Zeit, sich zu erinnern

Das Ende des zweiten Weltkrieges jährt sich zum 70. mal. Zeit, sich zu erinnern. Für mich auch die Zeit, auf ein Phänomen aufmerksam zu machen: die Umschreibung der Geschichte.

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 und endete am 2. September 1945.

In Russland unterscheidet man zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Großen Vaterländischen Krieg. Der Große Vaterländische Krieg ist ein Teil des Zweiten Weltkriegs. Aus deutscher Sicht handelt es sich dabei um den Russlandfeldzug. Aus russischer Sicht war es nicht einfach ein Krieg, es war der blutige Überlebenskampf einer Nation, nicht nur ihrer Armee.

Der Große Vaterländische Krieg dauerte vom 22. Juni 1941 bis zum 9. Mai 1945. Die Kapitulation wurde am 7. Mai unterzeichnet, trat am 8. Mai in Europa und USA in Kraft. Der Vertreter der Sowjetunion bei der Kapitulationsunterzeichnung hatte noch keine Vollmachten und Anweisungen aus dem Kreml und unterzeichnete daher auf eigenes Risiko und nur unter der Bedingung, dass die Sowjetunion ein Anfechtungsrecht hat, so dass die Kapitulation erneuert werden kann.

Von diesem Recht hat die Sowjetunion Gebrauch gemacht. Es gab einige kleine Änderungen. An dieser Stelle nur ein Beispiel: laut der ersten Version sollte die englische Übersetzung die einzig gültige sein, was geändert wurde in englisch und russisch. Die überarbeitete Kapitulationserklärung wurde am 8. Mai gegen 23 Uhr in Berlin unterschrieben. In Moskau war es bereits 1 Uhr am 9. Mai.

Der Zweite Weltkrieg dauerte noch weiter an und gebar noch solch bedeutende Ereignisse wie den ersten und bisher einzigen Einsatz von Atombomben im Krieg. Dennoch war die Kapitulation der Wehrmacht das entscheidende Ereignis für Eurasien und markiert daher die Gedenkfeierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus. Aufgrund des Zeitunterschieds zwischen Berlin und Moskau wurde der 8. Mai in Europa und der 9. Mai in der Sowjetunion zum Feiertag.

In einer aktuellen Umfrage in Deutschland, Frankreich und Großbritanien wurde gefragt, wer für die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus hauptverantwortlich war.

In Großbritanien denken 13%, dass es die UDSSR war, 16% tippen auf die USA, 46% auf Großbritanien.
In Frankreich glauben 8%, dass es die UDSSR war, 61% tippen auf die USA, 9% auf Großbritanien.
In Deutschland glauben 17%, dass es die UDSSR war, 52% tippen auf die USA, 4% auf Großbritanien.

Vom Rest der Befragten tippen 2-3% auf andere Kräfte und der Rest ist sich bei der Frage nicht sicher.

Die Briten haben ihre Selbstherrlichkeit noch nicht eingebüßt, wie man sehen kann. Und Deutschland und Frankreich wurden vorbildlich einer jahrzehntelangen Gehirnwäsche unterzogen. Kurz nach Kriegsende war man in Europa noch anderer Meinung.

75% der Nazi-Kräfte kämpften an der sowjetischen Ostfront. Es waren die besten, die Hitler aufbieten konnte. Während des Großen Vaterländischen Krieges zerstörte die Rote Armee 607 Nazi-Divisionen, von denen 507 deutsche Divisionen waren und der Rest von deutschen Alliierten. USA, Frankreich und Großbritanien vernichteten während des gesamten Krieges 176 Nazi-Divisionen.

An der Ostfront erlitten die Nazis drei Viertel ihrer Verluste an Mensch und Kriegsmaterial.

In der entscheidenden Phase des Krieges von 1941 bis 1944 war die Sowjetunion praktisch das einzige Land, das Hitler nennenswerten Widerstand leistete. Großbritanien und USA waren in Afrika und Italien unterwegs und vermieden es, Deutschlands Kerntruppen entgegenzutreten. Sie haben die Sowjetunion die blutige und verlustreiche Drecksarbeit machen lassen und eröffneten erst Mitte 1944 die Westfront, als der Krieg schon entschieden war und es darum ging, die Trophäen einzusammeln.

Die Sowjetunion verlor 27 Millionen Menschen in diesem Krieg. Die USA verloren 400 Tausend. Großbritanien und Frankreich verloren 330 bzw. 360 Tausend. Die Sowjetunion hatte mehr Tote allein in der Schlacht um Stalingrad zu beklagen, als jeder der anderen drei Allierten im gesamten Krieg.

Das alles weiss man offenbar nicht mehr in Europa. Die Wahrnehmung hier ist geprägt von „Der Soldat James Ryan“ und „The War„. Es sind tolle filmische Werke, die hierzulande den Geschichtsunterricht ersetzt haben.

Das ist noch harmlos im Vergleich zu echt perfider Propagandaarbeit. Die Sowjetunion und Russland als Nachfolger sollen überhaupt nicht mehr als Befreier wahrgenommen werden, sondern als Besatzer. Jazenjuk durfte diese Position in der ARD zur Primetime unterbreiten und die deutsche Presse hat es ihm kommentarlos durchgehen lassen. Auf Nachfrage des russischen Außenministeriums antwortete die deutsche Regierung, dass Jazenjuks Äußerung unter Meinungsfreiheit fällt und man daher nicht gewillt ist, sie zu kritisieren. Deutschlands Politik und Medien lutschen ukrainische Nazischwänze.

Das ist kein Einzelfall. Die Umschreibung der Geschichte hat System und wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie es an vielen Stellen. Der polnische Außenminister hat im Januar auf die Nachfrage, warum Russlands Präsident nicht zur Gedenkfeier des von der Roten Armee befreiten KZs Auschwitz eingeladen wurde geantwortet, dass das KZ doch von ukrainischen Militärkräften befreit wurde. Dass es zu diesem Zeitpunkt gar keinen ukrainischen Staat gab und die Front der Roten Armee nicht nach staatlichen, sondern nach geographischen Gesichtspunkten benannt wurde… wen interessiert es?

Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben westliche NGOs, allen voran Soros‘ „Open Society“ sich auf die Schul- und Geschichtsbücher im Sowjetraum gestürzt und sie umgeschrieben. In ukrainischen Schulbüchern stehen bereits seit 1994 echt abgefahrene Mythen über das ukrainische Volk. Demnach ist das eine Einheitskultur seit der Steinzeit. Die Ur-Ukrainer besiegten die Neandertaler und befreiten damit zum ersten mal Europa, wofür ihnen Europa dankbar sein sollte. Und die Geschichte des ehrwürdigen ukrainischen Volkes ist geprägt von Überfällen der bösen Russen. Die Kinder sollen lernen, wen sie zu hassen haben. Sie sollen eine verblödete Weltsicht eingetrichtert bekommen, in der es nur weiss und schwarz gibt und alles russische schwarz ist. Sie sollen einen ukrainischen Nationalismus eingetrichtert bekommen, auf dessen Basis sich Hass schüren lässt. Die Früchte dieser Arbeit haben die USA zwei Jahrzehnte später geerntet und die Ukrainer bezahlen das jetzt im Bürgerkrieg mit Blut.

In Russland haben die neoliberalen Reformen der 90er unter der Aufsicht westlicher Berater dazu geführt, dass das Bildungssystem umgekrempelt wurde. Während in der Sowjetunion wissenschaftliche Kommissionen jahrelang an einer einzigen Erneuerung eines Schulbuchs feilschten, wurden im liberalisierten Russland jährlich tausende neue Schulbücher herausgebracht. Soros hat 250 Millionen Dollar in die Erneuerung russischer Schulbücher investiert. Unter dem Banner einer kritischen Aufarbeitung bringt man russischen Kindern und Jugendlichen bei, dass die russische Geschichte eine Aneinanderreihung von Fehlern ist. Russland sei zufällig entstanden. Russland sei rückständig. Die Russen sind Säufer. Über das sprachliche und inhaltliche Niveau der Bücher werden Witze gerissen. Zum lachen ist es aber nicht, denn diese Bücher betreiben gezielte Verblödung und programmieren junge Russen gegen Russland. In einem Geographie-Lehrbuch wird die Frage gestellt, wie viele Einwohner Russland idealerweise haben sollte. Die Antwort des Buches: 67 Millionen. Da fragt sich der arme Schüler, was er mit den restlichen 80 Millionen Bürgern tun soll, um seinem Land gutes zu tun… In einem anderen Schulbuch gibt es darauf die passende Antwort: Saufen ist elementarer Teil der russischen Kultur. Kein Wort von den negativen Folgen des Alkoholkonsums.

2014 haben sich die USA hinsichtlich dieses langfristigen Projekts selbst ins Bein geschossen, als sie die Maske des Freundes fallen ließen. Das Bildungssystem und die US-Spuren darin werden in Russland aktiver denn je diskutiert und es besteht Hoffnung, dass das Soros-Gift entfernt wird.

Das Umschreiben der Geschichte ist Teil des hybriden Krieges. Das Schlachtfeld des hybriden Krieges ist überall, in allen zivilen Lebensbereichen.

Die Europäer haben vergessen, wer sie von Hitler befreit hat. Aber das reicht nicht. Sie sollen weiterdenken. Wenn Russland sie nicht befreit hat, was hat die Rote Armee dann in Europa gemacht? Na klar, sie hat Europa invasiert! Wer zu blöd zum Weiterdenken ist, für den hat es Jazenjuk ausgesprochen. Er erzählt uns auch, dass die Ukraine die EU gegen Russland verteidigt. Haben Sie den nächsten Schritt schon gedacht?

PS: Wenn meine Ausführungen Ihnen radikal erscheinen oder ein ungutes Gefühl auslösen, dann lesen Sie erst mal diesen Artikel der französischen Professorin Annie Lacroix-Riz (Artikel ist auf deutsch). Da stellen sich einem erst richtig die Nackenhaare auf.

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5 Kommentare zu “Zeit, sich zu erinnern
  1. pasparos sagt:

    Interessanterweise unterscheidet die IFOP-Umfrage von 1944 zwischen der Frage „Quelle est, selon vous, la nation qui a le plus contribué à la défaite de l’Allemagne en 1945?“ (mit dem oben genannten Ergebnis) und der Frage „Quelle nation aidera le plus la France à se relever après la guerre?“ mit folgendem Ergebnis:

    „Pour autant, en dépit de la reconnaissance par les Parisiens interrogés en 1944 du rôle majeur de l’Armée Rouge dans la défaite de l’Allemagne nazie, plus des deux tiers des personnes interrogées (69%) estiment que ce sont les Etats-Unis qui contribueront le plus au elèvement de la France après la Guerre. 13.8% citent l’Angleterre et seulement 6.2% mentionnent l’Union Soviétique.Tout se passe comme si la population parisienne se rangeait déjà clairement dans le camp occidental alors que les tensions entre alliés préalables à la guerre froide étaient inconnues du grand public.“

    1944 gab es in Paris also einen klaren Unterschied in den Meinungen darüber, wer am meisten zum Sieg über die Nazis (die Sovjets)und wer am meisten zur Befreiung Frankreichs beigetragen hat (die Amis). Die Frage nach der Hauptbeteiligung finde ich übrigens problematisch und historisch einigermaßen irrelevant – wie soll man so etwas rein theoretisch überhaupt quantifizieren? Die Frage enthält also a priori bereits eine Interpretation.

    Und schließlich: Haben „die Europäer (…) vergessen, wer [i.e. in Deinem Narrativ: „dass die Russen“] sie von Hitler befreit hat“? Ich halte das für eine Unterstellung, die beispielsweise angesichts der Termine von Herrn Gauck heute in Lebus und Frau Merkel morgen in Moskau nicht besonders plausibel ist.

  2. pasparos sagt:

    Und nach der Lektüre des verlinkten Artikels von Annie Lacroix-Riz noch ein Nachtrag zum Thema „Umschreibung der Geschichte“: Es liegt in der Natur der Geschichte, dass sie geschrieben werden muss. Es handelt sich immer um die Interpretation mehr oder weniger subjektiv ausgewählter Daten über Sachverhalte der Vergangenheit. Eine historische „Wahrheit“ gibt es folglich nicht. Unter diesen Voraussetzungen betreiben alle Geschichtsscheiber, auch Lacroix-Riz, eine „Umschreibung“ der Geschichte – per se ist das also nichts Ungewöhnliches oder gar Schlechtes, sondern ganz und gar Kern der Sache.

    • analitik sagt:

      Es gibt eine historische Wahrheit. Davon abgesehen wird die Geschichte auch umgeschrieben. Weil das ein reales Phänomen ist, lohnt es sich, darüber zu schreiben und zu reden.

      Über Gaucks unrühmliche Rolle kann man hier nachlesen: http://vineyardsaker.de/deutschland/70-jahre-nach-der-befreiung-europas-vom-deutschen-faschismus/

      • Franz H sagt:

        Es gibt eine historische Wahrheit
        ————————

        Ja, so sehe ich das auch.
        Historische Wahrheit ist für mich das, was passiert ist.
        X erschiesst Y.

        Das war es aber dann schon.
        Denn schon während X den Y erschiesst, denken die Menschen völlig unterschiedlich darüber.

        Der eine sagt: Y hat angegriffen, X hat sich gewehrt, also war es Notwehr und damit völlig in Ordnung.

        Der andere sagt: Y hat Unruhe in die Bevölkerung gebracht. Er musste liquidiert werden. X hat ihn zu Recht erschossen.

        Der dritte sagt: Y hat die Freiheit verteidigt. X wollte das nicht und hat ihn ermordet.

        Der vierte sagt: Y war ein Terrorist. X hat ihn zu Recht erschossen.

        Und so weiter.

        Welche Version dann als „offizielle“ Version durch Behörden anerkannt wird, hängt davon ab, wer die Macht in der Gesellschaft ausübt.

        Welche Version in die Geschichtsbücher kommt, hängt vom „Zeitgeist“ ab, welcher nichts anderes ist als das, was eine kleine Minderheit durch die Massenmedien den Menschen ins Gehirn graviert.

        Wenn man weiss, dass der erste und zweite Weltkrieg von gewissen Leuten bereits geplant wurde, als Hitler noch nicht einmal geboren war, sollte man grundsätzliche Fragen über diese Kriege stellen.

        Dies geschieht aber nur auf wenigen Blogs oder von Autoren von Büchern, welche allgemein unter „Verschwörungstheorien“ oder „Revisionisten“ laufen.

        Der zweite Weltkrieg hatte viele Väter genauso wie der erste Weltkrieg. Doch wer will das heute schon wissen ?

        Ganz übel wird es, wenn über gewissen Themen nicht einmal geforscht werden darf, wenn nur eine Version erlaubt ist und jeder mit Geldstrafe oder sogar Gefängnis bedroht wird, der es wagt, eine andere Meinung zu äußern.
        In diesen Fällen kann man sicher sein, dass da etwas vertuscht werden soll.

  3. CGB sagt:

    Kann Franz H. nur rechtgeben. Siehe Mainstream: https://de.wikipedia.org/wiki/Gerd_Schultze-Rhonhof#Rezeption
    Tatsächlich ein „Eye-Opener“ zur Thematik:
    1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte (http://www.amazon.de/1939-Krieg-Anlauf-Zweiten-Weltkrieg/dp/3789281174).