Der vorletzte Diktator

SPON gibt heute wieder sein bestes:

Der weißrussische Präsident Lukaschenko geht auf Distanz zu Wladimir Putin. „Es gibt Diktatoren, die schlimmer sind als ich.“

Lukaschenko habe damit versucht, „seinen Ruf zu verbessern“.
Lukaschenko habe „halb im Ernst, halb im Scherz“ gesprochen.

Lesen Sie sich den Artikel durch. So viel Blödsinn in so wenig Text ist eine journalistische Kunst. Das ist besonders hervorzuheben, da SPON vor kurzem eine Qualitätsoffensive seiner Berichterstattung angekündigt hat.

Die Originalquelle ist hier. An sich auch eine Freude, aber die haben das wenigstens nicht abgeschrieben, sondern selbst verzapft, und neben dem größten Müll, den sich SPON rausgefischt hat, stehen doch ein paar mehr Informationen, aus denen man auch nützliches extrahieren kann.

Russischer Humor ist den Deutschen unbegreiflich. Umso mehr, als in der russischen Kultur (zu der auch Weissrussland gehört) auch Präsidenten Humor pflegen. Das hat auch Lukaschenko getan, der von der westlichen Presse konsequent als „Europas letzter Diktator“ bezeichnet wird. Nach der Propaganda-Kampagne gegen Putin, der nicht einfach nur Diktator, sondern der Teufel höchstpersönlich sein soll, macht sich Lukaschenko über die westlichen Medien lustig, als er sagt, er sei endlich nicht mehr der letzte Diktator. Die westlichen Medien aber in all ihrer Inkompetenz (denn es zeugt von völliger Unkenntnis der russischen und weissrussischen Kultur und ihrer Beziehung zueinander) und in der Propaganda-Konsequenz machen daraus ernsthaft die Schlagzeile, dass Lukaschenko sich von Putin distanziert.

Die Weissrussen sind sicher wahnsinnig scharf darauf, zum Westen überzulaufen, wo sie gerade jetzt live mitverfolgen, wie die Ukraine bei einem solchen Versuch in einen blutigen Bürgerkrieg und den totalen wirtschaftlichen Ruin getrieben wird. Weissrussland sieht auch, was aus den baltischen Staaten geworden ist, die sich in EU und NATO integriert haben und glauben Sie mir, das ist kein erfreulicher Anblick. Und auch wenn Sie davon nichts mitbekommen, die Weissrussen sehen es.

Wie mit der Ukraine auch, versucht der Westen aus Weissrussland ein Anti-Russland zu machen. Dazu wird das übliche Methodenarsenal der farbigen Revolutionen angewandt. Das Land ist eine Diktatur, der Herrscher ein Tyrann, die Opposition der Freiheitsbringer. Es gilt, das Land zu isolieren und einen inneren Kampf zu organisieren, der bis zum Sturz der Regierung führt. Im Fall Weissrusslands klappt diese Strategie ausgesprochen schlecht, aber das hindert den Westen nicht daran, massenhaft ihre Gülle über diesen kleinen Staat zu gießen und überall die Zeichen des sehnsüchtig erwarteten Zusammenbruchs der Regierung zu erkennen.

Was wissen Sie über Weissrussland, außer dass es die letzte vorletzte Diktatur Europas ist? Wissen Sie, dass Weissrussland den Zusammenbruch der Sowjetunion am besten überstanden hat und bei diesem Prozess den geringsten Schaden im Vergleich zu allen anderen Sowjetstaaten erlitten hat? Wissen Sie, dass Weissrussland kein Arbeitslosigkeitproblem hat? Wissen Sie, dass Weissrussland kein Armutsproblem hat? Wissen Sie, dass Weissrussland kein Wohnungsproblem hat? Wissen Sie, dass Weissrussland die Industrie der Sowjetzeiten nicht verlor und sie in den vergangenen Jahrzehnten enorm modernisiert hat? Wissen Sie, dass Weissrusslands Industrie europäische Standards erfüllt? Russland und andere ehemalige Sowjetstaaten sind freudige Abnehmer hochqualitativer weissrussischer Industriegüter. Wissen Sie, dass Weissrussland einen höheren Lebensstandard als Russland hat?

Warum ist das alles so? Weil Weissrussland sich nicht auf die neoliberale Pille des Westens eingelassen hat, die versprach, mit der totalen Liberalisierung alles besser und toller zu machen. Weil Weissrussland sein Land nicht an westliche Investoren zu Ramschpreisen verkauft hat. Weil Weissrussland seine Sozialprogramme nicht gestrichen hat. Weil es strategische Aufgaben, wie die Bereitstellung von Wohnungen und die Kontrolle von Schlüsselindustrien nicht aus der staatlichen Kontrolle gegeben hat. Deswegen geht es Weissrussland gut, es ist ein kerngesundes Land, mit sauberen, modernen Städten, einer ausgezeichneten Infrastruktur. Sie wissen von all dem höchstwahrscheinlich nichts und werden es auch nicht erfahren. Sicher nicht aus den „Qualitätsmedien“ Ihres Landes.

Weissrussland lebt mit allen Nachbarn in Frieden und führt keine Kriege. Das Land nervt niemanden und will nicht genervt werden. Es verteidigt seine eigenen Interessen. Auch gegenüber Russland. Die westliche Presse versucht daraus regelmäßig ein Zerwürfnis der beiden Brüdernationen (wie Lukaschenko im oben zitierten Interview selbst betont) herbeizuschreien. Das ist eine Wunschphantasie des Westens. Russland und Weissrussland pflegen äußerst konstruktive Beziehungen. Wenn Lukaschenko Probleme erkennt, spricht er sie offen an, die Politiker beider Länder reden darüber und finden eine Lösung, die beide Seiten zufrieden stellt. Das geht schon über zwei Jahrzehnte so, aber der Westen kann sich solche Beziehungen wohl gar nicht mehr vorstellen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Warum wird Weissrussland als Diktatur bezeichnet? Wegen all den oben aufgezählten Dingen. Weil es sich nicht an den Westen verkauft hat und es auch weiterhin nicht vor hat. Weil der Westen nichts an Weissrussland verdient hat. Weil Weissrussland nur auf Augenhöhe zu verhandeln und zu handeln bereit ist. Welch Majestätsbeleidigung!

PS: Dieser Tage hat Lukaschenko auch gesagt, dass der einzige verbliebene Diktator dieser Welt Obama ist. Und DAS hat er nicht als Witz gemeint.

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