher alternative Nachrichtenkanäle erschließen. Die westliche Propaganda kann keine effektiven Kontermaßnahmen dagegen ergreifen. Stumpfes Beschuldigen zieht nicht mehr und untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit nur weiter. Sich mit den Argumenten der russischen Experten auseinander zu setzen kommt nicht in Frage, weil man genau weiss, wer in dieser Schlacht lügt, dass sich die Balken biegen. Russland wartet nur darauf, dass der Westen eine der Einladungen annimmt und sich von der Ebene haltloser Beschuldigungen auf die argumentative Ebene begibt. Bleibt nur eine Methode übrig: Die Glaubwürdigkeit Russlands anzugreifen, ohne sich auf die neuen Belege einzulassen (Hintergründe dazu hier).

Aktuelle Runde

Damit sind wir bei der neuesten Runde des MH 17 Trollings angelangt. Russland hat am 2. Juni eine weitere Analyse zu MH 17 vorgelegt. Diesmal vom großen Waffenhersteller Almaz-Antej, der die BUK-Raketen herstellt. Der Zeitpunkt ist heiß, denn die USA spielen gerade den mächtigen Pridnestrowje-Trumpf aus und versuchen Russland entweder in den Krieg gegen die Ukraine reinzuziehen oder aber Russland eine lokale, sehr schmerzhafte Niederlage zuzufügen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Zeitpunkt der Veröffentlichung des neuen MH 17 Berichts damit zusammen hängt.

Der Zeitpunkt, an dem sich deutsche Medien zum Thema MH 17 wieder aktivisiert haben, ist auch spannend: 1. Juni. Zufall? SPON bezieht sich auf den NATO-Agenten bellingcat. Schauen wir uns seine Berichterstattung über MH 17 an, so sehen wir, dass er durchgehend Material liefert. Eine kurze Pause hatte er im Februar, ansonsten aber bringt er seit einem halben Jahr im Abstand von ein bis zwei Wochen einen Artikel über MH 17. Schön regelmäßig. Zu einem Thema, das der Westen geschlossen halten will. Der Westen hält es auch geschlossen oder haben Sie im letzten Halbjahr alle zwei Wochen eine neue MH 17 bellingcat Entlarvungsstory in der deutschen Presse vernommen? Nein, bellingcat hält verschiedene Themen am köcheln, intensiviert das Thema bei Bedarf und die westliche Presse bedient sich bei ihm, wenn mal wieder eine Propaganda-Operation ansteht und der Anschein unabhängiger Expertise notwendig ist.

Zwischen dem 29. Mai und dem 3. Juni hat bellingcat ganze vier Artikel über MH 17 gebracht. Das ist eine untypische Aktivisierung, wenn man ein halbes Jahr zurückblickt. Wer immer die westliche Presse lenkt, hat bellingcat kurz vor dem Erscheinen der neuen russischen Analyse aktiviert. Und der Lenker der westlichen Presse hat auch SPON aktiviert, bellingcats Story aufzugreifen. Der Rest der deutschen Pressemeute hat es dankbar aufgegriffen.

Der Impact der russischen Analyse sollte dadurch minimiert werden, dass man genau zur Veröffentlichung Russlands Vertrauenswürdigkeit in dieser Frage untergräbt. Die zeitliche Koordination ist gut gelungen.

Aber wir sehen das Glatteis, von dem weiter oben die Rede war. Russland wartet nur darauf, dass die westlichen Medien sich auf das Thema einlassen. SPON musste sich nur zwei Tage nach seiner Sensations-Propaganda selbst geißeln. Nebenbei wurde bellingcat die Maske abgezogen. Das Vertrauen in die westlichen Medien ist damit sicher nicht größer geworden. Die Konter-Attacke des Westens in der MH 17 Medienschlacht ist mal wieder teuer erkauft worden. Besonders verheerend wird der Ansehensverlust der westlichen Medien im Ausland sein. Was viele im Westen nicht wissen: Nicht Russland ist isoliert, sondern der Westen ist inzwischen isoliert. Und während sich die Massen im Westen weiterhin unter einer dichten Propagandaglocke befinden, ist man im Rest der Welt deutlich besser informiert über das, was in der Welt geschieht. Und die Welt schaut zu, wie sich die deutsche Presse mal wieder blamiert hat.

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6 Kommentare zu “MH 17 Trolling
  1. Scheintod sagt:

    Geschichte ist die Lüge auf die man sich geeinigt hat.
    Voltaire

  2. chriscross sagt:

    Saubere, präzise Analyse!

  3. Axels Meinung sagt:

    Hallo Analitik,
    Ihre Analyse sagt mir sehr zu, da ich so ähnlich schon länger denke. Sie schreiben
    „Zu den Rahmenbedingungen gehört, dass der Westen über seine Medienmacht besonders lautstark Russland für den Abschuss beschuldigt, aber sich besonders auffällig mit Beweismaterial zurückhält und die offizielle Untersuchung, die ja komplett in der Hand des Westens ist, in eine Sackgasse geführt hat. Der Westen behindert die Aufklärung und maximiert die Anschuldigung des Feindes.“
    Bereits die Übertragung der „Aufklärung“ an die holländer war für mich der Beweis, dass eine Aufklärung gar nicht gewünscht war. Erschwerend kam noch hinzu, dass die „blackboxes“ zur Auswertung nach England gegeben worden sind – warum wohl?! Somit stellt sich die Frage, ob es die hölländer wagen, weiterhin Russland zu beschuldigen. Ich denke, dass die Russen genügend Material haben, um den westen vollends bloß zu stellen. MMn sind die Beschädigungen an der Boeing des Fluges mh17 so vielfältig (aus mehreren Richtungen), dass eine einzelne BUK unmöglich diese alleine verursacht haben konnte. Ich bin sogar überzeut, dass überhaupt keine BUK an dem Abschuss beteiligt war, da so etwas mit Sicherheit beobachtet (und wahrscheinlich fotografiert) worden wäre.

  4. Radar love sagt:

    Hier mal ein anderes Szenario in Kurzform. Es war imho ein Unfall der zum (unbeabsichtigten) Abschuss von MH17 führte.

    Begründung:
    Das es eine (Buk) Rakete war ist leicht nachzuweisen. Die in den ersten Tagen veröffentlichten Fotos der Trümmerteile zeigen Schrapnelleinschläge. Klar und deutlich sind diese am Cockpit zu erkennen. Ein weiteres Foto zeigt einen Streifschuss der durch Projektile (aus einer Bordkanone) so nicht möglich ist. Auch das Beschussbild ist eindeutig und war es auch sofort nach dem die Fotos öffentlich wurden.

    Das wurde von allen Seiten mit einer propagandistischen Nebelwand verhüllt, auch von der russischen.

    Die westlichen Gründe waren wohl klar, warum aber hat die russische Regierung mitgespielt? Weil, so nehme ich an, die Buk Raketen einen Konstruktionsfehler haben. Es war nicht die erste die einen Flieger unbeabsichtigt abschießt. Wenn sich z.B. die Zielfindung auf jedes Radar lockt das „von oben“ kommt. Das würde dem technisch machbaren der 70er Jahre des letzten Jahrhundert entsprechen. Dann sieht die Zielsucheinrichtung des Gefechtskopfs auch das Radar in der Nase eines Zivilfliegers als Leitstrahl. Reflektionen von Mobiltelefonen (die es bei der Konstruktion der BUK ja noch nicht gab) sind auch möglich.

    Das Verhalten der russischen Seite wäre damit einfacher zu erklären als mit deren teilweise dubiosen Theorien (auch und gerade von sog. Institutionen). Analog zu den Rückrufaktionen der Automobilindustrie wäre es nun mal extrem rufschädigend für den Waffenexport wenn Sie zugeben müssten das die Rakete alles vom Himmel holt das irgendwie in dem Frequenzbereich strahlt.
    Begründung Ende.

    Ihre „Überzeugungen“ am Ende des Artikels lassen mich zweifeln. Wer zu derart hervorragender politischer Analyse fähig ist (vielen vielen Dank dafür) erkennt seine Grenzen in anderen Bereichen nicht? Hochgradig spekulativ und es widerspricht den physikalischen und technischen Grundlagen
    die ich kenne.

    Auch den optischen. So ist das z.B das fotografieren durch eine Wolkendecke „schwierig“. Auch die Zeit die eine Rakete vom Abschuss bis zum erreichen der Wolkengrenze braucht ist kurz bis sehr kurz.

    Elektromagnetische Wellenausbreitung, Radarhorizont, die Reichweitenbegrenzung auch der besten Geräte durch die Gesetze der Physik kommen in ihren „Überzeugungen“ auch nicht vor.

    Selber bin ich übrigens nur eingeschränkt kompetent. Da lediglich „zivile“ Radargeräte (heute würde man dual use dazu sagen) von mir betrieben und repariert wurden.