Zum Verständnis von Pressefreiheit

Edward Lucas ist leitender Redakteur beim britischen „The Economist“. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat er an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Ein bedeutender Journalist auf großer internationaler Bühne. Hören wir uns an, was er zu sagen hatte:

We see very clearly what happened in the case of Crimea where Russia won the war in Crimea without really having to fire a shot. They had so corroded and confused the decision-making capabilities of Ukraine that even though the Ukrainians had thousands of troops, lots of ammunition, lots of weapons, they had bases in Crimea, but those soldiers were left leaderless and confused and didn’t know what to do. And Crimea fell almost without a shot.

Russland gewann die Krim ohne einen Schuss, obwohl tausende ukrainische Truppen auf der Halbinsel stationiert waren. Lucas ist nicht etwa der Meinung, dass das toll sei, dass der Krim ein blutiger Bürgerkrieg wie dem Donbass erspart geblieben ist. Nein, er ist enttäuscht, dass die ukrainischen Soldaten nichts unternommen haben. Und die Schuld daran hat Lucas‘ Meinung nach der russische Fernsehsender RT, dessen grausame Propaganda die Gehirne der armen Ukrainer so gewaschen hat, dass sie gar nicht bemerkten, was ihnen geschah.

Hören wir zu, was Lucas noch spannendes zu berichten weiss:

We see the use of nuclear bluff increasing in Russia energetically modernizing its tactical nuclear weapons just at the time when the West has been withdrawing its tactical arsenal in the pursuit of global Nuclear Zero.

Lucas empört sich, dass Russland sein Atomwaffenarsenal modernisiert, während der Westen sein Atomwaffenarsenal abbaut. Lucas ist entweder ein Lügner oder er ist unqualifiziert für seinen Job als hochrangiger politischer Journalist. Es kann ihm kaum entgangen sein, dass die USA ihr Atomwaffenarsenal für eine Billion Dollar (!) erneuert. Im Jahr 2014 haben sowohl Russland als auch die USA jeweils eine kostspielige Erneuerung ihrer taktischer Atomwaffen bekannt gegeben.

Nach dieser ersten Kostprobe journalistischer Standards geht es munter weiter mit spannenden Aussagen:

Why do people watch RT so avidly? Because they think that the mainstream media isn’t telling them the truth and they are fed up with the political elite in our countries and the economic growth or lack of it, which they are delivering.

Warum gucken die Menschen so begierig RT? Weil sie denken, dass die Mainstream-Medien ihnen nicht die Wahrheit sagen und weil sie deprimiert sind von den politischen Eliten des Westens.

Problem erkannt. Welche Lösung schwebt Lucas vor? Sollten die Mainstream-Medien vielleicht wahrheitsgetreu berichten, um das Vertrauen der Zuschauer zurück zu gewinnen?

If RT puts on people – and it does put on people who are Holocaust deniers, who think that 9/11 was an inside job, who believe that [the] Pope is a lizard – I’m not joking, this is true – we should be able to humiliate those channels and those people and the people who put them on, and the producers who put them on and push them out into the media fringes so they are no longer treated as real journalists and real programs but as cranks and propagandists.

RT zieht die Leute an. So weit waren wir schon. Aber jetzt unterstellt Lucas, dass RT-Zuschauer Verrückte sind, Holocaustleugner, Verschwörungstheoretiker. Ah ja. Implizit versteckt sich hier der erste Lösungsansatz: die Zuschauer pauschal zu diskreditieren. Vielleicht hören sie ja auf, einen Sender zu schauen, der sie überzeugt, wenn man ihnen nur einredet, dass sie sich damit als Verrückte outen?

Aber es wird noch besser. Lucas sagt explizit, dass „wir“ RT und diese Menschen (die Zuschauer? die Reporter?) und die Produzenten demütigen sollen, sie alle an den medialen Rand drängen sollen, so dass sie nicht länger als Journalisten behandelt werden, sondern als Spinner und Propagandisten.

Lucas ist in Fahrt gekommen und legt nach:

I think we could do a bit more of ostracism. I’m quite happy to say that if anyone puts a CV on my desk, and on that CV I see they worked at RT or Sputnik or one of these things, that CV is going into the bin and not into the intro. (…) Far too many people see a job at RT as the first stage on a career ladder. It’s not. It’s the last stage on a career ladder.

Er meint, „wir“ können mehr Ausgrenzung betreiben. Er ist froh zu sagen, dass wenn ein Lebenslauf bei ihm auf den Tisch kommt, und da steht drin, dass der Bewerber bei RT oder Sputnik gearbeitet hat, dass diese Bewerbung direkt in den Papierkorb wandert. Viel zu viele Menschen denken, RT ist der erste Schritt der Karriereleiter. Nein, es ist der letzte Schritt der Karriereleiter. Zumindest wenn man sich bei Herrn Lucas bewirbt.

Und der krönende Schluss:

And only then would I start looking at regulatory things — and there are things we can do on a regulatory side. We have a regulated media space. In my own country, Ofcom is complaining to RT about its lack of balance. So, there are things we can do but I think those things are the last resort, not the first resort.

Als letzten Ausweg sieht Lucas regulatorische Eingriffe. Es gäbe durchaus Mittel, sagt er. Wir haben einen regulierten Medienraum. Die britische Medienaufsichtbehörde reklamiert bereits die Unausgewogenheit von RT. Es gäbe Möglichkeiten als letzten Ausweg.

Herrlich. Ein leitender Redakteur der freien westlichen Presse verlangt nach Zensur, wenn die Menschen weiter RT gut finden.

Sehr viele ehrliche Worte. Danke dafür, Mr Lucas.

Das Transcript, aus dem ich zitiert habe, findet sich hier.

Veröffentlicht in Analysen Getagged mit: