Ukraine: Morde mit Ansage

Es gibt in der Ukraine eine Webseite, eine Schwarze Liste. Dort werden Informationen über angebliche Separatisten, Terroristen und sonstige Feinde der Ukraine eingetragen. Vollständiger Name, Adresse, Telefonnummer, Fotos, die Liste der Vergehen. Ein aktiver Förderer der Seite ist Anton Geraschenko, Abgeordneter und Berater des Innenministers. Er sagt, dass sich Innenministerium und SBU (ukrainischer Geheimdienst) bei der Seite bedienen.

Am 13. April hat der Nutzer „404“ die Informationen über Oleg Kalaschnikow reingestellt. Kalaschnikow war Mitglied der Partei der Regionen, verfügte über viele Insiderinformationen und wenige Tage zuvor begann er anzudeuten, dass er Informationen über die Organisation des Maidan preisgeben könnte. Am 15. April wurde er vor seiner Wohnung erschossen. Der offizielle Twitterdienst der Schwarzen Liste lobte den Nutzer 404 für die erfolgreich erleigte Aufgabe und gab eine nicht näher spezifizierte Belohnung bekannt. Abgeordneter Filatow schrieb in Facebook, wie toll er es findet, dass ein weiteres Schwein erledigt wurde.

Einen Tagen später stirbt Kalaschnikows Bruder Wladimir bei einem Verkehrsunfall. Er hatte angeblich 6 Millionen Hryvnja mit sich im Auto.

Am 14. April stellte der Nutzer 404 die Daten von Oles Buzina auf die Schwarze Liste. Zwei Tage später wurde Buzina vor seiner Wohnung in Kiew erschossen. Der offizielle Twitterdienst der Schwarzen Liste lobte den Nutzer 404 für den erfolgreich absolvierten Kampfeinsatz. Buzina war Historiker, Autor von acht Büchern, Dichter, nebenberuflich Journalist. Drei Tage vor seinem Tod gab er ein Radiointerview. Buzina war ein Mann mit Charakter. Er hat sich nie einschüchtern lassen, hat die Dinge beim Namen genannt und seine Position verteidigt. Für seine Diskussionsgegner war er dadurch sehr unangenehm, dass er dank seiner Belesenheit stets eine Reihe von Argumenten und Fakten ins Feld führen konnte. Er kritisierte die ukrainische Regierung, sprach sich gegen den Bürgerkrieg aus, gab sich nicht damit zufrieden, alle Schuld Putin zuzuschreiben und forderte öffentlich auf, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren, weil es nun mal nicht anders gehen kann mit einem Nachbarland. Von Buzina gibt es ein englisch untertiteltes langes Video-Interview zur Geschichte der Ukraine.

Interessantes Detail: Buzinas Vater ist ehemaliger hochrangiger SBU-Offizier. Normalerweise verleiht das in der Ukraine großen Schutz gegen Übergriffe und Morde. Aber die Demokratisierung der Ukraine macht vor nichts halt.

Am 15. April stellte der Nutzer 404 die Daten von Vitalij Skorohodow auf die Schwarze Liste. Skorohodow ist Arzt und nebenbei Blogger. Ein kritischer Blogger, versteht sich. Am gleichen Tag wurde seine Wohnung vom SBU gestürmt und Skorohodow mitgenommen. Während die Tür aufgebrochen wurde, schrieb er ins Netz, dass die Nazis oder der SBU ihn holen kommen.

https://psb4ukr.org/ ist eine ganz schön treffsichere Schwarze Liste. Es wurden Nachforschungen über diese Seite angestellt. Die Homepage ist in Texas registriert. Der Server-Typ ist ungewöhnlich: „NATO HPWS/2.1“. Auf dem gleichen Server laufen auch die Seiten operativ.info (auf dem Ukrainer anonym Separatisten melden sollen) und informnapalm.org, eine besonders antirussische News-Seite.

https://psb4ukr.org/ befindet sich im NATO-Netz. Schauen Sie auch, unter welcher Adresse sich Businas Foto findet: https://psb4ukr.natocdn.work/2015/04/%D0%9E%D0%BB%D0%B5%D1%81%D1%8C_%D0%91%D1%83%D0%B7%D0%B8%D0%BD%D0%B0.jpg
CDN steht für Content Delivery Network.

Ein Haufen Zufälle? Ich zweifle nicht, dass die westliche Presse genau das behaupten wird, wenn sie es nicht schafft, diese Informationen totzuschweigen. Alternativ wird behauptet werden, dass Putin die NATO-Server gehackt hat.

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2 Kommentare zu “Ukraine: Morde mit Ansage
  1. pasparos sagt:

    Erst einmal vielen Dank, dass Du das Thema aufgegriffen hast. Ich hatte schon in der Zeit und der Süddeutschen darüber gelesen und war erschüttert. Die Sache mit der Nato-IP kam da tatsächlich nicht vor, was – solle es zutreffen – natürlich ein Skandal wäre. Als Erklärung für den ganzen Sachverhalt kommen meines Erachtens im Wesentlichen drei Szenarien in Frage:

    1: Die NATO steckt dahinter und agiert extrem stümperhaft. Zum einen betreiben sie eine Abschussliste auf ihrem eigenen Server und lagern das nicht etwa z. B. auf einen Strohmann-Server aus. Und außerdem steht den Adressen der Seite steht an mehreren Stellen dick und fett „NATO“. Die direkte Einflussnahme der NATO in der Ukraine ist also vergleichsweise leicht für jedermann nachzuvollziehen und belegbar.

    2 (eigentlich eine Variante von 1): Die NATO steckt dahinter, verschleiert die Beteiligung aber absichtlich nur stümperhaft, weil es Teil der Propaganda-Strategie ist („Hide in plain sight“).

    3: Die ganze Sache ist ein Hoax und psb4ukr.org liegt gar nicht auf NATO-Servern, wie es z. B. hier vorgeschlagen wird: https://kosmologelei.wordpress.com/2015/04/18/das-ip-mysterium/comment-page-1/

    Was davon jetzt das wahrscheinlichste ist, lasse ich an dieser Stelle mal offen, insgesamt scheint mir die ganze Sache aber auf jeden Fall nicht ganz so einfach zu sein, wie Du es hier dargestellt hast.

    • analitik sagt:

      Von einfach war nicht die Rede. Die russischen Quellen, die ich zitiere, haben auch geschrieben, dass die IP untergeschoben sein kann und deshalb als alleiniger Beweis nicht taugt. Wenn ich es als Nichtfachmann richtig verstehe, ist entscheidener und entlarvender und schwerer zu hacken, dass das Material der Seite im NATO-CDN liegt. Aber selbst das verleitet die russischen Quellen nicht dazu, die NATO-Verstrickung als gesichert zu betrachten.

      Hier müssten mehr technische Experten ran, um den Fall seriös zu untersuchen. Dafür müsste die Sache aber von den Medien aufgegriffen und eine Untersuchung angestoßen werden. Wollen Hacker die NATO denunzieren oder hat die NATO ihre Finger bei den Morden im Spiel? In Russland wird beides nicht ausgeschlossen und man hat keine Angst, die Frage aufzuwerfen. Wir werden sehen, wie sich unsere Medien verhalten.